Archdorf Route 4.3.2 - Süßes
Du blinzelst einmal. Es macht vermutlich keinen Unterschied. Du kannst hier nicht gewinnen, nur verlieren. Was erhoffst du dir davon, ihm überhaupt eine Antwort zu geben? Nun, du hättest ohnehin bald blinzeln müssen, aber warum hast du dich für ‚Süßes‘ entschieden? Hast du etwa tief im Inneren noch einen Funken Hoffnung übrig, den du jetzt einsetzt, um an ein Wunder zu glauben? Und was soll dieses ‚Wunder‘ deiner Meinung nach sein? Dass dir ein schneller Tod geschenkt wird? Du weißt doch selbst, dass du hier nicht mehr lebend raus kommst und dass er dich in den Tod foltern wird. Und egal, welches ‚Spiel‘ er dafür auswählt, es bedeutet für dich in jedem Fall höllische Schmerzen. Macht es da wirklich einen Unterschied auf welche Art und Weise und wie dir diese Schmerzen zugefügt werden? Wohl kaum.
Der Mann in Wolfsmaske lässt deinen Kopf unsanft fallen und dein Kinn landet wieder auf deinem Brustkorb. „Hm. Nicht die beste Wahl, kleines Schäfchen, aber auch keine schlechte. Immerhin spielen wir nur tolle Spiele, nicht wahr? Haha, wie sollte es denn auch anders sein, wenn ich sie mir ausdenke!“ Er verschwindet aus deinem Blickfeld und du hörst, wie er am Werkzeugtisch mit den Folterinstrumenten herumwühlt. Scheinbar fündig geworden nach dem, was er gesucht hat, kehrt er zu dir zurück. In deinem Augenwinkel siehst du, dass er etwas hinter seinem Rücken hält. „Na? Schon neugierig? Errätst du, um welches Spiel es sich handelt, wenn ich dir zeige, was wir benutzen werden?“ Amüsiert holt er den Gegenstand in seinen Händen hinter seinem Rücken hervor und präsentiert ihn dir. Es handelt sich um eine große Säge, versehen mit feinen Zacken. Zuerst denkst du, sie sei rot, aber im nächsten Moment siehst du Stellen aus silbernem Metall und stellst fest, dass es sich bei der roten Musterung um angetrocknetes Blut handeln muss.
Kichernd führt er die Säge zur Mitte deines linken Oberarms und setzt sie dort an. Auch wenn du eine weitere Folter und furchtbare Schmerzen erwartet hast, ist es nicht weniger schrecklich für dich. Was hast du getan, um so leiden zu müssen? E-er will mir doch nicht wirklich… meinen Arm… absägen? N-nein… Bitte… Warum nur kann dich dieser furchtbare Mensch nicht einfach direkt umbringen? Warum musst du durch diese Hölle gehen? Spielerisch und sichtlich belustigt entfernt der Mann in Wolfsmaske die Säge immer wieder von deinem Arm, nur um sie dann ständig erneut anzusetzen. Deine Anspannung steigt ins unermessliche, nervlich brichst du innerlich zusammen. Gleich… gleich wird er es tun… gleich… nein… ich… kann nichts tun… Ich will nicht, dass… er meinen Arm… dass er… mein Arm…
Und dann lässt dich der Psychopath nicht länger warten und es ist so weit. Ein leises, boshaftes Lachen dringt aus seiner Kehle, als er die Säge erneut ansetzt. Aber dieses Mal presst er die Zacken in dein Fleisch und beginnt das Werkzeug hin und her zu bewegen. Stechende, immer stärker werdende Schmerzen strahlen von der frischen Hautöffnung aus und du spürst, wie Nerven und Sehnen durchtrennt werden. Du siehst, wie das Sägeblatt tiefer in deinem Arm versinkt, ohne Probleme gleitet es durch Fleisch und Muskeln und binnen weniger Sekunden fühlst du, wie es auf den Knochen trifft. Doch auch dessen härtere Konsistenz verursachen der Säge nur geringe Schwierigkeiten und der Mörder scheint all seine scheinbar unerschöpfliche Kraft, motiviert durch dein Leid, in das Abtrennen deines Armes zu stecken.
Schockiert und hilflos musst du mitansehen, wie das gezackte Werkzeug bereits die Hälfte des Körperteils durchsägt hat und es verstreicht nicht viel Zeit, bis das Werk vollendet ist und die Zacken unter dem Muskelfleisch wieder hervortreten. Und dann fällt er mit einem dumpfen Geräusch zu Boden. Dein Arm! Eine beunruhigende Menge an Blut fließt in einem fingerbreiten Strahl aus der frischen, mit Hautfetzen versehenen Wunde und sammelt sich in einer roten Pfütze am Boden. Du willst es nicht mehr sehen und kneifst dein verbleibendes Auge zu, während ein Luftzug die brennenden Schmerzen der offenen Wunde zusätzlich entflammt. Deine linke Seite fühlt sich durch die nun fehlende Gliedmaße gruselig leicht an, bringt dich selbst im Sitzen etwas aus dem Gleichgewicht und obwohl du weißt, dass dein Arm nicht mehr komplett ist, bildest du dir ein, noch den Windzug zwischen deinen Fingern fühlen zu können. Aber diese liegen regungslos auf dem Boden in einer Lake aus Blut.
Ohne dein Auge zu öffnen, merkst du, wie sich der Mörder deinem rechten Bein zuwendet. N-nein! Nicht auch noch das Bein, bitte! Bitte… Aufhören… Aber da du dich ohnehin nicht wehren kannst, gibst du schnell auf und fühlst, wie die Zacken der Säge sich etwas oberhalb deines Knies durch die Haut bohren. Du bemerkst, dass dir immer schwindeliger wird. Vermutlich aufgrund des Blutverlusts.
Dann bahnt sich die Säge erneut einen Weg durch dein Fleisch, deine Muskeln und den Knochen. Plötzlich kannst du vor deinem geistigen Auge deine Familie sehen. Sie lächeln dich an, winken dir zu. Für einen kurzen Moment blendest du die qualvollen Schmerzen aus und eine vertraute Wärme und Geborgenheit erfüllt dein Herz. Wie werden sie von nun an über die Runden kommen? Wer wird sie in Zukunft beschützen und sich um sie kümmern? Werden sie dich sehr vermissen? Du vermisst sie jetzt schon, denn du wirst sie nie mehr wieder sehen. Kannst dich nicht verabschieden. Deine Kinder kein einziges Mal mehr in deine Arme nehmen und ihnen sagen, wie sehr du sie liebst. Wissen sie das überhaupt? Wissen sie, wie sehr du sie liebst? Hast du es ihnen oft genug gesagt? Du kannst es nur hoffen, denn nun hast du keine Möglichkeit mehr dazu. Sehnsucht macht sich in dir breit und du wünschst dir, dass du deine Zeit mit deiner Familie viel mehr ausgekostet hättest. Jeden Tag leben, als wäre es der letzte. Ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesen, noch mehr schöne Momente mit ihnen erleben, noch mehr wunderbare Erinnerungen schaffen. Aber die Würfel sind gefallen und du wirst nie mehr die Möglichkeit haben, diese Erkenntnisse, die du jetzt hast, in die Tat umzusetzen. Du bist dankbar. Dankbar, dass du dein Leben mit solch wundervollen Menschen teilen durftest, dankbar, dass sie dir ihre unendliche Liebe geschenkt haben. Und du weißt, dass sie zwar am Boden zerstört sein werden, aber auch stolz auf dich, dass du dein Leben gegeben hast, um ein anderes zu retten.
Dein Bein trennt sich von deinem Körper und die Schmerzen kehren zurück. Auch das warme Gefühl schwindet und du öffnest betrübt dein Auge. Deine Sicht ist stark verschwommen und du bemerkst, wie du immer müder wirst. Dann spürst du, wie der Mörder dich am Haar packt und deinen Kopf nach hinten zieht. „Du solltest dich geehrt fühlen… Du bist hier der Hauptcharakter, die Person, auf der alle Augen ruhen. Wann hast du in deinem Leben je so viel Aufmerksamkeit erhalten? Ich mache dich zum Star dieser Show! Es dreht sich gerade alles nur um dich… und deinen qualvollen Tod. Hahaha!“ Ja… richtig lustig… Genau… ich wollte immer schon als Held sterben, lieber Herr Mörder. Danke, dass Ihr das ermöglicht, ich schulde Euch was… Der Mann in Wolfsmaske setzt die Säge an deinem Hals an und du schließt langsam dein Auge. Du bist bereit. Bereit zu sterben.
„Da! Da ist er! Das ist der Mörder!“ Plötzlich erklingen schrille Schreie einer bekannten Stimme, gefolgt von schweren Fußstapfen auf dem Boden und rasselnden, metallenen Geräuschen. Du hörst nur noch gedämpft, aber erkennst, dass es sich um das geflüchtete Mädchen und zwei weitere Personen handelt. Eine wilde Geräuschkulisse erhebt sich im Raum und deutet auf eine Rangelei hin. Kurze Zeit später rumpelt es und die hasserfüllte Stimme des Mörders erklingt. „Argh! Ihr verdammten Ritter! Was soll das? Wie habt ihr mich gefunden? Hat euch etwa dieses kleine Miststück hierhergeführt?! Na warte, das wirst du bereuen, du wirst dir wünschen, nie geboren worden zu sein!“ Deine Müdigkeit übermannt dich und alle Geräusche rücken in weite Ferne. Das letzte, was du hörst, bevor du das Bewusstsein verlierst, ist die verzweifelte Stimme des Mädchens. „Alles wird gut, Ihr seid jetzt sicher, es ist vorbei! Hey? Ihr müsst wach bleiben! Bleibt bei mir! So viel Blutverlust… Nicht einschlafen! Ihr müsst wach bleiben!“
Langsam kommst du zu dir und öffnest dein Auge. Ich… lebe? Was… was ist passiert…? Du spürst enorme Erschöpfung und Müdigkeit und merkst, wie mit jeder neuen Sekunde deine Schmerzen wieder in den Vordergrund rücken, wenn auch stark gedämpft. So gut es geht siehst du dich um, und stellst dabei fest, dass du deinen Kopf mit einiger Anstrengung wieder etwas bewegen kannst. Aber du bist zu schwach, um dich aufzurichten, selbst wenn dein Körper dir nun wieder gehorchen würde. Du befindest dich in einem von Chromaschein erhellten Raum, mintgrüne Vorhänge befinden sich zu deinen Seiten und wenn du geradeaus siehst, ziert ein Fenster die pastellgrüne Wand. Du stellst fest, dass du in einem Krankenbett liegst. Wo… bin ich?
„Ach du meine Güte, Ihr seid tatsächlich aufgewacht!“ Eine raue, aber sanftmütige Stimme holt dich aus deinen Gedanken und ein älterer Mann mit grau-braunen, kurzen Haaren in dunkelblauem Kittel tritt hinter dem Vorhang rechts von dir hervor. Er eilt an deine Seite und betrachtet dich besorgt. Zu deiner Überraschung kannst du ein paar kraftlose, leise Worte von dir geben. „Wer… seid Ihr? Was… was ist passiert?“ Ich kann wieder sprechen… Dem Himmel sei dank… Der ältere Herr wirkt sichtlich erleichtert und steht dir Rede und Antwort. „Ich bin Doktor Svange, Arzt. Der einzige in ganz Archdorf. Ihr seid hier in meiner Praxis… Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht, ob ihr es übersteht oder euren Verletzungen erliegt… Umso schöner ist es, euch wach zu sehen! Und die Wirkung des Serums scheint auch langsam nachzulassen. Wenn alles gut läuft, werdet ihr euch wieder vollständig bewegen können und euch hoffentlich komplett von der vergangenen Nacht erholen. Ihr habt die Hölle überlebt…“ Unweigerlich schießen dir Erinnerungsfetzen des Horror-Hauses durch den Kopf. Was du durchgemacht hast, sitzt dir tief in den Knochen und du weißt noch ganz genau, was alles passiert ist. Mehr und mehr wird dir bewusst, dass du wirklich noch am Leben bist. Eine Achterbahn der Gefühle durchströmt deinen Körper, aber eines rückt ganz klar in den Vordergrund. Die Sehnsucht deine Familie wiederzusehen. Du willst zu ihnen zurückkehren und sie umarmen. Die Vorstellung sie nie mehr wieder zu sehen war unerträglich, aber bis vor ein paar Stunden noch Realität. Doch nun hat sich das Blatt scheinbar gewendet und der Gedanke, dass du sie wirklich wieder in die Arme schließen kannst, löst Glücksgefühle in dir aus und du brichst in Freudentränen aus. „Doktor Svange… Ich lebe… Ich lebe wirklich noch… Meine Familie… ich muss sie sehen… Ich muss nach Hause…“ Aber so sehr du auch nach Hause aufbrechen willst, du merkst, dass es noch nicht klappen würde. Du hast größte Mühe überhaupt zu sprechen und so kraftlos und erschöpft, wie du bist, kannst du deinen Körper in diesem Zustand nicht einmal zum Aufstehen bringen. Das merkt auch Doktor Svange und er lächelt dich verständnisvoll und wohlwollend an. „Na, na, immer mit der Ruhe. Ich kann Euch gut verstehen, aber ihr solltet Euch noch eine Weile ausruhen. Ihr mögt jetzt vielleicht über den Berg sein, aber Euer Zustand ist noch alles andere als gut. Ihr habt eine große Menge an Blut verloren und Euch wurden Körperteile abgenommen… Und ich bin mir sicher, dass Eure Familie auch wollen würde, dass Ihr Euch zunächst gut ausruht nach dem, was Ihr erlebt habt, bevor Ihr Euch auf den Weg zu ihnen macht. Seid unbesorgt wegen den Kosten für Aufenthalt und Behandlung… Die gehen aufs Haus. Immerhin wurde dem Halloween-Mörder durch Euer Handeln das Handwerk gelegt.“ Also war er es wirklich… Du nickst und beschließt mehr über die Geschehnisse herauszufinden, die sich nach Verlust deines Bewusstseins ereignet haben. „Ihr habt vermutlich recht… Vielen Dank… Wie genau… bin ich hierhergekommen? Was passiert nun mit dem Halloween-Mörder? Und wo ist das junge Mädchen, welches auch in dem Haus war…?“ Der Arzt in dunkelblauem Kittel beantwortet dir erneut deine Fragen. „Das Mädchen, dem Ihr durch Einsatz Eures Lebens, zur Flucht verholfen habt, hat Hilfe geholt. Sie kannte die Gegend um das Haus und hat selbst in ihrer panischen Angst daran gedacht, dass es eine Chance wäre, den Halloween-Mörder zu schnappen. Seine grausamen Taten ein für alle Mal zu beenden. Und zudem wollte sie Euch nicht einfach so dort Eurem Tod überlassen, nachdem Ihr sie gerettet habt. Sie ist dann also mit zwei Rittern zu Euch zurückgekehrt und den Männern in Rüstung ist es gelungen nach einem kleinen Kampf den Mörder festzunehmen. Im Moment befindet er sich in Haft, aber bei all den Leben, die er auf qualvolle Weise genommen hat, wird er höchstwahrscheinlich zum Tode verurteilt. In jedem Fall wird er nie wieder sein Unwesen auf freiem Fuße treiben können. Archdorf kann endlich aufatmen. Nach all den Jahren. Hat sich herausgestellt, dass dieser Mann eigentlich in Mechatropolis wohnt… Dort arbeitet er wohl bei einer großen Firma und ist sogar ein hohes Tier in dem Unternehmen… Hat Frau und sogar Kinder, Geld und eine große Wohnung inmitten der Stadt. Eigentlich ein Bilderbuchleben, wie man es sich nur wünschen kann. Aber scheinbar ist ihm dieser Erfolg zu Kopf gestiegen… Jedes Jahr zu Halloween hat er sich eine Auszeit genommen, um hier ins ländliche Archdorf zu kommen und… hat sich in seinen Verbrechen ausgelebt. Ob es eine Form der Stressbewältigung für ihn war? Ob es einen tieferen psychologischen Hintergrund dafür gab, oder ob er einfach nur geisteskrank ist? Das kann ich so nicht sagen… Auf jeden Fall ist seinen Schandtaten ein Ende gesetzt. Was das Mädchen betrifft… Ihr geht es den Umständen entsprechend gut. Körperlich wird sie sich vollständig erholen. Seelisch… Nun, diese Wunden werden nie ganz verheilen… Genauso wie Eure. Was Eure Verletzungen betrifft, so tat ich mein Bestes, aber… Eure fehlenden Extremitäten kann ich natürlich nicht wieder herstellen… Ich konnte die Fleischwunden kauterisieren und euch mit Schmerzmittel versorgen. Es ist alles einbandagiert. Wenn keine Infektion auftritt, sollte alles in Ordnung kommen. Ihr solltet Euch nun ausruhen, es muss unvorstellbar schrecklich für Euch gewesen sein… aber Ihr habt es überstanden.“ Doktor Svange legt seine Hand kurz auf deine Schulter und verschwindet dann wieder hinter den Vorhang. Die Konversation hat dich all deine Kräfte gekostet und dir fällt vor Erschöpfung dein Auge zu.
Ein paar Mal wachst du zu unterschiedlichsten Tageszeiten auf, kehrst aber immer wieder in den Schlaf zurück. So vergehen zwei weitere Tage, bevor du dich nach dem Aufwachen am dritten Tag dazu in der Lage fühlst, aufzubrechen. Es ist noch früh am Morgen als du dich in dem Bett aufrichtest. Du betrachtest deinen einbandagierten Beinstumpf, dann wandert dein Blick zu deinem Armstumpf. Durch den Verlust deiner Körperteile hast du ein völlig neues, unbekanntes, aber auch seltsames Körpergefühl. Dein Körper wird nie mehr so sein, wie früher und dein Alltag wird anfangs sicherlich schwer zu bewältigen sein. Aber du hoffst, dass du dich irgendwann daran gewöhnen und dich mit den neuen Gegebenheiten zurechtfinden kannst. Es ist nicht so, dass dir etwas anderes übrig bleibt, oder ob du es willst oder nicht. Das steht alles nicht mehr zur Debatte. Der Verlust eines Körperteils ist für dich früher eines der unerträglichsten Vorstellungen gewesen und nun fehlt dir ein Arm, ein Bein, sogar ein Auge und ein Ohr. Aber du lebst. Und das zählt für dich mehr, als die Vollständigkeit deines Körpers. Und vermutlich nur durch diesen Gedanken vermagst du es in deiner Situation so ruhig zu bleiben.
Du hörst Geräusche von hinter dem Vorhang und Doktor Svange kommt zum Vorschein. „Hm… An sich ist es immer noch zu früh für Euch, dieses Bett zu verlassen, aber ich sehe schon… Heute kann Euch nichts mehr von Eurer Abreise abbringen. Nun, ich habe hier einen Gehstock für Euch besorgt. Das sollte Euch ein halbwegs normales Fortbewegen ermöglichen. Nehmt auch diese Kleidung.“ Der Arzt reicht dir eine braune Hose, einen schwarzen Pullover und einen warmen, schwarzen Ledermantel. Socken, Unterhose und schwarze Schuhe sind auch dabei. Den Stock lehnt er an das Bett. Du bedankst dich bei ihm und beginnst mühevoll damit deinen aktuell nackten Körper in die neue Kleidung zu hüllen. Als es dir nicht so recht gelingen will, hilft dir der gutmütige ältere Herr. Nach ein paar anstrengenden Minuten habt ihr es geschafft und du versuchst aufzustehen. Du brauchst eine ganze Weile, bis du auf deinem noch wackeligen Bein, welches nun alleine dein ganzes Körpergewicht tragen muss, dein Gleichgewicht findest, welches durch die fehlenden Körperteile massiv gestört ist. Aber du gibst dir die größte Mühe und schaffst es, dich einigermaßen neu zu orientieren, auch wenn es vermutlich einfach seine Zeit brauchen wird, bis du wirklich stabil auf deinem verbliebenen Bein bist. Du nickst dem Arzt zu, nimmst deinen Gehstock und er begleitet dich zur Tür. Bevor du die Praxis verlässt, bringst du noch deinen Dank zum Ausdruck. „Doktor Svange, ich danke Euch vielmals für alles. Ihr habt mir das Leben gerettet. Vielen Dank für die Unterbringung und die Behandlung. Ich stehe in Eurer Schuld.“ Der alte Herr lächelt und bedankt sich ebenfalls bei dir dafür, dass du zur Verhaftung des Halloween-Mörders beigetragen hast. Er wünscht dir eine gute Reise und ihr verabschiedet euch.
Die Arztpraxis befindet sich am Marktplatz von Archdorf und du bist froh, dass du weißt, wo du dich befindest und in welcher Richtung der Stall liegt, wo hoffentlich noch dein Pferd und dein Wagen stehen. Mühsam bewegst du dich auf den Gehstock lehnend fort, musst immer wieder um dein Gleichgewicht ringen. Deine Schritte sind zaghaft und langsam, du musst viel Kraft aufbringen und bist schon nach kurzer Zeit wieder erschöpft. Aber der Gedanke an das Wiedersehen mit deiner Familie treibt dich vorwärts und so erreichst du nach einer ganzen Weile den Stall. Du betrittst das geräumige Gebäude und suchst mit dem Auge nach deinem Pferd. Zu deiner Erleichterung kannst du es tatsächlich ausfindig machen und auch dein Wagen ist noch an demselben Ort, an dem du ihn vor ein paar Tagen zurückgelassen hast. Dem Himmel sei Dank… Etwas ratlos wie du es mit einer Hand schaffen sollst dein Pferd vor den Wagen einzuspannen, gehst du auf den Vierbeiner zu. Du klopfst ihm auf den Hals und bindest ihn los, um ihn zum Wagen zu führen als du die Stimme eines jungen Mannes hinter dir hörst. „Ist das Euer Pferd? Ich wollte es heute verkaufen, da Ihr nicht aufgetaucht seid, um es und Euren Wagen abzuholen… Es steht hier seit Tagen, aber bezahlt wurde nur für eine Nacht. Wenn Ihr die Rechnung nicht begleichen könnt, bleibt mir leider nichts anderes übrig, als das Pferd einzubehalten…“ Aber ich… habe doch gar kein Geld bei mir… Du drehst dich um siehst den Stallburschen etwas verzweifelt an, dir ist aber bewusst, dass dies sein gutes Recht ist. Bei deinem Anblick weiten sich die Augen des jungen Mannes und er starrt kurz auf die Bandage über deiner leeren Augenhöhle, bevor er dich von oben bis unten mustert. „I-Ihr seid doch… Ihr seid derjenige, der Sarah gerettet hat! Sie hat mir genau beschrieben, wie Ihr ausseht und… was Euch wiederfahren ist… Kein Zweifel. Mit diesen Verletzungen… Ihr seid es. Vergesst, was ich eben gesagt habe. Nehmt Euer Pferd. Ihr müsst wissen, Sarah ist meine Schwester… Vielen Dank, dass Ihr sie gerettet habt! Und von Archdorfs Helden, der den Halloween-Mörder geschnappt hat, kann ich weder Geld noch Erstattung verlangen. Wartet, ich werde Euch helfen das Pferd einzuspannen.“ Der junge Mann kommt zu dir und nimmt dir den Vierbeiner ab. Dann beginnt er damit ihm das Geschirr anzulegen und ihn vor den Wagen zu spannen. Du bedankst dich bei ihm für die Hilfe und bestellst deine Grüße und eine Danksagung an Sarah. Denn nicht nur du hast ihr Leben gerettet, sondern sie auch deines. Ohne sie wäre dir niemand zur Hilfe gekommen und du wärst dort langsam verblutet. Der Stallbursche hilft dir auf die Holzbank des Wagens und verabschiedet dich. Du nimmst die Zügel auf und lenkst das Pferd aus dem Stall.
Kurze Zeit später befindest du dich auf der Landstraße, die dich nach Hause führen wird. Du drehst dich um, den Blick auf das immer weiter in Entfernung geratende Archdorf gerichtet. Beinahe hättest du hier dein Leben gelassen. Aber nun ist der Mörder, der Angst und Schrecken verbreitet hat, gefasst und die Bewohner können wieder aufatmen. Du hoffst, dass er wirklich seine gerechte Strafe bekommt. Ob du dich je von diesem Trauma erholen wirst? Du weißt es nicht. Einige Erinnerungen an die letzten Tage und die Nacht des Grauens flackern in dir auf. An einer bleibst du dann hängen und ein unbehagliches Gefühl macht sich in dir breit. Als du nach deiner Rettung in der Arztpraxis aufgewacht bist hat Doktor Svange das Serum erwähnt, welches dir der Mörder injiziert hat. Aber niemand außer dir und der Halloween-Mörder wusste davon. Das Mädchen war zu der Zeit schon geflohen gewesen und du hast es dem Arzt gegenüber auch nicht erwähnt. Zudem schien er ausgesprochen gut über das Mittel bescheid zu wissen. Eine unheimliche Vermutung beschleicht dich und lässt dir einen Schauer über den Rücken hinunterjagen. Du wendest deinen Blick wieder nach vorne und bist froh über jeden weiteren Meter, der dich von Archdorf trennt. Eines jedoch ist klar. Das, was du in diesem Dorf erlebt hast, wird dich dein ganzes restliches Leben heimsuchen und du wirst es nie vergessen.
