Kapitel 5
geschrieben von Darknezz
Notiz:
Der Inhalt dieses Kapitels wurde vor 10 Jahren verfasst und seither nicht verändert. Der Schreibstil könnte sich im weiteren Verlauf der Geschichte verändern.
Cheyennes Gedanken sind kursiv.
Begegnung mit Tod und Zukunft
Der Eine geht, der Andere kommt
Bellistra-See, Luminastrelle
Falconhearts Hufe donnerten auf dem harten Erdboden, dunkelgrüne Tannenbäume flogen vorbei und der Wind rauschte in Cheyennes Ohren. Sie hatte es einfach nicht mehr ausgehalten. Was ist los in letzter Zeit? Das Pech scheint mich ja regelrecht zu verfolgen, als wäre es mein eigener Schatten… Nicht nur, dass das Pony gestorben ist, es ist allein wegen mir tot. Und ich hab alle anderen auch in Gefahr gebracht, nicht nur Falconheart und Adocaz, sondern auch, zum zweiten Mal nun schon, Glaczio. Warum bin ich weggeritten? Ich hab ihn stehen lassen, einfach so, mitten in der Wildnis, er hat jetzt kein Pferd mehr und muss zu Fuß irgendwie weiterkommen. Oh nein, was wäre, wenn die Ritter doch mitbekommen haben, dass er mir geholfen hat und sie ihn nun auch verfolgen? Nein… ich bringe jeden in Gefahr… Das Mädchen machte sich enorme Vorwürfe und war so überfordert mit der ganzen Situation, dass sie nicht mehr weiter wusste. Was würde sie nun machen? Wie würde sie Saraley finden? Würde es Glaczio gut ergehen und wenn sie sich eines Tages wieder treffen würden, könnte sie ihm überhaupt noch in die Augen sehen?
Nach einer Weile neigte sich der Boden nach unten, die drei Gefährten kamen an einen Bach und Cheyenne hielt Falconheart an, damit er etwas trinken konnte, auch Adocaz nahm einige Schlucke. Sie selber wischte sich ihre Tränen mit der Hand aus dem Gesicht und schaute sich um. Dieser Platz war wunderschön. An der Stelle, wo der Bach floss, befand sich eine Waldlichtung, hinter ihr erstreckte sich der Nadelwald, durch den sie gekommen war. Man sah sogar noch einen Teil des Klissave-Gebirges über den hohen Tannen. Der Himmel war voller Chromasterne und die Quelle des Lebens konnte man auch schon erblicken. Auf der anderen Seite des Baches befand sich ein Mischwald, Laub und Nadelbäume wuchsen dort in den schönsten Grüntönen. Weit und breit war jedoch kein Pfad oder Weg zu sehen. Das Mädchen war völlig orientierungslos und würde einfach gerade aus weiterreiten, dem Flusslauf folgend.
Das plätschernde Wasser des Baches kam vermutlich aus dem Klissave-Gebirge und entsprang vielleicht sogar dem Quellwasser, das bei der Schlafstelle von letzter Nacht in die Tiefe stürzte. Der Fluss machte einige Meter neben Falconheart eine Kurve und führte dann direkt in den Mischwald hinein. Als das Pferd und der Feenwolf scheinbar genug getrunken hatten, ging die Reise weiter. Cheyenne hatte aufgehört zu weinen und sich wieder einigermaßen beruhigt, auch, wenn sie sich immer noch Vorwürfe machte und sich schlecht fühlte. Sie ließ Falconheart durch den Fluss waten, um auf die andere Seite zu kommen. Adocaz musste wohl oder übel hinüberschwimmen. Aber für ihn war das gar kein Problem; Der Feenwolf sprang voller Freude ins kalte Wasser und strampelte durch den Bach. Auf der anderen Seite angekommen, schüttelte er sich kräftig, sodass viele Wassertropfen durch die Luft geschleudert wurden. Unmittelbar danach hatte es auch das Mädchen auf ihrem Pferd ans andere Ufer geschafft. Sie ritt Falconheart im Schritt am Fluss entlang, hinein in den Mischwald.
Inmitten der vielen Bäume war es dunkel und still. Nicht einmal Vögel zwitscherten, das Einzige, was man hören konnte, war das Plätschern des Flusses. Cheyenne betrachtete die Kratzwunden an ihren Armen. Sie hatten bereits aufgehört zu bluten und einige waren kaum noch zu sehen. Die Wunden ihrer beiden Gefährten hingegen waren noch offen. Schon öfters war sie deswegen stutzig geworden; Als das Mädchen noch in der Unterstadt lebte und sie ihren Großeltern auf dem Feld geholfen hatte, gab es des Öfteren ein paar Schnittwunden. Aber Cheyennes Verletzungen heilten stetig viel schneller als die ihrer Großeltern. Das Ehepaar hatte es immer auf den Altersunterschied geschoben. Sie meinten, dass ein junges Mädchen einen besseren und schnelleren Heilungsprozess hätte als zwei ältere Leute. Damit hatten sie ja eigentlich sogar Recht, allerdings heilten ihre Wunden auch immer viel schneller als die von Xaver. Als sie mit ihm, zum Beispiel, an den Waffengürteln gebastelt hatte, hatten sich beide einige Schnittwunden an den Händen zugezogen. Am Tag darauf waren Cheyennes Wunden jedoch kaum noch zu sehen gewesen, im Gegensatz zu Xavers. Das Mädchen empfand diese schnelle Heilfähigkeit zwar als überaus praktisch, aber gleichzeitig fand sie es auch etwas seltsam und außergewöhnlich.
Sie schüttelte ihre Gedanken ab und blickte wieder nach vorne. Durch die Ohren ihres geliebten Pferdes konnte sie nur sehen, dass der Fluss scheinbar ewig geradeaus führte. Das Einzige, was sich veränderte, war, dass der Bachlauf immer breiter wurde.
In dem Wald war es zwar wunderschön, aber auch viel zu ruhig. Man hörte und sah kein einziges Tier. Es war so still, dass es beinahe schon gruselig wirkte. Die komische Stimmung schien Falconheart nervös zu machen, denn er schnaubte, hob und senkte unruhig den Kopf und zitterte von Zeit zu Zeit und auch Adocaz blickte wild umher. Cheyenne streichelte den Hals ihres Pferdes zur Beruhigung und flüsterte ihm zu, dass alles in Ordnung sei. „Falconheart, ganz ruhig, alles in Ordnung. Ich finde es hier auch viel zu leise, aber das ist doch kein Grund gleich so nervös zu sein, ja? Ich sage es zwar wirklich nur ungern, aber… wenn Glaczio jetzt hier wäre, würd ich mich wohler fühlen… Ach was sage ich denn… Es war doch meine eigene Entscheidung zu gehen. Und es war eine gute. Nun bringe ich ihn wenigstens nicht mehr in Lebensgefahr und muss mich nicht mehr dumm anreden lassen. Nicht wahr Adocaz?“ Das Mädchen bemühte sich, mit einer einigermaßen gelassenen Stimme zu sprechen und fröhlich zu wirken, um ihre beiden Vierbeiner zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Sie konnte keine Zuversicht ausstrahlen, sondern nur Trauer und Verzweiflung. Diese Stimmung übertrug sich natürlich auf das Pferd und den Feenwolf und Cheyenne fühlte sich deswegen noch schlechter als zuvor.
Plötzlich zuckte Adocaz zusammen, zog den Schweif ein, spitzte die Ohren, hob die Fühler und starrte steif in den Wald. Sein ganzes Nackenfell stellte sich auf und er knurrte leise. Dann machte er sich etwas klein und legte die Ohren ganz flach an. Falconheart stellte sich kaum merkbar, leicht auf die Hinterbeine, rollte entsetzt und erschrocken mit den Augen und legte ebenfalls seine Ohren ganz flach zurück. Doch Cheyenne ignorierte das Verhalten ihrer Gefährten und trieb ihr Pferd nun im Trab voran. Der Feenwolf folgte den Beiden und schaute alle paar Sekunden zurück. Das Mädchen wusste, warum die zwei Vierbeiner plötzlich so nervös waren. Sie hatten etwas gehört und Cheyenne hatte das Geräusch ebenfalls vernommen. Zuerst klang es, als wäre etwas oder jemand auf einen Ast getreten, der dann zerbrochen war und dann wurde die seltsame Stille durch schweres Atmen gestört. Das Mädchen wollte nicht mehr in diesem Wald sein, sie wollte hier unbedingt so schnell, wie möglich hinaus. Ihr Herz fing an wild zu klopfen, sie wurde nervös und ängstlich. Dieses Atmen stammte nicht von einem Tier, dafür war es viel zu langsam gewesen. Es hörte sich mehr wie ein Mensch an, aber dadurch, dass es so schwer war, wirkte es nahezu wieder unmenschlich, fast schon wieder tierisch. Cheyenne wagte es nicht, sich umzudrehen, sie behielt den Fluss in den Augen und hoffte, dass sie bald das Ende des Waldes erreichen würden.
Erneut hörte Cheyenne nun ganz in ihrer Nähe ein schweres Schnaufen, danach eines irgendwo in den Bäumen über ihr, dann vor ihr und hinter ihr. Das Geräusch schweren Atmens kam von überall her, was auch immer es auslöste, musste entweder ziemlich schnell und unbemerkt von hier nach dort laufen können, oder es käme nicht nur von einem Wesen – sondern von mehreren. Das Schnaufen wurde immer lauter, kam immer näher und wirkte immer bedrohlicher. Was zur Hölle geht hier vor?! Was ist das?! Cheyenne spürte, dass sie am ganzen Körper zitterte und versuchte leise und ruhig zu atmen. Auch wenn das hier der gruseligste Moment in ihrem ganzen Leben war, musste sie versuchen, nicht die Fassung zu verlieren. Doch es gelang ihr nicht lange, denn plötzlich wurde es leise. Alle Geräusche, bis auf das Hufgetrappel und das Plätschern des Wassers verstummten. Nervös schaute sich das Mädchen in alle Richtungen um. Sie sah hinter sich und dort blieb ihr Blick hängen. In weiter Ferne sah Cheyenne die Silhouette eines haarigen, menschenähnlichen Wesens mit drei Schweifen und leuchtend weißen Augen, die sie anstarrten. Für einen kurzen Moment blieb ihr Herz stehen und sie vergaß aufs Atmen. Dann plötzlich stürzte aus dem Nichts direkt hinter Falconheart, vor Cheyennes Augen ein gleichartiges Wesen herab und verpasste dem Pferd riesige, tiefe Kratzspuren mit seinen Klauen. Der braune Hengst stieg und wieherte hysterisch vor Schmerzen, das Mädchen schrie geschockt auf und hatte Mühe sich festzuhalten. Sie drehte sich wieder nach vorne und forderte ihr Pferd mit schriller, lauter Stimme zum Rennen auf. „Lauf, Falconheart! Lauf!“ Als die Vorderbeine des Reittiers wieder auf den Boden aufkamen, schoss es wie ein Blitz nach vorne und galoppierte um sein Leben. Der Hengst war unkontrollierbar und stürmte einfach voran. Adocaz tat sein Bestes, um mit dem Tempo des Pferdes mitzuhalten und Cheyenne lehnte sich, zu Tode erschrocken, auf den Hals des Hengstes. Unmittelbar darauf richtete sie sich wieder auf und stellte fest, dass diese Wesen sie verfolgten. Sie bewegten sich enorm schnell und springend fort, waren über den Bäumen, neben den drei Gefährten und hinter ihnen. Man konnte nun genauer erkennen, wie sie aussahen: Die Verfolger hatten ungefähr die Statur eines Menschen, verschiedenfarbiges Fell an Rücken und Unterkörper, sie besaßen drei Schweife, die aussahen, als wären sie lila Schlangen, hatten das Gebiss eines Wolfes, leuchtend weiße Augen und anstatt Händen, scharfe, mächtige Metallklauen. Plötzlich kam einer von ihnen auf Cheyenne zugesprungen, aber sie konnte sich im letzten Moment noch ducken und den Griffen ihres Jägers ausweichen. Die Verfolger fingen an zu hecheln, wie Hunde und flüsterten nahezu unverständlich ‚Tötet das Mädchen‘.
Cheyenne schloss die Augen, sie hatte furchtbare Angst, nicht einmal mehr denken konnte sie. Dann wurde das schwere Atmen der Verfolger von einem anderen Geräusch überdeckt. Es war der Fluss, er wurde stetig lauter, das Plätschern immer wilder. Das Mädchen zwang sich die Augen wieder zu öffnen und nach vorne zu schauen. Der breite Bach verschwand zwischen Büschen und Bäumen dahinter stieg dichter, hellblauer Nebel auf. Dann realisierte Cheyenne, in welcher Lage sie sich befand. Nebel? Was? Nein! Ein Wasserfall! Zum Anhalten war es bereits zu spät und selbst wenn das Pferd stehen geblieben wäre, hätten ihre Verfolger sie umgebracht. Das Mädchen versuchte verzweifelt Falconheart mit all ihrer Kraft nach rechts zu wenden, aber er reagierte nicht mehr. Der Hengst sprang mit ihr über die Büsche, gefolgt von Adocaz und alle drei stürzten in die Tiefe hinab. Noch während des Falls wurde Cheyenne bewusstlos, das Letzte, was sie noch hörte, war das verängstigte Winseln ihres treuherzigen Feenwolfs und das schrille Wiehern ihres geliebten Pferdes.
Es war bereits Abend. Die Chromasterne verzogen sich langsam und ihr Leuchten wurde blasser. Die Quelle des Lebens verschwand am Horizont. Am Himmel zogen einige blass–bunte, dunkler werdende Wolken umher. Es würde noch ungefähr zwei Stunden hell sein, bevor die schwarze Nacht über das Land hereinbrechen würde. Stetig wurde es kälter und der Wind nahm zu. Er spielte auf den Blättern der Bäume und dem Gras ein liebliches Lied, zu dem einige Vögel sangen und plätscherndes Wasser den Takt vorgab.
Cheyenne lag auf einem Grasboden und wachte langsam auf. Ihr ganzer Körper zitterte unter enormen Schmerzen. Einige Knochen fühlten sich gebrochen an, sie bekam fast keine Luft und war erschöpft und schwach. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sich das Mädchen so elend gefühlt. Es kam ihr vor, als wäre sie von einem riesigen Felsen überrollt worden. Sie öffnete langsam die müden Augen und versuchte sich, mühevoll und unter größten Schmerzen, aufzusetzen, um besser Luft zu bekommen. Was… ist… passiert? Es fühlte sich an, als hätte sie enorm viel Wasser in ihrer Lunge. Wasser… Ja… Ich bin doch… den Wasserfall hinunter… gestürzt…
Da Cheyenne es nicht schaffte, sich aufzusetzen, legte sie sich auf die Seite und hustete. Dabei spuckte sie Unmengen an Wasser aus. Danach fiel ihr das Atmen zwar leichter, aber sie spürte dann stechende Schmerzen im Brustbereich, bei jedem einzelnen Atemzug. Es war so qualvoll, dass ihre Augen zu tränen anfingen.
„Oh, du bist ja schon wach. Wie fühlst du dich? Ich kann mir vorstellen, dass es dir miserabel geht, nach diesem Sturz… Ich bin eigentlich sogar ziemlich überrascht und erstaunt, dass du das überlebt hast. Es grenzt fast schon an ein Wunder. Immerhin bist du den Bellistra-Wasserfall hinuntergefallen. Naja, ich schätze du bist einfach nur glücklich aufgekommen.“ Hinter Cheyenne erklang eine noch nie zuvor gehörte Frauenstimme. Sie sammelte all ihre Kraft, um mit der Unbekannten zu reden. „Wer… bist du? Was… ist passiert?“ Cheyenne hatte nicht nachgedacht und merkte, dass sie die Frau nicht in der höflichen Form angesprochen hatte. Die jedoch schien das in keinster Weise zu stören, sie kam an ihre Seite und kniete sich vor sie. Das Mädchen konnte nun sehen, mit wem sie es zu tun hatte. Eine junge Frau, kaum älter, als sie selbst, schlank, hübsch, mit mintgrünen Augen und zusammengebundenen Haaren, in verschiedenen Lila-Tönen, seitlichen Stirnfransen und Haarsträhnen, die ihre Ohren verdeckten. Die Unbekannte stellte sich vor. „Also, mein Name ist Sasha und ich war hier grad zufällig in der Nähe, als ich dich den Wasserfall hinabstürzen sah. Scheinbar wurdest du verfolgt, denn einige komische Mutanten-artige Monster sind da oben gestanden und haben zugesehen, wie du runtergefallen bist. Dann haben sie sich zurückgezogen und ich bin so schnell, wie ich konnte zum Ufer gelaufen. Als ich sah, dass du nicht mehr aufgetaucht bist, bin ich ins Wasser gesprungen und hab dich herausgefischt. Ja und jetzt warte ich seit ein paar Stunden darauf, dass du aufwachst. Wie heißt du eigentlich?“ Cheyenne versuchte ihr zu antworten. „Mein Name… ist Cheyenne… Danke, Sasha…“ Die junge Frau lächelte und schien sich zu freuen, dass das Mädchen ihr dankbar war. Was für ein Glück… dass sie in der Nähe war… und mich und Adocaz und Falconheart… Moment. Adocaz? Wo ist der denn eigentlich? Und Falconheart seh ich auch nicht! Panische Worte kamen aus ihrem Mund. „Wo sind meine… Gefährten? Adocaz… Falconheart?“ Mehr konnte sie nicht sagen, sie war zu schwach. Dann fühlte Cheyenne eine warme, raue Zunge an ihrem Ohr lecken und hörte ein leises Winseln. Sie drehte sich, so gut sie konnte, in diese Richtung und sah den Feenwolf neben ihr sitzen. „Adocaz…“ Dem Mädchen fiel ein großer Stein vom Herzen und sie wurde ruhiger. Sasha schien ihre Erleichterung zu spüren und grinste. „Meinst du den hier? Dieser Feenwolf gehört also zu dir und heißt Adocaz? Schön. Er hat auch ziemliches Glück gehabt. Aber diese Wolfrasse ist ja sehr zäh. Allerdings, glaub ich, er hat sich an der Wirbelsäule was getan, seine Hinterbeine bewegen sich nicht gut, er schleift sie mehr hinter sich her, als dass er sie anhebt. Ich habe zwar schon eine heilende Kräuterpaste auf seinen Rücken aufgetragen, aber das wird nicht reichen. Es lindert zumindest Schmerzen. Bei dir sind vermutlich einige Rippen gebrochen und du wirst ziemlich viele blaue Flecken bekommen. Ich hab dir auch eine Kräuterpaste draufgepappt. Aber ich befürchte, die Schmerzen, die du empfindest sind sehr schwer zu lindern… Sobald du dich in der Lage fühlst, mit meiner Hilfe aufzustehen, brechen wir auf, ins nächste Dorf von hier. Es ist nicht weit entfernt und dort gibt es sicher einen Arzt, der dir helfen kann, ja?“ Cheyenne nickte und bedankte sich für Sashas Hilfe, aber immer noch konnte sie Falconheart nirgends sehen. Die junge Frau hatte auch noch nichts über ihn gesagt. Das Mädchen schaute ihr in die Augen und versuchte wieder zu sprechen. „Danke… aber… wo ist Falconheart? Mein… Pferd…“ Sasha wandte den Blick ab und Cheyenne hatte eine böse Vorahnung. Nein… Nein. Nein! Der Blick ihrer Retterin schweifte nach oben, auf einen felsigen Vorsprung, der aus dem Wasserfall hervortrat. „Dein Pferd… es tut mir Leid, aber es… ist auf den Vorsprung da oben gefallen und hat nicht überlebt… Genaue Details will ich dir ersparen, es war kein schöner Anblick… Alles, was in der Satteltasche drinnen war, hab ich geholt und dir hierher gelegt, weil ich dachte du brauchst das Zeug noch. Es tut mir leid…“
Für Cheyenne brach die Welt zusammen. Ihr über alles geliebtes, treues Pferd, dass sie schon seit so langer Zeit hatte, das sie überall hingetragen hatte und mit dem sie so viel erlebt hatte, sollte tot sein? Einfach so? Das Mädchen brach in Tränen aus und ignorierte die körperlichen Schmerzen, die dies hervorrief. Die Seelenschmerzen waren viel größer und stärker. Das Gefühl von Traurigkeit und Leere machte sich wieder breit und ließ Cheyenne verzweifeln. Nein! Warum? Warum passiert das alles? Was habe ich getan, dass mir alles und jeder, den ich liebe, genommen wird? Warum passiert das alles? Es ist alles meine Schuld, ich hätte Falconheart zu Hause lassen sollen, ich hätte das alles nicht zulassen dürfen, ich war doch für ihn verantwortlich und er hat mir vertraut… Er hat mir unendlich vertraut und ich habe ihn sterben lassen… Ich bin Schuld, dass er tot ist… Wenn ich keine Fehler gemacht hätte, wären wir jetzt gar nicht hier… Dann wären wir alle nicht da heruntergestürzt… Dann würde er noch leben… Mein geliebter Falconheart… Warum? Wa… rum… Jetzt hab ich nur noch Adocaz… Ich muss stark sein… für ihn… Und ich muss ihn beschützen… Ihn werd ich nicht sterben lassen… Niemals! Aber… was mache ich denn jetzt… Ohne Falconheart…
Cheyenne weinte viele bittere Tränen und Sasha versuchte ihr beizustehen und sie zu beruhigen, indem sie über die Haare des Mädchens strich. Was für ein Glück sie doch gehabt hatte, dass diese Frau aufgetaucht war. Cheyenne konnte die Situation leichter ertragen, weil sie wusste, da war jemand, der wirklich mit ihr mitfühlte. In diesen wenigen Minuten der Trauer und Stille, fing sie an die junge Frau wirklich zu mögen. Sasha war einfühlsam und gutherzig und kümmerte sich um sie. Das Mädchen war froh, ihr begegnet zu sein, auch, wenn andere Umstände dafür besser gewesen wären.
Die neue Bekanntschaft half Cheyenne sich aufzusitzen. Diese hielt sich dann an Adocaz fest und grub ihr verheultes Gesicht in sein kuscheliges Fell. Er ließ das Mädchen gewähren und stupste sie winselnd und aufmunternd an. Sasha hatte indessen Cheyennes Sachen geholt und das Mädchen verstaute die Schriftrolle in ihrem Gürtel und band das kleine Messer mit den Bändern, die um den Griff gewickelt und gebunden waren, ebenfalls daran, fest. Sie hat sich die Schriftrolle wohl nicht angeschaut, wenn sie meinen Namen nicht wusste… Gut. Dann scheint sie eine ehrliche, aufrichtige Person zu sein… Unter größten Anstrengungen und Schmerzen konnte sie mühevoll und mit der Hilfe ihrer Retterin aufstehen. Aber Cheyenne wusste, sie würde nicht lange laufen können. Sie war einfach zu erschöpft und konnte nicht mehr. Auch wollte sie den toten Pferdekörper ihres ehemaligen Gefährten nicht hier zurücklassen, aber es blieb ihr wohl nichts anderes übrig.
An Sasha angelehnt humpelte sie los und ließ sich zu dem Dorf führen. Im Moment war ihr egal, welches Dorf sie ansteuerten, sie wollte sich einfach nur ausruhen und für Adocaz jemanden finden, der seine Wunden behandelt. Der Feenwolf konnte kaum laufen, die Hinterbeine nicht anziehen und er kippte oftmals zur Seite und fiel um.
Nach einer Weile konnte Cheyenne kaum noch atmen, die Schmerzen wurden unerträglich und ihre Sicht verschwommen. Sie konnte keinen einzigen Schritt mehr gehen und brach zusammen. Sasha kniete sich besorgt neben sie und lehnte das Mädchen an sich selbst an. „Halte durch, Cheyenne… Es ist nicht mehr weit. Ich weiß, dass du keine Kraft mehr hast, aber wir müssen weitergehen…“ Der jungen Frau schien es gewaltig Leid zu tun, dass sie so viel von Cheyenne verlangte, aber es ging nicht anders. Das Mädchen aber, bekam nicht mehr viel mit und schloss die Augen. Sie hörte nur noch näherkommende Schritte und einen Wortwechsel zwischen Sasha und jemanden, den das Mädchen kannte. Die Stimme der jungen Frau begann das Gespräch, aber sie schien nicht erfreut. „Du! Was machst DU hier?!“ „Hey, schön dich mal wieder zu sehen, Sasha, Mäuschen…“ Es war Glaczio. Ganz klar. Cheyennes Retterin sprach weiter, aber das Mädchen tat sich schwer noch etwas zu hören. „Verschwinde bloß von hier.“ „Nein. Ich kenne dieses Mädchen. Wie willst du sie allein ins nächste Dorf bringen?“ „Argh… Ich schaffe das schon…“ „Sasha… Lass mich helfen… Bitte. Ihr Name ist Cheyenne, nicht wahr?“ „Aber… woher? Dann kennst du sie also wirklich… Also schön, ich gebe dir diese eine Chance dem Mädchen hier zu helfen. Aber sobald wir im Dorf angekommen sind, verschwindest du, hast du verstanden? Und solltest du auf irgendeine dumme Idee kommen, weißt du was los ist.“ „Hehe, ja, dann hat mein letztes Stündlein geschlagen, was? Keine Sorge, ich will der Süßen da nur helfen.“ Cheyenne spürte, wie sie hochgehoben und getragen wurde, bevor sie endgültig das Bewusstsein verlor.
