Kapitel 10
geschrieben von Darknezz
Notiz:
Der Inhalt dieses Kapitels wurde vor 10 Jahren verfasst und seither nicht verändert. Der Schreibstil könnte sich im weiteren Verlauf der Geschichte verändern.
Cheyennes Gedanken sind kursiv.
Neuland
Schrei der Vergangenheit, Ruf der Zukunft
Grasland des Gezeitensees, Nordöstliche Ebenen Nord-Haloniens
Cheyenne lief durch einen Wald. Eine geheimnisvolle, bedrückende Stille umgab sie. Die Bäume waren symmetrisch angeordnet und bildeten einen geraden Weg. Sie hatte keine Wahl, als diesen Pfad entlangzugehen und zu sehen, wohin er führte, denn hinter den Bäumen war undurchdringbares Dorngestrüpp.
Je weiter sie kam, desto lauter wurde es. Die Ruhe wurde von Todesschreien gequälter Menschen, Tieren und Dämonen gestört, aber weit und breit war nichts von den Leidenden zu sehen. Der Weg wurde stetig schmaler und endete unerwartet in einer Sackgasse, in Form einer Felswand.
Plötzlich bekam Cheyenne ein unheimliches Gefühl. Sie glaubte, verfolgt zu werden und spürte einen Blick im Nacken, der ihr Gänsehaut verursachte. Ihr Herz schlug schneller und die Bäume schienen größer zu werden. Sie bekam Angst.
Auf einmal verstummten alle Geräusche und es wurde still. Die unbehagliche Ruhe dauerte jedoch nicht lange an, denn hinter dem Mädchen war ein Räuspern zu vernehmen. Cheyenne wandte sich erschrocken blitzschnell um und konnte nicht fassen, was sie dann sah.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, welche in Strömen über ihre Wangen zu Boden fielen. Ein Gefühlschaos, bestehend aus Glückseligkeit, Wiedersehensfreude, Seelenschmerz und Fassungslosigkeit, entstand. Alle Gefahr und die Unheimlichkeit dieser Umgebung waren vergessen und Cheyenne verspürte wohlige Geborgenheit an dessen Stelle.
Ein paar Meter vor ihr stand ihr Großvater und sah sie an.
Nichts hätte das Mädchen davon abhalten können, loszulaufen, hin zu dem alten Mann, den sie so vermisst hatte. Sie war überglücklich ihn wiederzusehen, so hatte sie doch geglaubt, er wäre tot und für immer aus ihrem Leben verschwunden.
Cheyenne hatte den Weg bis zu ihrem Großvater offenbar falsch eingeschätzt, denn sie musste weiter laufen, als gedacht. Als sie endlich bei dem geliebten Familienmitglied ankam, umarmte sie dieses stürmisch. Sie drückte sich fest an ihren Großvater und durchnässte seine Schulter mit ihren Tränen der Freude. Sie fühlte sich so unglaublich wohl und glücklich in diesem Moment.
Und doch gab es da etwas, dass die Geborgenheit unterdrückte und ihre Gefühle unecht wirken ließ. Der Großvater war eiskalt, Cheyenne fühlte keinen Herzschlag oder Atmen, er bewegte sich nicht und legte die Arme nicht um seine Enkelin.
Stille.
Doch nun hob der alte Mann endlich die Arme und das Mädchen glaubte, dass er einfach nur so überwältigt gewesen war, sie zu sehen, sodass er vor Fassungslosigkeit nicht reagieren konnte. Seine Hände wanderten zu Cheyennes Stirn, er strich ihr über die Wange und fuhr dann mit beiden Handflächen ihren Hals hinab. Die Finger des Großvaters stoppten die Bewegung, sobald sie am Schlüsselbeinknochen seiner Enkelin ankamen.
Plötzlich umgriff er Cheyennes Hals fest und packte mit einem gewaltigen Druck zu. Er hob das Mädchen etwas hoch, sodass sie nicht mehr auf den eigenen Füßen stand, sondern sich über dem Boden befand. Dann schnürte er seiner Enkelin die Luft zum Atmen ab und drückte noch fester als zuvor.
Cheyenne versuchte sich von dem Griff zu lösen und wollte schreien und fragen, warum ihr Großvater dies tat, aber sie brachte nur glucksende, heisere Laute heraus. Die gutmütigen Augen des alten Mannes wandelten sich in ein farbloses Weiß und er warf das Mädchen von sich weg. Die Landung fühlte sich zu hart an, für einen Grasboden, aber Cheyenne konnte sich gerade nicht damit befassen. Sie hustete, keuchte und atmete heftig. Enttäuschung, Angst, Verzweiflung, maßlose Traurigkeit und ein schlechtes Gewissen spukten ihr im Kopf herum. Sie machte sich Vorwürfe, obwohl sie nicht wusste, wofür.
Warum? Was hab ich getan?
Sie drehte sich auf die Seite und fühlte ihre Hand an etwas stoßen. Das Mädchen sah einen alten, kaputten Schuh und blickte an der Person, die ihn trug, hinauf. Vor Cheyenne stand ihre Großmutter und ein erneutes Gefühlschaos kam auf. Die Enkelin stand auf und umarmte auch die alte Dame, aber diese schubste sie sofort von sich weg, sie fiel wieder zu Boden und weinte nun Tränen des Schmerzes. Ihre Seele fühlte sich an, als hätte man sie mit Schwertern durchbohrt, mit Feuer verbrennt und die Flamme eingefroren mit ewigem Eis, sodass sie für immer im Inneren lodert und die Qual nie ein Ende hat.
Cheyenne wurde verstoßen von ihren über alles geliebten Großeltern und ihr Großvater hatte sogar versucht sie zu töten. Und das, obwohl sie gerade wieder zueinander gefunden hatten. Sie fühlte, wie sich die Leere in ihr zu einer Depression umwandelte, als sie die weißen Augen ihrer Großmutter sah, die sie gefühlskalt anstarrten. Aber die Enkelin würde sich lieber von ihren Großeltern umbringen lassen, als es ihnen gleich zu tun und sie zu verstoßen. Das Mädchen liebte die beiden alten Leute und das würde auch so bleiben, egal was nun passierte. Sie wollte auf ewig bei ihnen sein. Sie hatte die Zwei so sehr vermisst und wollte nicht wieder das Leid des Verlustes spüren.
Das Gefühl der Unvernunft durchströmte sie, aber es war ihr egal.
Cheyenne versuchte sich aufzurichten und sah ihre Großmutter an. In genau diesem Moment, fühlte sie einen scharfen, stechenden Schmerz, der sich von ihrem linken Ohr aus über die ganze Gesichtshälfte zog und solch eine Wucht hatte, dass sie zur Seite fiel. Sie spürte Nässe, rote Flüssigkeit tropfte zu Boden und tränkte diesen.
Blut.
Das Mädchen zuckte erschrocken zusammen und berührte die verwundete Stelle mit zwei Fingern. Dann betrachtete sie die Farbe, die nun daran zu sehen war und schluchzte.
Cheyennes Blick fiel wieder auf die Großmutter, die vor ihr stand und ein scharfes Küchenmesser in der Hand hielt, an dem frisches Blut klebte und ebenfalls zu Boden tropfte. Der Großvater stand neben der alten Dame und beide sahen ihre Enkelin an. Sie öffneten die Münder und ein Duett an schauderhaften Geisterstimmen ertönte. „Du hast uns leiden lassen und uns dem Tod ausgehändigt. Du bist Schuld… Du bist Schuld… Du bist Schuld… Du hast uns getötet… Du ganz allein… Du bist Schuld…“
Die Stimmen wandelten sich in ein schadenfreudiges, bösartiges Lachen und die Falten der alten Leute wurden größer und Blut trat daraus hervor. Unzählige Fleischwunden erschienen auf den Körpern und Knochen wurden freigelegt. Cheyenne lag in einer Blutlache ihrer geliebten Familie. Der Großvater holte aus und schlug seiner Enkelin mit der flachen Hand ins Gesicht, so fest, dass ein blutiger Handabdruck auf der linken Wange des Mädchens zu sehen war und ihre die Wundblutung dort stockte. Der Boden unter ihr gab nach und sie versank in einem viereckigen See aus roter Flüssigkeit. In ihrem Kopf hörte sie das verhöhnende Gelächter ihrer Großeltern und die qualvollen Schreie die von den Dorngestrüppen kamen und zuvor verstummt waren, kehrten wieder zurück. Cheyenne konnte nicht mehr atmen und war eingesperrt in dem vielen Blut. Ihre Augen brannten höllisch und sie schmeckte die Schuld und den Tod auf ihrer Zunge. Dann hörte sie ein Schnauben.
Über dem Blutsee war ein braunes Pferd mit blauen Fühlern erschienen, dessen unnatürliche weiße Augen Cheyenne wütend und vorwurfsvoll anstarrten. Das Maul sah aus, als würde das Tier schelmisch grinsen und es stieg. Das Mädchen sah die Namen und Herzchen auf den Hufen, als sie sich über ihrem Kopf befanden. Nein… Nicht du auch noch… Falconheart… Die Hufeisen wurden weiß und kamen auf Cheyenne zu.
Sie trafen auf ihrem Kopf auf.
Und zertrümmerten ihren Schädel.
Alles wurde weiß.
Ein einzelner von Leid gequälter Schrei war ohrenbetäubend laut zu vernehmen.
Der von dem Mädchen selbst.
Cheyenne wachte unter Tränen auf, sie war verstört und geschockt, lehnte halb liegend an einen Baum und bemerkte erst gar nicht, dass sie geschrien hatte. Dann sah sie Glaczio neben sich knien, er schaute sie besorgt an und sie kehrte in die Realität zurück. Ihre Lunge schmerzte höllisch und nach diesem verzweifelten Schrei bekam sie fast keine Luft mehr. Ihr ganzer Körper fühlte sich etwas taub an, gleichzeitig aber zitterte sie unwahrscheinlich und fühlte enorme Schmerzen. Sie verkrampfte, als sie all das zu spüren anfing und hielt still, während nach wie vor Tränen über ihre Wangen huschten. Ihr Kopf fühlte sich an, als hätte man ihn unzählige Male gegen einen Stein geschlagen und ihre linke Hand war mit Kräuterpaste versehen, eingewickelt in grüne Blätter und es kribbelte an dieser Hautstelle etwas schmerzhaft. Ein Holzstock hielt den Unterarm gerade.
Cheyenne schniefte und wusste nicht, was sie denken sollte, wo sie war, was vor sich ging. Ihre Seele fühlte sich leer an und war eingesperrt in einer endlosen Traurigkeit. Das Mädchen hob den Kopf und sah wieder Glaczio an, während sie schluchzte. Er stellte keine Fragen und sah sie einfach nur mitfühlend, sorgen- und verständnisvoll an.
Cheyenne hielt es nicht mehr aus und warf sich dem Heiler an den Hals. Sie nahm die Schmerzen der ruckartigen Bewegung in Kauf und krallte sich an Glaczio fest. Die Tränen kamen in Strömen aus ihren geschlossenen Augen und er ließ sie gewähren.
Die beruhigende Wirkung aus der Kombination von Kälte und Winterduft trat einmal mehr augenblicklich ein und half Cheyenne, zumindest etwas. Sie bemerkte, wie sehr sie ihre Finger verkrampft hatte und lockerte diese. Sie hoffte, dass der krallende Griff nicht allzu schmerzhaft für den Heiler gewesen war. Das Mädchen wusste nicht ganz, ob Glaczio mit der Situation überfordert war, oder ob er einfach nicht damit gerechnet hatte, dass sie ihn umarmte, denn nur zaghaft hob er die Hände. Er schien nicht zu wissen, ob er sie wirklich berühren sollte. Aber dann fasste er sich ein Herz, legte eine Hand auf den Rücken seines Schützlings und mit der anderen streichelte er ihren Kopf und ihr Haar. Cheyenne fühlte sich nun wohler und auch etwas geborgen. Sie konnte langsam aufhören zu weinen und blieb still in den Armen des Heilers liegen. Dieser legte nun sein Kinn auf den Kopf seines Schützlings.
Cheyenne war es egal, ob es ihm recht war, dass sie in seinen Armen lag, sie wollte jetzt einfach nur jemandes Nähe und Zuwendung spüren und eigentlich konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihm die Umarmung eines Mädchens nicht gefiel. Zudem hatte er immer so eine beruhigende Ausstrahlung, ein Vorteil in dieser verstörenden Situation. Außerdem schien Sasha gerade nicht in der Nähe zu sein.
Ein paar Sekunden verharrten die beiden in dieser Position, ehe der Heiler mit ruhiger, flüsternder Stimme versuchte, seinem Schützling die Traurigkeit zu nehmen. „Hey… Engelchen… Hattest du einen Alptraum? Kein Wunder, bei dem, was du alles erlebt hast… Ganz egal, was darin geschehen ist, es war nur ein Traum… Nichts davon ist gerade passiert, denn du warst die ganze Zeit hier, ich habe dich nicht aus den Augen gelassen. Wäre mir auch etwas zu riskant gewesen, nachdem Sasha mir den Befehl mit todernster Miene erteilt hat, hehe. Jeder von uns träumt manchmal schlecht, also nimm es dir nicht so zu Herzen, ja? Alles ist gut, Püppchen…“ Ein Alptraum… Ja… Das war es gewesen… Aber er war so echt… und es stimmt ja alles… was sie gesagt haben… Obwohl Cheyenne nun überzeugt war, dass es sich um einen Traum gehandelt haben musste, konnte sie den Funken Realität darin nicht abschütteln. Dennoch war sie bei Glaczios Worten sehr ruhig geworden und fühlte sich schon viel besser.
Das Mädchen war wieder in der Realität angekommen und wischte sich die letzten Tränen aus dem Gesicht. Sie war froh, nicht alleine zu sein und etwas erstaunt über das Verständnis des Heilers. Schließlich hatte ihr Verhalten gerade mehr an ein Kleinkind, als an ein siebzehnjähriges Mädchen erinnert und sie würde von Glaczio viel eher erwarten, dass er ihr auf den Rücken klopft und sich dann in seiner arroganten Art etwas über sie lustig machte. Aber nichts dergleichen geschah. Sie war ihm sehr dankbar dafür.
Cheyenne löste sich etwas von dem Heiler und ihr Gesicht war nun dem seinen gegenüber. Sogar im Sitzen noch war sie um Einiges kleiner als er. Das Mädchen schaute ihn traurig an und stellte fest, dass seine eisblauen Augen die schönsten waren, die sie je gesehen hatte. Sie hatte ja vorher schon festgestellt, dass Glaczio hübsch war, aber noch nie waren ihr seine Augen so aufgefallen, wie in diesem Moment. Sie strahlten Intelligenz, List, Verständnis, Gutherzigkeit, aber auch tief versteckt eine gewisse Leere und Traurigkeit aus. Jetzt kommt er mir wieder wie ein richtiger Freund vor, anstatt eines Fremden… Glaczio und seine vielen Persönlichkeiten… Cheyenne wandte den Blick ab und seufzte. Die Schmerzen in ihrer Lunge wurden wieder einigermaßen erträglich und sie verglich die Worte der Großelter in ihrem Traum mit denen in der Realität. „Ich habe in dem Traum meine Großeltern gesehen… Sie wollten mich nicht mehr und verletzten mich, zum Schluss hat mich Falconheart getötet. Sie haben gesagt… Ich sei Schuld an ihrem Tod und das haben sie immer und immer wiederholt… Aber ich weiß, dass sie das in der Realität nie gesagt hätten. Ich weiß, dass sie mich geliebt haben, genauso, wie ich sie auch… Und Falconheart hätte mich niemals… umgebracht… Tut mir Leid, dass ich dir das alles erzähle, du willst es vermutlich gar nicht hören… Aber es geht mir jetzt ein wenig besser. Danke.“ Glaczio schüttelte nur langsam den Kopf und schien froh zu sein, dass es seinem Schützling wieder einigermaßen gut ging. Er gab ihr somit auch zu verstehen, dass es ihn nicht störte, die Traumbeschreibung gehört zu haben.
Erst jetzt bemerkte Cheyenne, dass Adocaz nicht bei ihr war und sie wurde an ihren Sturz beim Bellistra-See erinnert, als Falconheart nicht in ihrer Nähe war und sie ihn danach nie wieder gesehen hatte. Panik kam in ihr auf, sie machte sich große Sorgen und ließ den Blick umherschweifen, so gut, es ihr Körper zuließ. Glaczio schien ihre Unruhe zu spüren und deutete mit dem Finger auf einen See, rechts von Cheyenne. „Falls du das Feenwölfchen suchst, richte deinen Blick auf den See dort vorne. Er wird Gezeitensee genannt und wir befinden uns im nordöstlichsten Teil Nord-Haloniens. Das Einzige, was es hier gibt, sind der See, diese paar Birnbäume dort, der alte Baum hier, an dem angelehnt warst und diese Felsen, hinter mir, die dir die Sicht auf das Ende der Sandpassage versperren und uns ein wenig Sichtschutz bieten, vor allen Leute, die hier vorbei kommen. Der riesige Berg, den du da vorne, rechts von dir, hinter dem Gezeitensee siehst, das ist der Mount Nightblade. Ach ja… bevor du dir jetzt Sorgen machst, ich kann dich beruhigen. Niemand ist lebensgefährlich verletzt worden, außer dir… Aber dein Zustand war nicht lange sehr kritisch, dann warst du schon wieder auf dem Weg der Besserung. Schnelle Genesung, ein Auserwählten-Vorteil.“ Glaczio zwinkerte Cheyenne zu. Diese blickte erst einmal rechts von sich und sah einen riesigen blaugrünen See. Unmengen an Kräuter wuchsen um ihn herum, Seerosen schwammen an der Oberfläche und Schilf ragte aus dem Wasser. Sie war beruhigt, als sie Sasha und Adocaz am Ufer entdeckte.
Die Umgebung war genauso, wie Glaczio sie beschrieben hatte, ein paar einzelne Birnbäume, die reife Früchte trugen, waren rund um den See gewachsen, hinter dem Baum, an dem sich der Heiler und das Mädchen befanden, waren ein paar große Felsen, etwas hinter den Birnbäumen war das Land zu Ende und man sah das weite Meer, bevor eine immer steiler werdende, überwiegend schwarze Steinwand die Sicht auf das Blau verdeckte und den Mount Nightblade bildete. Ansonsten war weit und breit nur Grasland mit einzelnen Bäumen und Blumen zu sehen. Bunte Schmetterlinge und braune Kaninchen huschten von Zeit zu Zeit über die Ebene und ließen durch ihr Leben das weite Land einladend und freundlich wirken. In weiter Ferne sah Cheyenne einen Fuchs-Lumenium-Dämon herumstreifen, aber er blickte nicht in ihre Richtung und entdeckte sie nicht. Stimmt ja… Glaczio hat doch mal gesagt, dass die Dämonen nur in Luminastrelle effektiv bekämpft werden, weil das ‚der heilige Kontinent der Hauptstadt‘ ist. Hier in Halonien scheinen aber auch nicht wirklich viele zu sein, obwohl man die hier nur tötet, wenn sie einen angreifen? Hm… Vielleicht hat dieser eigenartige Frieden zwischen Menschen und Dämonen eine positive Auswirkung und die schwarzen und weißen Monster sind nicht so aggressiv und weniger oft vertreten hier. Glaczio hat ja gesagt, dass er sich mit Dämonen nicht so auskennt, also vielleicht ist meine Theorie sogar richtig. Naja, wie auch immer… Das ist also der Mount Nightblade. Dort wird sich… mein Schicksal entscheiden… Dieser Berg ist ja riesig, der sieht aus, wie ein erloschener Vulkan… Wenn ich mich richtig erinnere, hab ich als Kind in einem Buch, das wir zuhause hatten, ein Bild von genau diesem Berg gesehen. Es sah zumindest gleich aus. Aber das einzige, woran ich mich außer dem Foto noch erinnern kann, war, dass es der größte Berg der ganzen Welt ist, aber auch ein gefährlicher Ort. Und ich glaube, ich weiß warum. Lumenium-Mangel… Oh nein, hoffentlich stürzt nicht wieder ein Weg ein, so wie im Klissave-Gebirge…
Cheyenne hatte trotz den vielen Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen, Glaczios Aussage noch nicht vergessen und stellte nun fest, dass sie sich tatsächlich um Einiges besser fühlte, als zuvor auf der Sandpassage. Ihr Unterarm war definitiv gebrochen gewesen, aber jetzt konnte sie ihn wieder einigermaßen bewegen. Auch ihr Körper war nicht mehr so erschöpft, wie vorher. Ihre Lunge schien sich ebenfalls etwas erholt zu haben und außer ein paar kleinen, beinahe schon gänzlich verheilten Kratzern, hatte sie keine zusätzlichen Schäden davongetragen. Auserwählten-Vorteil, sagt er… Naja… Vielleicht… Aber mir ging es eigentlich schon ein ganz klein wenig besser, nachdem mich dieser Meeresdrache gerettet hat… Hm… ‚Du darfst nicht sterben. Ich werde es nicht zulassen. Habe keine Angst, meine liebe Cheyenne. Noch nicht.‘ … Noch nicht, ja? War das vielleicht auch nur ein Traum? Es hat sich so angefühlt… Aber… ich bin doch gesunken und Adocaz hat nicht tief hinuntertauchen müssen, um mich zu finden… Es muss echt gewesen sein… Aber die Anderen würden das nie glauben, also sollte ich es erst noch für mich behalten... Diese Begegnung… und was der schwarze Drache gesagt hat… Ich dürfe nicht sterben, das ist doch schon wieder etwas, das mit der Auserwählten in Verbindung gebracht werden kann… Argh, ich will es nicht glauben… Aber wahrscheinlich ist es so…
Sasha und Adocaz machten sich gerade auf den Weg zurück zu Glaczio und Cheyenne. Das Mädchen war froh, dass es den Beiden gut ging, aber ihr brannte eine Frage auf der Zunge und sie wandte sich an den Heiler. „Wenn du so zuversichtlich bist, dass ich die Auserwählte bin, warum gehen wir dann überhaupt noch zu diesen Ältesten? Nur, damit ich mir absolut sicher sein kann, obwohl einfach alles dafür spricht?“ Glaczio schloss die Augen zur Hälfte und grinste etwas. „Nein, nicht unbedingt, Engelchen. Das ist nur einer der Gründe. Weißt du, eigentlich müssten wir nicht zu den uralten Leuten, denn es ist, wie du bereits festgestellt hast, ziemlich offensichtlich, wer du bist. Außerdem weiß ich es aus irgendeinem Grund, meine Intuition gibt mir Gewissheit... Jedenfalls will Sasha zu den Ältesten, weil es für eine Schattendienerin die größte Ehre ist, einmal im Leben das alte Ehepaar zu sehen. Du willst dorthin, damit du dir ganz sicher sein kannst, wer du bist. Ich bin der Einzige hier, der sich wirklich Gedanken gemacht hat, denn andernfalls wären ein Besuch und der Aufstieg zum Haus der Ältesten reine Zeitverschwendung. Ich kam jedoch zu dem Entschluss, dass sie uns eventuell einen Weg vorgeben werden, Tipps, Hinweise, irgendwelche besonderen… nun ja… Wahrsagen, oder Ähnliches. Sie sind ja schließlich nicht umsonst Älteste aller Schattenclans und Eltern des Superators… Hey, aber ich warte draußen, nur dass das geklärt ist, ja? Die hätten keine Freude damit, wenn ich in ihrem heiligen Haus wäre, glaub mir.“ Cheyenne verstand zwar, dass er sich Sorgen machte und es das Vernünftigste für ihn wäre, nicht auf die Ältesten zu treffen, aber sie würde die Situation erklären. Schließlich war er einer ihrer Gefährten und hatte sich bereits vor langer Zeit von seiner Rolle als Auserwählter verabschiedet, wenn man ihm Glauben schenkte.
In diesem Moment kam Adocaz bei seiner Besitzerin an und leckte ihr stürmisch und voller Freude übers Gesicht. Das Mädchen kicherte und versuchte, ihren Vierbeiner unter Kontrolle zu bringen. Dieser jedoch war zu fröhlich, um sich zu beruhigen, aber nach ein paar Sekunden nieste er und legte sich dann doch nieder, den Kopf auf Cheyennes rechtes Bein gestützt. Sasha kam auch und erkundigte sich sofort, wie es ihrer Freundin ging. „Cheyenne, du bist wach, wie schön. Ich hab dich schreien gehört und mich beeilt, aber ich konnte nicht schneller kommen, weil Adocaz sonst das ganze Kräutergemisch von seiner Pfote geleckt hätte... Also, was der Eiszapfen gemacht? Wenn er dich auch nur berührt hat, dann kann er sich auf was gefasst machen und er kriegt eine kostenlose Reise ins Weltall ohne Rückkehr!“ Der Heiler schloss die Augen, legte den Kopf schief und seufzte. Er schien es langsam leid zu sein, dass Sasha ihm ständig irgendetwas unterstellte. Diese kniete sich rechts neben Cheyenne und musterte ihre Freundin von Kopf bis Fuß. Das Mädchen entlastete Glaczio von dem Vorwurf der jungen Frau. „Er hat nichts gemacht, Sasha, im Gegenteil. Ich habe einen Alptraum gehabt… und er hat mir geholfen, mich wieder zu beruhigen. Was ist denn mit Adocaz‘ Pfote? Ist er verletzt?“ Sasha war erleichtert, dass ihre Freundin wohlauf war und nickte zögerlich. „Ähm, ja, also, Adocaz hat bei dem Kampf gegen das Riesenviech einmal nicht schnell genug reagiert, das war, als er bemerkt hat, dass du ins Meer geworfen wurdest und er gleich loslief um dich zu retten. Natürlich hatte ich dasselbe vor, aber der Eiszapfen hier meinte, es wäre genug, wenn einer geht. Und naja, was soll ich sagen. Irgendwie klang das logisch und er hatte Recht, denn wenn ich auch noch weg gewesen wär, hätte er allein gegen den Dämon kämpfen müssen. Das konnte kein gutes Ende haben, also bin ich auf dem Kampffeld geblieben. Jedenfalls hat eines dieser verdammt spitzen Beine dieses ekelhaften Spinnentiers die linke Vorderpfote von Adocaz getroffen und ihm einen Einschnitt verpasst. Aber keine Sorge, die Wunde ist nicht allzu tief und wird schnell verheilen. Ich habe sie mit Wasser ausgewaschen, dann ein Kräutergemisch aufgetragen und mit Blättern umwickelt. In ein paar Tagen ist die Pfote so gut, wie neu, es sei denn der Eiszapfen fasst sich ein Herz und hilft nach, sobald er sich dazu in der Lage fühlt…“ Naja, solange es Adocaz nicht allzu viele Schmerzen bereitet und die Verletzung wieder heil wird… Er scheint im Moment gar nichts zu spüren, sonst wäre er gerade eben nicht so fröhlich gewesen. Aber er ist nur wegen mir verletzt worden, ich muss einfach vorsichtiger sein… Cheyenne streichelte über den hübschen Kopf des Feenwolfs und grub ihre rechte Hand dann in sein flauschiges Fell. Sie war erleichtert, dass er keine schlimmeren Wunden davongetragen hatte.
Die Chromasterne wurden schon langsam blasser, es schien also bereits später Nachmittag zu sein. Das Mädchen bemerkte, dass sie ziemlich lange geschlafen haben muss. Sie bedankte sich, für die Hilfe ihrer Gefährten. „Vielen Dank für alles… Ohne euch… gäbe es mich schon lange nicht mehr… Es tut mir Leid, dass ich euch zur Last gefallen bin, anstatt zu helfen… Ich habe wirklich mein Bestes gegeben, aber es hat offenbar nicht gereicht… Ist eigentlich noch irgendwas Außergewöhnliches passiert, nachdem ich eingeschlafen bin?“ Glaczio übernahm das Sprechen wieder, nun da sich Sasha beruhigt hatte. „Hey, Engelchen, du warst uns doch keine Last, ganz im Gegenteil. Wärst du nicht bei uns gewesen und uns so tapfer und mutig zur Seite gestanden, trotz der Tatsache, dass dir nur dein Bogen als Kampfwerkzeug zur Verfügung stand, hätte die ganze Sache ein anderes Ende genommen. Ich spreche gewiss auch in Sashas Namen, wenn ich dir hiermit sage, dass du wahrlich eine großartige Leistung gezeigt hast. Um ehrlich zu sein, hatte ich gar nicht erwartet, dass du dich so sehr bemühst und am Kampf beteiligst. Und dein Mut… ist wahrhaftig einzigartig und erstaunlich. Du hast bist zum Schluss nicht aufgegeben, auch wenn dein Körper nicht mehr voll kontrollierbar war. Deine Willenskraft ist atemberaubend. Das meine ich übrigens ganz im Ernst jetzt, auch wenn du vielleicht denkst, ich ziehe dich nur auf, hehe. Abgesehen davon, hast du mir auch schon einige Komplimente an meinen Charakter gemacht, ich gebe lediglich zurück, was mir geschenkt wurde. Nur zum Teil natürlich, hehe. Du wirst eines Tages eine überaus begabte Kriegerin werden… und eine ausgesprochen hübsche noch dazu. Deine Verehrer werden vor deiner Villa Schlange stehen und einen Termin brauchen, um die große Auserwählte der Finsternis zu sehen, hehe. Aber ich weiß, dass diese Zukunftsmusik dir nicht sehr behagt, verzeih mir also die Aussage. Um zurück zu deiner Frage zu kommen, Engelchen, nein, es ist nichts Aufregendes passiert, du hast nichts verpasst. Wobei… eigentlich schon, denn der starke, wunderschöne Held Glaczio hat dich auf Händen getragen, seinen atemberaubend hübschen, süßen Engel und dich aus der Gefahrenzone bis hierhergebracht. Dein Zustand war wirklich furchtbar… Selten hab ich jemanden so geschwächt und innerlich verletzt gesehen, der das Ganze auch noch überlebt hat. Du warst lediglich ein Wrack und wir hatten schon Angst, du würdest das Tor zum Tod mit dem des Lebens verwechseln, denn du warst nicht wirklich lebendig, aber auch noch nicht tot... Zum Glück hattest du ja den machtvollen Heiler Glaczio bei dir und seine hinreißende, kräuterkundige Gehilfin Sasha-Mäuschen, hehe... Um dir die schlimmsten Verletzungen aufzuzählen, fange ich mit deinem linken Unterarm an. Er war regelrecht zerschmettert und nicht nur gebrochen. Ein spitzer Splitter hat sich durch Fleisch und Haut gebohrt und den Bruch offengelegt. Ich habe mit einem Heilzauber wieder alles an seinen Platz gebracht und der Knochen ist wieder heil. Aber meine Kraft reichte beim besten Willen nicht mehr für die Wunde aus, aber Schnuckelchens Kräuter haben ebenfalls eine sehr gute Wirkung. Und bei deiner guten Selbstheilung sollte morgen nur noch eine kleine Narbe zu sehen sein, also keine Sorge. Dein restlicher Körper ist einfach nur erschöpft und braucht eine Pause, deshalb werden wir hier übernachten und erst morgen weitergehen. Dann solltest du einigermaßen ausgeruht sein und eine längere Pause tut uns allen ganz gut… Die meisten Sorgen hat mir deine Lunge gemacht. Sie schien innerlich verletzt zu sein, womöglich durch die vielen Treffer, die du erlitten hast. Vielleicht war es auch schon ein Lungenriss, ich konnte nicht genug Nachforschung anstellen, denn du hast wirklich keine Luft mehr bekommen, es musste schnell gehen. Jedenfalls habe ich meine letzte Kraft darauf angewandt und nun sollte es zwar noch etwas stechen, wenn du atmest, aber ansonsten müsste wieder alles in Ordnung sein. Morgen bist du so gut, wie neu, Engelchen.“
Cheyenne war zwar etwas geschockt über ihren Zustand, aber gleichzeitig auch froh, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befand und sich morgen, vermutlich, wieder alles normal anfühlte. Der weitere Plan sagte ihr auch zu, denn sie hätte nicht hundertprozentig behaupten können, dass sie nach ein paar Schritten nicht hinfallen würde, geschweige denn, danach weitergehen könnte. Das Mädchen war sich aber sicher, dass sie morgen wieder fit genug zur Weiterreise war. „Danke, ihr zwei… Ich wüsste echt nicht, was ich ohne euch tun sollte…“ Glaczio lächelte und Sasha umarmte ihre beste Freundin. Die Berührung rief etwas Schmerz hervor und ungewollt zuckte Cheyenne zusammen, ignorierte das unbehagliche Gefühl aber und freute sich über die liebevolle Umarmung.
Sasha war ihr wirklich wichtig geworden und sie hatte sie ins Herz geschlossen. Deshalb war sie so froh, ihre beste und einzige Freundin so glücklich zu sehen. Der jungen Frau war der Zustand anderer, insofern es keine Feinde waren, immer viel wichtiger, als ihr eigener, soweit das Mädchen es beobachtet hatte und beurteilen konnte. Auch, wenn es ihr einmal nicht gut ging, so konnte sie doch jederzeit Freude für jemanden, den sie mochte, aufbringen. Sie war wirklich einzigartig und Cheyenne war unglaublich froh, sie zu kennen und ihre Freundin nennen zu dürfen.
Der Heiler lachte leise und sah seinen Schützling etwas bedauernswert an. Er hatte ihr Zusammenzucken bemerkt und tippte seiner Kindheitsfreundin auf die Schulter. „Sasha-Mäuschen, noch ist sie nicht schmerzfrei, also reiß dich etwas am Riemen und erspar dem Engelchen unnötiges Leid. Morgen kannst du sie umarmen, so viel du willst, hehe.“ Sasha löste sich langsam wieder und schien immer noch glücklich zu sein, dass es dem Mädchen besser ging. Aber sie hatte verstanden und entschuldigte sich augenblicklich. „Oh, ja, tut mir Leid, Cheyenne, aber ich bin einfach so froh, dass es dir besser geht. Ich dachte wirklich, du würdest sterben, also nimm’s mir nicht übel, ok?“ Sasha hatte den Kopf schiefgelegt, die Augen verschlossen und lächelte. Sie steckte mit ihrer fröhlichen Art ihre Freundin an und diese musste leise lachen. Dies rief Schmerzen in derer Lunge hervor und sie stoppte es sofort wieder. Cheyenne lehnte sich zurück, an den Baum und Adocaz kuschelte sich näher an sie heran. Er tat das so vorsichtig, dass es seine Besitzerin nicht schmerzte. Sasha erhob sich und ließ ihren Blick umherschweifen. „Also gut, ich kann mir vorstellen hier wird es nachts ebenfalls sehr kalt werden, deswegen werd ich jetzt Feuerholz suchen gehen. Zum Glück sehen diese Birnbaumäste nicht so stabil aus… Hm… Ich weiß, dass du mir nicht helfen wirst, Eiszapfen, das wäre ein Wunder. Aber mach dich wenigstens nützlich, wenn du schon hierbleibst und sieh dir nochmal Cheyennes Unterarm an, ja? Adocaz, du bleibst sicher auch hier? Ich verlasse mich auf dich, dass du dein Frauchen hier nicht aus den Augen lässt. Pass auf, dass der Vollidiot keine Dummheiten macht, in Ordnung? Gut, dann bis später, Leute.“ Nach einem kräftigen Bellen des Feenwolfs zur Bestätigung, nickte die junge Frau Cheyenne zu und machte sich auf den Weg.
Glaczio entfernte langsam den Verband aus Blättern und den ziemlich geraden Ast, beobachtet von den treuen, schwarzen Augen Adocaz‘. Auch sein Schützling sah zu, was er tat. Der Heiler nahm eines der Blätter und strich vorsichtig etwas Kräuterpampe von der Wunde. Das Mädchen zuckte zusammen und stöhnte kurz unter Schmerzen auf. Unter der grünen Paste kläffte eine blutige Wunde, sogar der Knochen war etwas zu sehen. Auf diesem waren allerdings nicht einmal mehr Risse zu erkennen. Glaczio schien zufrieden mit dem Ergebnis zu sein und schmierte die heilenden Kräuter wieder auf die offene Stelle. Cheyenne vertraute ihm in dieser Hinsicht, er wusste schließlich, was er tat. Und Sasha schien sehr begabt im Umgang mit Heilkräutern zu sein, denn immerhin hatte sie die grüne Paste hergestellt. Sobald diese erneut auf der Wunde aufgetragen war, vergingen die Schmerzen ziemlich schnell wieder. Glaczio legte nun nur mehr die Blätter auf und ließ den Ast weg. „Das sieht schon viel besser aus als vorhin. Den Ast brauchst du jetzt nicht mehr, womöglich fühlst du etwas Druck auf dem Knochen, aber das macht ihn in deinem Fall nur schneller wieder stark. Weißt du warum uns Knochen und auch Zähne beinahe gänzlich weiß erscheinen? Weil sie die Stellen mit dem stärkst konzentriertem Lumenium in Lebewesen bilden. Sie sind nicht unphysisch, nehmen aber auch keine Farbe an, weil sie ohnehin Großteils im Körper versteckt sind und haben eine etwas dichtere Struktur.“ Cheyenne hörte gut zu und verstand. Oh, stimmt ja, auch Knochen sind fast reinweiß. Das vergesse ich immer, weil sie in uns versteckt sind… Und so viele davon habe ich im Leben noch nicht gesehen, das Einzige, was mir immer sofort auffällt, sind die Zähne und die weißen Stellen bei den Augen. Vielleicht ist es dort ja auch so stark konzentriert… um uns vermutlich eine bessere Sicht zu ermöglichen… Aber ich weiß auch nicht, irgendwie kommt mir das Lumenium-Weiß anders vor, als das von Licht oder dem durch Forschung hergestelltem Weiß. Lumenium kann ja auch Wärme speichern, zum Beispiel bei einem Körper eines Lebenden, im Gegensatz zu Licht, dieses hat aber auch vermutlich keine Struktur… Hm… Bei diesem Thema fiel ihr wieder der gigantische Dämon ein, der sowohl Lumenium, als auch Umbraurore besaß und der sie fast in den Tod geschickt hätte. Sie glaubte, dass der Heiler mehr darüber wüsste. „Glaczio? Ich habe da eine Frage, ich glaube, du kannst sie mir beantworten… Also die Meeresspinne vorhin auf der Sandpassage, war ja aus beiden Kräften. Du hast gesagt, es sei kein normaler Dämon… Was war es denn nun eigentlich? Und warum konnten wir die Beine dieses Monsters berühren und bekämpfen, wenn sie doch aus unphysischem Lumenium waren?“ Glaczio sah seinen Schützling an und beantwortete die gestellte Frage. „Ich will versuchen es dir zu erklären. Also, ich bin mir zu neunundneunzig Prozent sicher, dass es sich um einen sogenannten Legendis-Dämon gehandelt hat. Sie bestehen aus beiden Kräften, sind deshalb enorm schwer zu besiegen. Aufgrund der Kombination von Lumenium und Umbraurore würden sie eigentlich einen richtigen Körper besitzen, wenn die Genstruktur nicht dämonentypisch fehlerhaft wäre, deshalb haben sie mehr Fähigkeiten, als normale Dämonen. Zum Beispiel können sie Magie erzeugen, von dem Tier, dessen Form sie verkörpern. In unserem Fall war es eine Meeresspinne, deren Element ist Wasser, die wirkbare Magie wäre somit ebenfalls Wasser. Sie können auch fressen, aber die Nahrung nicht verdauen, aufgrund der fehlerhaften Struktur und in unseren Fall war der Dämon sogar giftig, es soll auch möglich sein, dass er sich, aus demselben Grund, wie bei der Nahrungsaufnahme, manchmal selbst vergiftet. Dieses Glück war uns leider nicht hold… Ansonsten weiß man nicht viel mehr über Legendis-Dämonen, sie sind kaum erforscht, weil sie sehr selten und enorm gefährlich sind, wie du feststellen musstest. Nur wenige Leute haben sie je zu Gesicht bekommen und das Treffen überlebt. Jene, die ihr Leben allerdings behalten haben, setzten sich mit den Dämonen auseinander und starteten Nachforschungen. Man hat herausgefunden, dass Legendis-Dämonen so etwas, wie die Könige unter den Dämonen sind und die niederen davon quasi beschützen. Daher scheint es pro Kontinent nur einen dieser Giganten aus beiden Kräften zu geben. Den von Luminastrelle haben wir ja gesehen und ich schätze, er hat uns aus Wut angegriffen. Aus der Sicht der Dämonen betrachtet, hat man sie vom Land vertrieben und auf die Sandpassage, beziehungsweise ins Meer, zurückgedrängt und dort eingesperrt. Wenn sich dennoch einer von ihnen auf dem Land aufhält, wird er von den Rittern ausgelöscht. Ich kann mir schon vorstellen, dass der Legendis-Dämon, als Beschützer der niederen seiner Art, ziemlichen Hass auf die Lichtritterschaft hat, aber er wird den Unterschied zwischen normalen Menschen und Rittern nicht kennen, also hat er uns angegriffen und wir mussten ausbaden, woran andere Schuld sind. Naja, wir haben es immerhin überstanden… Ah ja, deine zweite Frage belief sich auf Lumenium… Also, eigentlich ist es ganz ähnlich, wie mit Umbraurore. Durch die fehlerhafte Struktur der Dämonen, die bei der Umwandlung in erdeigenes Lumenium entstanden ist, sind sie nicht mehr in der Lage etwas Anderes als die Erde selbst und das Wasser zu berühren, ohne es abzustoßen. Daher kommt es einem so vor, als wäre ihr Körper fest, aber er ist dennoch unphysisch. Wenn man jetzt einen Lumenium-Dämon angreift, reicht die Abstoßwirkung nicht ganz aus, um die schwung- und kraftvolle Attacke zurückzuwerfen. Folglich trifft der Angriff auf den weißen Körper und verletzt ihn. Sollte jedoch ein Dämon attackieren, geschieht dasselbe, nur umgekehrt, hierbei nutzt er die Abstoßwirkung, um mit seinem Körper den des Feindes zu verletzen. Wird er angegriffen und eine Verletzung erfolgt, werden Lumenium-Partikel weggeschleudert, was nur bei Dämonen möglich ist. Im Gegensatz zu Tieren und Menschen hält sich ihr Körper nicht so gut zusammen, wegen der fehlerhaften Struktur und sie führen aufgrund des nicht vorhandenen Umbraurore kein Blut, welches ein Gemisch aus beiden Kräften ist. Deshalb lösen sie sich auch augenblicklich in Lumenium-Partikel auf. Bei Lebewesen ist dieser Vorgang nicht so leicht zu beobachten, wie du dir ja bereits denken kannst, wenn du dir in Erinnerung rufst, was ich dir in Mediasilva über die weiße Kraft erzählt habe. Im Normalfall würde es circa zehn Jahre dauern, bis sich der Körper vollständig in Lumenium-Partikel aufgelöst und deren Struktur in Erdeigene umgewandelt hat. Während dieses jahrelangen Prozesses verschmelzen die Teilchen der weißen Kraft nach und nach mit der Erde und werden durch eine erneute Struktur-Umwandlung dieser, dann neuen Körpern zur Verfügung gestellt. Selbst, wenn man jemanden verbrennt und nur Asche überbleibt, dauert das Verfahren immer noch ungefähr zehn Jahre. Da der Normalfall aber mittlerweile eine Ausnahmesituation geworden ist und der Prozess schneller geschieht, reicht die Zeit nicht aus für eine erfolgreiche Umwandlung, wie du ja weißt, dann wird die Struktur fehlerhaft, die Partikel vereinen sich nicht mit dem erdeigenem Lumenium, sondern bleiben rund um den toten Körper liegen, aber nicht lange, denn dann schließen sie sich zu einem Dämon zusammen. Sobald dieser Fall eintritt, löst sich der restliche Körper innerhalb weniger Sekunden vollständig auf und die Lumenium-Partikel vereinen sich mit dem soeben erzeugten Dämon, da dieser auf den toten Körper, dem er selber entspringt, eine Anziehung entfacht. Dieses Prinzip bleibt in jeder Situation gleich, egal ob sich das tote Lebewesen Unterwasser, unter der Erde begraben, oder auf dem Land befindet. Wenn meine Erinnerung korrekt ist, wäre dies alles gewesen, was du wissen wolltest, Engelchen. Es freut mich, dass du so viel Interesse an der Welt zeigst.“ Glaczio grinste bei dem letzten Satz, aber Cheyenne wusste, dass er es ernst gemeint hatte. Sie hatte ihre Antwort wieder einmal ausführlichst erhalten, genauso, wie sie es von dem Heiler gewohnt war und hatte verstanden. „Danke, Glaczio. Ich denke, ich verstehe es jetzt. Aber das war schon wirklich großes Pech, dass ausgerechnet wir auf diesen Legendis-Dämon gestoßen sind…“ Cheyenne senkte den Blick. Irgendwie ziehe ich das Unglück immer magisch an… Glaczio schien ihre Gedanken lesen zu können, denn er lachte kurz und leise. „Hehe… Das ist vermutlich ein Nachteil der Auserwählten. Irgendwas passiert uns immer. Aber sieh es doch einmal so: Wir sind heiß begehrt, hehe und auf diese Weise kommt nie Langeweile auf, hm? Obwohl die Hälfte der ganzen Aufregung, die wir bisher in unseren Leben hatten wohl auch vollkommen ausgereicht hätte… Wie dem auch sei. Lass dich einfach nicht von deinem Schicksal unterwerfen und versuche dennoch Alles auf deine eigene Art und Weise handzuhaben. Wenn das Leben mit dir schon Katz und Maus spielt, sieh zu, dass du die Katze bist. Was ich damit sagen will, weißt du, ja? Egal, was passiert, nutze es immer zu deinem Vorteil. Du musst nichts akzeptieren, wenn du nicht willst, geh deinen Weg und mach das Beste aus jeder noch so hoffnungslosen Situation. Ich… habe deine seelische Stärke ziemlich unterschätzt, um ehrlich zu sein. Du hast das Zeug dazu, die Welt, in der wir alle leben, zu retten, so viel weiß ich… Aber was mir in letzter Zeit auch klar geworden ist… Engelchen, ich lag falsch, als ich gesagt habe, es gäbe für dich nur zwei Wege. Den der wunderbaren Freiheit, oder den deines in Ketten legenden Schicksals. Es gibt einen dritten. Du hast alles, was du brauchst, um die Welt auf deine eigene, freiwählbare Art zu retten. Wenn du sie auch wirklich retten willst. Du darfst dich dabei nur nicht selbst verlieren und musst diesem Weg treu bleiben. Verwechsle ihn nicht mit dem deines Schicksals, es ist zwar dasselbe Ziel, jedoch ist der Pfad auf dem du wanderst jeweils ein unterschiedlicher. Wenn du aber deine Freiheit wählst… wirst du mehr leiden. Aber ich weiß, dass dich das nicht abschreckt, tief in deinem Inneren… Ich bin mir ganz sicher, dass deine Seele stark genug dafür sein kann und ich werde dir auf deinem Weg helfen, so gut es mir möglich und soweit es mir erlaubt ist, ebenso Sasha, das ist vermutlich klar, hehe. Du… bist nicht das, was man von einer Auserwählten erwartet, aber genau das könnte die Rettung der Welt sein.“ Genau in diesem Moment kam Sasha mit einigen Ästen zurück und legte sie auf den Boden. Sie schien Glaczios leise Worte nicht gehört zu haben und war immer noch fröhlich. Die Chromasterne am Himmel wurden immer blasser und bald würde die Nacht hereinbrechen. Die erste Nacht auf Halonien.
Cheyenne schlief dicht an Adocaz gekuschelt unter dem alten Baum. Sie hatte ihrer Erschöpfung und Müdigkeit bereits bei den letzten am Himmel leuchtenden Chromasternen nachgegeben. Sasha hatte das Feuer in der Nähe ihrer Freundin angemacht, saß nun neben ihr an den Baum gelehnt und betrachtete das unruhig schlafende Mädchen. Dann ließ sie ihren Blick umherschweifen, über den See, vorbei an dem weiten Grasland. Erst als ihre Augen die schützenden Felsen erblickten, betrachtete sie diese länger.
Die letzten drei Chromasterne gaben gerade noch so viel Leuchten ab, dass sie Glaczio sehen konnte, der an einen Felsen gelehnt auf dem Boden saß und das Feuer anstarrte. Die Flammen spielgelten sich in seinen Augen wieder. Er schien es nicht zu wagen, dem wärmenden Glühen näherzukommen.
Sasha erhob sich und ging auf den Heiler zu. Sie kniete sich neben ihn, aber er würdigte sie keines Blickes und betrachtete weiterhin das hellorangefärbige Feuer. Aus nächster Nähe waren seine Augen ausdrucklos und leer.
Seine Kindheitsfreundin fing ein Gespräch an. „Hör auf, so traurig das Feuer da anzustarren, ich muss mit dir reden.“ Sie sprach leise, um Cheyenne nicht aufzuwecken und wartete auf eine Reaktion. Glaczio seufzte, neigte den Kopf in Sashas Richtung und sah sie an. „Was willst du denn, Baby? Ich zweifle doch stark daran, dass du mich fragen willst, ob du mit mir ein bisschen kuscheln darfst, hehe…“ Sasha verdrehte die Augen und grummelte kurz genervt etwas vor sich hin. „Nein, das wollt ich auf gar keinen Fall und das wird auch nie mehr in deinem ganzen Leben passieren, verstanden? Vollidiot… Jetzt hör mal gut zu, ich weiß genau, was du vorhast, es ist offensichtlich, aber ich werd es nicht zulassen, kapiert? Mittlerweile ist es mir echt egal, was du machst… bezüglich auf alle weiblichen, menschlichen Wesen da draußen, die auf deine Masche hereinfallen. Du weißt, ich kann dazu nur sagen, dass du dich was schämen solltest. Aber ich hab die Hoffnung bei dir echt schon aufgegeben, du änderst dich nicht mehr… Argh… Jedenfalls, was ich sagen wollte, war: Hör auf, dich an Cheyenne ranzumachen. Du bist wirklich ein Mistkerl, sie hat dir eine zweite Chance gegeben, die du nicht einmal verdient hast und du nutzt das total aus. Einstellung hin oder her, halt dich zurück, oder dir passiert wirklich mal was, das garantier ich dir. Du weißt, dass ich nicht zögern werde, dich zu töten, sollte sich mir eine passende Möglichkeit bieten. Was damals mit uns passiert ist, das ist eine Sache, aber jetzt… Du bist so unberechenbar geworden, dass ich mir nicht sicher bin, ob du nicht doch irgendwie zu den Rittern zurückgehst, wenn du siehst, dass die Schattendiener dich nicht als Unterstützung haben wollen. Du bist und bleibst nun mal ein Verräter… Und auch wenn ich es nur ungern sage, aber dich zum Feind zu haben ist wirklich nicht gut. Schon gar nicht für Cheyenne. Zurzeit könnte sie nicht einmal drei Sekunden in einem Kampf gegen dich bestehen… Und sie fängt langsam an dich wieder zu mögen, sogar mehr als zuvor… Aber das soll sie nicht. Leider kann ich nichts dagegen tun… Argh… Ich sage es nicht noch einmal so nett und freundlich, wie gerade eben, also hör gut zu… Lass die Finger von Cheyenne, oder du wirst es bereuen. Sie ist die Auserwählte, die überaus wichtig für die Welt ist und noch dazu meine beste Freundin… Und jetzt überleg mal, wer du bist, na, klingelt’s? Du bist der Auserwählte des Lichts, ihr natürlicher Todfeind, allein das sollte dich schon zur Vernunft bringen. Aber wenn dir das noch nicht reicht, dann habe ich hier einen weiteren Grund für dich. Wenn die Schattendiener dich mit ihr zusammen sehen ist das schon schlimm genug, dann sind sie sicher gleich mal verunsichert. Wenn ihr beide ‚Freunde‘ werdet, dann ist das noch schlechter, denn sie werden sich dann fragen, ob die Auserwählte wirklich das Zeug dazu hat, ‚Gut von Böse‘ zu trennen und fangen wahrscheinlich an, Cheyenne zu anzuzweifeln. Wenn da jetzt aber noch mehr zwischen euch vorfällt, dann würden sie ihr möglicherweise sogar misstrauen. Das wäre gar nicht gut. Schattendiener und Auserwählte müssen sich gegenseitig unterstützen und brauchen einander, um die Welt vor dem Ende zu retten. Aber ich bin mir ja nicht mal mehr sicher, ob du wirklich noch großes Interesse am Weiterleben hast, also werden dir meine Argumente egal sein… Wie auch immer, ich werd schon aufpassen, dass Cheyenne sich nicht auf dich einlässt und wenn es das Letzte ist, was ich tue, merk dir das.“ Sasha war aufgebracht und hatte vor Wut auf den Heiler die Zähne zusammengebissen. Dieser hatte sie während der ganzen Zeit angesehen und keine Miene verzogen. Er kniff die Augen ein wenig zusammen und wirkte ungewöhnlich ernst, aber dann hob er einen Mundwinkel zu einem wenig ausgeprägten, fast schon fies wirkenden Grinsen an. „Hehe, du weißt wirklich, wie man Leuten droht, aber ich habe diese Reden deinerseits schon so oft gehört, dass sie ihre Wirkung verloren haben, Baby… Du weißt, dass ich nur mache, was ich will… und das wird sich auch nicht ändern, nur zu deiner Information. Deine Unterstellungen sind diesmal sehr gut durchdacht gewesen, ich bin wahrlich beeindruckt, so viel Intelligenz hatte ich von dir gar nicht erwartet, ein Wunder, hehe… Du hast absolut Recht, ich möchte das Vertrauen meines Engelchens wieder erlangen… aber ein paar deiner anderen Argumente waren nicht korrekt. Niemals wieder werde ich auf der Seite der Lichtritterschaft stehen... Solange Cheyenne am Leben ist, habe ich nicht vor zu sterben. Ich möchte zumindest versuchen, durch sie einen Teil meiner Sünden, die ich als Auserwählter des Lichts begangen habe, wiedergutzumachen. Sie hat mir geholfen und mir eine zweite Chance gegeben, weil sie das verstanden hat. Ich werde diese Möglichkeit nutzen und ihr im Gegenzug meine Hilfe zur Verfügung stellen, denn das bin ich der Welt ohnehin schuldig. Da ich mir alldem bewusst bin, kommt es für mich auch nicht in Frage, die Süße da auszunutzen. In dieser Hinsicht gebe ich dir Recht, Schnuckelchen… Auch wenn Cheyenne wirklich bezaubernd ist und ich wirklich alle Tricks, die ich auf Lager habe, anwenden würde, um sie für mich zu gewinnen, werde ich dies nicht machen. Denn alles, was über das ‚Flirten‘, wie du es nennst, hinausgeht, wäre entwürdigend und entehrend für die Auserwählte, wenn es in Verbindung mit mir stünde und somit auch für die Schattendiener, wie du bereits erwähnt hast. Egal, ob du mir das nun glauben willst, oder nicht, ich spreche die Wahrheit.“ Der Heiler hatte mit leiser, ruhiger und entschlossener Stimme gesprochen, jedoch schien Sasha nicht vollends überzeugt zu sein. Sie traute ihm nicht mehr über den Weg, aber sie beendete das Thema dennoch. „Pff… Wie du meinst. Ich werd dich trotzdem im Auge behalten…“ Damit erhob sie sich und kehrte an ihren Platz neben Cheyenne zurück. Glaczio betrachtete weiterhin die Flammen.
Cheyenne war eingeschlossen in einem Würfel aus Glas. Ihre Füße waren angekettet an einer im Boden verankerten Halterung aus Metall. Vor ihr stand ihre Mutter, die sie nur aus Erzählungen und Beschreibungen kannte. Hinter dem Mädchen tänzelte Falconheart, schnaubte und scharrte wütend. Zu ihren beiden Seiten waren ihre Großeltern. Alle hatten weiße Augen, jeweils einen schwarzen Kristall bei sich und befanden sich außerhalb des Würfels. Der Hengst wieherte ohrenbetäubend laut und trat mit dem Huf auf den vor ihm am Boden liegenden Kristall, worauf dieser in tausende Splitter zersprang. Cheyennes Füße wurden nass und sie blickte zu Boden. Aus einer Öffnung darin trat rotes Blut hervor und stieg langsam an. Als die Flüssigkeit beinahe die Knie des Mädchens erreicht hatte, zerbrach ihr Großvater den schwarzen Kristall mit den Händen und kurz darauf tat es ihm ihre Großmutter gleich. Das Blut im Glaswürfel stieg ungeheuer schnell an und war in Windeseile an ihrer Taille angelangt. Zum Schluss zerbrach auch ihre Mutter den Kristall und ein Chor aus Stimmen ertönte, als das Blut Cheyenne bis zum Hals stieg. „Stirb, stirb, stirb…“ Das Mädchen wollte schreien, aber sie brachte keinen Ton heraus, der rote Saft des Lebens stieg immer schneller und höher und sie wurde durch die Ankettung am Boden festgehalten. Gleich würde sie in ihrer Schuld, dem Leid Anderer und ihren Sünden ertrinken. Wildes, fieses Gelächter brach aus. Plötzlich wurde es Cheyenne eiskalt, doch im Inneren fühlte sie Wärme und Geborgenheit. Das Blut war zu einem Eisklotz gefroren und ihre Lieben, die um den Glaswürfel herumstanden, waren zu Eisskulpturen geworden. Dann zersprang das Eis.
„Guten Morgen, Engelchen. Alles in Ordnung? Du hast schon wieder so unruhig geschlafen, da dachte ich, dass ich mir lieber die Frechheit erlaube und dich aus deinen Träumen in die Realität zurückhole. Wir wollten dich ohnehin gleich wecken, zur Weiterreise.“ Cheyenne lag auf dem Grasboden und blinzelte den Alptraum von sich weg. Hatte sie sich das nur eingebildet, oder war Glaczios Wecken in ihrem Traum die Rettung vor dem Tod gewesen? Sie schüttelte die Gedanken ab, denn sie wollte sich nicht mehr mit diesem erneut grauenvollen Alptraum auseinandersetzen.
Das Mädchen richtete sich auf. Ihr Körper fühlte sich wieder normal an, ihre Lunge schmerzte nicht mehr und sie war wieder ganz die Alte. Cheyenne blickte hinunter zum See und sah Sasha und Adocaz dort. Sie wandte sich wieder an Glaczio. „Ähm, ja… Guten Morgen. Vielen, vielen Dank, dass du mich von diesem verdammten Alptraum befreit hast… Hm, du hattest übrigens gestern Recht. Mir geht’s wieder richtig gut, ich spüre keine Schmerzen mehr und fühle mich stark genug, um weiterzugehen. Wie geht es Adocaz‘ Pfote?“ Der Heiler schien erfreut über Cheyennes guten Zustand zu sein und auch, dass sie seinen Ratschlag berücksichtigte und sich ihren Traum nicht zu sehr zu Herzen nahm. Er griff sich den mit Blättern verbundenen Unterarm seines Schützlings und entfernte das Grün. „Schön, dass es dir besser geht. Adocaz‘ Pfote ist so gut, wie neu. Dank eines Heilzaubers, gewirkt von mir, dem unglaublich begabten und hübschen Heiler, hehe. Sasha wäscht ihm nur noch die Kräuterpaste ab und dann wollten wir uns auf den Weg machen, wenn du einverstanden bist. Deine Wunde hier am Unterarm müsste auch verheilt sein, also gehen wir, sobald du bereit bist, zu den anderen Beiden und du wäschst dir das Zeug hier auch ab. Wenn du durstig bist, ist dieser See dein Freund, denn das Wasser dort ist so rein, als käme es direkt aus einer Quelle. Vielleicht wächst auf dem Grund Lebenskraut, dieses ist zwar sehr selten, aber es existiert, laut Forschern und Pflanzenkunde-Büchern. Es reinigt das Wasser und versetzt es mit ein wenig zusätzlichem Umbraurore, das dir Kraft gibt. Die belebende Wirkung hält aber leider nur für ein paar Stunden an, dann verlässt dich das dazugewonnene Umbraurore wieder. Aber trotzdem hilft es deinem Körper und deiner Seele sich etwas zu regenerieren, wenn notwendig. Es harmoniert mit uns und unterstützt die Lumenium- und Umbraurorefunktionen unserer Körper. Hm… Deine Wunde hier sieht man schon gar nicht mehr, das ist sehr erfreulich. Nun gut, ich würde vorschlagen, wir begeben uns zu den Anderen.“ Cheyenne nickte und der Heiler stand auf. Er nahm die Hand seines Schützlings und half ihr mit einem leichten Anziehen auf die Beine. Das Mädchen stand erst etwas wackelig, aber schnell hatte sie ihr Gleichgewicht gefunden und ging mit Glaczio zu Sasha und Adocaz beim See.
Die junge Frau war gerade damit fertig geworden, Adocaz‘ Wunde zu waschen und stand auf. Sie drehte sich um und erblickte ihre beste Freundin. „Cheyenne! Guten Morgen, hey, dir scheint’s ja besser zu gehen, als gestern. Schön! Adocaz ist auch wieder topfit.“ Der Feenwolf kauerte sich spielfreudig auf den Boden, als er seine Besitzerin auf sich zukommen sah. Dann bellte er und sprang zu ihr hin. Er umkreiste das Mädchen einmal und setzte sich dann an ihre Seite. Fest an ihre Beine gedrückt hatte er die Schnauze in die Luft gestreckt und hechelte fröhlich. Oh, wie schön, dass Adocaz so glücklich ist. Cheyenne streichelte ihren Vierbeiner und bedankte sich bei Sasha. „Es freut mich wirklich, dass es ihm wieder so gut geht, Danke, Sasha. Aber nicht nur in Adocaz‘ Namen, sondern auch in meinem. Die Wunde an meinem Unterarm ist richtig gut verheilt, dank deiner… ähm, Kräuterpampe. Hihi.“ Die junge Frau lachte mit ihrer Freundin und war sichtlich erfreut, dass es allen wieder gut ging.
Cheyenne tapste zum See und kniete sich am Ufer nieder. Seit gestern hatte sie nichts mehr getrunken und war beinahe am Verdursten. Adocaz saß neben ihr, er würde wohl noch eine ganze Weile nicht von ihrer Seite weichen, aber es störte sie nicht. Das Mädchen tauchte die Hände ins kühle, erfrischende, grün-blaue Wasser und schöpfte mit ihnen etwas davon heraus. Sie trank die Flüssigkeit und schon nach wenigen Schlucken war ihr Durst gestillt. Dieses Wasser ist wirklich… einzigartig. Es schmeckt besser als das im Klissave-Gebirge. Und die Farbe ist auch sehr schön. Cheyenne stand wieder auf und ging gemeinsam mit Adocaz zu Sasha und Glaczio zurück. Dann machten sie sich alle auf den Weg, an der Außenseite des großen Gezeitensees entlang.
Nachmittags kamen sie am Fuß des Mount Nightblade an. Felsen, die wieder einen guten Sichtschutz geben würden, waren im Grasboden verankert, welcher sich näher am Berg zu Erde und schwarzem Stein wandelte. Während sie um den See gewandert waren, kam kein einziger Ritter auf der anderen Seite vorbei. Auch andere Leute hatten sie nicht gesehen. Alles blieb ruhig. Dieser Teil Haloniens schien unbewohnt zu sein, obwohl es hier so viel Land gab. Cheyenne fand es schön, dass die Natur hier so unberührt war.
Aus nächster Nähe sah der schwarze Berg noch mächtiger aus als bereits in der Ferne. Das Mädchen konnte jedoch kein Haus erblicken, lediglich ein Tannenwald umgab den Mount Nightblade bis zu einem Drittel. Der Gipfel wurde von bunten Wolken verdeckt. Hm, vielleicht ist das Haus der Ältesten so weit oben, oder so klein, dass man es von hier aus nicht sieht. Oder es wird von ein paar Bäumen oder Felsen verdeckt. Dann sehe ich es vielleicht nur von diesem Standpunkt aus nicht.
Glaczio betrachtete ebenfalls den Berg und wandte sich dann an Sasha. „Hey, Sasha-Mäuschen. Wo genau soll sich eigentlich dieses Haus der Ältesten befinden? Ich bezweifle, dass es mitten auf dem Weg stehen wird.“ Die junge Frau wurde rot, verschränkte die Arme und blickte etwas verlegen zur Seite. „Ähm… nun ja… also… So genau weiß ich das auch nicht…“ Was? Ernsthaft? Cheyenne seufzte entgeistert und der Heiler grinste. Er wechselte einen Blick mit seinem Schützling und betrachtete dann wieder den Berg. „Hehe. Das ist wieder einmal typisch Sasha. Erst handeln, dann nachdenken. Ich habe, um ehrlich zu sein, nichts anderes von dir erwartet, Schnuckelchen. Wie gedenkst du, sollen wir nun vorgehen? Dieser Berg ist riesig, ohne einen Hinweis würden wir ziemlich lange dort oben herumirren. Womöglich ohne Erfolg. Zeitverschwendung. Wir sollten uns überlegen, ob wir nicht auf direktem Weg weitergehen. Wo hält sich eigentlich der Superator auf? Zu diesem sollten wir ja mein Engelchen bringen.“ Sasha hatte sich mittlerweile umgedreht und war kleinlaut geworden. „Ähm… Naja, die Sache ist die… Nur Imperatoren und deren Stellvertreter wissen, wo sich der Superator und sein Schattenclan aufhalten… Bedauerlicherweise weiß ich nicht, wo hier in Halonien die Schattennester sind, also können wir auch nicht nachfragen… Ah, Cheyenne, ich hab das glaub ich vergessen zu erklären. Schattennester, oder auch Schattenlager genannt, sind die jeweiligen Aufenthaltsorte der Schattendiener. Die meisten davon sind eine Art unterirdischer Bunker, mit einer grasüberwachsenen Kuppel, in der sich sogar Fenster befinden. Diese Orte sind riesig, echt schön und teilweise richtig gemütlich, weil sie Großteils aus Holz gebaut sind. Sie sind gut versteckt, damit wirklich nur diejenigen, die den genauen Standort kennen, hinfinden. Und Schattenclans, dazu zählen alle Schattendiener, die unter dem Kommando des jeweiligen Imperators sind. Gut, ich glaube, das wär jetzt alles zu den Schattendienern… Ach ja, Eiszapfen. Ich weiß zwar nicht genau, wo die Ältesten sind, aber ich weiß zumindest, wie man hinfindet. Jetzt staunst du, was? Der Weg soll mit einem Schriftzug der Yin-Yang Sprache gekennzeichnet sein, der in einen Felsblock gemeißelt ist.“ Der Heiler lachte leise und schüttelte langsam den Kopf. Dann zog er die Schultern hoch und seufzte, bevor er sich umdrehte, die Arme verschränkte und die Augen schloss. „Na schön, wenn du denkst, dass uns diese Tatsache nun weiterbringt, dann folgen wir deinem Plan und gehen morgen da hoch. Was bleibt uns auch anderes übrig, als unser Glück zu versuchen? Ich gehe davon aus, dass wir viel Zeit einplanen müssen, deshalb werden wir hier übernachten. Denn ich bezweifle, dass es irgendjemanden weiterbringt, wenn wir nachts auf einem gefährlichen Berg herumwandern.“ Sasha und Cheyenne nickten, Glaczio wandte sich an seinen Schützling und fuhr fort. „Welch Freude, jeder ist einverstanden. Um die Zeit totzuschlagen und sie gleichzeitig sinnvoll zu nutzen, würde ich dir eine kleine Trainingseinheit anbieten, wenn du einverstanden bist, Engelchen?“ Cheyenne nickte wieder und war gespannt, was sie gleich lernen würde. Sasha schien keine Einwände zu haben und setzte sich in einiger Entfernung auf den Grasboden, bevor sie sich auf den Rücken legte und die Beine anwinkelte. Sie neigte den Kopf zur Seite, um ihre Freundin zu beobachten. Adocaz trabte zu der jungen Frau und legte sich ebenfalls nieder.
Glaczio ging an Cheyenne vorbei und stellte sich ziemlich genau in die Mitte zwischen Felsen und See. Über seine Schulter sah er das Mädchen an, bevor er sich umdrehte und sie zu sich rief.
Sein Schützling tapste auf ihn zu und blieb vor ihm stehen. Der Heiler musterte Cheyenne von oben bis unten und schien nachzudenken. „Hm… Oh, ich bin unhöflich. Also, ich habe vor, dir Elementar-Magie näher zu bringen, soweit ich dazu in der Lage bin. Aber es wäre für uns beide viel einfacher, wenn wir dein Element zuerst herausfinden würden… Dies fällt mir jedoch sehr schwer, um ehrlich zu sein… Dein Charakter ist nämlich ziemlich einzigartig, du bist manchmal so temperamentvoll, wie jemand des Elements Blitz. Dann jedoch bist du von Zeit zu Zeit ziemlich ruhig und vernünftig, also käme Wasser auch in Frage. Wenn es einen Grund dafür gibt, bist du gern fröhlich und lachst, demnach sollten wir Erde nicht ausschließen. Deine Intelligenz ist oftmals ziemlich erstaunlich und Kälte macht dir nichts aus, also wäre Eis auch eine Option. Und wenn es darauf ankommt, kannst du auch ziemlich gut und ausdauernd kämpfen, um ein gesetztes Ziel zu erreichen, genauso, wie jemand vom Element Wind… Aber ein Element würde meiner Meinung nach am besten mit dir harmonieren, auch wenn alle auf eine Art und Weise zu dir passen... Deine Willenskraft ist wahrlich bemerkenswert, du weigerst dich stets die Hoffnung aufzugeben, setzt dich sehr für diejenigen ein, die du liebgewonnen hast, und würdest dein Leben dafür geben, nur um sie zu beschützen. Diese Charakterzüge sind bei dir etwas stärker ausgeprägt als alle bisher genannten... Diese Eigenschaften entsprechen dem Element Feuer, welches auch mit deinem Namen übereinstimmen würde. Du solltest wissen, dass der Name ‚Cheyenne‘ in der Yin-Yang Sprache ‚Feuer‘, oder ‚die Feurige‘ bedeutet. Dieser Name war früher sehr selten und nur den mutigsten Kriegern wurde er als Beiname gegeben, wenn sie ihn sich verdient hatten. Mut, die Eigenschaft des Elements Finsternis, ist bei dir genauso stark ausgeprägt, wie deine Hoffnung und dein Wille. Dass du auch das Element Finsternis kontrollieren kannst, sollte eigentlich logisch erscheinen. Ach und nur falls es dich interessiert, hehe… Ein kleiner Anhang zu den Namensbedeutungen, weil du die Yin-Yang Sprache so gern magst. ‚Glaczio‘ bedeutet ‚Eis‘ oder ‚der Eisige‘. Und mein Nachname, den ich dir noch nie verraten habe, weil… nun, als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, wäre es zu riskant gewesen ihn dir zu nennen, immerhin solltest du ja nicht wissen, wer ich bin und normalerweise kennen mich die Leute sofort, wenn ich mich mit vollem Namen vorstelle... Atropax hat stets meinen Familiennamen verbreitet und bei meinem Vornamen durften mich nur Verwandte und Bekannte nennen… Mein Nachname lautet Capriszeé und heißt übersetzt ‚See der Kälte‘, hehe… Bedeutung und Charakter passen sehr gut zusammen bei unseren Namen. Faszinierend, nicht wahr? Ich bin also der Meinung, dass dein Element Feuer ist, aber eines beschäftigt mich. Du hast von jedem Element Charakterzüge, was sehr selten und eigenartig ist, aber du bist ja auch die Auserwählte, also… würde es mich interessieren, ob du vielleicht genau aus diesem Grund, nicht sogar alle Elemente beschwören und als Magie wirken kannst… Einen Versuch ist es wert. Demnach nenne ich das Feuer nun dein ‚Hauptelement‘ und die anderen deine ‚Nebenelemente‘, solange bis ich vom Gegenteil überzeugt werde. Ich bin mir nämlich wirklich ziemlich sicher, dass ich richtig mit meiner Vermutung liege. Da das Element Finsternis eine andere Element-Art ist, welches wahrscheinlich nur du, von allen Wesen dieser Welt, beschwören kannst, zähle ich es als dein zweites Hauptelement. Hm… Wenn ich nun korrekt denke, bist du in den meisten Hinsichten genau das Gegenteil von mir… Dein Element ist Feuer, meines Eis. Du bist weiblich, ich männlich. Du kannst garantiert Elementar-Magie wirken, ich nicht, meine Magie ist auf Lumenium –Basis. Du kannst alle Elemente beschwören, so wie es aussieht, ich eigentlich keines, nur Eis, auf unechter Basis. Und dann… wäre da noch unser Körperaufbau. Während ich ziemlich viel Lumenium in meinem Körper habe, besitzt du sehr viel Umbraurore, das ist, und da bin ich mir ziemlich sicher, auch der Grund, warum du dich immer so schnell erholst und Verletzungen im Handumdrehen bei dir heilen. Du hast so viel der schwarzen Lebenskraft in dir, dass diese dein vorhandenes Lumenium so beeinflusst, das fehlende sehr schnell nachzuproduzieren. Dies funktioniert, indem sich das Lumenium in deinem Körper einfach vervielfältigt, es braucht dafür keines von außen, so wie ich beim Heilen. Dann kannst du noch die Finsternis, das Element des Mutes, kontrollieren und ich… kann Licht beschwören, wenn ich will, das Element der Zerstörung und Verdammnis. Beide sind antik, lassen sich von normalen Leuten nicht mehr beschwören, aber im Gegensatz zu Licht, existiert Finsternis noch in unserer Welt.“
Hm… Meine Hauptelemente sollen also Feuer und Finsternis sein, während es bei Glaczio Eis und Licht sind. Das sind wirklich Gegenteile. Sein Nachname bedeutet See der Kälte. Glaczio Capriszeé heißt also Eis, oder der Eisige, vom See der Kälte? Oh, diese Yin-Yang Sprache ist traumhaft schön… Sogar die Übersetzung in unsere Sprache klingt noch so wundervoll… Mein Name bedeutet sogar Feuer und gilt als Zeichen des Mutes? Wow… Nie im Leben hätte ich gedacht, dass er eine so starke Bedeutung hat, das gefällt mir. Demnach wäre ich… hm… das Feuer der Gesegneten, gesegnetes Feuer, die feurige Gesegnete, oder die gesegnete Feurige. Das hört sich auch alles schön an… Aber Glaczio schätzt mich doch irgendwie total falsch ein… Ich bin nicht mutig… Ich will nur nicht, dass jemandem etwas wegen mir passiert… Und Aufgeben… Naja, eigentlich bin ich nur zu stur, um klein beizugeben, auch wenn die Situation ziemlich ausweglos ist… Aber ich würde das eher Unvernunft, als Durchhaltevermögen und Hoffnung nennen… Aber wenn er meint… Irgendwie will ich seine Schlussfolgerungen nicht anzweifeln, er hat mit sowas eigentlich immer Recht. Aber das wird sich gleich herausstellen, wenn ich versuche Magie anzuwenden. Es wäre ja wirklich… unglaublich, wenn ich alle Elemente beschwören könnte… Ich…
Glaczio beendete seine Analyse und zwinkerte Cheyenne zu. „Nun denn, Engelchen. Lass uns anfangen. Wir beginnen mit Feuer, einem deiner Hauptelemente. Es ist egal mit welcher Magie wir anfangen, was ich dich unterrichten kann, bleibt gleich, denn ich verwende ja kein Umbraurore. Aber die anzuwendende Technik ist im Grunde genommen dieselbe, soweit ich das weiß. Das hat zumindest Atropax behauptet. Also, hör gut zu. Um einen Zauber zu wirken, ist höchste Konzentration erforderlich. Irgendwann bist du automatisch konzentriert, jedoch stehst du noch am Anfang, deshalb musst du dich wirklich bemühen, ja? Zunächst wird es einfacher für dich sein, wenn du deine komplette Umgebung und alle Geräusche ausblendest, aber später bei echten Kämpfen musst du wieder auf alles konzentriert sein. Denk an das, was ich dich in Saraley gelehrt habe. Wenn du mit Magie und Waffe kämpfst, hast du zwar einen Vorteil, musst aber doppelt so gut aufpassen und noch vorsichtiger sein. Du bist dir selbst verpflichtet, deine Umgebung dann komplett und bis ins kleinste Detail wahrzunehmen, dich aber gleichzeitig auch auf das Kämpfen zu konzentrieren. Warum? Wenn ein Feind dich von hinten angreift und du bist zu stark auf einen Zauber fixiert, bemerkst du ihn nicht, weil deine Instinkte durch die Magie abgelenkt sind. Aber nun befinden wir uns ja noch in der Trainingsphase, also konzentriere dich erst einmal nur auf den Zauber, welchen du wirken willst. Du wirst eines Tages Magie und Kampfkunst perfekt beherrschen können und dabei noch deine Umgebung wahrnehmen, da mache ich mir keine Sorgen. Für die Auserwählte wird das doch ein Kinderspiel werden. Es liegt dir im Blut…“ Cheyenne hörte gut zu, aber sie war sich nicht sicher, ob sie irgendwann tatsächlich so eine gute Kriegerin wird, wie Glaczio glaubte. Jedoch schien er sehr überzeugt zu sein und sie nickte nur zaghaft, dann fuhr er fort. „Neben Konzentration benötigst du noch kontrollierte Willenskraft. Ich schätze, das wird für den Anfang der schwierigste Punkt werden. Du musst dir Feuer vorstellen, es in dir entfachen und lodern lassen, du musst es spüren, seine Hitze, seine Hoffnung, seine Stärke. Du musst Eins mit dem Feuer werden, damit du es richtig kontrollieren kannst. Beschwören müsstest du es bereits können, wenn du nur daran denkst, aber du musst dich mit ihm verbinden, damit es dir gehorcht und genau das macht, was du von ihm verlangst. Das ist der Punkt, an dem du selber arbeiten musst und welcher am wichtigsten ist. Wenn du Willens- und Vorstellungskraft miteinander verschmelzen und kontrollieren kannst, beherrscht du die Magie. Aber auch wenn du die Auserwählte bist und das alles irgendwann kein Problem mehr für dich ist, vermute ich, dass es noch ein weiter Weg bis zur völligen Zauberbeherrschung ist. Verlasse dich in Kämpfen noch nicht darauf. Ach ja, wo wir gerade bei diesem Thema sind… Wenn du nicht die Ruhe in Person bist, genauso, wie beim Kämpfen mit Waffen, wirst du keine Magie zustande bringen können, behalte dir das gut in Erinnerung. Nun gut, der finale Punkt, um einen Zauber zu wirken, wäre, dein Umbraurore auf einen Punkt zu konzentrieren. Wenn du ein Gespür dafür entwickelt hast, kannst du es nach Bedarf verstärken, oder verringern. Für den Anfang empfehle ich, den Punkt in einer deiner Handflächen auszuwählen, ich schätze, das ist die einfachste Methode. Später kannst du einen beliebigen Punkt in deiner näheren Umgebung und an deinem ganzen Körper auch auswählen. Bei Feuer erscheinen mir jedoch eigentlich nur die Hände als sinnvoller Ausgangspunkt, aber du kannst ja damit experimentieren. Vielleicht findest du eine Technik, die wahrhaftig vorteilhaft und wirkungsvoll ist, wenn das Feuer von einer anderen Stelle ausgeht. Das wären soweit die Grundlagen. Ach, bevor du dich wunderst. Elementar-Magie bedarf keiner magischen Zirkel. Diese erscheinen nur, wenn Lumenium-Struktur umgewandelt wird. Denke an meine Heil- und Eiszauber als Beispiel. Bei Elementar-Magie wirst du nur von einem leichten, bei Tag fast nicht erkennbaren Schein, oder eher einem schwachen Leuchten umgeben, der an das jeweilige Element, in deinem Fall Feuer, erinnert. Deine Augen fangen an in deiner Augenfarbe zu leuchten, aber sobald der Zauber verwirkt ist, kehren sie in den Normalzustand zurück. Keine Sorge, untertags ist dieser Zustand schwer erkennbar und deine Sicht wird keineswegs beeinträchtigt. Nun gut, dann versuche es doch einmal. Aber stelle dich bitte in Richtung See, falls etwas… nicht so, wie geplant laufen sollte, hehe. Aber um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass du beim ersten Mal schon ein Feuer entfachen kannst. Nun, wir werden sehen.“ Wenn ich das richtig verstanden habe, soll ich in meinem Inneren durch Willens- und Vorstellungskraft die Umbraurore-Frequenz zu Feuer-Elementar-Magie ändern. Ich muss konzentriert und ruhig sein und meine Kraft auf einen Punkt fokussieren…. Hm… Das ist ziemlich viel auf einmal… Hoffentlich kriege ich das hin… Naja, irgendwie wird das schon funktionieren, ich muss nur genug daran glauben und es so lange versuchen, bis ich erfolgreich bin. Also… durch einen Funken meines eigenen Umbraurores ein Feuer entfachen und es mit Umgebungs-Umbraurore am Leben halten und seine Stärke kontrollieren… Na dann mal los…
Glaczio stellte sich neben Cheyenne, etwas Abstand haltend. Hey, hat der Feigling etwa Angst, dass er gleich verbrennt wird? Mir sollte mein eigener Zauber ja keinen Schaden zufügen, ich beschwöre ihn ja. Er ist somit quasi ein Teil von mir. Aber Moment mal… Glaczios Element ist Eis… Vielleicht hält er deshalb lieber Abstand, weil er Feuer vielleicht nicht sonderlich mag und es ihn vielleicht mehr verletzen könnte als andere Elemente. Zum Glück ist das nur beim Kämpfen eine Einschränkung und nicht in Allem anderen. Denn dann könnte er ja nicht mal in meiner Nähe sein, geschweige denn mich umarmen und mir auf die Schulter klopfen. Heilen könnte er mich dann auch nicht. Aber manchmal wäre es gar nicht so schlecht, wenn er mir nicht zu nahe kommen könnte… Naja, wenigstens hätte ich im Kampf gegen ihn einen Vorteil, hihi. Also schön, dann versuche ich jetzt mal ein Feuer zu beschwören… Oder… vielleicht sollte ich mir lieber erst ein kleines Flämmchen vorstellen… Für den Anfang… Immerhin hab ich ja keine Ahnung, was gleich passiert.
Cheyenne atmete tief durch und hob dann eine Hand. Sie streckte diese nach vorne und versuchte sie parallel zum Boden zu halten, so, wie das Mädchen es bei Glaczio beobachtet hatte. Doch dann senkte sie den Arm wieder und dachte nach. Wenn ich die Hand so ausstrecke, dann zaubere ich ja nach unten, oder von mir weg, aber… eigentlich will ich die Flamme ja schon sehen… Außerdem… will ich nicht den Boden hier anzünden… Cheyenne winkelte ihren Arm an, sodass sie die Handfläche sehen konnte. Trotzdem war das Mädchen noch unsicher. Der Heiler schien das zu bemerken und trat näher an seinen Schützling heran. „Hey, Engelchen, keine Sorgen, der Boden wird schon nicht in Flammen aufgehen, die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr gering. Hm, du willst dich für den Anfang an einem kleinen Funken versuchen, habe ich Recht? Nichts anderes habe ich erwartet, hehe. Du lässt es langsam angehen, das ist gut, aber gleichzeitig musst du wirklich wollen, was du vorhast und nicht zögern.“ Glaczio nahm die Hand des Mädchens und richtete sie ein paar Zentimeter weiter von ihr weg, ihr Arm befand sich nun ungefähr in einem rechten Winkel und beinahe schon wieder parallel zum Boden. Der Heiler schlich wie eine Katze dicht hinter seinem Schützling vorbei und griff sich auch ihre zweite Hand. Diese führte er zu der anderen und stand nun vor Cheyenne. Glaczio formte ihre Handflächen nun zu einer schalenähnlichen Krümmung. So hielt sie ihre Hände auch immer, wenn sie Wasser schöpfte, um es zu trinken. Der Heiler schien mit seinem Werk zufrieden zu sein und stellte sich wieder an die Seite des Mädchens.
Cheyenne versuchte nun sich zu konzentrieren und sich Feuer vorzustellen, sie sammelte etwas ihres körpereigenen Umbraurore auf den Punkt in ihren Handflächen, aber nichts geschah. Sie strengte sich mehr an, mit demselben Ergebnis. Nach ein paar Minuten seufzte sie und der Heiler gönnte ihr eine Pause. „Hey, immer ruhig bleiben, Engelchen. Übertreibe es nicht. Sag mir lieber, an welches Feuer du denkst. An das, welches du gestern Abend vor dem Einschlafen gesehen hast? Wenn ja, dann wird die Magie nicht funktionieren, Püppchen. Das ist der Punkt, der schwierig und nicht leicht zu verstehen ist. Du darfst nicht an irgendein Feuer denken, nein. Du musst durch deine Willenskraft ein eigenes Feuer in dir entfachen. Nimm das nicht wortwörtlich, aber es dir nur vorzustellen reicht nicht. Du musst deinen Willen miteinfließen lassen, du musst wollen, dass das Feuer mit dir harmoniert und sich von dir steuern lässt, denn von alleine macht es das nicht. Erst wenn du die Willenskraft mit der Flamme in dir, die du dir vorstellst, verbindest, entsteht dein eigenes Feuer. Dieses muss dann deine Vorstellung übertreffen und wenn das erfolgreich ist, kannst du Magie wirken. Ich weiß, es ist kompliziert, aber du schaffst das.“
Cheyenne versuchte es noch einmal. Diesmal schloss sie ihre Augen und hielt sich genau an das, was der Heiler ihr geraten hatte. Sie entfachte das Feuer in sich und spürte, wie es in unendlicher Hoffnung aufloderte. Die Willenskraft erhielt es am Leben, es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl von Wärme, Zuversicht und wilder Entschlossenheit. Das Gefühl von Feuer.
Das Mädchen konzentrierte sich auf den Punkt in ihren Handflächen und öffnete die Augen wieder, die Flammen in ihrer Seele lodernd. Plötzlich spürte sie ihren Herzschlag, als wäre er eine Druckwelle, die von ihrem Herzen ausging. Aber nur für einen Schlag. Ihr ganzer Körper wurde von der Hitze des Feuers durchströmt, aber es schmerzte nicht. Cheyennes Sicht wurde umrandet von dem Leuchten ihrer roten Augen, aber es beeinträchtigte ihr Sehvermögen in keiner Weise. Als der Herzschlag verklungen war, erschien für den Bruchteil einer Sekunde eine kleine Ansammlung an Umbraurore in ihren Händen, woraus unmittelbar danach eine Flamme entzündet wurde. Sie schwebte in Cheyennes Händen und fühlte sich enorm heiß an. Aber das Mädchen schien von der enormen Hitze nicht verletzt zu werden, auch war sie nicht unangenehm und nach kurzer Zeit hatte sie sich an das Gefühl gewöhnt. Für gewöhnlich stach Hitze eines Feuers und verbrannte einen, nicht so diese eigene Flamme Cheyennes. Das Stechen und der Schmerz war nicht vorhanden, aber die lebhafte Hitze blieb.
Es war ein unglaublich schönes Gefühl für das Mädchen. Auf der einen Seite war es der Erfolg, auf der anderen fand sie es einfach nur faszinierend, dass sie so etwas zustande brachte. Für sie war dieser Moment unbeschreiblich und sie fühlte sich sogar glücklich und vergaß für die paar Sekunden, in der sie das Feuer hielt, all ihre Sorgen und Hoffnung durchströmte sie. Aber schon nach einer kurzen Weile konnte sie die Flamme nicht mehr kontrollieren und sie erlosch. Erst jetzt merkte Cheyenne, wie viel Energie diese Magie gekostet hatte und sie war leicht erschöpft. Glaczio legte einen Arm um die Schultern seines Schützlings und drückte das Mädchen an sich. „Engelchen, das war wahrlich beeindruckend und erstaunlich. Ich habe ehrlich nicht erwartet, dass du gleich bei deinem ersten Versuch so eine kontrollierte, schöne, kleine Flamme zaubern kannst, die dann auch noch solange anhält. Jetzt solltest du erst einmal eine kleine Pause machen, denn anfangs, wenn du es noch nicht gewöhnt bist mit Magie umzugehen, ist es sehr anstrengend und ermüdend. Ich glaube, du hast das Prinzip verstanden und wenn du willst, kannst du im Laufe des restlichen Tages immer wieder eine Flamme beschwören, oder dich auch an anderen Elementen versuchen, es herrscht dasselbe Prinzip. Vergiss jedoch nicht, dass es erschöpfend ist und auch, wenn du es lernen solltest, übertreibe es nicht, ja? Es wäre nämlich erdenklich ratsam, dass du für morgen gut ausgeruht und bei vollster Kraft bist, aber so wie ich dich kenne, wirst du es ohnehin langsam angehen. Jetzt im Moment bist du wahrscheinlich voller Tatendrang, aber in ein paar Sekunden kehrt die Vernunft zurück und du hörst auf meine Worte, da würde ich mit dir wetten, hehe. Ich bin wirklich stolz auf dich, Püppchen. Wenn du noch etwas über Magie wissen, oder meine Ratschläge für das Beschwören in Anspruch nehmen willst, bist du herzlichst eingeladen, mich zu fragen. Ich werde mein Bestmöglichstes geben, um dir weiterzuhelfen. Wenn du erlaubst, würde ich auch eine weitere Trainingseinheit einschieben, nach dem Besuch bei den Ältesten. Bis dahin übst du einfach ein bisschen alleine. Schließlich kann ich nicht immer bei dir sein und an deiner Seite stehen, wenn du kämpfst, um dir Ratschläge zu geben. Natürlich versucht der tapfere, mächtige Held dennoch stets zu Diensten seiner edlen Prinzessin zu sein und sie zu beschützen, wo er nur kann. Er würde ihre Hoheit gerne so sehr beeindrucken, dass sie ihm vielleicht am Ende doch ein Küsschen gibt, hehe… Das hast du wirklich gut gemacht, Engelchen…“ Der Heiler setzte einen freundlichen, gütigen Blick auf, dann schmunzelte er und löste den Griff. Cheyenne freute sich über das viele Lob und dass sie es geschafft hatte, Magie zu beschwören. Von ganzem Herzen bedankte sie sich bei Glaczio. „Vielen Dank, das ist genial. Magie fühlt sich wirklich wundervoll an. Ich werde daran arbeiten, damit ich bald so gut zaubern kann, wie du. Tausend Dank.“
