Archdorf Route 3.2.2 - Fenster

Dein Blick fällt auf das Fenster. Niemand könnte dir garantieren, dass die Haustüre geöffnet wäre, solltest du es überhaupt bis dorthin schaffen. Du vermutest sogar eher, dass die Türe abgeschlossen sein würde. Warum auch sollte sie offen sein in Anbetracht der Situation, in der du dich befindest? Und würdest du es unbemerkt an deinem Entführer vorbeischaffen? Vielleicht, aber es geht hier immerhin um dein Leben und du willst die Möglichkeit mit dem geringeren Risiko wählen. Das Fenster. Du müsstest nur schnell genug sein und hoffen, dass du mit einem einzigen Axtschlag ein Loch groß genug machen könntest, um hindurchzuspringen. Zweifelsohne würde es laut werden und somit den Mörder auf den Plan rufen. Draußen ist es stockdunkel. Wenn du es hinausschaffst, wird er dich verfolgen? Die Wahrscheinlichkeit in der Finsternis zu stolpern und zu Boden zu fallen ist hoch, vor allem, wenn du um dein Leben rennst. Dann wäre es dem Verbrecher bestimmt ein Leichtes dich zu schnappen. Was würde dann mit dir passieren? Du schüttelst den Kopf. Du beschließt dir darüber erst Gedanken zu machen, wenn du erfolgreich aus dem Horror-Haus flüchten konntest. Eins nach dem anderen... Dir fällt es ohnehin sehr schwer dich in deiner Aufregung und Angst zu konzentrieren, aber du brauchst einen Plan. Und die Flucht durch das Fenster ist der beste, der dir in deiner aussichtlosen Situation einfällt.

Angestrengt überlegst du welche Stelle des Fensters und in welchem Winkel du mit deiner Axt das Glasfenster anvisieren sollst, um die bestmöglichsten Chancen für ein großes Loch zu bekommen. Allerdings bist du dir unsicher – du hast keine Erfahrung mit dem gezielten Zerbrechen von Glas und gestehst dir ein, dass du keine Wahl hast als einfach mit voller Kraft das Fenster mit der Axt zu zerschmettern und auf das Beste zu hoffen. Du hast nur eine einzige Chance, um dein Leben aus den Fängen des Mörders zu befreien. Mit zittrigen Händen hebst du die Waffe an und machst dich bereit den alles entscheidenden Schlag auszuführen. Du holst bereits Schwung, doch dann verlässt dich der Mut und du senkst das Werkzeug wieder. Du befürchtest, dass du mit deinen zittrigen Händen nicht genug Kraft aufwenden kannst und versuchst dich etwas zu beruhigen. Du musst sicherstellen, dass du alles geben kannst. Aber anstatt ruhiger zu werden klopft dein Herz immer schneller und du verfällst in eine Schnappatmung, die dir teilweise die Luft stiehlt. Du hast einfach Angst. Es geht um alles oder nichts, aber du kannst dich nicht bewegen, stehst da wie angewurzelt. Du zweifelst an dir selbst und an der Wahl deiner Fluchtmöglichkeit. Wie schnell wäre der Mörder hier, wenn er das Glas splittern hört? Die angstgesteuerten Gedanken um das, was passieren könnte, wenn du scheiterst fesseln dich und grausame Szenarien spielen sich gegen deinen Willen in deinem Kopf ab. Du willst leben. Du willst nicht heute und nicht hier sterben.

Deine Augen füllen sich mit Tränen und die Verzweiflung droht dich zu übermannen, doch dann blitzt ein Gedanke an deine Familie in deinem Kopf auf und gewinnst erfolgreich deine Fassung zurück. Du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren, nur das Fenster trennt dich von der Flucht und dem Weg zurück in dein Leben. Du willst deine Familie nicht alleine lassen.

Entschlossen beißt du die Zähne zusammen, umgreifst deine Axt fester und fixierst deinen Blick auf das Fenster. Plötzlich vernimmst du Schritte und das Summen, das aus dem Raum am Ende des Flurs tönt, wird lauter. Panisch blickst du in die Richtung aus der das Geräusch kommt. Dein Entführer wird jeden Moment um die Ecke kommen! Schweißgebadet, heftig atmend und mit weichen Knien gehst du einen Schritt auf das Fenster zu, richtest deinen Blick wieder auf das Glas und hebst die Axt. Du spürst immer mehr Adrenalin durch deinen Körper strömen und versammelst all deine Kraft, die du aufbringen kannst, in deinen Armen. Jetzt oder nie. Alles oder nichts. Du kneifst deine Augen zu und dann entfesselst du sie – mit einem mächtigen Schwung, der die Luft in Stücke reißt, schmettert die Waffe auf das Glasfenster ein, lässt es zerspringen. Glassplitter fliegen durch den Flur und zerkratzen deine Hände und dein Gesicht, bleiben in Haut und Kleidung stecken. Unter dem Geräusch von tausenden Splittern, die auf den Holzboden prasseln, reißt du deine Augen wieder auf und erlebst einen Schockmoment. Die Axt hat zwar ein Loch in das Fenster geschlagen, allerdings war es viel zu klein für dich um durchzuklettern! Das Glas ist sehr stark beschädigt, hat extrem viele Risse und nur ein weiterer Schlag würde bestimmt reichen, um es komplett zu zerstören, aber dir fehlt die Zeit dazu. Der Mörder würde dich schnappen noch bevor du erneut deine Axt schwingen könntest.

„Was für ein böses Schäfchen… Sieht so aus, als müsste ich dir erst noch Manieren beibringen.“ Du fährst herum beim Klang der Stimme deines Entführers und starrst ihn mit weit aufgerissenen Augen in Schock an. Du hast nicht erwartet einen Mann in Anzug zu sehen. Er trägt zudem eine Wolfsmaske und sein Körper ist übersäht mit dunkelroten Flecken und Spritzern. Doch dir bleibt keine Zeit um dich weiter mit seinem Erscheinungsbild auseinanderzusetzen, denn er bewegt sich zielstrebig auf dich zu. Ohne einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden wendest du dich wieder dem Fenster zu und lässt deine Axt fallen. Dir bleibt nur eine einzige letzte Option. Du weichst einen Schritt zurück, kneifst erneut deine Augen zu, ballst deine Hände zu Fäusten und hältst dir diese vors Gesicht. Du nutzt den einen Schritt Anlauf, den du hast, legst all deine noch vorhandene Kraft in deine Beine und springst Kopf voraus gegen das zersplitterte Glasfenster. Deine Fäuste durchbrechen es als erstes, dann dein Kopf, gefolgt von deinen Schultern und dem restlichen Oberkörper. Die Glasscherben schneiden dir ins Fleisch und einige blieben dir im Leib stecken, aber es ist vollends zerbrochen! Nach einem kurzen Moment des freien Falls wird dir durch den Aufprall auf einem matschigen, kalten Boden dein Erfolg bewusst. Ohne einen Moment ungenutzt verstreichen zu lassen, stemmst du die Arme in den Erdboden und richtest dich auf und noch bevor du komplett aufgestanden bist, beginnst du zu laufen. Du stolperst dabei, findest aber dein Gleichgewicht und rennst dann so schnell wie du noch nie zuvor. Ohne den Mut zu haben nach hinten zu blicken, um zu sehen, ob du verfolgt wirst, lässt du dich einfach von deinen zittrigen Beinen tragen, die Schmerzen, die die vielen Glassplitter verursachen, ausgeblendet. Alle paar Schritte tastest du mit den Händen die Wände neben dir ab, um dich an ihnen zu orientieren, da du in der stockdunklen Nacht rein gar nichts siehst. Bloß nicht stolpern… In der Hoffnung nicht gegen eine Wand zu knallen läufst du immer gerade aus. Du merkst, wie dich deine Kräfte verlassen und dir die Luft zum Atmen wegbleibt. Dann gibt eines deiner Beine nach, was dich auf dem matschigen Boden ausrutschen lässt und dich zu Fall bringt. Angsterfüllt blickst du hinter dich, aber du kannst nichts sehen. Doch du hörst nur dein heftiges Atmen und das Prasseln des Regens, den du erst jetzt wirklich wahrnimmst. Unsicher und wackelig richtest du dich wieder auf und läufst weiter. Langsam spürst du wie sich die Schmerzen bemerkbar machen und fühlst wie das kalte, vom Himmel herabfallende Wasser dich bis auf die Knochen durchnässt. Diese Umstände zehren an deinen verbliebenen Kräften und du wirst langsamer, verfällst in einen Laufschritt. Völlig verstört von dem, was du gerade erlebt hast, zwingst du dich jedoch weiterzulaufen. Du fühlst dich nicht sicher, weißt nicht wo du bist, weißt nicht wohin. Ohne Vorwarnung prallst du heftig gegen eine Mauer, fällst zurück und landest auf deinem Po. Der Aufprall hat dir eine Platzwunde an der Stirn verursacht und einige der Scherben haben sich dadurch noch weiter in dein Fleisch gebohrt. Neben dem kalten Regen fließt auch warmes Blut deinen Körper herab. Erneut erhebst du dich und läufst in eine andere Richtung weiter. Nach einer Weile taumelst du nur noch, dir wird schwindelig, aber dennoch bleibst du nicht stehen. Der Boden unter deinen Füßen fühlt sich mittlerweile fester an, wie Pflasterstein und du bildest dir ein in der Ferne Chromaschein erkennen zu können. Trotz verschwommener Sicht steuerst du auf das Leuchten zu und tatsächlich wird es stetig heller. Du kannst es kaum glauben als du Fuß auf eine beleuchtete Straße setzt. Gerade als du dich umsehen möchtest, um dich zu orientieren und festzustellen, wo du dich befindest, kippst du zur Seite um. Ehe du dich versiehst verstummt der Regen und dir wird schwarz vor Augen.

Turmglocken. Du schreckst hoch, reißt die Augen auf und richtest dich auf. Noch während du dich aufsetzt bereust du deine Reaktion auf dein Wachwerden, denn dein ganzer Körper schreit vor Schmerz. Du zuckst zusammen und stöhnst, kneifst eins deiner Augen zu. Einen Moment verharrst du in dieser Position, dann öffnest du dein Auge wieder und siehst dich um. Du sitzt in einem Bett, rechts und links von dir hängen mintgrüne Vorhänge und wenn du den Blick geradeaus richtest, kannst du durch ein Fenster auf eine Straße sehen. Die pastellgrünen Wände des Gebäudes, in welchem du dich befindest, werden durch einige Flecken verziert, die scheinbar durch einen Wasserschaden entstanden sind. Vor dem Bett, auf dem du sitzt steht ein Eimer, der Wassertropfen auffängt, die von der Decke perlen. Wo… bin ich…? Du musterst deine Arme und legst die Decke, die deine Beine bedeckt, zur Seite. Dein Körper ist übersäht mit kleinen Wunden, auf denen überall eine Salbe aufgetragen wurde, manche Stellen sind mit Bandagen verbunden und du fühlst ebenso einen Verband um deinen Kopf gewickelt. Das… was passiert ist… war kein Alptraum. Ebenso musst du feststellen, dass du nackt bist und legst dir schnell wieder die Decke über. Stutzig und in Schock über das was passiert ist, starrst du vor dir in die Luft. Du kannst dich noch an alles genau erinnern. Den Geruch von Blut, die Todesangst, die verstörte Frau, das Menschenfleisch und den kuriosen Anblick deines Entführers. Dann erst begreifst du, dass du es geschafft hast zu fliehen. Du lebst noch und wärst vermutlich jetzt in Sicherheit. Es ist vorbei. Erschöpft, aber erleichtert, atmest du tief aus. Dann hörst du Schritte auf dich zukommen und richtest deinen Blick in deren Richtung. Der Vorhang zu deiner rechten wird ein kleines Stück geöffnet und hervor tritt ein älterer Mann mit grau-braunen kurzen Haaren, der einen dunkelblauen Kittel trägt. Mit einer rauen, aber sanftmütigen Stimme, spricht er zu dir. „Ihr seid wach geworden, wie schön. Wie fühlt Ihr euch?“ Dieser Mann scheint ein Arzt zu sein. Deinen Erinnerungen zufolge bist du auf einer Straße ohnmächtig geworden. Hat er dich gefunden und in seine Praxis gebracht? Mit leiser Stimme antwortest du ihm. „Ich… ich fühle mich… Ich…“ Du bist so durcheinander, dass es dir schwer fällt diese einfache Frage zu beantworten. „Ich… habe Schmerzen… aber ich lebe noch. Ich… lebe. Deswegen… fühle ich mich… gut?“ Der Arzt legt den Kopf leicht schief und lässt dir Zeit, um weiterzureden. „Wo… Wo bin ich hier? Was ist passiert? Wie bin ich hier her gekommen? Und wer genau seid Ihr?“ Die Fragen strömen aus dir heraus wie ein Wasserfall. Der alte Mann lächelt und steht dir Rede und Antwort. „Schön zu hören, dass es Euch gut geht. Ihr seid hier in meiner kleinen Arztpraxis. Die einzige in ganz Archdorf. Ich bin Doktor Svange. Ihr wurdet hier in den frühen Morgenstunden von zwei Rittern hergebracht, die Euch scheinbar bewusstlos auf einer Straße hier ganz in der Nähe gefunden haben. Euer Körper war übersäht von Glassplittern… Manche davon haben sich wirklich tief in Euer Fleisch gebohrt… Ich denke jedoch, dass ich alle entfernen konnte. Was ist nur mit Euch passiert? Noch nie habe ich so einen Fall wie Euch gehabt. Und ich habe schon so einiges erlebt.“ Du seufzt erleichtert auf. Du fühlst dich bestätigt – du bist in Sicherheit. Auch bist du dankbar darüber, dass man dich gefunden und dir geholfen hat. „Vielen Dank für die Behandlung, Doktor Svange. Ich kann gerade noch nicht richtig begreifen, dass ich hier bin… und tatsächlich flüchten konnte… Es fühlt sich alles wie ein Alptraum an…“ Der Doktor runzelt die Stirn. Du schilderst ihm, was dir widerfahren ist, wer du bist, was du in Archdorf machst, wie du in dem Horror-Haus aufgewacht bist, wie du dich vom Stuhl befreien konntest an den du gefesselt warst, erzählst ihm von der geschundenen Frau und dem aufgehängten, gehäuteten Menschen-Torso und wie du letztendlich entkommen bist. Der Blick des Arztes wird ernst. Er scheint deiner Geschichte Glauben zu schenken und du bist ihm dafür dankbar. Er hätte dich genauso gut auch für verrückt erklären können oder sagen können, dass es bestimmt nur ein Alptraum war. Aber die Wunden an deinem Körper beweisen das Gegenteil. Der alte Mann begibt sich zum Fenster und richtet seinen Blick nach draußen. „Na, dann hattet Ihr wohl das Glück auf Eurer Seite. Ebenso allerdings dieser Kriminelle. Man hätte Eure Blutspuren verfolgen können bis zu dem Haus, aus dem Ihr geflohen seid. Aber der Regen hat höchstwahrscheinlich alle Spuren beseitigt. Ich kann mir schon denken, wer das war. Und dabei hatten wir jetzt ein Jahr lang Ruhe vor ihm… Aber dieser alte Mann hier wusste: es ist nicht vorbei.“ Mein Entführer… der Halloween-Mörder… Die Vermutung von Doktor Svange ist naheliegend, kann aber nicht zweifellos bestätigt werden. Es kommt dir zwar unwahrscheinlich vor, dass genau zu Halloween noch ein anderer außer der berüchtigte Halloween-Mörder sein Unwesen treibt, aber ausschließen kannst du es nicht. Auf der Welt gibt es immerhin viele Verrückte. Der Arzt unterbricht deine Gedanken. „Ihr konntet also nicht erkennen, wie dieser Mann aussah, da er eine Maske trug? Das ist sehr bedauerlich… Wieder kann das Rätsel wohl nicht aufgelöst werden…“ Dir tut es leid, dass du nicht zur Klärung des Falles beitragen kannst, aber du weißt, dass du es dir nicht zu Herzen nehmen solltest. Du hast um dein Überleben gekämpft und bist gerade so davon gekommen. Eine Sekunde Zögern hätte das Aus bedeuten können. Du hast in deiner Todesangst keinen Gedanken an die Aufklärung des Falles verlieren können. Natürlich würdest du es begrüßen, wenn dem Übeltäter das Handwerk gelegt wird, aber du bist froh, überhaupt mit dem Leben davon gekommen zu sein. Der alte Mediziner scheint das zu verstehen. „Na, zumindest seid Ihr wohlauf.“ Du nickst.

Ein paar Minuten vergehen und weder du noch der Arzt sagen etwas, beide starrt ihr nur still durch das Fenster auf die von Chromaschein beleuchtete Straße auf der hin und wieder ein paar Menschen zu sehen sind. Du beschließt, dass es Zeit ist nach Hause aufzubrechen und Land zwischen dich und Archdorf zu bringen. „Doktor Svange, ich bedanke mich erneut bei Euch für alles. Ich würde mich nun gerne auf den Heimweg machen, wenn Ihr versteht... Hättet Ihr eventuell etwas zum Anziehen für mich?“ Der Arzt wendet sich dir zu und überlegt kurz, bevor er dir antwortet. „Hm… Nun, ich könnte Euch einen Kittel zur Verfügung stellen… Den Lumpen zu tragen, den Ihr bei Eurer Ankunft hier anhattet, würde ich Euch nicht empfehlen. Der ist vollkommen durchnässt, blutgetränkt und durchlöchert.“ Du nickst wieder und der alte Mann verschwindet hinter dem Vorhang, um kurz darauf mit einem pastellblauen Kittel wiederzukommen. Er reicht ihn dir, du bedankst dich und ziehst das Kleidungsstück an. Es reicht dir bis an die Knie und hat lange Ärmel. Warm würde es dich nicht halten, aber es ist definitiv besser als nackt durch die Gegend zu laufen. Du stehst vom Bett auf und betrachtest deine Füße. Besser barfuß und ne Erkältung ausfassen als tot… Mit den Schultern zuckend wendest du dich wieder an den Arzt. „Wie viel verlangt Ihr denn für Eure Dienste?“ Doch noch während du den Satz ausgesprochen hast erinnerst du dich daran, dass dir der Mörder alles, was du bei dir hattest, abgenommen hat. Verlegen blickst du zur Seite. Schulden zu haben ist keine angenehme Sache – im schlimmsten Fall würde der Arzt die Ritter einschalten und dann kann das Ganze schon mal unangenehm werden. Vor allem, da du dich gerade nicht in deinem Heimatdorf befindest, sondern auf Reisen bist. Geldeintreiben würde nicht funktionieren, Geld von zuhause holen könntest du auch nicht und so müsstest du je nach Ermessen der Ritter eventuell sogar eine Haftstrafe antreten. Archdorf und dein Heimatdorf gehören leider nicht zu den Orten, an denen Arztkosten und Praxisaufenthalte kostenfrei sind.

Doktor Svange betrachtet dich ernst und überlegt eine Weile. Dann wird sein Blick weich und er seufzt. „Nun, es passiert nicht alle Tage, dass man dem Tod von der Schippe springt und deswegen kein Geld bei sich hat. Ich erlasse Euch die Gebühren, immerhin habt Ihr sogar den Willen gezeigt, zahlen zu wollen. Ich wünsche Euch eine gute Heimreise. Auf dass Euch in Zukunft solch schreckliche Abenteuer erspart bleiben. Und Ihr solltet Euch zu Halloween nachts nicht mehr auf Archdorfs Straßen herumtreiben. Selbst als Händler nicht.“ Du kannst kaum glauben, was deine Ohren vernehmen. Selten hast du einen so gütigen Menschen getroffen. „Vielen, vielen Dank Doktor Svange, das werde ich nicht vergessen.“ Du wünschst dem alten Herrn einen schönen Tag und verlässt die Praxis.

Glücklicherweise musst du dich nicht lange orientieren, denn du erkennst den Ort, an dem du dich befindest, direkt. Vor dir erstreckt sich eine bepflasterte Fläche mit einem Brunnen in der Mitte, unmittelbar neben dir ragt eine Kirchenfront in die Lüfte. Du bist am Marktplatz von Archdorf. Auf dem Platz siehst du einige Menschen, die damit beschäftigt sind, ihre Stände aufzubauen. Erleichtert zu wissen, wo du dich befindest, atmest du durch und machst dich dann auf den Weg zum Stall, um deinen Wagen zu holen. Die Chromasterne am Himmel verraten dir, dass es noch Vormittag ist, und du hast somit gute Chancen heute Abend zu Hause zu sein. Es weht ein kalter Wind und du schauderst, die Kälte des Bodens kriecht durch deine nackten Füße deine Beine hoch. In Gedanken an deine geliebte Familie gehst du die Straße entlang, wenn auch unter Schmerzen und immer noch wackelig auf den Beinen. Du weißt, dass du dich hättest länger ausruhen sollen, aber trotz des neuen Tages und dem netten Arzt, der deine Wunden behandelt hat, brennt in dir der Wunsch Archdorf schnellstmöglich zu verlassen. Du möchtest jetzt einfach nicht mehr hier sein und es würde gewiss auch eine ganze Weile dauern, bis du das nächste Mal hierherkommst. Und bestimmt wäre das nicht mehr an Halloween.

 

Auf halber Strecke zum Stall fällt dir eine ältere Dame auf, die mit zwei Bürgern redet. Sie scheint aufgebracht und hat Tränen in den Augen. Ohne weiter darüber nachzudenken und den Gedanken Archdorf zu verlassen fest zum Ziel gesetzt möchtest du gerade an den drei Menschen vorbeigehen, als die Frau plötzlich auf dich zukommt. „Verzeihung, habt Ihr eventuell ein Mädchen gesehen, neunzehn Jahre alt, braune Haare, braune Augen, schlank… Sie ist meine geliebte Tochter… Sie ist heute Nacht plötzlich verschwunden…“ Die Dame bricht in Tränen aus und die beiden Leute, mit denen sie zuvor gesprochen hat, sind dazu gekommen, um ihr beizustehen. Du musst an das Mädchen im Haus des Mörders denken und Schuldgefühle plagen dich. „Ich habe sie nicht gesehen, tut mir leid, dass ich nicht weiterhelfen kann…“ Du wendest dich ab und entfernst dich schnellen Schrittes von der kleinen Gruppe. Du hörst nur, wie die Frau hinter dir zusammenbricht und Schluchzen und hysterische Schreie hallen von den Häuserwänden. Ganz klar scheint diese Mutter zu denken, dass ihre Tochter ein Opfer des Halloween-Mörders geworden ist. Du versuchst dich zu erinnern, ob das Mädchen im Horror-Haus ebenfalls braune Haare hatte, kannst dich allerdings beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, vielleicht war es auch zu dunkel gewesen, um es richtig zu erkennen. Zudem gibt es viele Mädchen mit braunen Haaren. Du schüttelst den Kopf und hoffst, dass die Vermisste wieder auftaucht, lebend, und es eine simple Erklärung für ihr Verschwinden gibt. Dennoch kannst du die Schuldgefühle nicht abschütteln und was du gesehen und erlebt hast wird dich dein Leben lang verfolgen. Was ist wohl aus dem Mädchen im Haus des Mörders geworden? Was musste sich alles durchmachen? Konnte sie fliehen oder wurde sie gefoltert und getötet? Gewissensbisse plagen dich, aber du bist ja kaum mit dem eigenen Leben davon gekommen, wie hättest du dann ihres retten können? Du schaust zu Boden und beschließt, dass du mit einem schlechten Gewissen leben müssen wirst, aber auch mit dem Wissen, dass du nur durch die Entscheidungen, die du getroffen hast, überleben konntest. Ein paar Minuten verstreichen und das Weinen der Frau rückt immer weiter in die Ferne. Du kannst bereits das Stallgebäude sehen, vor dem sich eine kleine Gruppe Menschen um einen Ritter versammelt hat. Die Stimmung wirkt angespannt und es herrscht wildes Durcheinander als du an ihnen vorbei gehst und den Stall betrittst. Zu deiner Erleichterung findest du dein Pferd und deinen Wagen noch genau an demselben Platz, an dem du sie gestern Abend zurückgelassen hast. Ein Diebstahl hätte dir jetzt wirklich noch gefehlt. Du bist froh bereits gestern für die Unterbringung bezahlt zu haben und machst dich daran den Vierbeiner vor deinen Wagen zu spannen. Einer der Menschen aus der kleinen Traube löst sich und kommt auf dich zu. Scheinbar ein Mitarbeiter des Stalls. Er grüßt dich leise, mustert dich kurz, beachtet deine dürftige Kleidungssituation aber nicht weiter und beginnt damit dir zu helfen. Du bemerkst, dass der Mann zittert und beschließt ihn darauf anzusprechen. „Sir, ist alles in Ordnung?“ Ohne dir zu antworten, sieht dich der Mann nun an – er wirkt blass und die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. Du blickst hinüber zu der Gruppe an Menschen, von denen der Mann kam und bemerkst, dass dort einige Leute ebenfalls verängstigt wirken. Du deutest mit dem Kopf auf die Menge und fragst ihn nun von der Neugier gepackt. „Worum geht’s denn da vorne und was macht der Ritter eigentlich hier?“ Als du die Frage stellst beschleicht dich die Vermutung, dass du sie dir hättest auch selbst beantworten können. Die Augen des Mannes wandern mit leerem Blick zu Boden, bevor er eine Antwort gibt. „Ha—habt Ihr es noch nicht gehört? Der… Halloween-Mörder ist… zurück… Gestern Nacht hat er wieder zugeschlagen… Man hat bereits eine entstellte Leiche gefunden und… es sind bereits einige Menschen als vermisst gemeldet worden…“ Man… hat schon jemand gefunden… Nach einem kurzen Moment der Starre machst du dich wieder ans Einspannen. Dein Bedürfnis Archdorf zu verlassen, wird stetig größer. Sowie ihr fertig seid, das Pferd am Wagen festzumachen, bedankst du dich bei dem entgeisterten Mann und kletterst auf die Holzbank deines Gefährts. Ohne zu zögern gibst du dem Vierbeiner das Kommando loszugehen und verlässt den Stall. Ein paar Minuten später befindest du dich auf der Straße, die dich nach Hause führen wird. Du drehst dich um und fixierst deinen Blick auf das langsam kleiner werdende, in Entfernung geratende Dorf, in dem du beinahe dein Leben gelassen hättest. Es wird eine ganze Weile dauern, dieses Trauma zu überwinden. Du schätzt dich glücklich noch am Leben zu sein, möchtest nun einfach nur noch nach Hause und freust dich auf deine Familie. Eines Tages wirst du bestimmt wieder nach Archdorf zurückkehren müssen, deine Arbeit verlangt das von dir, aber eins weißt du sicher: Nie mehr zum Halloween-Abend in Archdorf sein.

Ende 4: Mit dem Schrecken davongekommen

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