Kapitel 10
geschrieben von Darknezz
Notiz:
Der Inhalt dieses Kapitels wurde vor 10 Jahren verfasst und seither nicht verändert. Der Schreibstil könnte sich im weiteren Verlauf der Geschichte verändern.
Cheyennes Gedanken sind kursiv.
Neuland
Schrei der Vergangenheit, Ruf der Zukunft
Grasland des Gezeitensees, Nordöstliche Ebenen Nord-Haloniens
Cheyenne lief durch einen Wald. Eine geheimnisvolle, bedrückende Stille umgab sie. Die Bäume waren symmetrisch angeordnet und bildeten einen geraden Weg. Sie hatte keine Wahl, als diesen Pfad entlangzugehen und zu sehen, wohin er führte, denn hinter den Bäumen war undurchdringbares Dorngestrüpp.
Je weiter sie kam, desto lauter wurde es. Die Ruhe wurde von Todesschreien gequälter Menschen, Tieren und Dämonen gestört, aber weit und breit war nichts von den Leidenden zu sehen. Der Weg wurde stetig schmaler und endete unerwartet in einer Sackgasse, in Form einer Felswand.
Plötzlich bekam Cheyenne ein unheimliches Gefühl. Sie glaubte, verfolgt zu werden und spürte einen Blick im Nacken, der ihr Gänsehaut verursachte. Ihr Herz schlug schneller und die Bäume schienen größer zu werden. Sie bekam Angst.
Auf einmal verstummten alle Geräusche und es wurde still. Die unbehagliche Ruhe dauerte jedoch nicht lange an, denn hinter dem Mädchen war ein Räuspern zu vernehmen. Cheyenne wandte sich erschrocken blitzschnell um und konnte nicht fassen, was sie dann sah.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, welche in Strömen über ihre Wangen zu Boden fielen. Ein Gefühlschaos, bestehend aus Glückseligkeit, Wiedersehensfreude, Seelenschmerz und Fassungslosigkeit, entstand. Alle Gefahr und die Unheimlichkeit dieser Umgebung waren vergessen und Cheyenne verspürte wohlige Geborgenheit an dessen Stelle.
Ein paar Meter vor ihr stand ihr Großvater und sah sie an.
Nichts hätte das Mädchen davon abhalten können, loszulaufen, hin zu dem alten Mann, den sie so vermisst hatte. Sie war überglücklich ihn wiederzusehen, so hatte sie doch geglaubt, er wäre tot und für immer aus ihrem Leben verschwunden.
Cheyenne hatte den Weg bis zu ihrem Großvater offenbar falsch eingeschätzt, denn sie musste weiter laufen, als gedacht. Als sie endlich bei dem geliebten Familienmitglied ankam, umarmte sie dieses stürmisch. Sie drückte sich fest an ihren Großvater und durchnässte seine Schulter mit ihren Tränen der Freude. Sie fühlte sich so unglaublich wohl und glücklich in diesem Moment.
Und doch gab es da etwas, dass die Geborgenheit unterdrückte und ihre Gefühle unecht wirken ließ. Der Großvater war eiskalt, Cheyenne fühlte keinen Herzschlag oder Atmen, er bewegte sich nicht und legte die Arme nicht um seine Enkelin.
Stille.
Doch nun hob der alte Mann endlich die Arme und das Mädchen glaubte, dass er einfach nur so überwältigt gewesen war, sie zu sehen, sodass er vor Fassungslosigkeit nicht reagieren konnte. Seine Hände wanderten zu Cheyennes Stirn, er strich ihr über die Wange und fuhr dann mit beiden Handflächen ihren Hals hinab. Die Finger des Großvaters stoppten die Bewegung, sobald sie am Schlüsselbeinknochen seiner Enkelin ankamen.
Plötzlich umgriff er Cheyennes Hals fest und packte mit einem gewaltigen Druck zu. Er hob das Mädchen etwas hoch, sodass sie nicht mehr auf den eigenen Füßen stand, sondern sich über dem Boden befand. Dann schnürte er seiner Enkelin die Luft zum Atmen ab und drückte noch fester als zuvor.
Cheyenne versuchte sich von dem Griff zu lösen und wollte schreien und fragen, warum ihr Großvater dies tat, aber sie brachte nur glucksende, heisere Laute heraus. Die gutmütigen Augen des alten Mannes wandelten sich in ein farbloses Weiß und er warf das Mädchen von sich weg. Die Landung fühlte sich zu hart an, für einen Grasboden, aber Cheyenne konnte sich gerade nicht damit befassen. Sie hustete, keuchte und atmete heftig. Enttäuschung, Angst, Verzweiflung, maßlose Traurigkeit und ein schlechtes Gewissen spukten ihr im Kopf herum. Sie machte sich Vorwürfe, obwohl sie nicht wusste, wofür.
Warum? Was hab ich getan?
Sie drehte sich auf die Seite und fühlte ihre Hand an etwas stoßen. Das Mädchen sah einen alten, kaputten Schuh und blickte an der Person, die ihn trug, hinauf. Vor Cheyenne stand ihre Großmutter und ein erneutes Gefühlschaos kam auf. Die Enkelin stand auf und umarmte auch die alte Dame, aber diese schubste sie sofort von sich weg, sie fiel wieder zu Boden und weinte nun Tränen des Schmerzes. Ihre Seele fühlte sich an, als hätte man sie mit Schwertern durchbohrt, mit Feuer verbrennt und die Flamme eingefroren mit ewigem Eis, sodass sie für immer im Inneren lodert und die Qual nie ein Ende hat.
Cheyenne wurde verstoßen von ihren über alles geliebten Großeltern und ihr Großvater hatte sogar versucht sie zu töten. Und das, obwohl sie gerade wieder zueinander gefunden hatten. Sie fühlte, wie sich die Leere in ihr zu einer Depression umwandelte, als sie die weißen Augen ihrer Großmutter sah, die sie gefühlskalt anstarrten. Aber die Enkelin würde sich lieber von ihren Großeltern umbringen lassen, als es ihnen gleich zu tun und sie zu verstoßen. Das Mädchen liebte die beiden alten Leute und das würde auch so bleiben, egal was nun passierte. Sie wollte auf ewig bei ihnen sein. Sie hatte die Zwei so sehr vermisst und wollte nicht wieder das Leid des Verlustes spüren.
Das Gefühl der Unvernunft durchströmte sie, aber es war ihr egal.
Cheyenne versuchte sich aufzurichten und sah ihre Großmutter an. In genau diesem Moment, fühlte sie einen scharfen, stechenden Schmerz, der sich von ihrem linken Ohr aus über die ganze Gesichtshälfte zog und solch eine Wucht hatte, dass sie zur Seite fiel. Sie spürte Nässe, rote Flüssigkeit tropfte zu Boden und tränkte diesen.
Blut.
Das Mädchen zuckte erschrocken zusammen und berührte die verwundete Stelle mit zwei Fingern. Dann betrachtete sie die Farbe, die nun daran zu sehen war und schluchzte.
Cheyennes Blick fiel wieder auf die Großmutter, die vor ihr stand und ein scharfes Küchenmesser in der Hand hielt, an dem frisches Blut klebte und ebenfalls zu Boden tropfte. Der Großvater stand neben der alten Dame und beide sahen ihre Enkelin an. Sie öffneten die Münder und ein Duett an schauderhaften Geisterstimmen ertönte. „Du hast uns leiden lassen und uns dem Tod ausgehändigt. Du bist Schuld… Du bist Schuld… Du bist Schuld… Du hast uns getötet… Du ganz allein… Du bist Schuld…“
Die Stimmen wandelten sich in ein schadenfreudiges, bösartiges Lachen und die Falten der alten Leute wurden größer und Blut trat daraus hervor. Unzählige Fleischwunden erschienen auf den Körpern und Knochen wurden freigelegt. Cheyenne lag in einer Blutlache ihrer geliebten Familie. Der Großvater holte aus und schlug seiner Enkelin mit der flachen Hand ins Gesicht, so fest, dass ein blutiger Handabdruck auf der linken Wange des Mädchens zu sehen war und ihre die Wundblutung dort stockte. Der Boden unter ihr gab nach und sie versank in einem viereckigen See aus roter Flüssigkeit. In ihrem Kopf hörte sie das verhöhnende Gelächter ihrer Großeltern und die qualvollen Schreie die von den Dorngestrüppen kamen und zuvor verstummt waren, kehrten wieder zurück. Cheyenne konnte nicht mehr atmen und war eingesperrt in dem vielen Blut. Ihre Augen brannten höllisch und sie schmeckte die Schuld und den Tod auf ihrer Zunge. Dann hörte sie ein Schnauben.
Über dem Blutsee war ein braunes Pferd mit blauen Fühlern erschienen, dessen unnatürliche weiße Augen Cheyenne wütend und vorwurfsvoll anstarrten. Das Maul sah aus, als würde das Tier schelmisch grinsen und es stieg. Das Mädchen sah die Namen und Herzchen auf den Hufen, als sie sich über ihrem Kopf befanden. Nein… Nicht du auch noch… Falconheart… Die Hufeisen wurden weiß und kamen auf Cheyenne zu.
Sie trafen auf ihrem Kopf auf.
Und zertrümmerten ihren Schädel.
Alles wurde weiß.
Ein einzelner von Leid gequälter Schrei war ohrenbetäubend laut zu vernehmen.
Der von dem Mädchen selbst.
Cheyenne wachte unter Tränen auf, sie war verstört und geschockt, lehnte halb liegend an einen Baum und bemerkte erst gar nicht, dass sie geschrien hatte. Dann sah sie Glaczio neben sich knien, er schaute sie besorgt an und sie kehrte in die Realität zurück. Ihre Lunge schmerzte höllisch und nach diesem verzweifelten Schrei bekam sie fast keine Luft mehr. Ihr ganzer Körper fühlte sich etwas taub an, gleichzeitig aber zitterte sie unwahrscheinlich und fühlte enorme Schmerzen. Sie verkrampfte, als sie all das zu spüren anfing und hielt still, während nach wie vor Tränen über ihre Wangen huschten. Ihr Kopf fühlte sich an, als hätte man ihn unzählige Male gegen einen Stein geschlagen und ihre linke Hand war mit Kräuterpaste versehen, eingewickelt in grüne Blätter und es kribbelte an dieser Hautstelle etwas schmerzhaft. Ein Holzstock hielt den Unterarm gerade.
Cheyenne schniefte und wusste nicht, was sie denken sollte, wo sie war, was vor sich ging. Ihre Seele fühlte sich leer an und war eingesperrt in einer endlosen Traurigkeit. Das Mädchen hob den Kopf und sah wieder Glaczio an, während sie schluchzte. Er stellte keine Fragen und sah sie einfach nur mitfühlend, sorgen- und verständnisvoll an.
Cheyenne hielt es nicht mehr aus und warf sich dem Heiler an den Hals. Sie nahm die Schmerzen der ruckartigen Bewegung in Kauf und krallte sich an Glaczio fest. Die Tränen kamen in Strömen aus ihren geschlossenen Augen und er ließ sie gewähren.
Die beruhigende Wirkung aus der Kombination von Kälte und Winterduft trat einmal mehr augenblicklich ein und half Cheyenne, zumindest etwas. Sie bemerkte, wie sehr sie ihre Finger verkrampft hatte und lockerte diese. Sie hoffte, dass der krallende Griff nicht allzu schmerzhaft für den Heiler gewesen war. Das Mädchen wusste nicht ganz, ob Glaczio mit der Situation überfordert war, oder ob er einfach nicht damit gerechnet hatte, dass sie ihn umarmte, denn nur zaghaft hob er die Hände. Er schien nicht zu wissen, ob er sie wirklich berühren sollte. Aber dann fasste er sich ein Herz, legte eine Hand auf den Rücken seines Schützlings und mit der anderen streichelte er ihren Kopf und ihr Haar. Cheyenne fühlte sich nun wohler und auch etwas geborgen. Sie konnte langsam aufhören zu weinen und blieb still in den Armen des Heilers liegen. Dieser legte nun sein Kinn auf den Kopf seines Schützlings.
Cheyenne war es egal, ob es ihm recht war, dass sie in seinen Armen lag, sie wollte jetzt einfach nur jemandes Nähe und Zuwendung spüren und eigentlich konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihm die Umarmung eines Mädchens nicht gefiel. Zudem hatte er immer so eine beruhigende Ausstrahlung, ein Vorteil in dieser verstörenden Situation. Außerdem schien Sasha gerade nicht in der Nähe zu sein.
Ein paar Sekunden verharrten die beiden in dieser Position, ehe der Heiler mit ruhiger, flüsternder Stimme versuchte, seinem Schützling die Traurigkeit zu nehmen. „Hey… Engelchen… Hattest du einen Alptraum? Kein Wunder, bei dem, was du alles erlebt hast… Ganz egal, was darin geschehen ist, es war nur ein Traum… Nichts davon ist gerade passiert, denn du warst die ganze Zeit hier, ich habe dich nicht aus den Augen gelassen. Wäre mir auch etwas zu riskant gewesen, nachdem Sasha mir den Befehl mit todernster Miene erteilt hat, hehe. Jeder von uns träumt manchmal schlecht, also nimm es dir nicht so zu Herzen, ja? Alles ist gut, Püppchen…“ Ein Alptraum… Ja… Das war es gewesen… Aber er war so echt… und es stimmt ja alles… was sie gesagt haben… Obwohl Cheyenne nun überzeugt war, dass es sich um einen Traum gehandelt haben musste, konnte sie den Funken Realität darin nicht abschütteln. Dennoch war sie bei Glaczios Worten sehr ruhig geworden und fühlte sich schon viel besser.
Das Mädchen war wieder in der Realität angekommen und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht. Sie war froh, nicht alleine zu sein und etwas erstaunt über das Verständnis des Heilers. Schließlich hatte ihr Verhalten gerade mehr an ein Kleinkind, als an ein siebzehnjähriges Mädchen erinnert und sie würde von Glaczio viel eher erwarten, dass er ihr auf den Rücken klopft und sich dann in seiner arroganten Art etwas über sie lustig machte. Aber nichts dergleichen geschah. Sie war ihm sehr dankbar dafür.
Cheyenne löste sich etwas von dem Heiler und ihr Gesicht war nun dem seinen gegenüber. Sogar im Sitzen noch war sie um Einiges kleiner als er. Das Mädchen schaute ihn traurig an und stellte fest, dass seine eisblauen Augen die schönsten waren, die sie je gesehen hatte. Sie hatte ja vorher schon festgestellt, dass Glaczio hübsch war, aber noch nie waren ihr seine Augen so aufgefallen, wie in diesem Moment. Sie strahlten Intelligenz, List, Verständnis, Gutherzigkeit, aber auch tief versteckt eine gewisse Leere und Traurigkeit aus. Jetzt kommt er mir wieder wie ein richtiger Freund vor, anstatt eines Fremden… Glaczio und seine vielen Persönlichkeiten… Cheyenne wandte den Blick ab und seufzte. Die Schmerzen in ihrer Lunge wurden wieder einigermaßen erträglich und sie verglich die Worte der Großelter in ihrem Traum mit denen in der Realität. „Ich habe in dem Traum meine Großeltern gesehen… Sie wollten mich nicht mehr und verletzten mich, zum Schluss hat mich Falconheart getötet. Sie haben gesagt… Ich sei Schuld an ihrem Tod und das haben sie immer und immer wiederholt… Aber ich weiß, dass sie das in der Realität nie gesagt hätten. Ich weiß, dass sie mich geliebt haben, genauso, wie ich sie auch… Und Falconheart hätte mich niemals… umgebracht… Tut mir Leid, dass ich dir das alles erzähle, du willst es vermutlich gar nicht hören… Aber es geht mir jetzt ein wenig besser. Danke.“ Glaczio schüttelte nur langsam den Kopf und schien froh zu sein, dass es seinem Schützling wieder einigermaßen gut ging. Er gab ihr somit auch zu verstehen, dass es ihn nicht störte, die Traumbeschreibung gehört zu haben.
Erst jetzt bemerkte Cheyenne, dass Adocaz nicht bei ihr war und sie wurde an ihren Sturz beim Bellistra-See erinnert, als Falconheart nicht in ihrer Nähe war und sie ihn danach nie wieder gesehen hatte. Panik kam in ihr auf, sie machte sich große Sorgen und ließ den Blick umherschweifen, so gut, es ihr Körper zuließ. Glaczio schien ihre Unruhe zu spüren und deutete mit dem Finger auf einen See, rechts von Cheyenne. „Falls du das Feenwölfchen suchst, richte deinen Blick auf den See dort vorne. Er wird Gezeitensee genannt und wir befinden uns im nordöstlichsten Teil Nord-Haloniens. Das Einzige, was es hier gibt, sind der See, diese paar Birnbäume dort, der alte Baum hier, an dem angelehnt warst und diese Felsen, hinter mir, die dir die Sicht auf das Ende der Sandpassage versperren und uns ein wenig Sichtschutz bieten, vor allen Leute, die hier vorbei kommen. Der riesige Berg, den du da vorne, rechts von dir, hinter dem Gezeitensee siehst, das ist der Mount Nightblade. Ach ja… bevor du dir jetzt Sorgen machst, ich kann dich beruhigen. Niemand ist lebensgefährlich verletzt worden, außer dir… Aber dein Zustand war nicht lange sehr kritisch, dann warst du schon wieder auf dem Weg der Besserung. Schnelle Genesung, ein Auserwählten-Vorteil.“ Glaczio zwinkerte Cheyenne zu. Diese blickte erst einmal rechts von sich und sah einen riesigen blaugrünen See. Unmengen an Kräuter wuchsen um ihn herum, Seerosen schwammen an der Oberfläche und Schilf ragte aus dem Wasser. Sie war beruhigt, als sie Sasha und Adocaz am Ufer entdeckte.
Die Umgebung war genauso, wie Glaczio sie beschrieben hatte, ein paar einzelne Birnbäume, die reife Früchte trugen, waren rund um den See gewachsen, hinter dem Baum, an dem sich der Heiler und das Mädchen befanden, waren ein paar große Felsen, etwas hinter den Birnbäumen war das Land zu Ende und man sah das weite Meer, bevor eine immer steiler werdende, überwiegend schwarze Steinwand die Sicht auf das Blau verdeckte und den Mount Nightblade bildete. Ansonsten war weit und breit nur Grasland mit einzelnen Bäumen und Blumen zu sehen. Bunte Schmetterlinge und braune Kaninchen huschten von Zeit zu Zeit über die Ebene und ließen durch ihr Leben das weite Land einladend und freundlich wirken. In weiter Ferne sah Cheyenne einen Fuchs-Lumenium-Dämon herumstreifen, aber er blickte nicht in ihre Richtung und entdeckte sie nicht. Stimmt ja… Glaczio hat doch mal gesagt, dass die Dämonen nur in Luminastrelle effektiv bekämpft werden, weil das ‚der heilige Kontinent der Hauptstadt‘ ist. Hier in Halonien scheinen aber auch nicht wirklich viele zu sein, obwohl man die hier nur tötet, wenn sie einen angreifen? Hm… Vielleicht hat dieser eigenartige Frieden zwischen Menschen und Dämonen eine positive Auswirkung und die schwarzen und weißen Monster sind nicht so aggressiv und weniger oft vertreten hier. Glaczio hat ja gesagt, dass er sich mit Dämonen nicht so auskennt, also vielleicht ist meine Theorie sogar richtig. Naja, wie auch immer… Das ist also der Mount Nightblade. Dort wird sich… mein Schicksal entscheiden… Dieser Berg ist ja riesig, der sieht aus, wie ein erloschener Vulkan… Wenn ich mich richtig erinnere, hab ich als Kind in einem Buch, das wir zuhause hatten, ein Bild von genau diesem Berg gesehen. Es sah zumindest gleich aus. Aber das einzige, woran ich mich außer dem Foto noch erinnern kann, war, dass es der größte Berg der ganzen Welt ist, aber auch ein gefährlicher Ort. Und ich glaube, ich weiß warum. Lumenium-Mangel… Oh nein, hoffentlich stürzt nicht wieder ein Weg ein, so wie im Klissave-Gebirge…
Cheyenne hatte trotz den vielen Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen, Glaczios Aussage noch nicht vergessen und stellte nun fest, dass sie sich tatsächlich um Einiges besser fühlte, als zuvor auf der Sandpassage. Ihr Unterarm war definitiv gebrochen gewesen, aber jetzt konnte sie ihn wieder einigermaßen bewegen. Auch ihr Körper war nicht mehr so erschöpft, wie vorher. Ihre Lunge schien sich ebenfalls etwas erholt zu haben und außer ein paar kleinen, beinahe schon gänzlich verheilten Kratzern, hatte sie keine zusätzlichen Schäden davongetragen. Auserwählten-Vorteil, sagt er… Naja… Vielleicht… Aber mir ging es eigentlich schon ein ganz klein wenig besser, nachdem mich dieser Meeresdrache gerettet hat… Hm… ‚Du darfst nicht sterben. Ich werde es nicht zulassen. Habe keine Angst, meine liebe Cheyenne. Noch nicht.‘ … Noch nicht, ja? War das vielleicht auch nur ein Traum? Es hat sich so angefühlt… Aber… ich bin doch gesunken und Adocaz hat nicht tief hinuntertauchen müssen, um mich zu finden… Es muss echt gewesen sein… Aber die Anderen würden das nie glauben, also sollte ich es erst noch für mich behalten... Diese Begegnung… und was der schwarze Drache gesagt hat… Ich dürfe nicht sterben, das ist doch schon wieder etwas, das mit der Auserwählten in Verbindung gebracht werden kann… Argh, ich will es nicht glauben… Aber wahrscheinlich ist es so…
Sasha und Adocaz machten sich gerade auf den Weg zurück zu Glaczio und Cheyenne. Das Mädchen war froh, dass es den Beiden gut ging, aber ihr brannte eine Frage auf der Zunge und sie wandte sich an den Heiler. „Wenn du so zuversichtlich bist, dass ich die Auserwählte bin, warum gehen wir dann überhaupt noch zu diesen Ältesten? Nur, damit ich mir absolut sicher sein kann, obwohl einfach alles dafür spricht?“ Glaczio schloss die Augen zur Hälfte und grinste etwas. „Nein, nicht unbedingt, Engelchen. Das ist nur einer der Gründe. Weißt du, eigentlich müssten wir nicht zu den uralten Leuten, denn es ist, wie du bereits festgestellt hast, ziemlich offensichtlich, wer du bist. Außerdem weiß ich es aus irgendeinem Grund, meine Intuition gibt mir Gewissheit... Jedenfalls will Sasha zu den Ältesten, weil es für eine Schattendienerin die größte Ehre ist, einmal im Leben das alte Ehepaar zu sehen. Du willst dorthin, damit du dir ganz sicher sein kannst, wer du bist. Ich bin der Einzige hier, der sich wirklich Gedanken gemacht hat, denn andernfalls wären ein Besuch und der Aufstieg zum Haus der Ältesten reine Zeitverschwendung. Ich kam jedoch zu dem Entschluss, dass sie uns eventuell einen Weg vorgeben werden, Tipps, Hinweise, irgendwelche besonderen… nun ja… Wahrsagen, oder Ähnliches. Sie sind ja schließlich nicht umsonst Älteste aller Schattenclans und Eltern des Superators… Hey, aber ich warte draußen, nur dass das geklärt ist, ja? Die hätten keine Freude damit, wenn ich in ihrem heiligen Haus wäre, glaub mir.“ Cheyenne verstand zwar, dass er sich Sorgen machte und es das Vernünftigste für ihn wäre, nicht auf die Ältesten zu treffen, aber sie würde die Situation erklären. Schließlich war er einer ihrer Gefährten und hatte sich bereits vor langer Zeit von seiner Rolle als Auserwählter verabschiedet, wenn man ihm Glauben schenkte.
In diesem Moment kam Adocaz bei seiner Besitzerin an und leckte ihr stürmisch und voller Freude übers Gesicht. Das Mädchen kicherte und versuchte, ihren Vierbeiner unter Kontrolle zu bringen. Dieser jedoch war zu fröhlich, um sich zu beruhigen, aber nach ein paar Sekunden nieste er und legte sich dann doch nieder, den Kopf auf Cheyennes rechtes Bein gestützt. Sasha kam auch und erkundigte sich sofort, wie es ihrer Freundin ging. „Cheyenne, du bist wach, wie schön. Ich hab dich schreien gehört und mich beeilt, aber ich konnte nicht schneller kommen, weil Adocaz sonst das ganze Kräutergemisch von seiner Pfote geleckt hätte... Also, was der Eiszapfen gemacht? Wenn er dich auch nur berührt hat, dann kann er sich auf was gefasst machen und er kriegt eine kostenlose Reise ins Weltall ohne Rückkehr!“ Der Heiler schloss die Augen, legte den Kopf schief und seufzte. Er schien es langsam leid zu sein, dass Sasha ihm ständig irgendetwas unterstellte. Diese kniete sich rechts neben Cheyenne und musterte ihre Freundin von Kopf bis Fuß. Das Mädchen entlastete Glaczio von dem Vorwurf der jungen Frau. „Er hat nichts gemacht, Sasha, im Gegenteil. Ich habe einen Alptraum gehabt… und er hat mir geholfen, mich wieder zu beruhigen. Was ist denn mit Adocaz‘ Pfote? Ist er verletzt?“ Sasha war erleichtert, dass ihre Freundin wohlauf war und nickte zögerlich. „Ähm, ja, also, Adocaz hat bei dem Kampf gegen das Riesenviech einmal nicht schnell genug reagiert, das war, als er bemerkt hat, dass du ins Meer geworfen wurdest und er gleich loslief um dich zu retten. Natürlich hatte ich dasselbe vor, aber der Eiszapfen hier meinte, es wäre genug, wenn einer geht. Und naja, was soll ich sagen. Irgendwie klang das logisch und er hatte Recht, denn wenn ich auch noch weg gewesen wär, hätte er allein gegen den Dämon kämpfen müssen. Das konnte kein gutes Ende haben, also bin ich auf dem Kampffeld geblieben. Jedenfalls hat eines dieser verdammt spitzen Beine dieses ekelhaften Spinnentiers die linke Vorderpfote von Adocaz getroffen und ihm einen Einschnitt verpasst. Aber keine Sorge, die Wunde ist nicht allzu tief und wird schnell verheilen. Ich habe sie mit Wasser ausgewaschen, dann ein Kräutergemisch aufgetragen und mit Blättern umwickelt. In ein paar Tagen ist die Pfote so gut, wie neu, es sei denn der Eiszapfen fasst sich ein Herz und hilft nach, sobald er sich dazu in der Lage fühlt…“ Naja, solange es Adocaz nicht allzu viele Schmerzen bereitet und die Verletzung wieder heil wird… Er scheint im Moment gar nichts zu spüren, sonst wäre er gerade eben nicht so fröhlich gewesen. Aber er ist nur wegen mir verletzt worden, ich muss einfach vorsichtiger sein… Cheyenne streichelte über den hübschen Kopf des Feenwolfs und grub ihre rechte Hand dann in sein flauschiges Fell. Sie war erleichtert, dass er keine schlimmeren Wunden davongetragen hatte.
Die Chromasterne wurden schon langsam blasser, es schien also bereits später Nachmittag zu sein. Das Mädchen bemerkte, dass sie ziemlich lange geschlafen haben muss. Sie bedankte sich, für die Hilfe ihrer Gefährten. „Vielen Dank für alles… Ohne euch… gäbe es mich schon lange nicht mehr… Es tut mir Leid, dass ich euch zur Last gefallen bin, anstatt zu helfen… Ich habe wirklich mein Bestes gegeben, aber es hat offenbar nicht gereicht… Ist eigentlich noch irgendwas Außergewöhnliches passiert, nachdem ich eingeschlafen bin?“ Glaczio übernahm das Sprechen wieder, nun da sich Sasha beruhigt hatte. „Hey, Engelchen, du warst uns doch keine Last, ganz im Gegenteil. Wärst du nicht bei uns gewesen und uns so tapfer und mutig zur Seite gestanden, trotz der Tatsache, dass dir nur dein Bogen als Kampfwerkzeug zur Verfügung stand, hätte die ganze Sache ein anderes Ende genommen. Ich spreche gewiss auch in Sashas Namen, wenn ich dir hiermit sage, dass du wahrlich eine großartige Leistung gezeigt hast. Um ehrlich zu sein, hatte ich gar nicht erwartet, dass du dich so sehr bemühst und am Kampf beteiligst. Und dein Mut… ist wahrhaftig einzigartig und erstaunlich. Du hast bist zum Schluss nicht aufgegeben, auch wenn dein Körper nicht mehr voll kontrollierbar war. Deine Willenskraft ist atemberaubend. Das meine ich übrigens ganz im Ernst jetzt, auch wenn du vielleicht denkst, ich ziehe dich nur auf, hehe. Abgesehen davon, hast du mir auch schon einige Komplimente an meinen Charakter gemacht, ich gebe lediglich zurück, was mir geschenkt wurde. Nur zum Teil natürlich, hehe. Du wirst eines Tages eine überaus begabte Kriegerin werden… und eine ausgesprochen hübsche noch dazu. Deine Verehrer werden vor deiner Villa Schlange stehen und einen Termin brauchen, um die große Auserwählte der Finsternis zu sehen, hehe. Aber ich weiß, dass diese Zukunftsmusik dir nicht sehr behagt, verzeih mir also die Aussage. Um zurück zu deiner Frage zu kommen, Engelchen, nein, es ist nichts Aufregendes passiert, du hast nichts verpasst. Wobei… eigentlich schon, denn der starke, wunderschöne Held Glaczio hat dich auf Händen getragen, seinen atemberaubend hübschen, süßen Engel und dich aus der Gefahrenzone bis hierhergebracht. Dein Zustand war wirklich furchtbar… Selten hab ich jemanden so geschwächt und innerlich verletzt gesehen, der das Ganze auch noch überlebt hat. Du warst lediglich ein Wrack und wir hatten schon Angst, du würdest das Tor zum Tod mit dem des Lebens verwechseln, denn du warst nicht wirklich lebendig, aber auch noch nicht tot... Zum Glück hattest du ja den machtvollen Heiler Glaczio bei dir und seine hinreißende, kräuterkundige Gehilfin Sasha-Mäuschen, hehe... Um dir die schlimmsten Verletzungen aufzuzählen, fange ich mit deinem linken Unterarm an. Er war regelrecht zerschmettert und nicht nur gebrochen. Ein spitzer Splitter hat sich durch Fleisch und Haut gebohrt und den Bruch offengelegt. Ich habe mit einem Heilzauber wieder alles an seinen Platz gebracht und der Knochen ist wieder heil. Aber meine Kraft reichte beim besten Willen nicht mehr für die Wunde aus, aber Schnuckelchens Kräuter haben ebenfalls eine sehr gute Wirkung. Und bei deiner guten Selbstheilung sollte morgen nur noch eine kleine Narbe zu sehen sein, also keine Sorge. Dein restlicher Körper ist einfach nur erschöpft und braucht eine Pause, deshalb werden wir hier übernachten und erst morgen weitergehen. Dann solltest du einigermaßen ausgeruht sein und eine längere Pause tut uns allen ganz gut… Die meisten Sorgen hat mir deine Lunge gemacht. Sie schien innerlich verletzt zu sein, womöglich durch die vielen Treffer, die du erlitten hast. Vielleicht war es auch schon ein Lungenriss, ich konnte nicht genug Nachforschung anstellen, denn du hast wirklich keine Luft mehr bekommen, es musste schnell gehen. Jedenfalls habe ich meine letzte Kraft darauf angewandt und nun sollte es zwar noch etwas stechen, wenn du atmest, aber ansonsten müsste wieder alles in Ordnung sein. Morgen bist du so gut, wie neu, Engelchen.“
Cheyenne war zwar etwas geschockt über ihren Zustand, aber gleichzeitig auch froh, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befand und sich morgen, vermutlich, wieder alles normal anfühlte. Der weitere Plan sagte ihr auch zu, denn sie hätte nicht hundertprozentig behaupten können, dass sie nach ein paar Schritten nicht hinfallen würde, geschweige denn, danach weitergehen könnte. Das Mädchen war sich aber sicher, dass sie morgen wieder fit genug zur Weiterreise war. „Danke, ihr zwei… Ich wüsste echt nicht, was ich ohne euch tun sollte…“ Glaczio lächelte und Sasha umarmte ihre beste Freundin. Die Berührung rief etwas Schmerz hervor und ungewollt zuckte Cheyenne zusammen, ignorierte das unbehagliche Gefühl aber und freute sich über die liebevolle Umarmung.
Sasha war ihr wirklich wichtig geworden und sie hatte sie ins Herz geschlossen. Deshalb war sie so froh, ihre beste und einzige Freundin so glücklich zu sehen. Der jungen Frau war der Zustand anderer, insofern es keine Feinde waren, immer viel wichtiger, als ihr eigener, soweit das Mädchen es beobachtet hatte und beurteilen konnte. Auch, wenn es ihr einmal nicht gut ging, so konnte sie doch jederzeit Freude für jemanden, den sie mochte, aufbringen. Sie war wirklich einzigartig und Cheyenne war unglaublich froh, sie zu kennen und ihre Freundin nennen zu dürfen.
Der Heiler lachte leise und sah seinen Schützling etwas bedauernswert an. Er hatte ihr Zusammenzucken bemerkt und tippte seiner Kindheitsfreundin auf die Schulter. „Sasha-Mäuschen, noch ist sie nicht schmerzfrei, also reiß dich etwas am Riemen und erspar dem Engelchen unnötiges Leid. Morgen kannst du sie umarmen, so viel du willst, hehe.“ Sasha löste sich langsam wieder und schien immer noch glücklich zu sein, dass es dem Mädchen besser ging. Aber sie hatte verstanden und entschuldigte sich augenblicklich. „Oh, ja, tut mir Leid, Cheyenne, aber ich bin einfach so froh, dass es dir besser geht. Ich dachte wirklich, du würdest sterben, also nimm’s mir nicht übel, ok?“ Sasha hatte den Kopf schiefgelegt, die Augen verschlossen und lächelte. Sie steckte mit ihrer fröhlichen Art ihre Freundin an und diese musste leise lachen. Dies rief Schmerzen in derer Lunge hervor und sie stoppte es sofort wieder. Cheyenne lehnte sich zurück, an den Baum und Adocaz kuschelte sich näher an sie heran. Er tat das so vorsichtig, dass es seine Besitzerin nicht schmerzte. Sasha erhob sich und ließ ihren Blick umherschweifen. „Also gut, ich kann mir vorstellen hier wird es nachts ebenfalls sehr kalt werden, deswegen werd ich jetzt Feuerholz suchen gehen. Zum Glück sehen diese Birnbaumäste nicht so stabil aus… Hm… Ich weiß, dass du mir nicht helfen wirst, Eiszapfen, das wäre ein Wunder. Aber mach dich wenigstens nützlich, wenn du schon hierbleibst und sieh dir nochmal Cheyennes Unterarm an, ja? Adocaz, du bleibst sicher auch hier? Ich verlasse mich auf dich, dass du dein Frauchen hier nicht aus den Augen lässt. Pass auf, dass der Vollidiot keine Dummheiten macht, in Ordnung? Gut, dann bis später, Leute.“ Nach einem kräftigen Bellen des Feenwolfs zur Bestätigung, nickte die junge Frau Cheyenne zu und machte sich auf den Weg.
Glaczio entfernte langsam den Verband aus Blättern und den ziemlich geraden Ast, beobachtet von den treuen, schwarzen Augen Adocaz‘. Auch sein Schützling sah zu, was er tat. Der Heiler nahm eines der Blätter und strich vorsichtig etwas Kräuterpampe von der Wunde. Das Mädchen zuckte zusammen und stöhnte kurz unter Schmerzen auf. Unter der grünen Paste kläffte eine blutige Wunde, sogar der Knochen war etwas zu sehen. Auf diesem waren allerdings nicht einmal mehr Risse zu erkennen. Glaczio schien zufrieden mit dem Ergebnis zu sein und schmierte die heilenden Kräuter wieder auf die offene Stelle. Cheyenne vertraute ihm in dieser Hinsicht, er wusste schließlich, was er tat. Und Sasha schien sehr begabt im Umgang mit Heilkräutern zu sein, denn immerhin hatte sie die grüne Paste hergestellt. Sobald diese erneut auf der Wunde aufgetragen war, vergingen die Schmerzen ziemlich schnell wieder. Glaczio legte nun nur mehr die Blätter auf und ließ den Ast weg. „Das sieht schon viel besser aus als vorhin. Den Ast brauchst du jetzt nicht mehr, womöglich fühlst du etwas Druck auf dem Knochen, aber das macht ihn in deinem Fall nur schneller wieder stark. Weißt du warum uns Knochen und auch Zähne beinahe gänzlich weiß erscheinen? Weil sie die Stellen mit dem stärkst konzentriertem Lumenium in Lebewesen bilden. Sie sind nicht unphysisch, nehmen aber auch keine Farbe an, weil sie ohnehin Großteils im Körper versteckt sind und haben eine etwas dichtere Struktur.“ Cheyenne hörte gut zu und verstand. Oh, stimmt ja, auch Knochen sind fast reinweiß. Das vergesse ich immer, weil sie in uns versteckt sind… Und so viele davon habe ich im Leben noch nicht gesehen, das Einzige, was mir immer sofort auffällt, sind die Zähne und die weißen Stellen bei den Augen. Vielleicht ist es dort ja auch so stark konzentriert… um uns vermutlich eine bessere Sicht zu ermöglichen… Aber ich weiß auch nicht, irgendwie kommt mir das Lumenium-Weiß anders vor, als das von Licht oder dem durch Forschung hergestelltem Weiß. Lumenium kann ja auch Wärme speichern, zum Beispiel bei einem Körper eines Lebenden, im Gegensatz zu Licht, dieses hat aber auch vermutlich keine Struktur… Hm… Bei diesem Thema fiel ihr wieder der gigantische Dämon ein, der sowohl Lumenium, als auch Umbraurore besaß und der sie fast in den Tod geschickt hätte. Sie glaubte, dass der Heiler mehr darüber wüsste. „Glaczio? Ich habe da eine Frage, ich glaube, du kannst sie mir beantworten… Also die Meeresspinne vorhin auf der Sandpassage, war ja aus beiden Kräften. Du hast gesagt, es sei kein normaler Dämon… Was war es denn nun eigentlich? Und warum konnten wir die Beine dieses Monsters berühren und bekämpfen, wenn sie doch aus unphysischem Lumenium waren?“ Glaczio sah seinen Schützling an und beantwortete die gestellte Frage. „Ich will versuchen es dir zu erklären. Also, ich bin mir zu neunundneunzig Prozent sicher, dass es sich um einen sogenannten Legendis-Dämon gehandelt hat. Sie bestehen aus beiden Kräften, sind deshalb enorm schwer zu besiegen. Aufgrund der Kombination von Lumenium und Umbraurore würden sie eigentlich einen richtigen Körper besitzen, wenn die Genstruktur nicht dämonentypisch fehlerhaft wäre, deshalb haben sie mehr Fähigkeiten, als normale Dämonen. Zum Beispiel können sie Magie erzeugen, von dem Tier, dessen Form sie verkörpern. In unserem Fall war es eine Meeresspinne, deren Element ist Wasser, die wirkbare Magie wäre somit ebenfalls Wasser. Sie können auch fressen, aber die Nahrung nicht verdauen, aufgrund der fehlerhaften Struktur und in unseren Fall war der Dämon sogar giftig, es soll auch möglich sein, dass er sich, aus demselben Grund, wie bei der Nahrungsaufnahme, manchmal selbst vergiftet. Dieses Glück war uns leider nicht hold… Ansonsten weiß man nicht viel mehr über Legendis-Dämonen, sie sind kaum erforscht, weil sie sehr selten und enorm gefährlich sind, wie du feststellen musstest. Nur wenige Leute haben sie je zu Gesicht bekommen und das Treffen überlebt. Jene, die ihr Leben allerdings behalten haben, setzten sich mit den Dämonen auseinander und starteten Nachforschungen. Man hat herausgefunden, dass Legendis-Dämonen so etwas, wie die Könige unter den Dämonen sind und die niederen davon quasi beschützen. Daher scheint es pro Kontinent nur einen dieser Giganten aus beiden Kräften zu geben. Den von Luminastrelle haben wir ja gesehen und ich schätze, er hat uns aus Wut angegriffen. Aus der Sicht der Dämonen betrachtet, hat man sie vom Land vertrieben und auf die Sandpassage, beziehungsweise ins Meer, zurückgedrängt und dort eingesperrt. Wenn sich dennoch einer von ihnen auf dem Land aufhält, wird er von den Rittern ausgelöscht. Ich kann mir schon vorstellen, dass der Legendis-Dämon, als Beschützer der niederen seiner Art, ziemlichen Hass auf die Lichtritterschaft hat, aber er wird den Unterschied zwischen normalen Menschen und Rittern nicht kennen, also hat er uns angegriffen und wir mussten ausbaden, woran andere Schuld sind. Naja, wir haben es immerhin überstanden… Ah ja, deine zweite Frage belief sich auf Lumenium… Also, eigentlich ist es ganz ähnlich, wie mit Umbraurore. Durch die fehlerhafte Struktur der Dämonen, die bei der Umwandlung in erdeigenes Lumenium entstanden ist, sind sie nicht mehr in der Lage etwas Anderes als die Erde selbst und das Wasser zu berühren, ohne es abzustoßen. Daher kommt es einem so vor, als wäre ihr Körper fest, aber er ist dennoch unphysisch. Wenn man jetzt einen Lumenium-Dämon angreift, reicht die Abstoßwirkung nicht ganz aus, um die schwung- und kraftvolle Attacke zurückzuwerfen. Folglich trifft der Angriff auf den weißen Körper und verletzt ihn. Sollte jedoch ein Dämon attackieren, geschieht dasselbe, nur umgekehrt, hierbei nutzt er die Abstoßwirkung, um mit seinem Körper den des Feindes zu verletzen. Wird er angegriffen und eine Verletzung erfolgt, werden Lumenium-Partikel weggeschleudert, was nur bei Dämonen möglich ist. Im Gegensatz zu Tieren und Menschen hält sich ihr Körper nicht so gut zusammen, wegen der fehlerhaften Struktur und sie führen aufgrund des nicht vorhandenen Umbraurore kein Blut, welches ein Gemisch aus beiden Kräften ist. Deshalb lösen sie sich auch augenblicklich in Lumenium-Partikel auf. Bei Lebewesen ist dieser Vorgang nicht so leicht zu beobachten, wie du dir ja bereits denken kannst, wenn du dir in Erinnerung rufst, was ich dir in Mediasilva über die weiße Kraft erzählt habe. Im Normalfall würde es circa zehn Jahre dauern, bis sich der Körper vollständig in Lumenium-Partikel aufgelöst und deren Struktur in Erdeigene umgewandelt hat. Während dieses jahrelangen Prozesses verschmelzen die Teilchen der weißen Kraft nach und nach mit der Erde und werden durch eine erneute Struktur-Umwandlung dieser, dann neuen Körpern zur Verfügung gestellt. Selbst, wenn man jemanden verbrennt und nur Asche überbleibt, dauert das Verfahren immer noch ungefähr zehn Jahre. Da der Normalfall aber mittlerweile eine Ausnahmesituation geworden ist und der Prozess schneller geschieht, reicht die Zeit nicht aus für eine erfolgreiche Umwandlung, wie du ja weißt, dann wird die Struktur fehlerhaft, die Partikel vereinen sich nicht mit dem erdeigenem Lumenium, sondern bleiben rund um den toten Körper liegen, aber nicht lange, denn dann schließen sie sich zu einem Dämon zusammen. Sobald dieser Fall eintritt, löst sich der restliche Körper innerhalb weniger Sekunden vollständig auf und die Lumenium-Partikel vereinen sich mit dem soeben erzeugten Dämon, da dieser auf den toten Körper, dem er selber entspringt, eine Anziehung entfacht. Dieses Prinzip bleibt in jeder Situation gleich, egal ob sich das tote Lebewesen Unterwasser, unter der Erde begraben, oder auf dem Land befindet. Wenn meine Erinnerung korrekt ist, wäre dies alles gewesen, was du wissen wolltest, Engelchen. Es freut mich, dass du so viel Interesse an der Welt zeigst.“ Glaczio grinste bei dem letzten Satz, aber Cheyenne wusste, dass er es ernst gemeint hatte. Sie hatte ihre Antwort wieder einmal ausführlichst erhalten, genauso, wie sie es von dem Heiler gewohnt war und hatte verstanden. „Danke, Glaczio. Ich denke, ich verstehe es jetzt. Aber das war schon wirklich großes Pech, dass ausgerechnet wir auf diesen Legendis-Dämon gestoßen sind…“ Cheyenne senkte den Blick. Irgendwie ziehe ich das Unglück immer magisch an… Glaczio schien ihre Gedanken lesen zu können, denn er lachte kurz und leise. „Hehe… Das ist vermutlich ein Nachteil der Auserwählten. Irgendwas passiert uns immer. Aber sieh es doch einmal so: Wir sind heiß begehrt, hehe und auf diese Weise kommt nie Langeweile auf, hm? Obwohl die Hälfte der ganzen Aufregung, die wir bisher in unseren Leben hatten wohl auch vollkommen ausgereicht hätte… Wie dem auch sei. Lass dich einfach nicht von deinem Schicksal unterwerfen und versuche dennoch Alles auf deine eigene Art und Weise handzuhaben. Wenn das Leben mit dir schon Katz und Maus spielt, sieh zu, dass du die Katze bist. Was ich damit sagen will, weißt du, ja? Egal, was passiert, nutze es immer zu deinem Vorteil. Du musst nichts akzeptieren, wenn du nicht willst, geh deinen Weg und mach das Beste aus jeder noch so hoffnungslosen Situation. Ich… habe deine seelische Stärke ziemlich unterschätzt, um ehrlich zu sein. Du hast das Zeug dazu, die Welt, in der wir alle leben, zu retten, so viel weiß ich… Aber was mir in letzter Zeit auch klar geworden ist… Engelchen, ich lag falsch, als ich gesagt habe, es gäbe für dich nur zwei Wege. Den der wunderbaren Freiheit, oder den deines in Ketten legenden Schicksals. Es gibt einen dritten. Du hast alles, was du brauchst, um die Welt auf deine eigene, freiwählbare Art zu retten. Wenn du sie auch wirklich retten willst. Du darfst dich dabei nur nicht selbst verlieren und musst diesem Weg treu bleiben. Verwechsle ihn nicht mit dem deines Schicksals, es ist zwar dasselbe Ziel, jedoch ist der Pfad auf dem du wanderst jeweils ein unterschiedlicher. Wenn du aber deine Freiheit wählst… wirst du mehr leiden. Aber ich weiß, dass dich das nicht abschreckt, tief in deinem Inneren… Ich bin mir ganz sicher, dass deine Seele stark genug dafür sein kann und ich werde dir auf deinem Weg helfen, so gut es mir möglich und soweit es mir erlaubt ist, ebenso Sasha, das ist vermutlich klar, hehe. Du… bist nicht das, was man von einer Auserwählten erwartet, aber genau das könnte die Rettung der Welt sein.“ Genau in diesem Moment kam Sasha mit einigen Ästen zurück und legte sie auf den Boden. Sie schien Glaczios leise Worte nicht gehört zu haben und war immer noch fröhlich. Die Chromasterne am Himmel wurden immer blasser und bald würde die Nacht hereinbrechen. Die erste Nacht auf Halonien.
Cheyenne schlief dicht an Adocaz gekuschelt unter dem alten Baum. Sie hatte ihrer Erschöpfung und Müdigkeit bereits bei den letzten am Himmel leuchtenden Chromasternen nachgegeben. Sasha hatte das Feuer in der Nähe ihrer Freundin angemacht, saß nun neben ihr an den Baum gelehnt und betrachtete das unruhig schlafende Mädchen. Dann ließ sie ihren Blick umherschweifen, über den See, vorbei an dem weiten Grasland. Erst als ihre Augen die schützenden Felsen erblickten, betrachtete sie diese länger.
Die letzten drei Chromasterne gaben gerade noch so viel Leuchten ab, dass sie Glaczio sehen konnte, der an einen Felsen gelehnt auf dem Boden saß und das Feuer anstarrte. Die Flammen spielgelten sich in seinen Augen wieder. Er schien es nicht zu wagen, dem wärmenden Glühen näherzukommen.
Sasha erhob sich und ging auf den Heiler zu. Sie kniete sich neben ihn, aber er würdigte sie keines Blickes und betrachtete weiterhin das hellorangefärbige Feuer. Aus nächster Nähe waren seine Augen ausdrucklos und leer.
Seine Kindheitsfreundin fing ein Gespräch an. „Hör auf, so traurig das Feuer da anzustarren, ich muss mit dir reden.“ Sie sprach leise, um Cheyenne nicht aufzuwecken und wartete auf eine Reaktion. Glaczio seufzte, neigte den Kopf in Sashas Richtung und sah sie an. „Was willst du denn, Baby? Ich zweifle doch stark daran, dass du mich fragen willst, ob du mit mir ein bisschen kuscheln darfst, hehe…“ Sasha verdrehte die Augen und grummelte kurz genervt etwas vor sich hin. „Nein, das wollt ich auf gar keinen Fall und das wird auch nie mehr in deinem ganzen Leben passieren, verstanden? Vollidiot… Jetzt hör mal gut zu, ich weiß genau, was du vorhast, es ist offensichtlich, aber ich werd es nicht zulassen, kapiert? Mittlerweile ist es mir echt egal, was du machst… bezüglich auf alle weiblichen, menschlichen Wesen da draußen, die auf deine Masche hereinfallen. Du weißt, ich kann dazu nur sagen, dass du dich was schämen solltest. Aber ich hab die Hoffnung bei dir echt schon aufgegeben, du änderst dich nicht mehr… Argh… Jedenfalls, was ich sagen wollte, war: Hör auf, dich an Cheyenne ranzumachen. Du bist wirklich ein Mistkerl, sie hat dir eine zweite Chance gegeben, die du nicht einmal verdient hast und du nutzt das total aus. Einstellung hin oder her, halt dich zurück, oder dir passiert wirklich mal was, das garantier ich dir. Du weißt, dass ich nicht zögern werde, dich zu töten, sollte sich mir eine passende Möglichkeit bieten. Was damals mit uns passiert ist, das ist eine Sache, aber jetzt… Du bist so unberechenbar geworden, dass ich mir nicht sicher bin, ob du nicht doch irgendwie zu den Rittern zurückgehst, wenn du siehst, dass die Schattendiener dich nicht als Unterstützung haben wollen. Du bist und bleibst nun mal ein Verräter… Und auch wenn ich es nur ungern sage, aber dich zum Feind zu haben ist wirklich nicht gut. Schon gar nicht für Cheyenne. Zurzeit könnte sie nicht einmal drei Sekunden in einem Kampf gegen dich bestehen… Und sie fängt langsam an dich wieder zu mögen, sogar mehr als zuvor… Aber das soll sie nicht. Leider kann ich nichts dagegen tun… Argh… Ich sage es nicht noch einmal so nett und freundlich, wie gerade eben, also hör gut zu… Lass die Finger von Cheyenne, oder du wirst es bereuen. Sie ist die Auserwählte, die überaus wichtig für die Welt ist und noch dazu meine beste Freundin… Und jetzt überleg mal, wer du bist, na, klingelt’s? Du bist der Auserwählte des Lichts, ihr natürlicher Todfeind, allein das sollte dich schon zur Vernunft bringen. Aber wenn dir das noch nicht reicht, dann habe ich hier einen weiteren Grund für dich. Wenn die Schattendiener dich mit ihr zusammen sehen ist das schon schlimm genug, dann sind sie sicher gleich mal verunsichert. Wenn ihr beide ‚Freunde‘ werdet, dann ist das noch schlechter, denn sie werden sich dann fragen, ob die Auserwählte wirklich das Zeug dazu hat, ‚Gut von Böse‘ zu trennen und fangen wahrscheinlich an, Cheyenne zu anzuzweifeln. Wenn da jetzt aber noch mehr zwischen euch vorfällt, dann würden sie ihr möglicherweise sogar misstrauen. Das wäre gar nicht gut. Schattendiener und Auserwählte müssen sich gegenseitig unterstützen und brauchen einander, um die Welt vor dem Ende zu retten. Aber ich bin mir ja nicht mal mehr sicher, ob du wirklich noch großes Interesse am Weiterleben hast, also werden dir meine Argumente egal sein… Wie auch immer, ich werd schon aufpassen, dass Cheyenne sich nicht auf dich einlässt und wenn es das Letzte ist, was ich tue, merk dir das.“ Sasha war aufgebracht und hatte vor Wut auf den Heiler die Zähne zusammengebissen. Dieser hatte sie während der ganzen Zeit angesehen und keine Miene verzogen. Er kniff die Augen ein wenig zusammen und wirkte ungewöhnlich ernst, aber dann hob er einen Mundwinkel zu einem wenig ausgeprägten, fast schon fies wirkenden Grinsen an. „Hehe, du weißt wirklich, wie man Leuten droht, aber ich habe diese Reden deinerseits schon so oft gehört, dass sie ihre Wirkung verloren haben, Baby… Du weißt, dass ich nur mache, was ich will… und das wird sich auch nicht ändern, nur zu deiner Information. Deine Unterstellungen sind diesmal sehr gut durchdacht gewesen, ich bin wahrlich beeindruckt, so viel Intelligenz hatte ich von dir gar nicht erwartet, ein Wunder, hehe… Du hast absolut Recht, ich möchte das Vertrauen meines Engelchens wieder erlangen… aber ein paar deiner anderen Argumente waren nicht korrekt. Niemals wieder werde ich auf der Seite der Lichtritterschaft stehen... Solange Cheyenne am Leben ist, habe ich nicht vor zu sterben. Ich möchte zumindest versuchen, durch sie einen Teil meiner Sünden, die ich als Auserwählter des Lichts begangen habe, wiedergutzumachen. Sie hat mir geholfen und mir eine zweite Chance gegeben, weil sie das verstanden hat. Ich werde diese Möglichkeit nutzen und ihr im Gegenzug meine Hilfe zur Verfügung stellen, denn das bin ich der Welt ohnehin schuldig. Da ich mir alldem bewusst bin, kommt es für mich auch nicht in Frage, die Süße da auszunutzen. In dieser Hinsicht gebe ich dir Recht, Schnuckelchen… Auch wenn Cheyenne wirklich bezaubernd ist und ich wirklich alle Tricks, die ich auf Lager habe, anwenden würde, um sie für mich zu gewinnen, werde ich dies nicht machen. Denn alles, was über das ‚Flirten‘, wie du es nennst, hinausgeht, wäre entwürdigend und entehrend für die Auserwählte, wenn es in Verbindung mit mir stünde und somit auch für die Schattendiener, wie du bereits erwähnt hast. Egal, ob du mir das nun glauben willst, oder nicht, ich spreche die Wahrheit.“ Der Heiler hatte mit leiser, ruhiger und entschlossener Stimme gesprochen, jedoch schien Sasha nicht vollends überzeugt zu sein. Sie traute ihm nicht mehr über den Weg, aber sie beendete das Thema dennoch. „Pff… Wie du meinst. Ich werd dich trotzdem im Auge behalten…“ Damit erhob sie sich und kehrte an ihren Platz neben Cheyenne zurück. Glaczio betrachtete weiterhin die Flammen.
Cheyenne war eingeschlossen in einem Würfel aus Glas. Ihre Füße waren angekettet an einer im Boden verankerten Halterung aus Metall. Vor ihr stand ihre Mutter, die sie nur aus Erzählungen und Beschreibungen kannte. Hinter dem Mädchen tänzelte Falconheart, schnaubte und scharrte wütend. Zu ihren beiden Seiten waren ihre Großeltern. Alle hatten weiße Augen, jeweils einen schwarzen Kristall bei sich und befanden sich außerhalb des Würfels. Der Hengst wieherte ohrenbetäubend laut und trat mit dem Huf auf den vor ihm am Boden liegenden Kristall, worauf dieser in tausende Splitter zersprang. Cheyennes Füße wurden nass und sie blickte zu Boden. Aus einer Öffnung darin trat rotes Blut hervor und stieg langsam an. Als die Flüssigkeit beinahe die Knie des Mädchens erreicht hatte, zerbrach ihr Großvater den schwarzen Kristall mit den Händen und kurz darauf tat es ihm ihre Großmutter gleich. Das Blut im Glaswürfel stieg ungeheuer schnell an und war in Windeseile an ihrer Taille angelangt. Zum Schluss zerbrach auch ihre Mutter den Kristall und ein Chor aus Stimmen ertönte, als das Blut Cheyenne bis zum Hals stieg. „Stirb, stirb, stirb…“ Das Mädchen wollte schreien, aber sie brachte keinen Ton heraus, der rote Saft des Lebens stieg immer schneller und höher und sie wurde durch die Ankettung am Boden festgehalten. Gleich würde sie in ihrer Schuld, dem Leid Anderer und ihren Sünden ertrinken. Wildes, fieses Gelächter brach aus. Plötzlich wurde es Cheyenne eiskalt, doch im Inneren fühlte sie Wärme und Geborgenheit. Das Blut war zu einem Eisklotz gefroren und ihre Lieben, die um den Glaswürfel herumstanden, waren zu Eisskulpturen geworden. Dann zersprang das Eis.
„Guten Morgen, Engelchen. Alles in Ordnung? Du hast schon wieder so unruhig geschlafen, da dachte ich, dass ich mir lieber die Frechheit erlaube und dich aus deinen Träumen in die Realität zurückhole. Wir wollten dich ohnehin gleich wecken, zur Weiterreise.“ Cheyenne lag auf dem Grasboden und blinzelte den Alptraum von sich weg. Hatte sie sich das nur eingebildet, oder war Glaczios Wecken in ihrem Traum die Rettung vor dem Tod gewesen? Sie schüttelte die Gedanken ab, denn sie wollte sich nicht mehr mit diesem erneut grauenvollen Alptraum auseinandersetzen.
Das Mädchen richtete sich auf. Ihr Körper fühlte sich wieder normal an, ihre Lunge schmerzte nicht mehr und sie war wieder ganz die Alte. Cheyenne blickte hinunter zum See und sah Sasha und Adocaz dort. Sie wandte sich wieder an Glaczio. „Ähm, ja… Guten Morgen. Vielen, vielen Dank, dass du mich von diesem verdammten Alptraum befreit hast… Hm, du hattest übrigens gestern Recht. Mir geht’s wieder richtig gut, ich spüre keine Schmerzen mehr und fühle mich stark genug, um weiterzugehen. Wie geht es Adocaz‘ Pfote?“ Der Heiler schien erfreut über Cheyennes guten Zustand zu sein und auch, dass sie seinen Ratschlag berücksichtigte und sich ihren Traum nicht zu sehr zu Herzen nahm. Er griff sich den mit Blättern verbundenen Unterarm seines Schützlings und entfernte das Grün. „Schön, dass es dir besser geht. Adocaz‘ Pfote ist so gut, wie neu. Dank eines Heilzaubers, gewirkt von mir, dem unglaublich begabten und hübschen Heiler, hehe. Sasha wäscht ihm nur noch die Kräuterpaste ab und dann wollten wir uns auf den Weg machen, wenn du einverstanden bist. Deine Wunde hier am Unterarm müsste auch verheilt sein, also gehen wir, sobald du bereit bist, zu den anderen Beiden und du wäschst dir das Zeug hier auch ab. Wenn du durstig bist, ist dieser See dein Freund, denn das Wasser dort ist so rein, als käme es direkt aus einer Quelle. Vielleicht wächst auf dem Grund Lebenskraut, dieses ist zwar sehr selten, aber es existiert, laut Forschern und Pflanzenkunde-Büchern. Es reinigt das Wasser und versetzt es mit ein wenig zusätzlichem Umbraurore, das dir Kraft gibt. Die belebende Wirkung hält aber leider nur für ein paar Stunden an, dann verlässt dich das dazugewonnene Umbraurore wieder. Aber trotzdem hilft es deinem Körper und deiner Seele sich etwas zu regenerieren, wenn notwendig. Es harmoniert mit uns und unterstützt die Lumenium- und Umbraurorefunktionen unserer Körper. Hm… Deine Wunde hier sieht man schon gar nicht mehr, das ist sehr erfreulich. Nun gut, ich würde vorschlagen, wir begeben uns zu den Anderen.“ Cheyenne nickte und der Heiler stand auf. Er nahm die Hand seines Schützlings und half ihr mit einem leichten Anziehen auf die Beine. Das Mädchen stand erst etwas wackelig, aber schnell hatte sie ihr Gleichgewicht gefunden und ging mit Glaczio zu Sasha und Adocaz beim See.
Die junge Frau war gerade damit fertig geworden, Adocaz‘ Wunde zu waschen und stand auf. Sie drehte sich um und erblickte ihre beste Freundin. „Cheyenne! Guten Morgen, hey, dir scheint’s ja besser zu gehen, als gestern. Schön! Adocaz ist auch wieder topfit.“ Der Feenwolf kauerte sich spielfreudig auf den Boden, als er seine Besitzerin auf sich zukommen sah. Dann bellte er und sprang zu ihr hin. Er umkreiste das Mädchen einmal und setzte sich dann an ihre Seite. Fest an ihre Beine gedrückt hatte er die Schnauze in die Luft gestreckt und hechelte fröhlich. Oh, wie schön, dass Adocaz so glücklich ist. Cheyenne streichelte ihren Vierbeiner und bedankte sich bei Sasha. „Es freut mich wirklich, dass es ihm wieder so gut geht, Danke, Sasha. Aber nicht nur in Adocaz‘ Namen, sondern auch in meinem. Die Wunde an meinem Unterarm ist richtig gut verheilt, dank deiner… ähm, Kräuterpampe. Hihi.“ Die junge Frau lachte mit ihrer Freundin und war sichtlich erfreut, dass es allen wieder gut ging.
Cheyenne tapste zum See und kniete sich am Ufer nieder. Seit gestern hatte sie nichts mehr getrunken und war beinahe am Verdursten. Adocaz saß neben ihr, er würde wohl noch eine ganze Weile nicht von ihrer Seite weichen, aber es störte sie nicht. Das Mädchen tauchte die Hände ins kühle, erfrischende, grün-blaue Wasser und schöpfte mit ihnen etwas davon heraus. Sie trank die Flüssigkeit und schon nach wenigen Schlucken war ihr Durst gestillt. Dieses Wasser ist wirklich… einzigartig. Es schmeckt besser als das im Klissave-Gebirge. Und die Farbe ist auch sehr schön. Cheyenne stand wieder auf und ging gemeinsam mit Adocaz zu Sasha und Glaczio zurück. Dann machten sie sich alle auf den Weg, an der Außenseite des großen Gezeitensees entlang.
Nachmittags kamen sie am Fuß des Mount Nightblade an. Felsen, die wieder einen guten Sichtschutz geben würden, waren im Grasboden verankert, welcher sich näher am Berg zu Erde und schwarzem Stein wandelte. Während sie um den See gewandert waren, kam kein einziger Ritter auf der anderen Seite vorbei. Auch andere Leute hatten sie nicht gesehen. Alles blieb ruhig. Dieser Teil Haloniens schien unbewohnt zu sein, obwohl es hier so viel Land gab. Cheyenne fand es schön, dass die Natur hier so unberührt war.
Aus nächster Nähe sah der schwarze Berg noch mächtiger aus als bereits in der Ferne. Das Mädchen konnte jedoch kein Haus erblicken, lediglich ein Tannenwald umgab den Mount Nightblade bis zu einem Drittel. Der Gipfel wurde von bunten Wolken verdeckt. Hm, vielleicht ist das Haus der Ältesten so weit oben, oder so klein, dass man es von hier aus nicht sieht. Oder es wird von ein paar Bäumen oder Felsen verdeckt. Dann sehe ich es vielleicht nur von diesem Standpunkt aus nicht.
Glaczio betrachtete ebenfalls den Berg und wandte sich dann an Sasha. „Hey, Sasha-Mäuschen. Wo genau soll sich eigentlich dieses Haus der Ältesten befinden? Ich bezweifle, dass es mitten auf dem Weg stehen wird.“ Die junge Frau wurde rot, verschränkte die Arme und blickte etwas verlegen zur Seite. „Ähm… nun ja… also… So genau weiß ich das auch nicht…“ Was? Ernsthaft? Cheyenne seufzte entgeistert und der Heiler grinste. Er wechselte einen Blick mit seinem Schützling und betrachtete dann wieder den Berg. „Hehe. Das ist wieder einmal typisch Sasha. Erst handeln, dann nachdenken. Ich habe, um ehrlich zu sein, nichts anderes von dir erwartet, Schnuckelchen. Wie gedenkst du, sollen wir nun vorgehen? Dieser Berg ist riesig, ohne einen Hinweis würden wir ziemlich lange dort oben herumirren. Womöglich ohne Erfolg. Zeitverschwendung. Wir sollten uns überlegen, ob wir nicht auf direktem Weg weitergehen. Wo hält sich eigentlich der Superator auf? Zu diesem sollten wir ja mein Engelchen bringen.“ Sasha hatte sich mittlerweile umgedreht und war kleinlaut geworden. „Ähm… Naja, die Sache ist die… Nur Imperatoren und deren Stellvertreter wissen, wo sich der Superator und sein Schattenclan aufhalten… Bedauerlicherweise weiß ich nicht, wo hier in Halonien die Schattennester sind, also können wir auch nicht nachfragen… Ah, Cheyenne, ich hab das glaub ich vergessen zu erklären. Schattennester, oder auch Schattenlager genannt, sind die jeweiligen Aufenthaltsorte der Schattendiener. Die meisten davon sind eine Art unterirdischer Bunker, mit einer grasüberwachsenen Kuppel, in der sich sogar Fenster befinden. Diese Orte sind riesig, echt schön und teilweise richtig gemütlich, weil sie Großteils aus Holz gebaut sind. Sie sind gut versteckt, damit wirklich nur diejenigen, die den genauen Standort kennen, hinfinden. Und Schattenclans, dazu zählen alle Schattendiener, die unter dem Kommando des jeweiligen Imperators sind. Gut, ich glaube, das wär jetzt alles zu den Schattendienern… Ach ja, Eiszapfen. Ich weiß zwar nicht genau, wo die Ältesten sind, aber ich weiß zumindest, wie man hinfindet. Jetzt staunst du, was? Der Weg soll mit einem Schriftzug der Yin-Yang Sprache gekennzeichnet sein, der in einen Felsblock gemeißelt ist.“ Der Heiler lachte leise und schüttelte langsam den Kopf. Dann zog er die Schultern hoch und seufzte, bevor er sich umdrehte, die Arme verschränkte und die Augen schloss. „Na schön, wenn du denkst, dass uns diese Tatsache nun weiterbringt, dann folgen wir deinem Plan und gehen morgen da hoch. Was bleibt uns auch anderes übrig, als unser Glück zu versuchen? Ich gehe davon aus, dass wir viel Zeit einplanen müssen, deshalb werden wir hier übernachten. Denn ich bezweifle, dass es irgendjemanden weiterbringt, wenn wir nachts auf einem gefährlichen Berg herumwandern.“ Sasha und Cheyenne nickten, Glaczio wandte sich an seinen Schützling und fuhr fort. „Welch Freude, jeder ist einverstanden. Um die Zeit totzuschlagen und sie gleichzeitig sinnvoll zu nutzen, würde ich dir eine kleine Trainingseinheit anbieten, wenn du einverstanden bist, Engelchen?“ Cheyenne nickte wieder und war gespannt, was sie gleich lernen würde. Sasha schien keine Einwände zu haben und setzte sich in einiger Entfernung auf den Grasboden, bevor sie sich auf den Rücken legte und die Beine anwinkelte. Sie neigte den Kopf zur Seite, um ihre Freundin zu beobachten. Adocaz trabte zu der jungen Frau und legte sich ebenfalls nieder.
Glaczio ging an Cheyenne vorbei und stellte sich ziemlich genau in die Mitte zwischen Felsen und See. Über seine Schulter sah er das Mädchen an, bevor er sich umdrehte und sie zu sich rief.
Sein Schützling tapste auf ihn zu und blieb vor ihm stehen. Der Heiler musterte Cheyenne von oben bis unten und schien nachzudenken. „Hm… Oh, ich bin unhöflich. Also, ich habe vor, dir Elementar-Magie näher zu bringen, soweit ich dazu in der Lage bin. Aber es wäre für uns beide viel einfacher, wenn wir dein Element zuerst herausfinden würden… Dies fällt mir jedoch sehr schwer, um ehrlich zu sein… Dein Charakter ist nämlich ziemlich einzigartig, du bist manchmal so temperamentvoll, wie jemand des Elements Blitz. Dann jedoch bist du von Zeit zu Zeit ziemlich ruhig und vernünftig, also käme Wasser auch in Frage. Wenn es einen Grund dafür gibt, bist du gern fröhlich und lachst, demnach sollten wir Erde nicht ausschließen. Deine Intelligenz ist oftmals ziemlich erstaunlich und Kälte macht dir nichts aus, also wäre Eis auch eine Option. Und wenn es darauf ankommt, kannst du auch ziemlich gut und ausdauernd kämpfen, um ein gesetztes Ziel zu erreichen, genauso, wie jemand vom Element Wind… Aber ein Element würde meiner Meinung nach am besten mit dir harmonieren, auch wenn alle auf eine Art und Weise zu dir passen... Deine Willenskraft ist wahrlich bemerkenswert, du weigerst dich stets die Hoffnung aufzugeben, setzt dich sehr für diejenigen ein, die du liebgewonnen hast, und würdest dein Leben dafür geben, nur um sie zu beschützen. Diese Charakterzüge sind bei dir etwas stärker ausgeprägt als alle bisher genannten... Diese Eigenschaften entsprechen dem Element Feuer, welches auch mit deinem Namen übereinstimmen würde. Du solltest wissen, dass der Name ‚Cheyenne‘ in der Yin-Yang Sprache ‚Feuer‘, oder ‚die Feurige‘ bedeutet. Dieser Name war früher sehr selten und nur den mutigsten Kriegern wurde er als Beiname gegeben, wenn sie ihn sich verdient hatten. Mut, die Eigenschaft des Elements Finsternis, ist bei dir genauso stark ausgeprägt, wie deine Hoffnung und dein Wille. Dass du auch das Element Finsternis kontrollieren kannst, sollte eigentlich logisch erscheinen. Ach und nur falls es dich interessiert, hehe… Ein kleiner Anhang zu den Namensbedeutungen, weil du die Yin-Yang Sprache so gern magst. ‚Glaczio‘ bedeutet ‚Eis‘ oder ‚der Eisige‘. Und mein Nachname, den ich dir noch nie verraten habe, weil… nun, als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, wäre es zu riskant gewesen ihn dir zu nennen, immerhin solltest du ja nicht wissen, wer ich bin und normalerweise kennen mich die Leute sofort, wenn ich mich mit vollem Namen vorstelle... Atropax hat stets meinen Familiennamen verbreitet und bei meinem Vornamen durften mich nur Verwandte und Bekannte nennen… Mein Nachname lautet Capriszeé und heißt übersetzt ‚See der Kälte‘, hehe… Bedeutung und Charakter passen sehr gut zusammen bei unseren Namen. Faszinierend, nicht wahr? Ich bin also der Meinung, dass dein Element Feuer ist, aber eines beschäftigt mich. Du hast von jedem Element Charakterzüge, was sehr selten und eigenartig ist, aber du bist ja auch die Auserwählte, also… würde es mich interessieren, ob du vielleicht genau aus diesem Grund, nicht sogar alle Elemente beschwören und als Magie wirken kannst… Einen Versuch ist es wert. Demnach nenne ich das Feuer nun dein ‚Hauptelement‘ und die anderen deine ‚Nebenelemente‘, solange bis ich vom Gegenteil überzeugt werde. Ich bin mir nämlich wirklich ziemlich sicher, dass ich richtig mit meiner Vermutung liege. Da das Element Finsternis eine andere Element-Art ist, welches wahrscheinlich nur du, von allen Wesen dieser Welt, beschwören kannst, zähle ich es als dein zweites Hauptelement. Hm… Wenn ich nun korrekt denke, bist du in den meisten Hinsichten genau das Gegenteil von mir… Dein Element ist Feuer, meines Eis. Du bist weiblich, ich männlich. Du kannst garantiert Elementar-Magie wirken, ich nicht, meine Magie ist auf Lumenium –Basis. Du kannst alle Elemente beschwören, so wie es aussieht, ich eigentlich keines, nur Eis, auf unechter Basis. Und dann… wäre da noch unser Körperaufbau. Während ich ziemlich viel Lumenium in meinem Körper habe, besitzt du sehr viel Umbraurore, das ist, und da bin ich mir ziemlich sicher, auch der Grund, warum du dich immer so schnell erholst und Verletzungen im Handumdrehen bei dir heilen. Du hast so viel der schwarzen Lebenskraft in dir, dass diese dein vorhandenes Lumenium so beeinflusst, das fehlende sehr schnell nachzuproduzieren. Dies funktioniert, indem sich das Lumenium in deinem Körper einfach vervielfältigt, es braucht dafür keines von außen, so wie ich beim Heilen. Dann kannst du noch die Finsternis, das Element des Mutes, kontrollieren und ich… kann Licht beschwören, wenn ich will, das Element der Zerstörung und Verdammnis. Beide sind antik, lassen sich von normalen Leuten nicht mehr beschwören, aber im Gegensatz zu Licht, existiert Finsternis noch in unserer Welt.“
Hm… Meine Hauptelemente sollen also Feuer und Finsternis sein, während es bei Glaczio Eis und Licht sind. Das sind wirklich Gegenteile. Sein Nachname bedeutet See der Kälte. Glaczio Capriszeé heißt also Eis, oder der Eisige, vom See der Kälte? Oh, diese Yin-Yang Sprache ist traumhaft schön… Sogar die Übersetzung in unsere Sprache klingt noch so wundervoll… Mein Name bedeutet sogar Feuer und gilt als Zeichen des Mutes? Wow… Nie im Leben hätte ich gedacht, dass er eine so starke Bedeutung hat, das gefällt mir. Demnach wäre ich… hm… das Feuer der Gesegneten, gesegnetes Feuer, die feurige Gesegnete, oder die gesegnete Feurige. Das hört sich auch alles schön an… Aber Glaczio schätzt mich doch irgendwie total falsch ein… Ich bin nicht mutig… Ich will nur nicht, dass jemandem etwas wegen mir passiert… Und Aufgeben… Naja, eigentlich bin ich nur zu stur, um klein beizugeben, auch wenn die Situation ziemlich ausweglos ist… Aber ich würde das eher Unvernunft, als Durchhaltevermögen und Hoffnung nennen… Aber wenn er meint… Irgendwie will ich seine Schlussfolgerungen nicht anzweifeln, er hat mit sowas eigentlich immer Recht. Aber das wird sich gleich herausstellen, wenn ich versuche Magie anzuwenden. Es wäre ja wirklich… unglaublich, wenn ich alle Elemente beschwören könnte… Ich…
Glaczio beendete seine Analyse und zwinkerte Cheyenne zu. „Nun denn, Engelchen. Lass uns anfangen. Wir beginnen mit Feuer, einem deiner Hauptelemente. Es ist egal mit welcher Magie wir anfangen, was ich dich unterrichten kann, bleibt gleich, denn ich verwende ja kein Umbraurore. Aber die anzuwendende Technik ist im Grunde genommen dieselbe, soweit ich das weiß. Das hat zumindest Atropax behauptet. Also, hör gut zu. Um einen Zauber zu wirken, ist höchste Konzentration erforderlich. Irgendwann bist du automatisch konzentriert, jedoch stehst du noch am Anfang, deshalb musst du dich wirklich bemühen, ja? Zunächst wird es einfacher für dich sein, wenn du deine komplette Umgebung und alle Geräusche ausblendest, aber später bei echten Kämpfen musst du wieder auf alles konzentriert sein. Denk an das, was ich dich in Saraley gelehrt habe. Wenn du mit Magie und Waffe kämpfst, hast du zwar einen Vorteil, musst aber doppelt so gut aufpassen und noch vorsichtiger sein. Du bist dir selbst verpflichtet, deine Umgebung dann komplett und bis ins kleinste Detail wahrzunehmen, dich aber gleichzeitig auch auf das Kämpfen zu konzentrieren. Warum? Wenn ein Feind dich von hinten angreift und du bist zu stark auf einen Zauber fixiert, bemerkst du ihn nicht, weil deine Instinkte durch die Magie abgelenkt sind. Aber nun befinden wir uns ja noch in der Trainingsphase, also konzentriere dich erst einmal nur auf den Zauber, welchen du wirken willst. Du wirst eines Tages Magie und Kampfkunst perfekt beherrschen können und dabei noch deine Umgebung wahrnehmen, da mache ich mir keine Sorgen. Für die Auserwählte wird das doch ein Kinderspiel werden. Es liegt dir im Blut…“ Cheyenne hörte gut zu, aber sie war sich nicht sicher, ob sie irgendwann tatsächlich so eine gute Kriegerin wird, wie Glaczio glaubte. Jedoch schien er sehr überzeugt zu sein und sie nickte nur zaghaft, dann fuhr er fort. „Neben Konzentration benötigst du noch kontrollierte Willenskraft. Ich schätze, das wird für den Anfang der schwierigste Punkt werden. Du musst dir Feuer vorstellen, es in dir entfachen und lodern lassen, du musst es spüren, seine Hitze, seine Hoffnung, seine Stärke. Du musst Eins mit dem Feuer werden, damit du es richtig kontrollieren kannst. Beschwören müsstest du es bereits können, wenn du nur daran denkst, aber du musst dich mit ihm verbinden, damit es dir gehorcht und genau das macht, was du von ihm verlangst. Das ist der Punkt, an dem du selber arbeiten musst und welcher am wichtigsten ist. Wenn du Willens- und Vorstellungskraft miteinander verschmelzen und kontrollieren kannst, beherrscht du die Magie. Aber auch wenn du die Auserwählte bist und das alles irgendwann kein Problem mehr für dich ist, vermute ich, dass es noch ein weiter Weg bis zur völligen Zauberbeherrschung ist. Verlasse dich in Kämpfen noch nicht darauf. Ach ja, wo wir gerade bei diesem Thema sind… Wenn du nicht die Ruhe in Person bist, genauso, wie beim Kämpfen mit Waffen, wirst du keine Magie zustande bringen können, behalte dir das gut in Erinnerung. Nun gut, der finale Punkt, um einen Zauber zu wirken, wäre, dein Umbraurore auf einen Punkt zu konzentrieren. Wenn du ein Gespür dafür entwickelt hast, kannst du es nach Bedarf verstärken, oder verringern. Für den Anfang empfehle ich, den Punkt in einer deiner Handflächen auszuwählen, ich schätze, das ist die einfachste Methode. Später kannst du einen beliebigen Punkt in deiner näheren Umgebung und an deinem ganzen Körper auch auswählen. Bei Feuer erscheinen mir jedoch eigentlich nur die Hände als sinnvoller Ausgangspunkt, aber du kannst ja damit experimentieren. Vielleicht findest du eine Technik, die wahrhaftig vorteilhaft und wirkungsvoll ist, wenn das Feuer von einer anderen Stelle ausgeht. Das wären soweit die Grundlagen. Ach, bevor du dich wunderst. Elementar-Magie bedarf keiner magischen Zirkel. Diese erscheinen nur, wenn Lumenium-Struktur umgewandelt wird. Denke an meine Heil- und Eiszauber als Beispiel. Bei Elementar-Magie wirst du nur von einem leichten, bei Tag fast nicht erkennbaren Schein, oder eher einem schwachen Leuchten umgeben, der an das jeweilige Element, in deinem Fall Feuer, erinnert. Deine Augen fangen an in deiner Augenfarbe zu leuchten, aber sobald der Zauber verwirkt ist, kehren sie in den Normalzustand zurück. Keine Sorge, untertags ist dieser Zustand schwer erkennbar und deine Sicht wird keineswegs beeinträchtigt. Nun gut, dann versuche es doch einmal. Aber stelle dich bitte in Richtung See, falls etwas… nicht so, wie geplant laufen sollte, hehe. Aber um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass du beim ersten Mal schon ein Feuer entfachen kannst. Nun, wir werden sehen.“ Wenn ich das richtig verstanden habe, soll ich in meinem Inneren durch Willens- und Vorstellungskraft die Umbraurore-Frequenz zu Feuer-Elementar-Magie ändern. Ich muss konzentriert und ruhig sein und meine Kraft auf einen Punkt fokussieren…. Hm… Das ist ziemlich viel auf einmal… Hoffentlich kriege ich das hin… Naja, irgendwie wird das schon funktionieren, ich muss nur genug daran glauben und es so lange versuchen, bis ich erfolgreich bin. Also… durch einen Funken meines eigenen Umbraurores ein Feuer entfachen und es mit Umgebungs-Umbraurore am Leben halten und seine Stärke kontrollieren… Na dann mal los…
Glaczio stellte sich neben Cheyenne, etwas Abstand haltend. Hey, hat der Feigling etwa Angst, dass er gleich verbrennt wird? Mir sollte mein eigener Zauber ja keinen Schaden zufügen, ich beschwöre ihn ja. Er ist somit quasi ein Teil von mir. Aber Moment mal… Glaczios Element ist Eis… Vielleicht hält er deshalb lieber Abstand, weil er Feuer vielleicht nicht sonderlich mag und es ihn vielleicht mehr verletzen könnte als andere Elemente. Zum Glück ist das nur beim Kämpfen eine Einschränkung und nicht in Allem anderen. Denn dann könnte er ja nicht mal in meiner Nähe sein, geschweige denn mich umarmen und mir auf die Schulter klopfen. Heilen könnte er mich dann auch nicht. Aber manchmal wäre es gar nicht so schlecht, wenn er mir nicht zu nahe kommen könnte… Naja, wenigstens hätte ich im Kampf gegen ihn einen Vorteil, hihi. Also schön, dann versuche ich jetzt mal ein Feuer zu beschwören… Oder… vielleicht sollte ich mir lieber erst ein kleines Flämmchen vorstellen… Für den Anfang… Immerhin hab ich ja keine Ahnung, was gleich passiert.
Cheyenne atmete tief durch und hob dann eine Hand. Sie streckte diese nach vorne und versuchte sie parallel zum Boden zu halten, so, wie das Mädchen es bei Glaczio beobachtet hatte. Doch dann senkte sie den Arm wieder und dachte nach. Wenn ich die Hand so ausstrecke, dann zaubere ich ja nach unten, oder von mir weg, aber… eigentlich will ich die Flamme ja schon sehen… Außerdem… will ich nicht den Boden hier anzünden… Cheyenne winkelte ihren Arm an, sodass sie die Handfläche sehen konnte. Trotzdem war das Mädchen noch unsicher. Der Heiler schien das zu bemerken und trat näher an seinen Schützling heran. „Hey, Engelchen, keine Sorgen, der Boden wird schon nicht in Flammen aufgehen, die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr gering. Hm, du willst dich für den Anfang an einem kleinen Funken versuchen, habe ich Recht? Nichts anderes habe ich erwartet, hehe. Du lässt es langsam angehen, das ist gut, aber gleichzeitig musst du wirklich wollen, was du vorhast und nicht zögern.“ Glaczio nahm die Hand des Mädchens und richtete sie ein paar Zentimeter weiter von ihr weg, ihr Arm befand sich nun ungefähr in einem rechten Winkel und beinahe schon wieder parallel zum Boden. Der Heiler schlich wie eine Katze dicht hinter seinem Schützling vorbei und griff sich auch ihre zweite Hand. Diese führte er zu der anderen und stand nun vor Cheyenne. Glaczio formte ihre Handflächen nun zu einer schalenähnlichen Krümmung. So hielt sie ihre Hände auch immer, wenn sie Wasser schöpfte, um es zu trinken. Der Heiler schien mit seinem Werk zufrieden zu sein und stellte sich wieder an die Seite des Mädchens.
Cheyenne versuchte nun sich zu konzentrieren und sich Feuer vorzustellen, sie sammelte etwas ihres körpereigenen Umbraurore auf den Punkt in ihren Handflächen, aber nichts geschah. Sie strengte sich mehr an, mit demselben Ergebnis. Nach ein paar Minuten seufzte sie und der Heiler gönnte ihr eine Pause. „Hey, immer ruhig bleiben, Engelchen. Übertreibe es nicht. Sag mir lieber, an welches Feuer du denkst. An das, welches du gestern Abend vor dem Einschlafen gesehen hast? Wenn ja, dann wird die Magie nicht funktionieren, Püppchen. Das ist der Punkt, der schwierig und nicht leicht zu verstehen ist. Du darfst nicht an irgendein Feuer denken, nein. Du musst durch deine Willenskraft ein eigenes Feuer in dir entfachen. Nimm das nicht wortwörtlich, aber es dir nur vorzustellen reicht nicht. Du musst deinen Willen miteinfließen lassen, du musst wollen, dass das Feuer mit dir harmoniert und sich von dir steuern lässt, denn von alleine macht es das nicht. Erst wenn du die Willenskraft mit der Flamme in dir, die du dir vorstellst, verbindest, entsteht dein eigenes Feuer. Dieses muss dann deine Vorstellung übertreffen und wenn das erfolgreich ist, kannst du Magie wirken. Ich weiß, es ist kompliziert, aber du schaffst das.“
Cheyenne versuchte es noch einmal. Diesmal schloss sie ihre Augen und hielt sich genau an das, was der Heiler ihr geraten hatte. Sie entfachte das Feuer in sich und spürte, wie es in unendlicher Hoffnung aufloderte. Die Willenskraft erhielt es am Leben, es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl von Wärme, Zuversicht und wilder Entschlossenheit. Das Gefühl von Feuer.
Das Mädchen konzentrierte sich auf den Punkt in ihren Handflächen und öffnete die Augen wieder, die Flammen in ihrer Seele lodernd. Plötzlich spürte sie ihren Herzschlag, als wäre er eine Druckwelle, die von ihrem Herzen ausging. Aber nur für einen Schlag. Ihr ganzer Körper wurde von der Hitze des Feuers durchströmt, aber es schmerzte nicht. Cheyennes Sicht wurde umrandet von dem Leuchten ihrer roten Augen, aber es beeinträchtigte ihr Sehvermögen in keiner Weise. Als der Herzschlag verklungen war, erschien für den Bruchteil einer Sekunde eine kleine Ansammlung an Umbraurore in ihren Händen, woraus unmittelbar danach eine Flamme entzündet wurde. Sie schwebte in Cheyennes Händen und fühlte sich enorm heiß an. Aber das Mädchen schien von der enormen Hitze nicht verletzt zu werden, auch war sie nicht unangenehm und nach kurzer Zeit hatte sie sich an das Gefühl gewöhnt. Für gewöhnlich stach Hitze eines Feuers und verbrannte einen, nicht so diese eigene Flamme Cheyennes. Das Stechen und der Schmerz war nicht vorhanden, aber die lebhafte Hitze blieb.
Es war ein unglaublich schönes Gefühl für das Mädchen. Auf der einen Seite war es der Erfolg, auf der anderen fand sie es einfach nur faszinierend, dass sie so etwas zustande brachte. Für sie war dieser Moment unbeschreiblich und sie fühlte sich sogar glücklich und vergaß für die paar Sekunden, in der sie das Feuer hielt, all ihre Sorgen und Hoffnung durchströmte sie. Aber schon nach einer kurzen Weile konnte sie die Flamme nicht mehr kontrollieren und sie erlosch. Erst jetzt merkte Cheyenne, wie viel Energie diese Magie gekostet hatte und sie war leicht erschöpft. Glaczio legte einen Arm um die Schultern seines Schützlings und drückte das Mädchen an sich. „Engelchen, das war wahrlich beeindruckend und erstaunlich. Ich habe ehrlich nicht erwartet, dass du gleich bei deinem ersten Versuch so eine kontrollierte, schöne, kleine Flamme zaubern kannst, die dann auch noch solange anhält. Jetzt solltest du erst einmal eine kleine Pause machen, denn anfangs, wenn du es noch nicht gewöhnt bist mit Magie umzugehen, ist es sehr anstrengend und ermüdend. Ich glaube, du hast das Prinzip verstanden und wenn du willst, kannst du im Laufe des restlichen Tages immer wieder eine Flamme beschwören, oder dich auch an anderen Elementen versuchen, es herrscht dasselbe Prinzip. Vergiss jedoch nicht, dass es erschöpfend ist und auch, wenn du es lernen solltest, übertreibe es nicht, ja? Es wäre nämlich erdenklich ratsam, dass du für morgen gut ausgeruht und bei vollster Kraft bist, aber so wie ich dich kenne, wirst du es ohnehin langsam angehen. Jetzt im Moment bist du wahrscheinlich voller Tatendrang, aber in ein paar Sekunden kehrt die Vernunft zurück und du hörst auf meine Worte, da würde ich mit dir wetten, hehe. Ich bin wirklich stolz auf dich, Püppchen. Wenn du noch etwas über Magie wissen, oder meine Ratschläge für das Beschwören in Anspruch nehmen willst, bist du herzlichst eingeladen, mich zu fragen. Ich werde mein Bestmöglichstes geben, um dir weiterzuhelfen. Wenn du erlaubst, würde ich auch eine weitere Trainingseinheit einschieben, nach dem Besuch bei den Ältesten. Bis dahin übst du einfach ein bisschen alleine. Schließlich kann ich nicht immer bei dir sein und an deiner Seite stehen, wenn du kämpfst, um dir Ratschläge zu geben. Natürlich versucht der tapfere, mächtige Held dennoch stets zu Diensten seiner edlen Prinzessin zu sein und sie zu beschützen, wo er nur kann. Er würde ihre Hoheit gerne so sehr beeindrucken, dass sie ihm vielleicht am Ende doch ein Küsschen gibt, hehe… Das hast du wirklich gut gemacht, Engelchen…“ Der Heiler setzte einen freundlichen, gütigen Blick auf, dann schmunzelte er und löste den Griff. Cheyenne freute sich über das viele Lob und dass sie es geschafft hatte, Magie zu beschwören. Von ganzem Herzen bedankte sie sich bei Glaczio. „Vielen Dank, das ist genial. Magie fühlt sich wirklich wundervoll an. Ich werde daran arbeiten, damit ich bald so gut zaubern kann, wie du. Tausend Dank.“
Der Heiler nickte erfreut und blickte wieder in Richtung Mount Nightblade. „Nicht der Rede wert, Engelchen. Also, bevor es dunkel wird, werde ich mich noch etwas umsehen. Ich schätze, dort vorne ist der Weg, dem wir folgen müssen, um auf den Berg zu gelangen. Ich sehe mir diesen etwas genauer an, vielleicht finde ich ja schon einen Hinweis auf das Haus der Ältesten… Zudem würde ich mir gerne noch ein Bild von der Stabilität und Sicherheit des Weges machen. Es wäre möglich, dass aufgrund des Lumenium-Mangels einige Stellen einsturzgefährdet sind… Nun gut, wir sehen uns später, meine zwei Häschen, nicht weglaufen, ja? Hehe.“ Damit ging Glaczio an Cheyenne vorbei und Sasha erhob sich, ebenso Adocaz. Es schien, als hätte die junge Frau keine Einwände und sie kam auf ihre Freundin zu. Aber das Mädchen war ebenfalls neugierig und wollte den Heiler begleiten. „Warte mal, Glaczio. Kann ich mitkommen? Ich würde mich auch gern ein bisschen mit der Umgebung vertraut machen.“ Der Heiler blieb stehen und blickte sie aus den Augenwinkeln über die Schulter an. Er schien überrascht zu sein, dass Cheyenne freiwillig mit ihm mitgehen wollte. Auch Sasha schien etwas verwirrt zu sein, denn schließlich war es eigentlich Glaczio, der den beiden Freundinnen auf Schritt und Tritt folgte und nicht das Mädchen selbst. Hm, ich glaube, das kam für die zwei jetzt unerwartet. Aber hier herumzusitzen und zu warten, bis ich wieder genug Kraft und Konzentration zum Zaubern hab, wär mir nicht so recht… Ich würde wirklich gerne den Weg prüfen… Es soll nicht noch mal so etwas, wie beim Klissave-Gebirge passieren… Cheyenne versuchte die Situation etwas aufzuklären. „Also, ich mein ja nur. Ich würde mir auch gern selber ein Bild machen, vier Augen sehen mehr als zwei, oder? Ich will nicht, dass noch einmal so etwas, wie im Klissave-Gebirge passiert… Das ist eigentlich der einzige Grund, warum ich mitkommen will und weil ich weiß, dass ihr mich nicht alleine gehen lassen würdet.“ Der Heiler schien nun zu verstehen und erklärte sich einverstanden. „Wenn dem so ist… Natürlich darfst du mich begleiten, obwohl es dir nicht viel bringen wird, denn ich bezweifle, dass du feststellen kannst, wie viel Lumeniumgehalt der Boden hat. Selbst, wenn du das herausfinden könntest… wüsstest du die Daten, oder könntest du sie ausrechnen, um einen Vergleich anzustellen? Wenn du das schaffen würdest, müsstest du noch Wetter, Zeit, Belastung, andere Bedienungen und alle möglichen Wahrscheinlichkeiten in deine Berechnung miteinfließen lassen, um den ungefähren Prozentwert der Sicherheit festzustellen. Sei mir nicht böse, wenn ich dir das jetzt sage, aber ich bezweifle, dass du viel von Mathematik und Physik verstehst, geschweige denn, damit so gut umzugehen weißt, dass du alle Werte im Kopf ausrechnen kannst, ohne einige Fehler zu machen, welche am Ende zu einem verfälschten Ergebnis führen. Das ist genau das, was ich bei dir so schade finde… Hättest du eine gute Schule besucht, könntest du all dies, da bin ich mir sicher, aber die Umstände waren leider nicht gegeben. Es brächte dir also nicht viel, wenn du mit mir mitgingst. Hör dir dann lieber das Ergebnis an, du bist die Erste die es erfährt, denn ich kann eine zu hundert Prozent korrekte Analyse abliefern. Das wurde mir wissenschaftlich nachgewiesen, ich bekam sogar eine Auszeichnung für meine Intelligenz, da kannst du Sasha-Mäuschen fragen, hehe. Zudem fühle ich manchmal, wenn an einem Ort viel, beziehungsweise zu wenig Lumenium, als allgemein bereits, ist. Liegt daran, dass ich Heiler bin und der Auserwählte noch dazu… Hehe, aber für einen kurzen Moment habe ich wirklich geglaubt, du willst mit mir mitkommen, weil du es nicht ertragen kannst, ohne mich zu sein. Nun, es ist doch verständlich, dass die edle Prinzessin ihren wunderschönen Helden vermisst, hehe. Sie kann eben einfach nicht mehr ohne ihn leben.“ Cheyenne wurde rot im Gesicht und drehte ihm die kalte Schulter zu, während sie gespielt arrogant den Kopf hob. „Hmpf, ich habe doch schon gesagt, dass ich auch allein gegangen wäre, das hat nichts mit dir zu tun. Aber wenn du es genau wissen willst: Früher wäre ich nie freiwillig mit dir wohin gegangen, aber jetzt hab ich mich schon etwas an deine Art und so gewöhnt, also stört es mich nicht mehr. Und ich hätte ja auch einen Vorteil daraus gezogen, aber was du soeben gesagt hast, wird wohl stimmen. Ich kann ja wirklich nicht so gut rechnen. Aber du musst mir dann wirklich die Wahrheit sagen, ich will nicht, dass jemandem etwas passiert, aber ich glaube, du auch nicht.“ Der Heiler legte den Kopf schief und grinste, während er darauf wartete, dass Cheyenne ihn wieder ansah. „Engelchen… was soll denn, ich zitiere, ‚Früher wäre ich nie freiwillig mit dir wohin gegangen, aber jetzt hab ich mich schon etwas an deine Art und so gewöhnt, also stört es mich nicht mehr‘ heißen? War das ein indirektes Freundschaftsangebot?“ Cheyenne dachte kurz nach, das hatte sie eigentlich nicht andeuten wollen, aber sie überlegte, eventuell zuzusagen. Hm… Naja, eigentlich hat er seit Wacoralis keine Dummheiten mehr gemacht, die Sasha, Adocaz und mir geschadet hätten, im Gegenteil, eigentlich hat er uns immer geholfen, wo er nur konnte. Aber wenn wir durch die Bezeichnung ‚Freundschaft‘ verbunden sind… also, Freunde müssen sich doch gegenseitig vertrauen, aber das kann, soll und will ich ja eigentlich bei ihm nicht… Andererseits wäre es ein Zeichen meines Dankes, dass er mich immer wieder aus brenzligen Situationen befreit und irgendwie sind wir ja ohnehin schon sowas wie Freunde. Hm, ich werde jetzt einfach zusagen, damit er weiß, dass ich bereit wäre ihm zu vertrauen und vielleicht nimmt er sich das dann so zu Herzen, dass er ein zu schlechtes Gewissen hätte, mir in jemals wieder in irgendeiner Form zu schaden. Naja, schlechtes Gewissen und Glaczio passen eigentlich gar nicht zusammen, aber einen Versuch ist es wert. Vielleicht mach ich mir ja auch ganz umsonst solche Gedanken. So oder so, wird mir Sasha den Kopf abreißen. Cheyenne seufzte und wandte sich wieder Glaczio zu. Sie verschränkte die Arme, nickte und lächelte herausfordernd. „Hm, wenn du es als solches verstanden hast, dann ja. Wir sind ohnehin schon so gut wie Freunde, das Einzige, was dieser Bezeichnung noch im Weg steht, ist, dass ich dich bisher nur als Gefährten angesehen hab und du weißt auch warum. Aber auch wenn wir jetzt eine Freundschaft pflegen, gelten nach, wie vor die alten Bedingungen, ja?“ Der Heiler nickte und verbeugte sich gekonnt schauspielerisch. Er schien sich aber ernsthaft zu freuen und zwinkerte Cheyenne zu. „Hehe, es ist mir eine ausgesprochene Ehre, dich in meinem Freundeskreis willkommen zu heißen, Engelchen. Also dann, wir sehen uns später.“ Glaczio hob die Hand zum Abschied und verschwand hinter den Felsen.
Cheyenne drehte sich zu Sasha und Adocaz herum und blickte in entgeisterte Gesichter. Der jungen Frau war die Kinnlade heruntergefallen und sie hatte eine Augenbraue hochgezogen. Adocaz hob eine Pfote und strich mit dieser über seine Schnauze, als würde er sich schämen. Das Mädchen stämmte die Hände in die Hüften und legte vorwurfsvoll den Kopf schief, bis sie bemerkte, dass es keine Wirkung auf den Feenwolf und ihre beste Freundin hatte. Also senkte die Schultern, seufzte, ließ die Arme und den Kopf hängen und schüttelte diesen dann langsam. Aber eigentlich wollte Cheyenne sich nicht rechtfertigen, denn schließlich hatte sie ja genau gewusst, was sie tat. Deshalb wechselte das Mädchen das Thema. „Ähm, Sasha, hör auf mich so anzustarren, ja? Ich weiß schon, was ich tue, keine Sorge, sag mir lieber, was wir jetzt machen werden. Ich will eigentlich nicht die ganze Zeit hier herumsitzen und auf Glaczios Rückkehr warten… Ich schätze, das wäre dir auch zu langweilig.“ Sasha seufzte ebenfalls und Adocaz winselte und ließ sich zur Seite fallen. Aber die junge Frau vertraute Cheyenne und akzeptierte ihre Entscheidung. „Hm, naja, es ist deine Sache, was du machst, aber ich hab dich gewarnt. Jetzt ist er garantiert noch nerviger als je zuvor. Aber du wolltest es ja so. Ich werd ihn trotzdem im Auge behalten und du darfst ihm auch nicht zu sehr vertrauen, aber ich geh davon aus, dass dir das klar ist. Gut, ähm, ja, hier rumsitzen will ich auch nicht. Also, ich hab Hunger, wie wär’s wenn wir ein paar Birnen pflücken gehen? Da fällt mir ein, dass ich die Einzige bin, außer Adocaz, die gestern was gegessen hat. Glaczio war ja die ganze Zeit bei dir und du hast so lange geschlafen. Am Abend hab ich dann ganz vergessen dich zu fragen, ob du eine Birne willst. Mehr gibt’s hier leider nicht. Adocaz hat sich ein Kaninchen gefangen, aber ich weiß nicht so recht… Ich meine, klar könnten wir auch eins töten, aber ich hab noch nie im Leben was gekocht und Glaczio… ähm… naja, du kannst dir vorstellen, dass es ihm so wie mir geht. Ja und diese Birnen sind echt nicht schlecht. Ich würde sie nicht mal Notlösung nennen, dafür schmecken sie zu gut, hihi. Also, komm, lass uns unser Abendessen pflücken gehen. Ist das ein guter Vorschlag oder was?“ Cheyenne nickte und lächelte, dann winkte Sasha sie zu sich, Adocaz erhob sich und die Drei gingen einen Teil des Weges, auf dem sie gekommen waren zurück, um zu den Birnbäumen zu gelangen.
Die junge Frau schwärmte von den Früchten, die in Gelb und Hellgrün von den Ästen hingen. „Also, Cheyenne, ich sag’s dir, diese Birnen werden dich von den Socken hauen, die sind so genial, das glaubst du nicht. Wir haben wirklich Glück, dass die hier wachsen und wir sie völlig umsonst bekommen, hihi. Wenn es auf Märkten überhaupt annähernd so wahnsinnig gute Früchte gibt, wären die sicher irrsinnig teuer.“ Cheyenne wechselte nur einen etwas ungläubigen Blick mit ihrem Feenwolf, der an ihrer Seite trottete. Werd ich auch so begeistert von den Birnen sein? Hm… Birnen… Wir haben selten welche im Haus gehabt, es gibt sie in der Hauptstadt nur auf dem Markt und sie werden importiert. Großmutter hat ohnehin immer gesagt, diese Früchte wären sehr selten in Luminastrelle. Wir haben dafür ziemlich viele Apfelbäume und in der Nähe von Mediasilva hab ich außer vielen Beerensträuchern auch diverse Nussbäume gesehen. Naja, die Wachstumsbedienungen der Früchte sind vermutlich auf dem jeweiligen Kontinent besser. Hm, jetzt, da ich so darüber nachdenke… Eigentlich bin ich gar nicht wirklich hungrig. Komisch. Naja… vielleicht liegt es ja daran, dass ich so viel geschlafen hab… Aber ich bin ja heute auch schon den ganzen Tag herumgelaufen, also eigentlich versteh ich das nicht ganz. Sasha hat gesagt, dass Glaczio auch nichts gegessen hat… Das wird ja wohl nicht daran liegen… dass wir Auserwählte sind? Aber ich versteh das nicht, früher wäre ich bereits vor Hunger gestorben… Warum verändere ich mich erst jetzt so stark… Cheyenne seufzte leise, aber Sasha bekam dies nicht mit.
Als sie bei den Birnbäumen ankamen, kletterte die junge Frau auf einen davon und trennte einige Früchte von den Ästen ab. Sie ließ sie nach unten fallen, wo bereits Cheyenne stand und sie auffing. Eine kleine überreife Birne, die ganz von alleine hinunterfiel, landete mit einem dumpfen Geräusch direkt auf Adocaz‘ Kopf. Er winselte kurz, dann bellte er erschrocken und zerbiss die Frucht. Er nieste, zog die Lippen hoch, schleckte sein Maul wild mit der Zunge ab und schüttelte sich, weil der Geschmack offenbar nicht sein Fall war. Die beiden Freundinnen lachten und sammelten dann weiter Früchte, während der Feenwolf sich etwas von den Bäumen entfernte.
Als sie genug gesammelt hatten, sprang Sasha wieder auf den Boden herab und nahm ihrer Freundin die Hälfte von den Früchten ab, damit diese nicht so viel tragen musste. Mit Adocaz an der Spitze gingen die drei Gefährten zurück zu den Felsen. Die junge Frau steuerte den See an. „Cheyenne, lass uns doch diese Birnen noch schnell etwas abwaschen. Dann sind sie sauberer und wirken sogar noch belebend.“ Cheyenne nickte und folgte ihrer Freundin zum Ufer. Dort setzten sich beide nieder. Adocaz trank kurz etwas Wasser, dann erblickte er ein Kaninchen und stürmte ihm nach. Schon nach kurzer Zeit hatte er es erlegt und kam mit der Beute zu den zwei Freundinnen zurück. Er legte sich ins Gras und kaute genüsslich auf dem toten Tier herum.
Sasha fing an die Birnen ins Wasser zu tauchen. „Ich denke, wir haben genug für alle gesammelt, also wenn der Eiszapfen auch eine Birne haben will, wär das kein Problem. Obwohl er sich auch selbst welche holen könnte.“ Eigentlich ist der Ausdruck ‚Eiszapfen‘ ziemlich fies, wenn man bedenkt, dass seine Körpertemperatur unfreiwillig so stark gesenkt wurde… Aber ich glaube, Sasha nennt ihn schon aus Gewohnheit so und es scheint ihn ja auch nicht sonderlich zu stören. Trotzdem würde es mich langsam wirklich interessieren, warum sie ihn immer so fies behandelt. Ich meine, ja er ist ein Vollidiot, aber trotzdem… Was ist da wohl passiert, dass sie ihn so sehr hasst? Cheyenne tauchte ebenfalls eine Birne ins Wasser und beschloss Sasha zu fragen, aber sie würde diesmal wirklich klar machen, dass die Antwort auf freiwilliger Basis gegeben werden soll, denn Glaczio hatte ihr ja bereits gesagt, dass sie ihre Neugier unter Kontrolle halten sollte. Dies war so eine Situation. „Ähm… Sasha? Also, ich bin nur neugierig, aber ich will nicht, dass du mir eine Antwort gibst, wenn du nicht willst. Du sollst dich zu keiner Aussage gedrängt fühlen, oder so… Also… es würde mich wirklich interessieren, warum du Glaczio so überhaupt nicht leiden kannst. Er mag ja anstrengend sein und manchmal Sachen sagen, die er lieber für sich behalten sollte, aber trotzdem. Ich finde, das allein reicht noch nicht aus, um jemanden so sehr zu hassen... Auch das mit dem Experiment, durch das du Gestaltwandeln kannst, ist kein guter Grund… Er hat mir etwas darüber erzählt und gesagt, dass es nicht sein Fehler war, sondern irgendwelche idiotischen Forscher seine Daten gestohlen haben und ich glaub ihm das… Ich schätze, du weißt auch, dass es wahr ist, aber du willst es nicht zugeben, oder nicht akzeptieren… Er hat mir anvertraut, dass es ihn manchmal sehr verletzt, wenn du so fies zu ihm bist, aber er scheint dein Verhalten dennoch zu verstehen. Also versteh mich nicht falsch, ich will jetzt nicht erreichen, dass du freundlich zu ihm bist, nein, eigentlich verdient er es ja, wenn wir ehrlich sind, aber trotzdem… Tut mir echt leid, dass ich so neugierig bin, aber ich würd eben einfach wirklich gern wissen, wie aus Kindheitsfreundschaft solch ein Hass entstehen kann. Du musst nicht antworten, ich würde es verstehen, ich weiß ja, dass das ein sensibles Thema ist…“ Sasha starrte auf den See hinaus und wirkte, wie eingefroren. Dann seufzte sie und betrachtete die Birne in ihrer Hand. „Ich versteh, warum du fragst, aber das ist nicht so einfach zu erklären … Da müsstest du schon die ganze Wahrheit kennen… Aber ich hab ja eh gesagt, dass ich dir mal alles über mich verraten werde, also… ich schätze, jetzt ist die Zeit gekommen, um dir meine Lebensgeschichte zu erzählen.“
Sasha legte die gewaschene Birne neben sich und senkte ihren Blick. Sie atmete tief durch und schloss kurz die Augen. Dann begann sie zu erzählen. „Ich wurde in der Hauptstadt geboren und hab von da an mit meiner Familie, bestehend aus Mutter, Vater, Tante und Bruder in einem kleinen, verfallenen Haus in der Unterstadt gelebt. Es kann sein, dass ich dich schon einmal gesehen hab, aber dann könnt ich mich daran nicht mehr erinnern. Auch Xaver kommt mir nicht bekannt vor. Meine Familie hatte nicht mal ein Feld zum Bestellen gehabt und mein Vater musste sich mit unterbezahlten Arbeiten zufriedengeben, die sogar seine Gesundheit gefährdet haben. Manchmal hat er in der Oberstadt sauber machen müssen und noch andere solche Dinge. Die meiste Zeit hat er in der Metallschmiede gearbeitet, die mittlerweile nur noch eine Ruine in der Unterstadt ist und so gut, wie keine Fenster hatte, nur so ganz kleine, die kaum frische Luft hereinlassen konnten. Du kennst sie vielleicht, immerhin warst du auch mal ein kleines Kind und die spielen gern in solchen Orten. Mein Vater hat dort Rüstungen für die Ritterlehrlinge und niedere Ritter hergestellt, deren Ausrüstung nicht wirklich besonders ist, den ganzen Tag ohne Pause. Manchmal auch Schwerter, oder andere Dinge für die Oberstadt. Die Ritter haben die armen Leute alles ‚Unwichtige‘ herstellen lassen, weil sie genau gewusst haben, dass wir immer ganz dringend Geld brauchen und schwere Arbeit dafür in Kauf nehmen würden. Außerdem hatten sie uns auch unter Druck gesetzt. Einmal war ich bei meinem Vater in der Schmiede, um ihn von der Arbeit abzuholen. Dort drinnen war so heiße, stickige Luft, dass ich kaum atmen konnte und danach hatte ich enorme Lungenschmerzen, weil giftige Gase in der Luft waren, das Feuer wurde mit verbranntem Müll angefacht... Ich hab mich nie gewundert, wenn mein Vater zuhause Hustenanfälle bekommen hat… Er ist oft zusammengebrochen, weil er zu viel und hart geschuftet hat, aber er ist jeden Tag wieder zur Arbeit gegangen, weil er unbedingt Geld für uns und meine Mutter aufbringen wollte. Irgendwann ist er dann nicht mehr nach Hause gekommen. Da war ich vier und bin vor dem Haus gesessen, bis mich meine Tante reingeholt hat. Ich hab sie gefragt, wann Papa nach Hause kommt, aber da hat sie nur zu weinen begonnen und mein Bruder kam zu mir und hat mich geschlagen. Er hat… mir voller Wut und Trauer drei Finger gebrochen, damit ich endlich leise bin und nie wieder frage, wann mein Vater nach Hause kommt. Dann ist er weggelaufen und ich hab ihn für den Rest des Tages nicht mehr gesehen. Meine Tante hat sich um meine Finger gekümmert und mir erklärt, dass Vater nun nicht mehr leiden muss und an einem besseren Ort ist. Seine Lunge… war einfach zu sehr geschädigt worden bei seiner Arbeit in der Schmiede, das hab ich immer wieder gehört, als ich Mutter und ihn belauscht hab, wenn ich nicht schlafen konnte… Jedenfalls war von diesem traurigen Tag an mein ganzes Leben zum Scheitern verurteilt… Mein Bruder hat Vaters Arbeit übernommen und er ist ebenso krank geworden. Das hat ihn so wütend gemacht, dass… er angefangen hat, mich jeden Tag zu schlagen und mich zu verletzen… Meine Tante hat nur zugesehen, sie wollte sich nicht einmischen, aus Angst, mein Bruder würde ihr dann auch was antun. Und meine Mutter war zu der Zeit schon so krank, dass sie nicht mal mehr aufstehen konnte… Mit ihr ist es immer schlimmer geworden, aber ich konnte ihr nie helfen und wusste auch gar nicht, welche Krankheit sie hatte… Irgendwann konnte sie nicht mehr sprechen und ist… im Schlaf gestorben… Ich war die Erste, die das bemerkt hat und ich… bin dann den ganzen Tag an ihre Seite gekuschelt im Bett gelegen und hab geweint, bis ich vor Erschöpfung eingeschlafen bin. Ich wurde von meinem Bruder geweckt, der mich von Mutter weggezerrt hat und mich angeschrien hat, er mochte es irgendwie nicht, dass ich bei ihr war… Er war so wütend, dass er versucht hat mich zu ertränken, aber meine Tante hat sich zum Glück eingemischt, als ich schon halbtot war. Sie hat dafür ein paar Schläge kassiert, aber ich war gerettet… Einige Tage darauf ist die Schmiede in Flammen aufgegangen und dann eingestürzt. Mein Bruder hat es nicht überlebt… Ich weiß nicht ob er verbrannt ist, oder erschlagen worden ist, ich weiß nur, dass ich nicht geweint hab… Meine Tante konnte nicht allein für mich sorgen und hat mich betteln geschickt. In der Oberstadt ist jedem klar gewesen, dass ich aus der Unterstadt komme, wegen meiner Kleidung und meinen ungepflegten Haaren und so… Da war ich schon fünf und hab zum ersten Mal Glaczio gesehen. Ich hab mich versteckt und ihn beobachtet, wie er liebevoll mit seiner Schwester Genevieve vor seinem riesigen Haus gespielt hat. Er konnte so gut mit ihr umgehen, dass ich ihn gleich gemocht hab. Aber ich blieb versteckt und am Abend bin ich ohne Geld heimgekehrt… Genau da kamen zwei Ritter zu meiner Tante nach Hause, sie wollten Steuern eintreiben und als sie mich gesehen haben, erkannten sie mich, das Mädchen, das oben betteln gegangen ist. Es war verboten, für jemanden aus der Unterstadt in der Oberstadt gesehen zu werden und ich war ja überall, also nicht nur im Mittelschichtsbereich sondern auch im Adelsviertel und das war ein noch viel größeres Verbrechen. Meine Tante hat mir gesagt, ich solle weglaufen, sie würde nicht zulassen, dass sie mich töten, also hab ich ihr gehorcht. Ich tat das aber nur, weil ich sah, dass die Blechbüchsen sie schon… umgebracht haben. Es war eine lange Nacht dann und ich wusste nicht wohin. In der Unterstadt kannte ich eigentlich niemanden, mein Bruder hat mir verboten aus dem Haus zu gehen… Irgendwie hab ich mich dann an Glaczio erinnert und ich bin zu dem Haus gegangen, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte. Ich hab ihn aber nicht entdecken können, nur seine um ein Jahr ältere Schwester war am Nachmittag wieder vor dem Haus und hat im Gras mit Puppen gespielt. Ich hab sie beobachtet, weil es mich abgelenkt hat, vom Hunger, Durst, der Erschöpfung, Trauer und Müdigkeit. Als es dunkel wurde, bin ich mal näher an das Haus ran und hab durch die Fenster ins Innere geschaut. Der Apotheken- und Heilpraxisbereich hat mich verwirrt, weil ich sowas noch nie zuvor gesehen hatte und auch der Wohnbereich war gigantisch und wunderschön eingerichtet. Ich hab zu träumen angefangen, bis ich Stimmen gehört hab. Wieder versteckte ich mich und sah Kommandant Atropax und Glaczio auf der Straße stehen. Sie verabschiedeten sich voneinander und der Eiszapfen wollte gerade in sein Haus gehen, als er mich irgendwie bemerkt hatte und fand. Mein Zustand hat ihn regelrecht erschrocken und er bat mich, kurz zu warten. Er hat aus dem Haus einen Teller mit Essen geholt und mir gegeben. Eine warme Decke war auch dabei. Dann hat er mir einen Platz im Keller seines Hauses gezeigt, wo ich schlafen konnte. Ich war so froh, dass er mir geholfen hat. Nach ein paar Tagen, als wir schon gute Freunde geworden waren, auch wenn er fast nie da war, weil er immer bei den Blechbüchsen sein Training absolvierte und unterrichtet wurde, hat er mich seinen Eltern vorgestellt und sie überredet, mir zu helfen. Ich… durfte sogar für einige Tage in seinem Haus wohnen… Ich bekam ein Kleid seiner Schwester, welches so unglaublich schön war… Und sie wollte es wegwerfen, weil es ihr nicht mehr gefiel… Aber diese Ruhe war nur kurz, denn bald wurden die Blechbüchsen darauf aufmerksam. Ich war ihnen ein Dorn im Auge und damals sogar noch mehr, weil ich Kontakt zu dem Auserwählten hatte. Genevieve konnte mich nie leiden und hat alles daran gesetzt ihre Eltern zu überreden, mich rauszuwerfen… Sie hat mir sogar Diebstahl und solche Sachen vorgeworfen, aber Glaczio hat mich immer verteidigt. Mit der Zeit haben sich seine Eltern immer mehr verändert und mochten mich nicht mehr so gern, ich fühlte mich nicht mehr wohl in dem Haus. Dann sind zwei Ritter gekommen und haben gesagt, dass sie ein besseres Zuhause für mich hätten, mit Pflegeeltern, die sich ganz allein um mich kümmern. Die Bedingung war, dass ich ein paar, laut den Blechbüchsen ‚harmlose‘ Experimente mit mir machen ließe. Irgendwie kam es mir zwar schon komisch vor, dass die mir so ganz plötzlich helfen wollen, aber da ich mich ohnehin schon nicht mehr wohlgefühlt hab und mir Glaczios Eltern auch die ganze Zeit dazu geraten haben, nahm ich das Angebot an. Ein großer Fehler… Erst später hab ich erfahren, dass die Lichtritterschaft sie bedroht haben, sodass sie mich dazu bringen mussten, das Angebot anzunehmen. Der Weg zum Laboratorium in der Oberstadt war voller Vorfreude auf ein richtiges Zuhause und das letzte schöne Erlebnis, dass ich als Kind hatte. Die letzten Minuten, in denen ich noch Freiheit fühlte, die frische Luft atmen konnte, Chromasterne in ihren leuchtendsten Farben und die Quelle des Lebens in ihrer ganzen Pracht sehen konnte. Dann hat man mich in eine Zelle im Labor eingesperrt und meine Daten genommen. Die Forscher dort haben nie aufgepasst und alles, was sie getan haben, hat mir Schmerzen verursacht. Ich war oft krank und so erschöpft, dass ich immer für ein paar Tage nicht aufstehen konnte und auf dem harten, an der Wand aufgehängten Holzbrett, das als Bett diente, schlafen musste, von dem ich nach dem Schlafen immer alle Knochen gespürt hatte. Manchmal war es so unglaublich kalt, dass ich dachte, ich müsse sterben... Glaczio war auch so gut, wie jeden Tag im Labor, an ihm wurden auch Experimente durchgeführt, obwohl er sich immer geweigert hat. Da er ja schon angezweifelt wurde, waren die Forscher bei ihm auch nur vorsichtig, wenn er nicht allein war. Meistens war Atropax bei ihm. Jedes Mal, wenn der Eiszapfen da war… kam er zu mir und hat gefragt, wie es mir geht, während er auf die Ergebnisse der Tests und Experimente warten musste. Wir sind so gute Freunde geworden, dass er dann wirklich täglich, so oft er konnte bei mir war. Er hat weniger geschlafen, damit er mir schon vor seinem Unterricht morgens einen Besuch abstatten konnte. Dann war er immer mittags da, weil er langsam anfing, selbst zu forschen und mit ihm ja immer noch diverse Tests durchgeführt wurden und abends war er ganz spät auch noch so lange bei mir, bis das Labor zugesperrt wurde und die Forscher nach Hause gingen. Selten war es, wegen nächtlichen Versuchen, über Nacht offen. Bis Glaczio zehn war, durfte er nicht in meine Zelle, aber dann hat er angefangen sich gegen alle Experimente zu wehren und den Schlüssel zu meiner Zelle geklaut, ihn nachgefertigt und einige Reserveschlüssel gehabt. Ich war damals schon so ein wichtiges Testobjekt, dass die Blechbüchsen und deren Forscher nicht zulassen konnten, dass er mich befreit, also haben sie ein Abkommen mit dem Eiszapfen geschlossen, dass er beim Leben seiner Eltern schwören musste. So würde er sein Versprechen nie brechen, denn jeder wusste, wie sehr er seine Familie geliebt hatte. Aber durch dieses Abkommen durfte ich einmal die Woche mit ihm aus dem Labor hinaus an die frische Luft, in die Freiheit… und er konnte mich besuchen, so viel er wollte, solange er seinen anderen Pflichten nachkam. Als ich dann dreizehn und er vierzehn war, verbrachten wir noch viel mehr Zeit gemeinsam, er musste nicht mehr so viel unterrichtet werden, weil er zu diesem Zeitpunkt schon so gut, wie alles gewusst hat, also fing er an, sich mehr mit der Forschung zu beschäftigen und wollte etwas gegen den weltweiten Lumenium-Mangel unternehmen. Ich hab ihm immer zugesehen, wie er eifrig Formeln erstellt hat und mit einer Wahnsinngeschwindigkeit alle möglichen komplizierten Dinge berechnet hat. Ich fand das ziemlich beeindruckend und naja… Es hört sich jetzt vielleicht komisch an… Aber er war der Einzige, den ich hatte damals, er hat mir so sehr geholfen und alles für mich getan, was in seiner Macht stand und noch mehr… Er hat so viel Zeit mit mir verbracht und… man muss ja wirklich zugeben, er ist außerordentlich hübsch, war er damals auch schon… ich würd ihm das natürlich nie so sagen, oder es zugeben, aber jetzt unter uns… Jedenfalls… hab ich mich in ihn verliebt und das schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Wir sind dann kurz vor meinem vierzehnten Geburtstag zusammengekommen und ich hab ihn so unendlich geliebt, das kannst du dir nicht vorstellen, Cheyenne… und er mich auch… Als ich dann vierzehn war, fing der Horror wieder von neuem an… General Agamemnon hat von Glaczios und meiner Beziehung Wind bekommen und kam öfters mit dem Eiszapfen ins Labor, um ihm angeblich etwas über die Schulter zu schauen. Ja, natürlich, auf jeden Fall, ist schon klar, dass jemand, der nicht einmal einen Ansatz eines Gehirns besitzt, verstehen soll, was Glaczio da ausrechnet. Pff. Der hat mich die ganze Zeit nur angestarrt, wenn er mitgekommen ist… Der Eiszapfen hat dafür gesorgt, dass ich immer gepflegt war und hat mir manchmal auch schöne Kleidung gekauft und er hat mir immer gesagt, wie hübsch ich sei… Agamemnon fand das wohl auch… Oder, nein, eigentlich weiß ich nicht, was er sich gedacht hat, vielleicht auch gar nichts, ich will es auch überhaupt nicht wissen… Er kam jedenfalls immer öfters… Glaczio gefiel das auch nicht, aber er konnte nichts tun, um seinen Mentor vom Labor fernzuhalten. Immerhin ist der ja Herrscher und er hat noch dazu Glaczio zum Teil ausgebildet. Eines Nachts, nachdem das Labor bereits geschlossen war… ist er in meine Zelle gekommen und hat die Zugangstür hinter sich verriegelt…“ Zum ersten Mal, seit Sasha zu erzählen begonnen hatte, schwieg sie einen kurzen Moment. Sie musste sich offenbar sammeln und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Die junge Frau schien sich über ihre Emotionen zu ärgern und schüttelte den Kopf, bevor sie fortfuhr. „Er kam zu mir und hielt mir seine kräftige, raue Hand auf den Mund, damit ich nicht schreien konnte, obwohl selbst das niemand gehört hätte… Das Labor war klein und zu dieser Zeit war ich die Einzige dort, weil die anderen Testpersonen an Experimenten gestorben waren. Agamemnon hat sich auf das Holzbett gesetzt, neben mich. Ich hab versucht, seine Hand von mir zu entfernen, aber… er war einfach zu stark… Als ich dann anfing zu treten und zu zappeln, hat er mich geschlagen. So lange, bis ich still war und mir schwindelig wurde… Dann… hat er mich angefasst und sich langsam über mich gebeugt… Ist mir immer näher gekommen… und… er… er… hat…“ Wieder musste Sasha eine Sprechpause einlegen und Cheyenne ahnte bereits, was damals vorgefallen war. Sie war entsetzt und geschockt, hoffte aber, dass das, was sie glaubte, nicht der Wahrheit entsprach. Aber ihre Vermutung bestätigte sich, als ihre Freundin sich wieder gesammelt hatte und weitersprach, so gut, sie konnte in ihrem zitternden Zustand. „Er hat mich festgehalten… mir… die Kleider vom Leib gerissen… sich selber teilweise entblößt… dann war er über mir und lag… auf mir… und hat mich dann… vergewaltigt… Es… war so furchtbar… Noch dazu war ich bis zu diesem Zeitpunkt Jungfrau… Ich war so… neben mir, ich konnte nicht mal denken oder schreien… Es war so schrecklich schmerzhaft und unangenehm, aber ihn hat das nicht gestört, dieser verdammte, rücksichtslose, miese, herzlose, grausame Mistkerl… Irgendwann, ich weiß nicht mehr wie lange, mein Gespür für Zeit war total weg in diesem Moment, mir kam es jedenfalls wie eine Ewigkeit vor, hatte er genug und hat von mir abgelassen… Ich konnte erst gar nicht weinen, hatte einfach nur Angst und war geschockt… Als er dann gegangen war und sein… fieses Lachen verstummt war… und ich wieder… mutterseelenallein war… hab ich erst mal ganz laut geschrien und obwohl ich schon total fertig war, mich noch mehr erschöpft mit Weinen, umherlaufen, durch die Haare raufen… Ich hab gehofft, dass es nur ein Traum wäre, aber… ich… sooft ich meinen Kopf auch geschlagen hab, die Erinnerungen sind geblieben und das Gefühl auch… Die Schläge reichten nicht einmal aus, um die Schmerzen in Seele und… Körper zu verdrängen… Ich hab mich so schmutzig gefühlt, mein ganzer Körper juckte, mir war so schlecht… Ich hatte das Gefühl, er wär immer noch da und würde gleich wieder… Sein Geruch war überall, so stark hab ich den nie wahrgenommen und… es war so… schrecklich… Ich konnte mich nicht mal… wehren… Irgendwann muss ich dann zusammengebrochen sein… Glaczio hat mich am nächsten Tag am Morgen gefunden und sich um mich gekümmert. Er war drei Tage bei mir und hat mich nicht allein gelassen… Er war der Einzige, der mir geglaubt hat, beziehungsweise mir überhaupt zugehört hat und mich nicht ausgelacht hat…“ Sasha musste wieder eine Pause machen, sie wischte sich erneut die Tränen weg, aber ihre zittrige Stimme bekam sie nicht mehr unter Kontrolle. Cheyenne war sprachlos und zu geschockt, um zu denken. Ihre Freundin erzählte ihr Leben so ausführlich, dass sie richtig mitfühlte und selbst schon still weinte. Das muss… so unglaublich schrecklich gewesen sein… Ich hätte… nie gedacht… dass ihr so etwas passiert ist… Arme Sasha… Wenigstens war Glaczio bei ihr… aber… oh nein… was jetzt kommt weiß ich ja teilweise schon… Irgendwann kommt seine Frau ins Spiel und er war nicht mehr so viel bei ihr… Wie konnte er Sasha nur so verraten und allein lassen? Nach allem, was sie durchgemacht hat? Jetzt versteh ich vielleicht schon den Grund, noch bevor sie weitererzählt, warum sie ihn so hasst. Aber vielleicht ist da ja auch noch was anderes… Argh… Wenn ich diesen Agamemnon sehe… werd ich zum ersten Mal in meinem ganzen Leben kein Mitleid mit meinem Feind haben! Sasha schien sich wieder einigermaßen gesammelt zu haben, denn sie sprach mit zittriger Stimme weiter.
„Glaczio… war alles… was ich hatte… Er konnte mir meine körperlichen Schmerzen nehmen… aber die seelischen… sind geblieben… Agamemnon hat dann bald schon dafür gesorgt, dass er weniger bei mir war… Der Eiszapfen musste nun in der Heilpraxis seines Vaters tätig werden und war fast den ganzen Tag dort, täglich… Er hat seine Forschung nicht aufgeben wollen, weil der Lumenium-Mangel immer schlimmer wurde… und war nur noch am Abend bei mir… für… ein paar Minuten… Irgendwann, als ich fünfzehn war, kam er nicht mehr weiter mit so einer komischen Formel und hat jede freie Minute in der königlichen Bibliothek im Schloss verbracht… In der Zeit gab es Tage, an denen ich ihn gar nicht zu Gesicht bekam… Wenn ich mit ihm rausdurfte, hat er mich alleine losgeschickt, weil er arbeiten, oder forschen musste… Und als ob das noch nicht genug wäre, hat Genevieve, die als Sekretärin von ihrem Vater und seiner Heilpraxis und ihrer Mutter, die die Apotheke geleitet hat, arbeitete, Glaczio noch den ganzen Papierkram aufgebrummt, weil sie das Zeug angeblich nicht verstanden und sich nicht ausgekannt hat. Ich weiß aber genau, dass das nur eine Ausrede war, sie hat das schon seit sie sechzehn war immer gemeistert… Alles, nur damit er weniger Zeit mit mir verbringt… Dann kam das verdammte Experiment… Das war zwei Wochen nachdem Glaczio nicht mit dieser komischen Formel weiterkam. Ein Forscher kam zu mir und hat mich aus meiner Zelle geholt, dann hat er mich zu zwei seiner Kollegen in einen Versuchsraum gebracht und… mich an eine metallene Liege gefesselt, sodass mir da schon alle Gelenke Schmerzen bereitet haben… Dann hat man mir erst irgendeine seltsame Flüssigkeit gespritzt und mich dann in die Maschine gesperrt, die Glaczio entworfen hatte. Ich hab nicht viel von dem mitbekommen, was das Teil mit mir gemacht hat, ich weiß nur noch, dass ich kurz davor war einzuschlafen und warmes Weiß, also kein Licht, um mich herum strömte… Das war Lumenium von irgendwelchen toten Tieren und Menschen, das schon in unphysisches umgewandelt war, ebenfalls durch diese Maschine, das Problem war nur, dass die Struktur sich nicht verändert und mein Körper das Lumenium abgestoßen hat… Nun war da aber so viel Druck in dem kleinen Raum in der Maschine, wo ich mich befand, dass sich darunter meine Lumenium-Struktur verändert hat. Die Maschine ist dann außer Kontrolle geraten, durch meine körperliche Instabilität wurde etwas von dem unphysischen Lumenium mit meinem vermischt und hat meinen ganzen Körper durcheinandergebracht. Die Maschine konnte die Leichen zwar in unphysisches Lumenium umwandeln, aber sie konnte die Struktur nicht weiter ändern, also die Genetik der alten Körper war immer noch zu ein paar Prozenten darin enthalten und es hatte nicht die Fähigkeit sich meinem Körper anzupassen… Das war der Punkt, an dem Glaczio nicht weiterkam… Die Maschine ist eine beschleunigte Form der Leichenverarbeitung, aber unvollständig… Das Einzige, was dabei rauskäme sind Dämonen… Ich… bin irgendwie… eine Mischung aus Dämon und Mensch… seit dem Experiment… deshalb das Gestaltwandeln und deswegen mag ich es nicht so besonders… Ich nenne es aber lieber eine Mischung aus Tier und Mensch… beide Bezeichnungen sind zum Teil richtig… laut Glaczio… Er hat es einfach nicht geschafft, die Formel zur automatischen Lumenium-Strukturumwandlung zu finden. Er wollte ja erreichen, dass sich die Struktur bei Berührung anpasst und so Leichen und nutzlose Objekte in Erdeigenes Lumenium zurückverwandeln. Diese Maschine war ja nur ein Prototyp, um zu sehen, ob es funktioniert, sobald er seine Formel da herausgefunden hätte. Er hat zwar den ersten Teil des Zerfallprozesses beschleunigt, aber am zweiten ist er, genauso wie die Natur, wenn zu wenig Zeit ist, gescheitert. Das hat ihn so aufgeregt und beschäftigt, er hat so sehr an sich selbst gezweifelt, dass er wirklich Tag und Nacht in dieser Bibliothek gesessen ist… Er hat in den Büchern aber nichts Brauchbares gefunden. Wenn er es dir jetzt erklären würde, wäre es sicher leichter für dich zu verstehen… Ich glaube er hat mal sowas in der Art gesagt: ‚Es gelingt mir mithilfe dieser Maschine, Körper in unphysisches Lumenium zu wandeln, es in Partikel aufzuteilen, aber die Struktur lässt sich nicht vollständig ändern und sich auch nicht weiter umwandeln in die gewünschte Zielstruktur. Dafür bedarf es dieser Formel, aber ich scheine einfach nicht genug Intelligenz zu besitzen, als dass ich diese Formel erstellen könnte. Zurzeit ist meine Erfindung also noch nutzlos, aber ich werde weiter daran arbeiten, denn diesem Lumenium-Mangel muss Einhalt geboten werden‘. Irgendwie sowas meinte er… Wow… Das war eine bessere Erklärung in wenigen Sätzen, als das was ich gerade versucht hab zu erklären… Aber ehrlich… wenn einer intelligent genug für so eine komplizierte Formel ist, dann ja wohl er. Das muss man ihm lassen und ich gebe es sogar zu, auch wenn ich ihn nicht mehr leiden kann, ich weiß auch nicht, vielleicht war er einfach noch zu jung, oder so… Jedenfalls… zurück zum eigentlichen Thema… Die Maschine ist heiß gelaufen und abgebrannt… Den Forschern war dieser Test enorm wichtig, sodass sie mich gerade noch gerettet haben, aber dank diesem Zeugs, das sie mir gegeben haben und wegen meiner Brandverletzungen bin ich eingeschlafen, oder ohnmächtig geworden, keine Ahnung… Als ich wieder aufgewacht bin, war ich in meiner Zelle, mit dem Geruch von Brand in meiner Nase, so stark, wie vorher nie irgendwas gerochen hat und Glaczio saß neben mir. Alle meine Instinkte schienen viel mehr ausgeprägt zu sein, als je zuvor. Je mehr ich wach wurde, desto stärkere Schmerzen bekam ich und egal, was er, oder ich tat, sie haben nicht aufgehört und sind immer noch schlimmer geworden. Mein Körper hat sich ständig in alle möglichen Tierformen verändert und das hat mich so erschöpft, dass das Leid noch stärker wurde. Mein ganzer Körper… fühlte sich an, als würde er brennen, gleichzeitig war mir eiskalt, ich habe mich nicht mehr von alleine bewegen können, ich hab total die Kontrolle verloren… Es war, als wär ich in irgendeinem anderen Körper, oder jemand steuert mich, ohne dass ich es will. Wenn ich aufstehen wollte, haben sich meine Beine keinen Zentimeter bewegt, mein Körper hat nur das getan, was er wollte, ich konnte ihn nicht steuern. Es war, als hätte ich nervöse Zuckungen oder so… Und diese Schmerzen erst… Das war das Einzige, was mir noch gelungen ist; schreien. Alle meine Knochen haben sich gebrochen angefühlt, mit jedem Mal, wenn sich meine Gestalt wieder verändert hat wurde es schmerzhafter. Ich bekam keine Luft und mein Herz hat oft einfach aufgehört zu schlagen, ohne Glaczio, wär ich jetzt tot. Er hat alles darangesetzt, dass ich nicht sterbe, obwohl er wirklich überlegt hat, meinem Leiden ein Ende zu bereiten. Aber er wusste wohl, dass ich weiterleben wollen würde… Die Kopfschmerzen waren die schlimmsten, es fühlte sich an, als würde mein Schädel explodieren, oder zerquetscht werden… Das war… wirklich furchtbar… Ich hoffe, dass du niemals in deinem ganzen Leben solche Kopfschmerzen hast… Manchmal konnte ich gar nichts sehen und bin so oft zusammengebrochen, dass ich es nicht mehr nachzählen kann. Ich schätze, in dieser Situation blieb mir nichts anderes übrig, als mich an die Schmerzen zu gewöhnen. Irgendwann wurden sie schwächer und haben ganz aufgehört. Ich weiß nicht, ob sie wirklich vergangen sind, oder ob ich sie einfach ausgeblendet habe, denn wenn ich mich heutzutage verletze, fühle ich schon noch Schmerzen. Glaczio ist diese Zeit über auch nie von meiner Seite gewichen… Er hat die Forschung vorübergehend aufgegeben, sobald er gehört hat, was mit mir passiert war und seine Arbeit in der Heilpraxis links liegen lassen. Als es mir nach langer Zeit, als ich sechszehn war, besser ging, hat er es geschafft, mit den Forschern und Atropax zu verhandeln, sodass ich eine ganze Woche aus der Laborzelle rauskam und bei ihm wohnen durfte. Er meinte, es wäre das Beste, wenn ich eine richtige Auszeit von dem ganzen Mist hätte… ich habe da überlegt, ob ich die Chance nutzen und abhauen soll, weit weg von dem Labor und raus aus der Hauptstadt… Aber Glaczio hatte ja dieses Abkommen verhandelt und ich wusste, dass, wenn ich weg bin, es seiner Familie nicht gut ergehen würde und das wollt ich ihm nicht antun. Ich konnte mir damals zwar nicht vorstellen, dass sie den Leitern der besten Apotheke und der einzigen Heilpraxis in der Hauptstadt etwas antun, aber… mit der Zeit schien sich das geändert zu haben, sonst wären sie ja noch am Leben… Jedenfalls war ich dann eine Woche bei ihm und oft mit ihm unterwegs… Unsere Beziehung wurde wieder viel besser… Es war so schön damals… Aber dann… musste ich wieder zurück zum Labor… Glaczio hat seine Forschung wieder aufgenommen, war aber trotzdem noch viel bei mir. Irgendwann zu dieser Zeit hat er einen alten Forschungsbericht in der Bibliothek gefunden, in dem festgehalten war, dass das Ziel der Ritter, die alte Welt wiederherzustellen, ziemlich riskant und unvorhersehbar ist. Da standen noch Daten über Versuche und Überlegungen drin, die versucht haben, das Fortbestehen der Welt nach der erneuten Veränderung zu garantieren, aber Glaczio hat sich dann selber drangesetzt und seine eigenen Überlegungen und Berechnungen dazu gemacht. Er kam zu dem Schluss, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit unmöglich ist, ohne Lumenium und Umbraurore zu leben und hat Atropax damit konfrontiert. Der hat ihm widersprochen, das Ziel der Lichtritterschaft mir aller Kraft gerechtfertigt. Glaczio hat sich gegen die Blechbüchsen aufgelehnt und wollte nicht weiter der Auserwählte sein und sie in ihrem wahnwitzigen Vorhaben unterstützen… Aus Angst, er würde sich an die Schattendiener wenden und denen alle ritterlichen Geheimnisse ausplaudern, hat Agamemnon ihn erpresst. Er hat Glaczio damit gedroht, seine Eltern und seine Schwester eigenhändig qualvoll leiden zu lassen und zu töten. Und als Beweis, dass er es Ernst meinte, kam er wieder zu mir und… hat mich halb umgebracht… Er hat mir mit einem extrem scharfen Messer ziemlich tiefe Wunden zugefügt und meinen Hals aufgeschlitzt… Vor Glaczios Augen… Er konnte mir nicht helfen, wenn er irgendwas dergleichen getan hätte, wär’s das für mich gewesen… Agamemnon hat es dann, ausnahmsweise mal, gut sein lassen, weil Glaczio versprochen hat, nicht wegzugehen und sich gefügt hat… Der Eiszapfen hat mich geheilt und… dann hat er gemeint… es sei besser, wenn wir uns trennen würden... Zu meinem Wohl und zu dem seiner Familie. Auf der einen Seite… ja… schon klar, das war das Beste, was er tun konnte, auch, wenn er mich geliebt hat und genau gewusst hat, dass ich… mehr als nur geknickt sein werd, aber ich hab ihn auch irgendwo verstanden. Er wollte einfach nicht, dass denen was passiert, die er liebt und hat für mich gehofft, dass wenn er sich von mir fernhält, die Blechbüchsen das Interesse an mir verlieren, mich irgendwann gehen lassen und mich nicht mehr seinetwegen verletzen… Glaczio war dann richtig wütend auf die Lichtritterschaft, weil die ihm sein Leben immer mehr zerstörte und auch das anderer. Er hat seine Aufgaben und Pflichten zwar noch erfüllt, aber absichtlich Fehler gemacht, die Atropax richtig aufgeregt haben. Der Eiszapfen hat sich dumm gestellt, aber so klug, dass ihm das niemand unterstellen konnte… Die Metalltrottel mussten ihn dazu kriegen, wieder vernünftig zu sein und ihn von seinem Zorn ablenken… Also… ich weiß nicht, wie viel er dir darüber jetzt erzählt hat, aber… Der König hat auf Befehl der Ritter den Vater eines Mädchens bezahlt, um es mit Glaczio bekannt zu machen… Dieser Typ hat quasi seine eigene Tochter an den König verkauft… Und der idiotische Eiszapfen hat sich in das Mädchen verliebt… und es sich dann auch in ihn… nachdem sie sich ein paar Mal getroffen haben… Pff…Jetzt auf einmal darf er eine Freundin haben, nur weil sie aus adeligem Haus kommt… Und er? Wie kann er denn eigentlich so bescheuert sein und sich ein paar Wochen, nach unserer Trennung, bedenk doch nochmal den Grund dafür, sich in ein anderes Mädchen verlieben? Er hätte sich doch eigentlich denken können, dass ihr auch Dinge zustoßen können, so wie mir, wenn er mal nicht auf das hört, was die Blechbüchsen ihm sagen… Und… ich meine, hat er denn gar keine Gefühle mehr für mich gehabt, oder was? Argh… Da hat das Theater mit ihm ja schon angefangen, der Spinner hat mich einfach links liegen lassen, für eine Andere. Ich meine… Wir haben uns dreizehn Jahre gekannt, ich war zu dieser Zeit schon siebzehn, und er kannte das Mädchen nur ein paar Tage und hat sich verliebt. Er meinte, sie sei die Frau seines Lebens, oho, hört, hört… Grrr… Und was war ich bitteschön? Naja… Von solchen Fällen hab ich mittlerweile auch schon gehört, soll‘s ja geben, aber es selber mitzuerleben… einfach so… ‚ersetzt‘ zu werden… Und vielleicht hat ihre adelige Abstammung ihr ein bisschen Schutz vor der Gefahr, die von den Blechbüchsen ausging, geboten… Naja… Ich hab mit dem Eiszapfen abgeschlossen und würd ihn jetzt auch nicht wieder haben wollen, die Zeiten sind vorbei, es ist zu viel passiert… Außerdem hat er jetzt sein Leben und pff… wechselt ständig von einem Mädchen zum nächsten, dieser Vollidiot… und ich hab nun eben mein Leben. Ich hab es endlich auf die Reihe bekommen… Zurück zum Thema… Das Mädchen, von dem ich schon die ganze Zeit rede, hieß Gwendalynn, war auch siebzehn, so wie ich, Glaczio war achtzehn damals, sie hatte hellorange, wunderschöne, wellige Haare und hellbraune Augen, war schlank, höflich, gut erzogen, intelligent und hübsch. Pff, ich würd jetzt echt gern irgendwas Schlechtes über sie sagen, wie zum Beispiel, dass sie hochnäsig war oder so, aber dann würd ich lügen, sie hat sich sogar mit Genevieve angefreundet. Das Mädchen war… also… sie… Argh… Sie war ein Engel, aber ich habe sie trotzdem gehasst, nur damit das klar ist, ja? Obwohl sie mich manchmal besucht hat, wenn Glaczio keine Zeit hatte und mir Gesellschaft geleistet hat… Sie wusste, dass es eventuell Folgen haben könnte, aber die war trotzdem da und hat mich genervt… Hmpf. Sie hat immer gesagt, wie sehr mich Glaczio vermisst und dass er oft von mir redet, weil ich seine beste Freundin sei und so weiter… Ich hab mich echt manchmal ziemlich… hintergangen und mies gefühlt… Die Zwei haben dann geheiratet, auf Drängen der Ritterschaft… Glaczio kam immer weniger zu Besuch, ebenso Gwendalynn… und ich war allein. Das Labor ging langsam den Bach runter, weil sich die Ritterschaft mehr auf die Labore außerhalb der Hauptstadt konzentriert hat und Glaczio immer noch so viele Fehler gemacht hat, dass… naja, sagen wir mal so, er hat die Versuche manchmal absichtlich in die Luft gehen lassen und so ganz nebenbei mal die Hälfte des Labors zerstört und solche Sachen. Er hat aber zumindest immer darauf geachtet, dass mir nichts passiert… Naja und dann… kam dieser eine Tag… der unser beider Leben auf immer verändern sollte… Der König hatte offenbar irgendwo einen Kratzer, Glaczio, der da schon neunzehn war, hat sich geweigert ihn zu heilen, weil er das für eine Kraftverschwendung gehalten hat und lieber anderen, wirklich leidenden Menschen helfen wollte. Das war… für alle Beteiligten nicht so gut… Der König hat ihm anscheinend ins Gesicht gesagt, dass Gwendalynns Vater bezahlt wurde, damit seine Tochter hier ist und es wäre irgendwie Zufall gewesen, dass sich Glaczio und sie so gemocht haben. Sie wäre nur hier, damit er mit ihr Kinder kriegen kann, das hat er dir sicher auch schon erzählt. Das war dem Eiszapfen zu viel und er hat dem König seine Meinung gesagt, aber so richtig. Die Ritter haben ihn daraufhin angegriffen, Atropax war zu der Zeit nicht in Luminastrelle, um das Ganze zu verhindern, der war ohnehin nur öfters da, als Glaczio noch kleiner war und er ihn noch ausbilden musste. Aber Agamemnon hätte auch was sagen können, aber nein. Er hat dem Eiszapfen persönlich noch eine ordentliche Wunde verpasst, bevor er die anderen Blechbüchsen auf ihn gehetzt hat… Glaczio behauptet, dass diese Weigerung das Beste war, das er tun konnte, auch wenn ihm die Folgen sein Leben zerstört haben, würde er es nicht rückgängig machen wollen… Der Mistkerl Agamemnon hat sich dann aus dem Staub gemacht, wohl wissend, dass er den Auserwählten jetzt verloren hatte und ihn störte das gar nicht so, weil Atropax nicht da war und er ohnehin schon länger ein Problem mit dem Eiszapfen hatte. Er hat an ihm gezweifelt, seit Glaczio drei war und es hat ihm gar nicht gepasst, dass der sich ihm ständig widersetzt hat. Es gab danach sicher eine gewaltige Auseinandersetzung mit Atropax, aber das nahm er wohl in Kauf. Außerdem war er die Drohungen leid und wollte Taten folgen lassen, Leute wieder mal leiden sehen. Also gab er den Befehl, Glaczios Familie töten zu lassen. Während der noch gekämpft und schließlich mit Wunden übersäht gesiegt hat, wurde bereits seine ganze Familie abgeschlachtet. Sie waren alle tot und sein Haus brannte, als er dort ankam. Agamemnon ist ein blutdürstiger, ekelhafter Mistkerl… Er erfreut sich am Leid anderer… Er ist einfach nur verrückt und ein richtiger Psychopath… Seine Taten sind unvorhersehbar, aber immer grausam. In dieser Nacht… kam er wieder zu mir, das Labor war mittlerweile geschlossen und ich achtzehn, aber man hat mich immer noch gefangen gehalten, als Druckmittel für Glaczio… Agamemnon… sagte mir, dass alles, was von nun an mit mir passieren würde, keine Rolle mehr spielt. Er hat gemeint, dass Glaczio sich nie mehr um mich kümmern kann, weil er aus der Hauptstadt abhauen wird, wenn er nicht schon tot sei. Und selbst wenn er fliehen könnte, so sagte er, würde er nicht lange überleben, weil die Ritter ihn finden und töten werden. Dann… war alles… wie damals… als ich vierzehn war… er kam wieder zu mir und… hat mich wieder… vergewaltigt… Danach ist er abgehauen… Ich war völlig fertig und bin einfach nur dagesessen auf meinem Holzbett und hab gehofft, dass es nur ein Traum war… Ich wusste, dass er von nun an… jeden Tag zu mir kommen würde, das hat er beim Gehen noch gesagt. Bis morgen, mein kleiner Schatz, hat er geflüstert. Er hielt mich jetzt nur noch für seine eigenen… widerlichen Zwecke fest und ich hatte nicht nur Schmerzen, sondern richtig Angst. Ich war mir nicht sicher, ob ich das überleben würde… Wenn er… jeden Tag… J-jedenfalls kam dann irgendwie Glaczio zum Labor und hat das kleine Fenster in meiner Zelle mit seiner Magie zerstört. Er hat gesagt, wir könnten nicht hierbleiben und müssten fliehen. Er klang zwar verstört, aber ich war einfach zu geschockt und mit meinen eigenen Tränen und Problemen beschäftigt, als dass ich mit ihm mitkommen hätte können. Ich habe das alles auch gar nicht so richtig realisiert… Die Ritter schienen ihn verfolgt zu haben und ich wusste auch nicht, ob er in dem Moment gemerkt hatte, was mir widerfahren ist … Mittlerweile weiß er es… Dann hat er mich einfach allein gelassen und ist abgehauen, ich meine, ja, er musste weg, aber er sollte mich doch nicht einfach so im Stich lassen, ich wollte, dass er bei mir ist in diesem Moment… er hätte sich verstecken sollen, anstatt gleich ganz abzuhauen… Irgendwie versteh ich das ja, aber ich hasse ihn trotzdem dafür… und wegen der Sache mit Gwendalynn… Ich weiß, dass das alles nicht wirklich seine Schuld ist, aber ich… ich schätze ich musste damals einfach irgendjemandem beschuldigen, es hat mir geholfen … Und das hat sich bei mir so festgesetzt, dass ich ihn jetzt immer noch hasse, obwohl ich ja eigentlich weiß, dass es dafür nicht wirklich einen guten Grund gibt… Dann ist er weg gewesen und ein weiterer Tag ging vorüber. Diese Nacht hab ich ungeheuerlich gefroren und ich wusste einfach nicht mehr weiter… Am nächsten Tag am Abend kam Agamemnon, aber diesmal schaffte ich es, ihm zu entkommen. Aus Angst kletterte ich aus dem zerstörten Fenster, ich kam gerade so durch, dann lief ich weg. Ich bin gerannt, so schnell und weit ich konnte, aus der Hauptstadt hinaus. Einige Zeit lang bin ich ziellos herumgeirrt, bis ich jemanden von den Schattendienern traf. Der hat meinen Hass über die Blechbüchsen mitbekommen und mich gefragt, ob ich nicht auf seine Seite kommen will. Ich hab sofort eingewilligt, ich will dass die Lichtritterschaft Geschichte wird und ich werde Agamemnon persönlich das Leben rauben. Aber das bringt mir den verlorenen Teil von meinem auch nicht zurück… Es ist trotzdem mein Ziel. Ich will ihn töten und wenn ich dafür selber sterben müsste, ich bin schließlich nicht die Einzige gewesen, der er so schreckliche Dinge angetan hat… Das weiß ich… Naja und dann irgendwann hab ich dich getroffen, als ich gerade auf dem Weg nach Saraley war. Ich kam von meinem Schattennest im Klissave-Gebirge, hab dich gesehen und gerettet. Und ja, den Rest kennst du ja. Ein weiterer Grund, warum ich Glaczio nicht mehr leiden kann, wäre auch, dass er dich immer so anflirtet, aber nicht nur, weil ich mal was mit ihm hatte, sondern, weil das einfach nervig ist, nicht nur für mich, für dich ja auch… und… weil er jetzt so unberechenbar geworden ist, ich kann mir nicht sicher sein, dass er wirklich auf unserer Seite bleibt, oder wieder zurückgeht, wenn er merkt, dass die Schattendiener ihn lieber töten würden, als seine Hilfe anzunehmen. Ich hab wirklich keine Ahnung… Ich weiß nicht mal, ob er eigentlich noch auf irgendwas Wert legt… Das ist das Problem. Er ist ein elender Lügner und hat die ganze Ritterschaft verraten und mich auch. Warum sollte er das nicht noch ein zweites Mal tun? Es war gut für uns, dass er die Metalltrottel verlassen hat, aber es war eben trotzdem Verrat. Ich kann ihm nichts mehr glauben, schon gar nicht, nach alldem, was er dir angetan hat und wie er immer mit Mädchen umspringt. Es könnte ja auch alles eine Falle sein und er ist schon längst zu ihnen zurückgekehrt und lockt dich jetzt irgendwo hin, damit die Metalltrottel dich töten können… Andererseits… ich glaube eigentlich nicht, dass er wirklich zu sowas Grausamen fähig wäre, aber… er hat sich einfach so stark verändert… Ach, mach dir keine Sorgen, ich werd dich schon beschützen, vor allen, die dir was antun wollen, Cheyenne, das schwöre ich bei meinem Leben. Ich werd alles tun, was in meiner Macht steht, um zu verhindern, dass dir jemand Schmerzen zufügt… Weder Glaczio, noch irgendjemand anderes… und… schon gar nicht… General Agamemnon… Oh, es ist schon… spät geworden, ich hab wohl… ziemlich lange erzählt… Tut mir Leid, aber da müssten alle Antworten auf deine Fragen drinnen gewesen sein. Ich… geh kurz Feuerholz sammeln, damit wir nachts nicht frieren… Bis später, Cheyenne, Adocaz, pass auf sie auf…“ Damit erhob sich Sasha und ging schnellen Schrittes in Richtung der Birnbäume.
Die Quelle des Lebens war schon lange verschwunden und die Chromasterne wurden immer blasser. Cheyenne war immer noch geschockt über Sashas Geschichte. Sie hatte auch genau gesehen, dass ihre Freundin sich mit den letzten Sätzen nur ablenken wollte, weil ihre Erinnerungen sie so aufgewühlt hatten, dass sie sich zusammenreißen musste, nicht richtig zu weinen anzufangen. Sie schien ihre Gefühle lieber verstecken zu wollen und Cheyenne wäre ihr gerne nachgelaufen, aber sie vermutete, dass Sasha jetzt am liebsten alleine war und akzeptierte dies. Sie blieb also am Ufer sitzen und wusch bedrückt weiter die Birnen ab. Ihre Freundin tat ihr unendlich Leid, aber es gab nicht wirklich viel, das sie noch für sie tun konnte. Cheyenne war dennoch sehr beeindruckt von der Stärke ihrer Gefährtin. Ich hoffe wirklich sehr, dass Sasha eines Tages Rache an Agamemnon nehmen kann… Sie tut mit so Leid, aber ich weiß, dass sie kein Mitleid will, also werd ich es für mich behalten und versuchen, so normal, wie möglich zu ihr zu sein. Es war wirklich ein großer Vertrauensbeweis, dass sie mir das alles erzählt hat… Ach, Sasha…
Als Cheyenne fertig war, die Birnen zu waschen, brachte sie sie zu den Felsen, ihrem Übernachtungsort. In diesem Moment kam Glaczio um die Ecke. Glaczio… Ich hätte mir ja alles vorstellen können… aber ich wäre nie darauf gekommen, dass er mit Sasha zusammen war… Aber wenn er damals so auf Beziehungen fixiert war, warum hat er dann jetzt keine Freundin, sondern immer ein anderes Mädchen? Ich meine, ja, es ist sein Leben und er kann machen, was er will, allerdings erhoffen sich diese Mädchen immer eine Beziehung, so wie ich das mitbekommen habe, aber Glaczio verschwindet scheinbar jedes Mal, bevor es ernst wird… und bricht ihnen das Herz… Warum? Sasha hat vollkommen Recht mit dieser Frage… Mich würde es langsam auch interessieren… Nun, er wird schon seine Gründe haben. Aber ich könnte wetten, dass es etwas mit seiner Vergangenheit zu tun hat. Er hat die zwei Mädchen verloren, die er wirklich geliebt hat… Vielleicht… will er nicht nochmal sowas durchmachen. Hat er Angst vor dem Schmerz des Verlustes? Wenn ja… dann verstehe ich ihn… aber es ist trotzdem nicht richtig, den Mädchen etwas vorzugaukeln. Und Sasha… Sie hat es zwar gesagt, aber hat sie wirklich mit ihm abgeschlossen? Naja, ihre Reaktion ist schon verständlich, wenn Glaczio mit irgendeinem Mädchen flirtet, sie weiß immerhin, dass dieses schon ziemlich bald sehr geknickt sein wird… Aber kann das nicht auch Eifersucht sein? Es ist schwer zu sagen bei ihr… Ach, ich glaub eigentlich nicht, dass sie Glaczio zurückhaben will, das wäre doch ziemlich abwegig, immerhin wollte sie ihn töten und hasst ihn. Ich kann es ihr nicht mehr übelnehmen, bei dem, was sie alles durchgemacht hat… Aber Glaczio musste auch ganz schön was einstecken… Die Beiden haben so viel gelitten, dass mir meine Vergangenheit mittlerweile wirklich… naja… harmlos vorkommt… Aber ich hab doch schon so unter dem Tod… meiner Lieben gelitten, wie schlimm muss es erst für die Beiden gewesen sein? Mir hat nie jemand so richtig Schmerzen zugefügt, im Gegensatz zu ihnen… Kein Wunder, dass sie jetzt so stark sind, wenn sie ihre Vergangenheit überwinden konnten und… Sasha ist doch eigentlich so fröhlich… Wenn ich… vergewaltigt worden wäre… Ich glaub, ich könnte nicht so sein, wie sie… Und Glaczio hat sich gegen die Ritter aufgelehnt, sich somit enorm viele Feinde gemacht, dann alles verloren und versucht trotzdem noch im Leben weiterzukommen und den richtigen Weg zu finden… Mir fehlen wirklich die Worte… Sie sind einfach so unglaublich stark…
Cheyenne legte die Birnen auf den Grasboden und bemerkte, dass Adocaz hinter ihr stand und den Heiler fixierte, der gerade neben seiner neu gewonnenen Freundin stehen blieb. Die richtete sich wieder auf und starrte ihn erst einmal an. Sie wusste nicht so recht, wie sie auf ihn reagieren sollte, nach allem, was Sasha ihr gerade erzählt hatte. Glaczio schien das Verhalten seines Schützlings zwar etwas seltsam zu finden, aber er störte sich nicht daran und berichtete von seiner Erkundung. „Der Weg, auf dem wir voranschreiten werden ist ziemlich sicher, weiter oben sieht es allerdings nicht mehr so gut aus. Aber so hoch hinauf werden wir ohnehin nicht gehen. Also mach dir keine Sorgen mehr, ja?“ Cheyenne nickte nur stumm, wandte den Kopf langsam von dem Heiler ab und blickte zu Boden. Ihr ging Sashas Lebensgeschichte nicht aus dem Kopf. Glaczio schien bereits bemerkt zu haben, dass die junge Frau fehlte. „Hey, Engelchen, wo ist denn Sasha-Mäuschen? Denk übrigens bloß nicht, ich hätte nicht bemerkt, dass dich etwas bedrückt. Was war los, hm? Kann man euch Mädchen denn nicht einmal kurz allein lassen, hehe…“ Cheyenne seufzte und sah den Heiler wieder an. Adocaz hatte angefangen zu knurren, wurde aber ignoriert. Das Mädchen atmete tief durch, bevor sie Glaczio eine Antwort gab, denn sie würde für eine Erklärung das überaus schwierige Thema Vergangenheit ansprechen müssen. „Ähm… Sasha ist hinten bei den Birnbäumen und sucht Äste für ein Feuer zusammen… Geh nicht zu ihr jetzt, sie will… also ich glaube es zumindest, dass sie gern allein sein möchte… Sie hat… mir ihre ganze Vergangenheit erzählt…“ Der Heiler schloss kurz die Augen, dann wandte er etwas betreten den Blick ab, ehe er seinen Schützling wieder ansah. „Hat sie dir alles auf einmal erzählt? Ohne Unterbrechung?“ Cheyenne nickte, denn Sasha hatte in der Tat nicht wirklich eine Pause eingelegt, dann fuhr der Heiler fort. „Ach… Dieses Mädchen… Hm, dann weißt du jetzt alles? Hasst du mich jetzt etwa auch? Das würde deinen Blick gerade eben erklären… Hehe… Ich hatte keine andere Wahl… Zumindest nicht in diesem Moment… Ich musste weglaufen… Mittlerweile bereue ich, dass ich so feige war… Um ehrlich zu sein, verstehe ich meine Reaktion gar nicht mehr… Ich habe… nicht einmal nachgedacht… Das ist bei mir so gut, wie nie der Fall… Sie war eigentlich das Letzte, das mir geblieben ist und ich habe sie einfach so im Stich gelassen in dieser… Situation… Kein Wunder, dass sie mich hasst und mir nicht mehr vertrauen kann. Das würde ich auch nie von ihr verlangen. Ich bin einfach nur froh, dass es ihr jetzt besser geht… Ich hoffe eines Tages kann sie sich an Agamemnon rächen… Hat sie dir wirklich alles erzählt?“ Cheyenne nickte. Sie verstand sowohl Sasha als auch Glaczio, obwohl jeder von Beiden eine komplett andere Sicht der Dinge hatte. Sie konnte sich fast schon in ihre zwei Freunde hineinversetzen. Nun, da der Heiler seine Aussage beendet hatte, war sich das Mädchen wieder sicher, dass sie ihn nicht wegen seiner Vergangenheit hassen würde, egal wie Sasha empfand. Beide hatten es nicht leicht und keiner von ihnen verdiente es, gehasst zu werden. Zumindest sah Cheyenne das für sich selbst auf diese Weise. Sie entspannte ihren Blick und trat einen Schritt näher an Glaczio heran, der geknickt zu sein schien. Er legte den Kopf etwas schief und bemühte sich um einen nicht allzu traurigen Blick. Cheyenne hatte ihn selten in solch einem Zustand gesehen, das Schicksal seiner Ex-Freundin schien ihm wirklich sehr nahe zu gehen. Sie wusste, dass er ebenso, wie Sasha kein Mitleid wollte, aber das Mädchen fand es besser dennoch etwas zu sagen, anstatt zu schweigen. „Glaczio… Ich hasse dich nicht. Natürlich ist das alles… schwierig… Ich verstehe, was Sasha empfindet, aber gleichzeitig kann ich dein Verhalten auch irgendwie nachvollziehen… Ihr hattet es viel schwerer, als ich… und ihr seid so unglaublich stark… Ich wünschte wirklich, euch wäre all das Leiden erspart geblieben… Ich bewundere euren Lebenswillen…“ Cheyenne war so berührt und konnte die Verzweiflung fühlen, als wäre sie damals dabei gewesen. Es war, als würde sie durch Glaczios Augen das Erlebte eigens ansehen. Sie drehte sich um und wischte sich eine Träne weg. Warum weine ich denn jetzt… Ich hasse die Ritter immer mehr… Wenn ich die Auserwählte bin… gibt es keinen anderen, der es vermag sie aufzuhalten… Und ich möchte nicht, dass es noch mehr solche Fälle, wie Sasha gibt… Das heißt, ich… will versuchen… der Ritterschaft ein Ende zu bereiten, so gut, es mir gelingt… Aber ich werde meinen eigenen Weg gehen… Vielleicht ist Sasha jetzt ja so fröhlich, weil sie in Freiheit lebt. Sie ist nirgendwo mehr eingesperrt. Und Glaczio ist ebenfalls frei, aber scheint sich nur in wenigen Dingen verändert zu haben. Ich hab auch immer in Freiheit gelebt… Solange ich noch nicht wusste, wer ich… sein soll. Aber eigentlich… meine Großeltern und ich, naja… nein, wir waren doch auch nicht wirklich frei. Wir standen unter Bedrohung der Ritter… So, wie viele andere Leute ebenfalls. Wenn ich die Auserwählte bin, kann ich mir dies doch zunutze machen und mich dafür einsetzen, dass die Menschen frei sind… Die Ritter zu besiegen bringt Freiheit und die Rettung der Welt… Überleben… Vielleicht sollte ich… mein Schicksal nutzen… um zu helfen. So vielen Leuten geht es schlecht… Sasha hat mir das gerade sehr deutlich aufgezeigt… Ich will aber nicht, dass so viel Leid in der Welt geschieht… Und der durch die Ritter verursachte Lumenium-Mangel zerstört alles langsam… Vielleicht kann ich das ändern… Wenn ich wirklich die Auserwählte bin… werd ich nicht mehr weglaufen, sondern mich dieser Aufgabe stellen… für meine Freunde und für die ganze Welt… und irgendwie auch ein bisschen für mich und meine Zukunft… Großmutter hat gesagt, dass die ganze Hoffnung auf mir ruht… und ich will niemandes Vertrauen enttäuschen, sondern helfen… Es soll keiner mehr unter den Rittern leiden. Nicht, wenn ich es verhindern kann. Sasha meinte, dass für mich sehr viele ihr Leben geopfert haben. Ich will mich revanchieren und nicht mehr zusehen, wie jemand für mich stirbt. Hat Glaczio das gemeint? Mit dem Pfad der Freiheit? Dass ich nicht meinem Schicksal folge, das mir vorgegeben wurde, sondern, mich frei dafür entscheide, dieselben Ziele, wie die meines Schicksals anzustreben? Auf meine eigene Art und Weise… Ich unterwerfe mich meiner Bestimmung nicht… Ich tue nur das, was ich für richtig halte und entscheide selber über mein Leben. Es sind zufällig dieselben Ziele, aber unterschiedliche Wege, diese zu erreichen. Ich werde also für Freiheit und Überleben kämpfen… für eine bessere Welt… Ich weiß, dass ich dies in meinem derzeitigen Zustand nicht schaffen werde… ich muss stärker werden, um das zu erreichen… und es wird mich viel Überwindung kosten mit Leib und Seele diese Ziele zu verfolgen… Aber solange Glaczio, Sasha und Adocaz an meiner Seite sind, werd ich das schon irgendwie hinbekommen… Hoffentlich… Was ist, wenn ich scheitere? Nein, soweit darf es nicht kommen… ‚Du darfst nicht sterben. Ich werde es nicht zulassen. Habe keine Angst, meine liebe Cheyenne. Noch nicht‘. Der Meeresdrache hat mich nicht sterben lassen… Bedeutet das, dass er daran glaubt, ich könne es schaffen? Nun, ich versuche mein Bestes zu geben… Falls ich… die… Auserwählte… sein sollte…
Cheyenne fasste auf einmal neuen Mut und schüttelte wild den Kopf, dann drehte sie sich um und sah Glaczio an. „Wenn ich die Auserwählte sein sollte, werde ich kämpfen. Für die Freiheit dieser Welt. Niemand soll mehr unter den Rittern leiden, so wie du, Sasha und meine Großeltern… Ich werde mich meinem Schicksal nicht ergeben, sondern es zu meinem Vorteil nutzen, so wie du es mir beigebracht hast. Ich verwende es lediglich für meine Ziele und Zwecke. Ich werde meine eigenen Entscheidungen treffen und auf dem Pfad der Freiheit gehen. Ich will… nicht mehr zögern und weglaufen… Ich werde mich der Verantwortung meiner Entscheidungen und Taten stellen, weil ich sie frei gewählt hab. Ich hoffe nur, dass ich eines Tages stark genug werde, um diese schwere Last zu tragen… Ich will nicht zusehen, wie die Welt langsam stirbt und die Leute so leiden, ohne etwas dagegen getan zu haben. Ich werde kämpfen… für alle, die noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben, für alle, deren Traum es ist, frei zu sein, für alle, die die Welt lieben und wollen, dass sie sich wieder erholt und für alle, die einfach nur leben wollen.“ Cheyenne versuchte, überzeugt zu klingen, aber ein Gefühl der Unsicherheit übermannte sie und ließ sie zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwanken. Es war einfach zu viel, immer noch. Glaczio sah seine Freundin gütig und stolz an. Er schien zu merken, dass sie mit den Nerven ziemlich am Ende war. „Engelchen… Mach dir keine Sorgen, ja? Deine Einstellung ist sehr löblich, du bist wirklich einzigartig… Nun hast du ihn endlich verstanden. Den Pfad der Freiheit. Wie konnte ich je an deiner Seelenstärke zweifeln? Hehe. Du wirst es schaffen. Du bist ja auch nicht alleine, es werden dir unzählige Leute zur Seite stehen. Der erste Schritt, um deine soeben gesetzten Ziele zu erreichen, ist hiermit getan. Aber wenn du nicht daran glaubst, dass du es schaffen kannst, wirst du nicht erreichen, was du begehrst… Du musst mit ganzer Seele dahinterstehen. Egal, wie verzweifelt du auch sein magst, deine Träume und Ziele müssen ein Zufluchtsort sein, an welchem du neue Hoffnung schöpfen kannst. Niemand weiß, was die Zukunft bringt… Also glaube ich an dich, bis zum Schluss. Genauso, wie jeder einzelne Schattendiener und Sasha auch. Engelchen… lerne, Vertrauen in dich selbst zu haben…“ Nach Glaczios Worten ging es Cheyenne schon viel besser und sie war nun nicht mehr so unsicher, wie zuvor. Am liebsten hätte sie den Heiler umarmt, so dankbar war sie ihm, aber sie beschloss, es doch nicht zu tun.
Das Mädchen seufzte und setzte sich ins Gras, den Blick auf den Gezeitensee gerichtet. Glaczio gesellte sich zu ihr und Adocaz legte sich vor seine Besitzerin, den Heiler beobachtend. Dieser sah den Feenwolf an und grinste etwas. „Hey, Engelchen, hast du dich schon einmal gefragt, wie die Welt wäre, wenn Blicke töten könnten? Hehe, dein Feenwölfchen hier hätte mich schon unzählige Male umgebracht, er färbt schon von Sasha ab.“ Cheyenne musste kurz leise lachen. Adocaz benahm sich manchmal tatsächlich etwas, wie die junge Frau. Das Mädchen musste wieder an ihre Freundin denken und rupfte etwas Gras aus dem Erdboden. „Warum… hat General Agamemnon ihr eigentlich… so etwas angetan? Ich kann einfach nicht glauben, dass er so krank im Kopf… und dann noch dazu Herrscher ist… Sasha hat vermutet, er wollte dir eine Lektion erteilen, indem er ihr Schmerzen zufügt… und dass er andere gern leiden sieht…“ Glaczio seufzte und starrte auf den See. „Es ist wahr. Agamemnon erfreut sich am Leid anderer, mehr als alles andere ihn beglücken könnte. Das Einzige, was er zum Überleben braucht, ist der Anblick frischen Blutes, welches aus tödlichen Wunden seiner Opfer hervortritt. Er ist wahrlich ein Psychopath. Er fand Sasha entwürdigend für mich und wollte, dass entweder sie mich verlässt oder ich sie. Außerdem hatte er immer schon eine… ‚Schwäche‘ für junge Mädchen. Sasha ist zudem sehr hübsch. Aber du kannst dir vorstellen, dass wenige weibliche Wesen, die diesen Idealen entsprechen, etwas mit dem Typen zu tun haben wollen. Er ist allgemein für seine Grausamkeit und seine Eigenwilligkeit bekannt. Meistens handelt er ohne nachzudenken. Sasha nennt ihn gerne instinktgesteuert, was eine absolut treffende Formulierung ist. Diese Eigenschaften machen ihn allerdings zu einem gefährlichen Gegner im Kampf… Nun, er wollte Sasha einschüchtern, aber viel mehr die Angst in ihren Augen sehen und ihre… Schmerzensschreie hören… Das klingt jetzt grausam und das ist es aus unserer Sicht auch, aber für Agamemnon gibt es nichts Schöneres… Du und ich, wir… können uns nicht einmal annähernd ausmalen, wie schrecklich es für sie gewesen sein muss… Sie hat sich nicht einmal wehren können. Er ist ziemlich stark und grob. Sasha… ist wahrlich bewundernswert, sie hat dies alles überstanden und schafft es… so fröhlich zu sein. Du kannst dir gar nicht vorstellen, welch ein schlechtes Gewissen ich habe… Aber verändert hat sie sich durch diese ganze Sache schon. Aus dem schüchternen, kleinen Mädchen aus der Unterstadt ist eine ziemlich gefährliche, selbstbewusste und vorlaute Frau geworden. Ich habe keinerlei Zweifel, dass sie eines Tages ihr Ziel erreichen wird. Ich werde nie gut machen können, was ich ihr angetan habe… Oder so vielen anderen… Durch meine bloße Existenz… geschah so viel Leid… Warum nur musste mein Schicksal sein, anderen zu schaden… Habe ich wirklich solch eine schlechte Seele? Diese Tatsachen beschäftigen mich zwar, sind jedoch belanglos für meine Zukunft. Ich will ebenso, wie du, für eine bessere Welt und Freiheit kämpfen, deshalb bin ich ja hier, hehe. Ich danke dir noch einmal von ganzem Herzen für diese zweite Chance. Engelchen…“ Glaczio schien in Gedanken versunken zu sein und Cheyenne fühlte sich immer noch schlecht wegen der Vergangenheit ihrer Freundin, aber der Heiler vermochte es irgendwie, dass es ihr zumindest ein klein wenig besser ging. Sie fühlte, dass alles, was er soeben gesagt hatte, der Wahrheit entsprach, und verspürte eine ungeheure Lust, diesen General Agamemnon zu töten. Das Mädchen schwankte zwischen Angst und Wut, wenn sie an diesen Typen dachte, aber sie beschloss, ihm im Falle eines Aufeinandertreffens, keinen Respekt entgegenzubringen, könnte er noch so gut kämpfen. Angst wollte sie ihm auch nicht zeigen.
Die letzten Chromasterne würden bald schon am Horizont verschwinden und Sasha war immer noch nicht zurückgekehrt. Cheyenne machte sich langsam Sorgen. Glaczio hatte sich neben ihr mittlerweile ins Gras gelegt und starrte zum Himmel hinauf. Obwohl er dort oben nichts sehen konnte, suchte er scheinbar etwas. Lange hatte Schweigen geherrscht, aber das Mädchen brach dieses nun. „Glaczio, Sasha ist immer noch nicht da, ich mach mir langsam wirklich Sorgen um sie. Ich geh los und such sie.“ Damit wollte Cheyenne aufstehen, aber der Heiler ergriff ihren Arm und hielt sie zurück. „Nein, Engelchen, warte lieber noch etwas, die kommt schon. Merk dir eines. In solchen Situationen ist es wirklich besser, du lässt ihr Luft zum Atmen. Mach dir keine Sorgen um das Schnuckelchen, die kommt schon klar. Oder findest du es so schrecklich allein hier mit mir zu sein? Hehe… Ich könnte ja beißen, nicht wahr?“ Cheyenne schaute ihn erst etwas genervt, dann ungläubig und völlig entgeistert an, danach zog sie eine Augenbraue hoch, bevor sie schmunzeln musste und ihren Arm aus seiner Hand befreite. Was? Glaczio und beißen? Er? Hihi, nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das wäre ihm doch viel zu blöd. Andererseits kann er seine Intelligenz und seine erwachsene Erscheinung auch schnell mal gegen kindliches Verhalten austauschen.
Cheyenne versuchte erneut aufzustehen, aber wieder zog der Heiler sie zu Boden. Also gab sie sich geschlagen, ihre Kraft war seiner unterlegen. „Hey, wenn ihr was passiert, gebe ich dir die Schuld, klar? Dann sehen wir ja, wer hier wen beißt, hihi.“ Glaczio lachte leise und sah Cheyenne dann etwas angriffslustig an. Ein wenig verunsichert, aber belustigt hielt diese seinem Blick stand und konnte dann nicht anders, als loszulachen. Adocaz winselte nur, er schien absolut verzweifelt zu sein, dass sich sein Frauchen so gut mit dem Heiler verstand. Aber die zwei Freunde störte das nicht. Glaczio schloss kurz die Augen, dann blickte er wieder gen Himmel. „Hey, Engelchen?“ Cheyenne schaffte es, das Lachen etwas zu unterbinden und sah ihn an. „Ja, Eissternchen? Hihi.“ Sie konnte nicht anders, als ihn etwas aufzuziehen und musste über ihre eigene Aussage lachen. Er sah sie etwas verwirrt, aber doch amüsiert an, wandte den Blick jedoch schnell wieder ab und schaute verlegen zur Seite. Sasha war zurückgekommen und legte die gesammelten Äste auf den Boden. Cheyenne sprang auf und ging zu ihr hin. Sie umarmte ihre beste Freundin und war erleichtert, dass es dieser gut ging. „Sasha, ich hab mir schon Sorgen gemacht, alles in Ordnung?“ Die junge Frau nickte und bemühte sich um einen zuversichtlichen Blick, inklusive eines zaghaften Lächelns. Cheyenne löste sich wieder und überlegte, ob nicht sie heute zur Abwechslung das Feuer entfachen sollte.
Sasha schien sehr erschöpft zu sein, vom Erzählen, vom Weinen und von den ganzen zurückgerufenen, schrecklichen Erinnerungen. Sie ließ sich auf die Knie fallen und setzte sich nieder. Zudem fror sie etwas. Cheyenne machte sich sofort daran, das Feuer zu entzünden und Glaczio entfernte sich von seinen zwei Gefährtinnen und dem Feenwolf. Hm? Warum geht er denn jetzt? Das Mädchen konnte nicht weiter überlegen, sie musste zusehen, dass ein Feuer zustande kam, denn sie wollte, dass es Sasha schnell wieder besser ging. Die lodernden Flammen würden helfen, sie wären wärmend und ihre Freundin mochte das orangefarbige Glühen, da es ihr eine Art Hoffnung gab, wie sie selbst gesagt hatte. Ein knisterndes Feuer wirkte auch schön beruhigend.
Cheyenne konzentrierte sich stark und bemühte sich, Magie anzuwenden, so, wie sie es vor einigen Stunden gelernt hatte. Schon beim zweiten Versuch, verspürte sie ihren Herzschlag als Druckwelle, eine wohltuende Wärme und Hoffnung machten sich in ihr breit und eine kleine Flamme wurde in ihren Händen geboren. Behutsam führte das Mädchen ihr Feuer zu den Ästen und entzündete sie. Diese fingen an lodernd zu brennen und eine ruhige Stimmung kam auf. Sobald Cheyenne jedoch ihre Konzentration aufgab und sich vom Feuer entfernte, erlosch dieses. Hm? Hab ich was falsch gemacht? Aus der Ferne ertönte nun Glaczios Stimme, der das Ausgehen des Feuers wohl mitbekommen hatte. „Engelchen, ich vergaß zu erwähnen… Deine Zauber funktionieren nur so lange, wie du ihnen Aufmerksamkeit schenkst. Sie ernähren sich zwar ebenso wie normales Feuer von Umgebungs-Umbraurore, aber ohne deine Kontrolle erlischt die Flamme. Es ist eben "nur" Magie und kein Dauerzustand. Wenn du nicht dort drüben sitzen willst und deine Zeit damit verbringen willst, das Feuer konzentriert anzustarren, würde ich dir empfehlen auf die alte klassische Art und Weise ein Feuer zu entfachen.“ Cheyenne schloss etwas demotiviert die Augen und seufzte. „Alles klar, danke für die Warnung und so.“ Sie nahm sich einen Stock und machte sich daran ein paar Funken zu produzieren, indem sie das Stöckchen rieb. Der Heiler fügte noch einen erfreulicheren Kommentar hinzu. „Aber hey, du hast es schon wieder geschafft Feuer zu beschwören! Wenn du in dieser Geschwindigkeit weiterhin Fortschritte machst, übertriffst du vielleicht eines Tages sogar noch deinen heldenhaften und magiekundigen Meister.“ Das Mädchen schaute nicht in seine Richtung, aber freute sich innerlich über die Worte ihres Mentors. Hihi, ja stimmt, ich war so konzentriert, dass ich vergessen habe mich zu freuen, dass es geklappt hat. Auch kleine Erfolge können Großes bewirken, das darf ich nicht vergessen. Ob es wohl auch so ist, wenn ich besser im Umgang mit Magie bin? Einfach gedankenlos mich konzentrieren und beschwören? Hm…
Nach ein paar Minuten schaffte Cheyenne es, den Haufen an Ästen zu entzünden und es brauchte nicht lange, bis das Feuer loderte. Der Schein der flackernden Flammen in der Nacht, welcher wärmt und schön anzusehen war, umgab Cheyenne, Sasha und Adocaz. Glaczio stand etwas entfernt, sehr nah eines Felsens, die Arme verschränkt und zwinkerte seinem Schützling stolz zu. Dann zog er sein Schwert und erleuchtete mit dessen Schein die Umgebung etwas, bis er damit den Felsen berührte und sich dort niederließ.
Das Mädchen kam an Sashas Seite und Adocaz kuschelte sich an die beiden Freundinnen. Die junge Frau legte sich hin und schien einfach nur schlafen und vergessen zu wollen. Auch der Feenwolf spürte dies und kuschelte sich dicht an ihre Seite. Er mochte die beste Freundin seiner Besitzerin offenbar genauso gern, wie diese selbst. Cheyenne war stolz auf ihren Adocaz und streichelte über sein Fell.
Nach einer Weile war Sasha eingeschlafen, den Feenwolf innig umarmt, das Gesicht zum Teil in sein flauschiges Fell gegraben. Die junge Frau schien immer noch etwas zu frieren, aber es gab nichts mehr, das noch Wärme spenden könnte. Das Mädchen sah zu Glaczio, der halb liegend an einem großen, teilweise flachen Felsen lehnte. Warum sitzt er da vorne und nicht hier? Will er unbedingt allein sein? Ich werd ihn fragen gehen, nun da Sasha ohnehin schläft. Hoffentlich erlaubt er mir diese ‚Neugier‘… Leise flüsterte Cheyenne zu ihrem Feenwolf. „Adocaz, du bleibst hier bei Sasha, ja? Lass sie jetzt nicht allein und kuschle dich so nah, wie möglich an sie ran, damit ihr nicht so kalt ist, in Ordnung? Mein feiner Adocaz…“ Dieser spielte mit seinen Ohren und tat, was seine Besitzerin ihm sagte.
Das Mädchen erhob sich und tapste zu dem Heiler. Er folgte ihrer Bewegung im Schein des Feuers mit teils verwundertem, teils leerem Blick. Cheyenne setzte sich neben ihn und legte den Kopf schief. „Darf ich dir Gesellschaft leisten?“ Glaczio schmunzelte und sah seinen Schützling weiterhin an. „Hehe, ernsthaft? Du willst deine wertvolle Schlafenszeit an mir verschwenden? Also bitte, Engelchen… Du kannst ruhig schlafen gehen, einer muss ohnehin Wache halten. Aber… ein sehr netter Ansatz. Danke.“ Damit wandte er sich wieder dem Himmel zu und das Mädchen wusste, dass dies eher einer von den Momenten war, in denen sie eine Konversation mit dem Heiler vermeiden sollte. Aber sie war noch nicht müde und wollte ihm ja auch noch eine Frage stellen, also ging sie das Risiko ein und blieb sitzen. „Ähm… Verschwenden? Ich finde nicht, dass es Zeitverschwendung ist, mich mit dir zu unterhalten. Naja, manchmal schon. Aber ich bin irgendwie noch gar nicht müde… Das mit dem Wache halten ist auch eine Ausrede, hab ich Recht? Du bist vorhin ziemlich schnell weggegangen, als ich das Feuer entfacht hab. Wenn ich es mir so überlege, hab ich dich noch nie in der Nähe von Feuer gesehen. Magst du es einfach nicht, wegen… naja… dem, was deiner Familie… passiert ist, oder ist da etwas anderes? Es ist offensichtlich, dass du Feuer meidest. Ich weiß schon, ich soll nicht so neugierig sein, aber ich kann mir manchmal einfach nicht helfen. Tut mir ehrlich leid.“ Der Heiler schloss die Augen und seufzte. Dann öffnete er sie wieder, legte den Kopf zurück und drehte diesen daraufhin zu Cheyenne. „Engelchen… Also schön, ich erzähle dir, warum ich Feuer meide. Das hast du übrigens sehr gut analysiert, ich als dein überaus begabter Lehrmeister muss dir ein Lob dafür aussprechen. Ich als Glaczio, der tapfere, wunderschöne Heiler, Held und Magier würde jetzt am liebsten dieses Gespräch beenden. Feuer… Nun, ich denke, zuallererst einmal habe ich aufgrund meines Elements eine gewisse Abneigung gegen es. Zweitens, ja, es hat meiner Familie das Leben genommen, deshalb sehe ich ihm nicht gerne dabei zu, wie es lodert und mich an das Bild meines brennenden Zuhauses erinnert. Drittens… Aus irgendeinem überaus seltsamen Grund fühle ich mich überhaupt nicht wohl in der Nähe von Feuer und ich vermute stark, dass dies etwas mit meinem körperlichen Zustand zu tun hat. Mein Lumenium kann zwar keine Wärme mehr speichern, aber das Hitzeempfinden ist mir geblieben, jedoch nehme ich es aufgrund meiner kalten Temperatur viel verstärkter wahr und mein Körper reagiert daher sehr sensibel darauf… Hitze fügt mir sogar in einer gewissen Art und Weise etwas mit Schmerzen Vergleichbares zu. Deshalb bleibe ich lieber von Feuer fern. Antwort genug?“ Cheyenne blickte verlegen zu Boden. Das hätte ich mir eigentlich denken können. Dass es immer gleich sowas Schlimmes sein muss… Der Arme… Kann sich nicht mal mehr zu uns ans Feuer setzen, ohne dass er dafür Schmerzen in Kauf nehmen muss… Hm… Ich werde einfach noch etwas hier bei ihm bleiben, damit er sich nicht mehr so benachteiligt oder etwas in der Art fühlt. Glaczio schien zu merken, dass der schnippische Unterton in seiner Stimme etwas zu unfreundlich gewesen war und seufzte. Der Heiler entschuldigte sich auf seine eigene Weise. „Hehe, ich sagte doch, dass ich auch beißen kann, Engelchen. Aber nicht nur mit Worten…“ Cheyenne verstand seine Anspielung und nahm die Entschuldigung an. Er konnte ja nichts dafür, wenn sie ihn etwas fragte, worüber er nicht reden wollte. Das Mädchen hatte sich zu sehr an seinen wandelbaren Charakter gewöhnt, als sich über diese Aussage zu wundern, oder genervt zu sein. Sie schüttelte lediglich leicht den Kopf und warf einen Blick zu ihrer Gefährtin hinüber. Diese hatte vorhin nicht einmal eine Birne gegessen, Cheyenne und Glaczio hatten dies bereits während der Wartezeit auf die junge Frau getan. Sasha zitterte immer noch am ganzen Leib. Dem Mädchen fiel auf, dass ihrer Freundin immer erstaunlich schnell kalt wurde. Sie wandte sich wieder an Glaczio. „Sasha friert leicht, hm? Wie habt ihr das denn gemacht, als ihr zusammen wart? Ich meine… deine Körpertemperatur wird ihr manchmal etwas zu schaffen gemacht haben…“ Glaczio zögerte nicht lange und ergab sich der Frage seiner Freundin. „Wenn ich für längere Zeit neben ihr lag, oder saß, hab ich ihr immer eine Decke geholt. Wenn wir uns zu gegebenen Zeiten nachts mein Bett geteilt haben, hat ihr meine Mutter manchmal eine Wärmflasche hergerichtet und sie bekam eine zweite Decke. Mit ein bisschen Improvisation geht doch alles… Aber die Sache mit der Wärmflasche hat mir wieder zu schaffen gemacht… Ich habe es dem Schnuckelchen jedoch nie gesagt und versucht es auszuhalten. Allgemein ist… das ein Problem… Wärme… Decken stören mich nicht, da sie bei mir ohnehin keine Wärme entwickeln. Aber alles was über der menschlichen Normaltemperatur liegt bereitet mir dann langsam schon einige Schwierigkeiten… Von diesem Punkt weg, fühle ich bei einem Anstieg der Temperatur immer mehr… körperliche Schmerzen und Erschöpfung... Auch wenn ich nun zum Beispiel ein Feuer nicht berühre, sondern noch zwei Meter davon entfernt stehe, fühlt es sich schon so an, als würde… es mich ganz langsam verbrennen… Mein Körper reagiert auch… dementsprechend… Käme ich in die nächste Nähe eines Feuers, verursacht die Hitze bereits Brandwunden… Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich es berühre… So weit kam es noch nie… Meine Frau Gwendalynn… wollte an kalten Tagen eine Wärmflasche zum Schlafen… manchmal musste ich nachts aus dem Zimmer und hinaus an die frische Luft, wenn das der Fall war. Auch ihr habe ich nie etwas gesagt. Es hätte sie vielleicht nur gekränkt… Ziemlich sicher sogar, dann wäre sie nämlich so stur gewesen und hätte auf jegliche Wärme verzichtet… Sie hätte sich so oft erkältet… Ihr Immunsystem war nicht das Beste. Auch bei anderen Mädchen ist mein körperlicher Zustand ein richtiges Problem… Meistens, wenn ich eine Nacht mit eine der Süßen verbringe, mache ich mich nachts aus dem Staub und lasse mir irgendeine Ausrede einfallen. Noch nie hab ich Mädchen gehabt, die wirklich mit diesem Problem klar kamen. Aber am Ende ist es ist es immer dasselbe… Irgendwann merken die alle, dass die Ausrede ‚Ach, mir ist nur ein bisschen kalt und ich habe grundsätzlich kalte Hände‘ und so weiter und sofort, nicht mehr glaubhaft erscheint. Da erspare ich mir einfach die lange Erklärung, weil ich ohnehin nicht vorhabe mit irgendeinem Mädchen wieder eine Beziehung zu führen und verschwinde… Jetzt hältst du mich sicher für einen noch schlechteren Menschen, nun da ich dir das alles auch noch so freiwillig und ehrlich erzählt habe, was? Hehe…“ Aber Cheyenne verstand langsam immer mehr die Gründe, warum er sich Mädchen gegenüber so verhielt. Zwar gab es einige Punkte, die sie noch nicht nachvollziehen konnte, aber das lag wahrscheinlich zum Teil an ihr. Viel eher, als Verständnislosigkeit empfand sie Mitleid. „Das ist doch gar nicht wahr, du bist kein schlechter Mensch, du bist nur… nun… außergewöhnlich. Sogar mehr positiv als negativ, aber das merkt man nur, wenn man dich näher kennt. Wobei… ich weiß immer noch nicht so ganz, woran ich bei dir bin, aber zumindest weißt du, was du tust und bist dir möglichen Konsequenzen bewusst… Wenn du wirklich daran glaubst, deine eigenen Worte übrigens, wirst du eines Tages eine Frau finden, die dich so nimmt, wie du bist und ihr euch dabei beide noch wohl fühlt. Es gibt ja auch Leute, wie mich, die sich nicht an Kälte stören, oder jemand, der dir gefällt hat, auch das Element Eis. Nur nicht die Hoffnung aufgeben.“ Glaczio seufzte. „Engelchen… Ich will keine Beziehung mehr. Dafür ist einfach zu viel schiefgelaufen. Solange ich lebe, bringe ich jeden in Gefahr, der bei mir ist. Wegen mir soll und darf kein Mädchen mehr Schmerzen oder gar den Tod erleiden. Ich werde so weiterleben, wie bisher. Frei und ungebunden… Ich habe Gefallen daran gefunden und mir bringt diese Lebensweise nur Vorteile, hehe… Es tut mir wahnsinnig leid für die Mädchen, die sich mehr erhoffen als eine kurze Liebelei, aber meistens ist es doch ziemlich offensichtlich, dass ich nicht auf eine Beziehung anspiele. Außerdem haben die doch auch was davon… Mach mir bitte keine Vorwürfe… Ich weiß alles selber, Püppchen…“ Cheyenne schüttelte langsam leicht den Kopf. „Ich mach dir keine Vorwürfe, werd ich auch in Zukunft nicht. Du musst wissen, was du tust und wenn du damit glücklich bist, anderen Mädchen die Herzen zu brechen, dann tu es doch… Ich werd dich nicht aufhalten, es ist mir ziemlich egal, was du machst, solange es nicht Sasha oder mich betrifft. Außerdem hast du irgendwie Recht… Du verschwindest ja auch zum Schutz der Mädchen und Liebeskummer ist… also, ich weiß es zwar nicht genau, aber ich vermute doch, dass es harmloser ist, als Tod und körperliche Verletzungen und ja… Ich glaub mit mir stimmt was nicht… Ich meine, ich hab Verständnis für dich… Es ist schwer und… naja, ich… kann deine Handlungen zum Teil sogar nachvollziehen... Aber nur zum Teil.“ Glaczio schien erst ein wenig verwundert zu sein, dann jedoch setzte er wieder seinen gütigen Blick auf und schien froh zu sein, dass Cheyenne bei ihm war. „Hehe… du bist wirklich etwas ganz Besonderes, Engelchen. Noch nie hat mir jemand Verständnis für diese Art von Lebensweise entgegengebracht. Es wurde nur versucht mir den Kopf abzureißen und… ach, den Rest erspare ich dir lieber, hehe… Was ist eigentlich mit dir und Xaver? Seid ihr wirklich nur Freunde?“ Diese Frage traf Cheyenne unerwartet. Warum fragte er ausgerechnet das? Wie kam er jetzt auf den besten Freund ihrerseits? Auf der Sandpassage hat er ihrem Kindheitsfreund doch noch solches Misstrauen entgegengebracht. Das Mädchen wurde kurz rot, aber dann sagte sie dem Heiler die Wahrheit. „Nun, also… ähm… Wie zur Hölle kommst du jetzt eigentlich darauf? Ach… naja… gut, du hast mir ja auch alles beantwortet. Xaver ist mein bester Freund, ich kenne ihn schon unglaublich lange. Er ist immer für mich da und eine Art großer Bruder für mich. Anfangs war ich auch so etwas, wie seine kleine Schwester, aber… mittlerweile glaub ich, er empfindet vielleicht mehr für mich. Aber er wird trotzdem nur mein bester Freund bleiben. Ich möchte nichts Anderes. Ich vermisse ihn so sehr…“ Cheyenne erwartete nun ein neckisches Kommentar zu Xavers und ihrer Freundschaft, aber nichts dergleichen kam. Glaczio schaute sie lediglich eine Weile nachdenklich an. „Engelchen, du magst ihn wirklich sehr, hm?“ Cheyenne nickte und der Heiler fuhr kurz darauf fort. „Nun… wir werden ihn schon finden. Hm, es wäre doch gelacht, wenn der mächtige Glaczio diesen Xaver nicht aufspüren könnte, nicht wahr? Du vertraust ihm… und glaubst an ihn… Hehe… Hast du gewusst, dass auch die unscheinbarsten Dinge töten können? Faszinierend, nicht wahr… Sei vorsichtig bei denen... Hey, jetzt da ich es mir so recht überlege, fällt mir etwas auf. Wenn du nur Xaver aus der Unterstadt kennst, ich schließe mit einer Wahrscheinlichkeit von neunzig Prozent andere Bekanntschaften aus, da du noch nie etwas davon erzählt hat, beziehungsweise es da gar nicht so viele Möglichkeiten gäbe, hast du ja noch nie eine Beziehung gehabt, sehe ich das richtig? Hehe, Engelchen, wie geht denn das, wenn du so hübsch bist?“ Cheyenne wurde enorm rot im Gesicht, wandte ihren Blick sehr schnell von dem Heiler ab, stand auf und bemerkte, dass sie ganz plötzlich doch lieber schlafen gehen würde, als mit Glaczio über Liebe und Beziehungen zu reden. „Ähm, oh, es ist ja schon so wahnsinnig spät, ach, wie doch die Zeit vergeht, hihi… Ähm… Ich geh schlafen, ja? Gute Nacht, bis morgen, schlaf gut und träum schön und oh, du hältst ja Nachtwache… Naja, egal, ich bin sehr müde irgendwie und ja… ähm… Gute Nacht, Glaczio.“ Damit ging sie hastigen Schrittes zurück zu Sasha und Adocaz. Vor ihrem geistigen Auge sah sie, wie sehr sich Glaczio gerade über ihre peinliche Ausrede und den schnellen Abgang amüsierte. Zumindest hatten es Beide geschafft, einander etwas abzulenken.
Cheyenne legte sich neben Adocaz ins Gras und versuchte zu schlafen, obwohl sie schon wusste, dass ihre Träume sie wieder fesseln und leiden lassen werden.
