Kapitel 8
geschrieben von Darknezz
Notiz:
Der Inhalt dieses Kapitels wurde vor 10 Jahren verfasst und seither nicht verändert. Der Schreibstil könnte sich im weiteren Verlauf der Geschichte verändern.
Cheyennes Gedanken sind kursiv.
Zeit der Erkenntnis
Geteiltes Schicksal, ganze Wahrheit
Wacoralis, Westlichster Teil von Luminastrelle
Es war bereits früher Abend, als die kleine Gruppe in dem Stranddorf Wacoralis ankam. Sie waren dem Sandstrand des Lichts gefolgt und nun endlich an ihrem Ziel angelangt. Während dieser ganzen Zeit hatte niemand von ihnen auch nur ein Wort gesagt.
Der Eingang des Dorfes wurde von zwei Männern bewacht, allerdings schienen sie keine Ritter zu sein. Die Beiden versperrten der kleinen Gruppe den Weg und ließen sie nicht hinein. „Halt, Pferde kommen uns nicht ins Dorf. Das steht sogar hier auf dem Schild, seht ihr?“ Einer der beiden Männer zeigte auf eine Holztafel, auf der ‚Pferdeverbot‘ stand. Ist das deren Ernst? Und jetzt? Sasha schien die Sache auch nicht zu gefallen und sie ergriff das Wort. „Warum führt man denn ein Pferdeverbot ein? Das letzte Mal, als ich hier war, gab es das noch nicht. Was soll das denn bringen? Und was sollen wir jetzt machen? Hier warten, bis ihr das Verbot aufhebt? Pff.“ Manchmal ist sie wirklich etwas zu temperamentvoll… Aber so ist sie nun mal. Außerdem hat sie ja das Element Blitz und es passt wirklich ungeheuer gut zu ihr. Cheyenne mochte ihre Freundin genauso, wie sie war. Auch wenn deren vorlaute Art sie eines Tages noch in Schwierigkeiten bringen würde. Aber genau das war auch irgendwie das Besondere an Sasha. Sie nahm sich die Freiheit, einfach alles direkt und ehrlich herauszusagen, was sie dachte und das schätzte das Mädchen wiederum sehr.
Die beiden Männer schienen sich etwas eingeschüchtert zu fühlen und einer von ihnen gab bereitwillig Antworten auf die gestellten Fragen. „Ah… junge Frau, haben Sie doch etwas Nachsehen mit uns. Das Verbot haben wir erst seit kurzem aufgestellt, da in letzter so viele Ritter hier auf ihren Pferden durchkommen. Die nehmen auf nichts Rücksicht und reiten sogar manchmal Leute um. Die donnernden Hufe in vollem Galopp bekommen den dünnen Steinplatten nicht unbedingt gut und wie sie sehen können, ist unsere Stadt auf diesen ausgelegt. Ohne die Platten könnten wir keine Häuser auf dem unebenen Sandboden bauen. Hmpf, die Ritter nehmen keinerlei Rücksicht auf uns, wenn sie hier durchkommen. Von diesem Dorf geht nämlich die Sandpassage aus, wie sie vielleicht wissen, wenn sie schon mal hier waren und seit einiger Zeit reiten tagtäglich Ritter von Halonien hierher und umgekehrt. Nahezu jede Woche müssen wir deswegen die Steinplatten wechseln, weil sie kaputt sind oder einen Sprung haben. Kostet Geld, Zeit und viel Arbeit, sie auszutauschen. Deswegen gibt es für alle Leute, die nicht zu den Rittern gehören, hier jetzt leider ein Reitverbot. Somit können die Steinplatten nicht noch zusätzlich beschädigt werden und halten zumindest etwas länger. Wir wissen, dass das nicht die Lösung für alles ist und unser Bürgermeister sucht bereits angestrengt nach einem anderen Weg, aber dickere Steinplatten sind zu teuer für uns, das können wir uns nicht leisten. Erst mal muss dieses Pferdeverbot herhalten. Tut uns leid. Sie können sich bei der Ritterschaft dafür beschweren, aber lassen Sie uns bitte aus dem Spiel, wir erledigen nur unsere Arbeit. Achja, die Pferde können sie dort drüben an den Pfosten anbinden, dann können wir Sie ins Dorf lassen. Verzeihen Sie die Umstände.“ Sasha zeigte sich einsichtig, aber sie hatte noch eine Frage. „Verdammte Blechbüchsen… Und was ist, wenn wir über die Sandpassage nach Halonien wollen? Müssen wir etwa zu Fuß hinüber gehen, wenn die Pferde hierbleiben?“ Die zwei Männer schauten sich an. Dann gab der eine, der bisher noch nichts gesagt hatte, der jungen Frau eine Antwort. „Wissen Sie denn nicht, dass es zurzeit nicht möglich ist, die Sandpassage zu überqueren? Normale Bürger dürfen nicht mehr nach Halonien reisen. Nur noch die Ritter, denn sie suchen jemanden hier in Luminastrelle und wollen nicht, dass diese Person den Kontinent verlässt. Deswegen haben sie am Zugang zur Sandpassage einige Männer positioniert. Abgesehen davon ist die Überquerung derzeit viel zu gefährlich. Der Wellengang ist sehr stark, Unmengen an Dämonen tummeln sich dort und an manchen Stellen sinkt man ein. Es sind sogar schon ein paar der Ritter bei der Überquerung ums Leben gekommen. Wenn die Dämonen sie nicht angefallen haben, wurden sie von den Wellen oder dem Treibsand verschlungen. Früher war es nie so schlimm, wie jetzt. An der Passage merkt man wirklich, dass das Ungleichgewicht der Welt immer mehr zunimmt und seine Tribute fordert. Schrecklich.“ Nun blickte Sasha zu Boden und schien planlos zu sein. Damit hatte sie vermutlich nicht gerechnet. Glaczio, der hinter ihr auf dem Pferd saß, sprang herunter und ging an den Wachen vorbei ins Dorf. Er hob die Hand zum Abschied, aber schaute nicht zurück. „Na dann, viel Spaß noch, ihr zwei hübschen Häschen. Ich wünsche euch wirklich von ganzem Herzen, dass ihr eine Lösung für euer Problem findet, hehe. Lebt wohl.“ Cheyenne seufzte und Sasha schüttelte langsam den Kopf, dann aber schien sie froh zu sein, dass er endlich weg war.
Die junge Frau bedankte sich und wendete ihr Pferd in Richtung der Pfosten, die sich etwas weiter seitlich des Eingangs befanden. Das Mädchen tat es ihr gleich.
Bei den Anbinde-Vorrichtungen angekommen stiegen sie ab und machten die Zügel daran fest. Danach stellte sich Sasha zu Cheyenne, neben der Adocaz saß, und da sie außer Hörweite der beiden Wächter waren, beriet sie sich mit ihr, was sie als nächstes tun könnten. „Ok, ich glaube wir haben ein Problem. Hm… Es nützt nichts, wir müssen über diese Sandpassage, es geht nicht anders. Vor allem, wenn die Blechbüchsen schon solche Vorkehrungen treffen und ganze Kontinente abriegeln, um dich in die Finger zu bekommen. Was denken sie sich dabei, es müssen ja immerhin auch andere Leute nach Halonien. Naja, wenn es wirklich so schwer ist, die Passage zu überqueren, macht das eh keiner, aber trotzdem. Zumindest wird das Dorf nicht voll mit denen sein, weil sie eh an der Passage stationiert sind. Es hätte keinen Sinn nach uns zu suchen, wenn sie uns ganz einfach den Weg abschneiden und uns abfangen können. Und ich schätze, die Metalltrottel wissen, dass wir hier sind, sie haben ja gesehen, dass wir Saraley in Richtung Sandstrand verlassen haben. Die sind zwar zu blöd für alles mit ihren Erbsengehirnen, aber ich trau ihnen schon zu, zumindest in dieser Sache eine logische Schlussfolgerung zu ziehen. Aber der Plan mit dem Weg abschneiden… der muss von einem der Herrscher kommen, weil das ziemlich klug ist und die niederen Ritter nicht einfach so einen Kontinent sperren dürfen. Hm. Dann kann es ja eigentlich nur Atropax‘ Plan sein, denn der Herrscher von Luminastrelle… hat zwar eine Wahnsinnskraft, aber anstelle des Gehirns nur einen Draht, damit ihm die Ohren nicht abfallen. Den willst du nicht kennenlernen, das ist der mit Abstand größte Idiot, den es nur gibt. Ich warte sehnlichst auf den Tag, an dem ich diesem verdammten Mistkerl sein Leben rauben kann… General Agamemnon… ist nur ein blutdürstiger, instinktgesteuerter, mieser Volltrottel, der für seine Grausamkeit bekannt ist. Falls es die Göttin wirklich gibt, bete ich zu ihr, dass du ihm nie begegnen wirst… Er hat schon genug unschuldige Leben zerstört…“ Cheyenne bemerkte, dass ihre Freundin, die nun zu Boden blickte, angefangen hatte zu zittern, als sie von dem Herrscher Luminastrelles redete. Aber das Mädchen wusste nicht, ob aus Wut, oder wegen etwas anderem. Sie hatte diesen Namen schließlich schon einmal in Saraley von den zwei Rittern gehört, die Glaczio angegriffen hatten und da war Sasha ja zusammengezuckt. Cheyenne wollte zwar mehr über den Herrscher wissen, aber sie fragte nicht nach, als sie sah, dass die Augen der jungen Frau etwas tränten. Dieser Agamemnon musste etwas mit Sashas Vergangenheit zu tun haben und es schien kein schönes Erlebnis gewesen zu sein.
Das Mädchen sah die Freundin mitfühlend an. Die schien das zu merken und drehte sich von Cheyenne weg, den Pferden zu. So konnte man ihr Gesicht nicht mehr sehen und auch nicht, ob sie tatsächlich weinte. Sie bemühte sich um eine starke Stimme. „Ok, Cheyenne. Unser Plan fürs Erste sieht folgendermaßen aus. Ich werde versuchen, diese Pferde zu verkaufen, denn ohne Glaczio wird man uns nichts mehr kostenlos geben und wir werden etwas Geld sicher gut gebrauchen können… Das Dorf ist nicht sehr groß und du bist erst mal sicher vor Rittern. Es gibt ein paar Markt- und Souvenirstände, du könntest dich dort umschauen und wenn du fertig bist, an der Strandmauer auf mich warten. Adocaz, ich verlasse mich darauf, dass du Cheyenne beschützt, während meiner Abwesenheit, klar?“ Der Feenwolf winselte und bellte leise zur Bestätigung. Sasha nickte. „Gut, dann bis später, ihr zwei.“
Cheyenne verabschiedete sich ebenfalls und ging zum Dorfeingang. Adocaz trabte an ihrer Seite und stupste sie mit der Schnauze an. Ich will eigentlich mit Sasha mitgehen, aber… sie war eben so durcheinander… Es war gut, dass ich ihr nicht widersprochen hab, ich glaub sie ist jemand, den man in so einer Situation lieber in Ruhe lässt. Obwohl ich sie gerne irgendwie getröstet hätte, so wie sie das bei mir immer macht… Vielleicht hätte ich doch bei ihr bleiben sollen? Aber womöglich hätte sie wie Glaczio reagiert und das will ich vermeiden… Sie versucht immer so stark zu sein und schafft es ja auch, dabei vergesse ich, dass es in ihrem Inneren vielleicht ganz anders aussieht… Sie ist immer so fröhlich, da denkt man doch gar nicht daran, dass sie eine schwere Vergangenheit hat… Ich frage mich, was dieser Agamemnon wohl mit ihr zu tun hatte… Er ist immerhin ein Herrscher. Warum kennt sie denn nun auch einen unserer Feinde? Aber bei ihr weiß ich wenigstens, dass sie auf der Seite der Schattendiener steht und dass ich ihr vertrauen kann. Diesmal würde Cheyenne sich gedulden müssen, bis Sasha ihr von selbst erzählt, was passiert war.
Das Mädchen ging an den Wächtern vorbei und betrat das Dorf. Die blassen rosa, blauen und gelben Steinplatten sahen tatsächlich sehr angeschlagen aus, aber waren trotzdem schön. Das Dorf hatte einen überschaubaren Marktplatz, etwa zehn Stände, die links, sobald man den Dorfplatz betrat, in einer Reihe aufgestellt waren, rechts befand sich eine kleine Gaststätte und einige aus Holz gebaute kleine Wohnhäuser zu beiden Richtungen. Wenn man geradeaus sah, stach einem der letzte Teil des Sandstrands des Lichts ins Auge, der vom Dorfplatz durch eine breite, kleine Mauer aus verschiedenfarbigen blass-bunten Steinen, auf der ein paar Menschen saßen, abgetrennt war. Durch ein paar Stufen konnte man zum Strand gelangen. Da es bereits Abend war, kehrten die Fischer mit ihren Boten zurück und banden die Transportmittel an Pfosten auf einem kleinen Holzsteg fest, damit sie nicht weggetrieben wurden. Es roch nach frischem Fisch und Salz. Cheyenne wollte gerade zu den Märkten gehen, als sie Glaczio sah. Vor ihm stand eine hübsche, schlanke Frau mit braunen Haaren, die ihn vorwurfsvoll anschaute. Sie war ungefähr gleich alt, wie der Heiler. Das Mädchen interessierte es zwar überhaupt nicht, was er machte, aber um an die Marktstände zu gelangen, müsste sie an ihm vorbeigehen und das wollte sie vermeiden. Also blieb sie stehen und streichelte Adocaz etwas. Sie hoffte, dass Glaczio und seine Bekanntschaft bald irgendwo anders hingingen und wartete. Sie musste sich nicht großartig konzentrieren, um zu hören, was die Beiden sprachen. Die Frau schien ausgesprochen wütend zu sein. „Warum bist du einfach abgehauen, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen?! Ich war krank vor Sorge. Ich habe so lange auf dich gewartet damals und du bist einfach nicht gekommen… Hast du mich versetzt?“ Glaczio nahm die Hände der Frau und sah ihr in die Augen, aber die sie wandte sich ab, wurde rot und ließ sich von ihm die Haare streicheln. Sie schüttelte den Kopf und gab ein verärgertes Flüstern von sich. „Die Nummer zieht bei mir nicht mehr, also hör bitte endlich auf mich so … mit deinen wunderschönen Augen… anzusehen und sag mir die Wahrheit. Du siehst nicht so aus, als hättest du irgendwelche Schwierigkeiten gehabt, also was war los? Es stimmt, nicht wahr? Du hast mich wirklich versetzt…“ Der Heiler, dessen Wunde im Gesicht mittlerweile vollständig verschwunden war, gab seiner Bekanntschaft eine Antwort. „Ich würde dich doch nie versetzten, mein schöner Schmetterling. Wie kommst du nur auf so etwas? Ich hatte etwas zu tun und musste damals so schnell wie möglich weg. Leider hatte ich keine Zeit dir Bescheid zu geben… Es tut mir so wahnsinnig leid, bitte vergib mir. Es kommt nicht mehr vor, versprochen. Ich würde dich nie versetzten, es gibt doch nur dich in meinem Leben… Das weißt du doch, meine atemberaubende Schönheit… Wenn du später noch nichts vorhast, würdest du dann deine Zeit mit mir verbringen? Ich habe dich so vermisst. Wir könnten an den Strand gehen… und den Wellen lauschen…“ Glaczio hatte die Frau mittlerweile in die Arme genommen und schien genau zu wissen, was er tun muss, um sie zu überzeugen. Obwohl sie noch nicht ganz glücklich aussah, schien es ihr fürs Erste zu reichen, denn sie ließ ihn gewähren und genoss die Umarmung.
Cheyenne wusste gar nicht, wie sie sich verhalten sollte. Auf der einen Seite musste sie sich wirklich zurückhalten, um nicht zu lachen, denn Glaczio hatte sich so enorm eingeschleimt und so viel Blödsinn geredet, dass es einfach nur lustig war. Denn das Mädchen wusste genau, dass jedes Wort gelogen war und das löste fast schon eine Übelkeit bei ihr aus. Sie hatte Mitleid mit der armen Frau, die wahrscheinlich gar nicht wusste, dass er sie so gewaltig zum Narren hielt. Der Heiler hatte zwar ziemlich überzeugend zu ihr gesprochen, aber Cheyenne hatte schließlich mit ihren eigenen Augen gesehen, wie er mit dem Mädchen in Saraley geflirtet hatte und sie hatte es ja selber auch erlebt, ebenso wie Sasha. Sie würde sich jedoch nicht einmischen. Pff, von wegen diese Frau da sei seine einzige Liebe, so ein Quatsch. Wie kann man nur so eiskalt lügen? Vielleicht liegt es an seinem Element, aber… hat er denn nicht mal ein schlechtes Gewissen?
Cheyenne starrte offenbar, ganz ohne es zu merken, die ganze Zeit über die Frau in Glaczios Armen an. Anscheinend mit einem Blick, der dieser nicht gefiel und sie löste sich von dem jungen Mann. „Sag mal, kennst du dieses Mädchen? Sie starrt schon die ganze Zeit hier rüber…“ Der Heiler drehte den Kopf ein Stück und sah das Mädchen aus dem Augenwinkel an. Sofort kniff er das sichtbare Auge zusammen und wandte sich wieder an seine Bekanntschaft. „Warum sollte ich sie kennen? Vielleicht verwechselt sie mich ja mit irgendwem, oder es ist ihr Hobby Leute anzustarren. Seltsam, nicht wahr? Ah, du willst sicher etwas von meiner Reise wissen. Eines kann ich dir jetzt schon sagen, ich habe viele seltsame Leute getroffen, das Mädchen da ist ja noch gar nichts. Also, lass uns mal ein bisschen spazieren gehen…“ Cheyenne konnte einfach nicht anders, als einen entgeisterten Blick aufzusetzen, mit den Augen zu rollen und den Kopf zu schütteln. Aber die Frau sah ihr Verhalten und es reichte ihr offenbar aus, um festzustellen, dass Glaczio gelogen hatte. „Du kennst sie also nicht, hm? Aber ich finde, sie sieht so aus, als würde sie dich ziemlich gut kennen! Ich wusste, dass hier etwas nicht stimmt, du hast mich sicher versetzt damals und… du hattest sicher was mit ihr, gib es zu! Du hast mich doch betrogen, du verdammter Mistkerl!“ Ah, allein schon die Vorstellung, ich könnte etwas mit ihm gehabt haben, ist schrecklich… Wie kommt diese Frau denn nur auf so etwas? Ohje, ich denke, dieser Gedanke verfolgt mich noch lange, bis in meine Träume… Noch mehr Alpträume, als bisher… Cheyenne schauderte. Die Frau schubste Glaczio von sich weg, wollte ihm eine Ohrfeige verpassen, überlegte es sich aber dann doch anders und lief davon. Oh… Nicht gut… Der Heiler drehte sich um und das Mädchen befürchtete schon, dass er ihr wieder irgendwelche gemeinen Dinge an den Kopf werfen würde, aber er hielt sich zurück und sagte erst gar nichts. Dann entschloss er sich aber doch dazu. „Hey, ich bin wirklich stolz auf dich, Vielen Dank auch. Na, hast du jetzt, was du wolltest? Wenn du vorgehabt hast, mir den restlichen Tag noch mehr zu vermiesen, dann hast du dein Ziel erreicht, Gratulation. Bist du jetzt glücklich, ja?“ Cheyenne konnte ihn nicht mehr ansehen, sie hasste ihn zwar, aber es war nicht ihre Absicht gewesen, ihm die Laune zu verderben. Es war ihr ziemlich egal, was er tat und sie sollte sich eigentlich freuen, immerhin hatte die Frau begriffen, was für ein Idiot Glaczio doch war und eine solche Abreibung geschähe ihm auch recht, aber das Mädchen hatte sich selbst damit keinen Gefallen getan, denn sie wurde nun von einem schlechten Gewissen geplagt. Adocaz knurrte den Heiler schon wieder an, bis dieser seufzte und zum Strand ging.
Cheyenne schaute sich nun die Stände an, sie brauchte unbedingt eine Ablenkung. Einige boten Lebensmittel an, vorwiegend Fisch, aber auch Gemüse und etwas Obst konnte sie entdecken. Die Souvenirstände fand das Mädchen am besten, es gab dort wunderschöne Muscheln und Perlen in vielen Farben, auch Ketten und weiteren Schmuck. Ein anderer Händler bot Holzfiguren an, die unglaublich echt und bezaubernd aussahen. Cheyenne wusste zwar, dass sie nichts von alldem kaufen könnte, aber sie erfreute sich trotzdem an dem Anblick all dieser schönen Dinge und vergaß dadurch für eine Weile ihre Sorgen.
Als sie alle Stände durchgeschaut hatte, waren die Chromasterne am Himmel bereits blasser geworden und es würde noch ungefähr eine Stunde hell sein, dann bräche die dunkle Nacht an. Das Mädchen wollte nun auf Sasha warten. Sie hoffte, dass ihre Freundin Erfolg gehabt hatte und die Pferde für gutes Geld verkaufen konnte. Adocaz und seine Besitzerin gingen Seite an Seite zu der breiten, bunten Steinmauer. Es saßen keine Leute mehr darauf, ausgenommen einer Person. Glaczio… Cheyenne hatte nichts mehr zu verlieren, also beschloss sie, ihn jetzt einfach zu fragen. Sie wollte wissen, warum er sich von einer Sekunde auf die andere, ihr gegenüber so verändert hatte. Es war ihr nun egal, wie er reagieren würde, vielleicht war es ohnehin das letzte Mal, dass sie ihn sah. Sie atmete tief ein und wieder aus, dann ging das Mädchen in Begleitung des Feenwolfs auf ihn zu. Der Heiler sagte nichts, hob nur etwas den Kopf und starrte das Meer an. Cheyenne schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln, dann öffnete sie sie wieder und stellte ihm entschlossen die letzte Frage, bevor sich ihre Wege für immer trennten. Diesmal würde sie eine Antwort einfordern und nicht wieder gehen, so wie beim letzten Mal. Sie wollte nur einen einzigen Grund wissen, mehr nicht. „Glaczio… Ich werde gleich wieder weggehen, wenn du mir eine einzige Frage beantwortest. Wenn du dich weigerst, bleib ich hier stehen und… ähm… rede so lange mit dir, bis es dich nervt und… dir den Tag noch mehr vermiest, kapiert? Das Einzige, was ich wissen will, ist… Warum hast du dich mir gegenüber von einer Sekunde zur anderen so stark verändert, was habe ich dir getan? Ich will nur einen einzigen Grund hören, dann bist du mich für immer und ewig los, das verspreche ich dir. Bitte… Sag mir, warum…“
Der Heiler seufzte lang und tief. Dann sprach er mit ruhiger Stimme zu Cheyenne. „Setz dich…“ Das Mädchen war überrascht, aber sie tat, worum er sie gebeten hatte. Adocaz legte sich hinter seine Besitzerin und knurrte hin und wieder. Nachdem sie sich mit ungefähr einem halben Meter Abstand neben ihn gesetzt hatte, sah sie Glaczio erwartungsvoll an. Dieser starrte noch immer aufs Meer, aber dann fing er an zu sprechen. Es war das erste Mal, seit der Flucht aus Saraley, an dem er wieder normal mit Cheyenne redete. „Du willst es also wirklich wissen, Auserwählte, hm? Wie du wünschst… Wo fang ich denn am besten an… Ein Grund, warum ich mein Verhalten dir gegenüber so verändert habe? Hm… Es gibt mehrere. Wenn ich dir meine Gründe sage, wirst du sie erst einmal nicht verstehen und willst sicher auch den Rest wissen… Nun, dann kann ich dir auch gleich die ganze Wahrheit erzählen, es macht keinen Unterschied mehr, ob du sie kennst oder nicht, unsere Wege trennen sich ohnehin morgen früh… Also, es hat angefangen in Saraley, nicht wahr? Als mir die Ritter so übel mitgespielt haben. Du hast mich gerettet und sogar Mitgefühl mit mir gehabt, obwohl du mich immer so Nerv tötend findest… Es ist erstaunlich, wie gütig du doch bist… Im Grunde genommen habe ich kein Problem mit Mitleid, es sei denn, es kommt von der Auserwählten der Finsternis, deren Geburt Schuld an dem Tod meiner Familie hat. Ich weiß, es ist nicht dein Fehler, dass du geboren wurdest… aber, dass du nichts dafür kannst, habe ich in jenem Moment ganz vergessen gehabt… Die Ritter haben mich an meine Vergangenheit erinnert, die ich verdrängt hatte. Als du dir dann auch noch Sorgen um mich gemacht hast, mit mir reden wolltest, mir helfen wolltest, sodass es mir besser geht… konnte ich einfach nicht anders… Du, die Auserwählte der Finsternis, hat Mitleid mit mir, ihrem größten Feind, den sie seit ihrer Geburt und schon drei Jahre davor hatte. Ich durfte nicht zulassen, dass du so gütig mit deinem Todfeind umgehst… Ich weiß, ich habe dich die ganze Zeit über verletzt, was mir manchmal echt nicht leicht gefallen ist, aber ich hoffe du konntest die Schmerzen zu deinem Vorteil nutzen und an Seelenstärke gewinnen… Dann hätte ja alles doch eine gute Seite… Ich hoffe, du bist jetzt auch vorsichtiger und vertraust nicht mehr gleich jedem… Weißt du… eine Auserwählte muss stark und weise sein. Wenn du so bleibst, wie du bist…naiv und ängstlich… Dann garantiere ich dir, dass dein Leben ein kurzes sein wird. Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Du möchtest nicht die Auserwählte der Finsternis sein und suchst nach einer für uns alle vorteilhaften Möglichkeit, deinen Pflichten aus dem Weg zu gehen. Aber die gibt es für dich nicht, glaub mir. Entweder du akzeptierst dein Schicksal und gehst auf dem dir vorbestimmten Pfad, oder du entziehst dich deinem Lebenssinn und wählst die Freiheit, selbst über dein Leben zu bestimmen, so wie ich. Aber entscheidest du dich für letzteres, wird die Welt zu Grunde gehen. Es sei denn… du findest eine Möglichkeit, die Welt zu retten, gleichzeitig deinem Schicksal zu folgen, aber trotzdem noch freie Entscheidungen zu treffen. Aber ich befürchte, um diesen Weg zu gehen, benötigst du eine sehr starke Seele, die du im Moment jedoch noch nicht hast… Ich glaube allerdings fest daran, dass deine Seele mit der Zeit wachsen, stärker werden und eines Tages in voller Blüte stehen wird... Wir sind zwar dazu bestimmt Todfeinde zu sein, dafür können wir beide nichts, aber ich stehe dennoch für immer auf deiner Seite, weil ich mein Schicksal nicht akzeptiert habe. Ich wollte nicht mitschuldig daran sein, wenn die Welt zu Grunde geht, denn auch ich will weiterleben. Für diese Entscheidung hat meine ganze Familie mit dem Leben bezahlt, aber ich konnte mich meiner Bestimmung einfach nicht fügen. Deswegen war ich bei dir, habe dich beschützt und dir geholfen, wo es nur ging. Nicht nur, weil du das hübscheste Mädchen bist, das ich je gesehen habe, sondern auch, weil du so wichtig für die Erhaltung der Welt bist. Ach, übrigens… Du bist keine Schande, Engelchen, du bist nur ziemlich außergewöhnlich und erstaunlich gütig für eine Auserwählte. Du kannst ja nichts dafür, dass man die Wahrheit vor dir versteckt gehalten hat und dich nie jemand auf dein Leben vorbereitet hat. Deswegen stimmt es auch nicht, dass ich dich enttäuschend finde, im Gegenteil. Deine Seele hat ein großes Potential für Stärke, denn du hast bereits so viel erlebt und mitgemacht, so viel Grauen gesehen, warst natürlich manchmal kurz davor, alles aufzugeben, aber dein Charakter hat sich nie verändert und das meine Süße, ist wirklich bemerkenswert. Es tut mir wirklich leid, aber ich musste dich so behandeln, um dich auf das Leben da draußen etwas vorzubereiten. Ich wusste, dass sich unsere Wege in naher Zukunft trennen werden, als du Sasha kennengelernt hast. Also habe ich in unser aller Interesse gehandelt. Du solltest jetzt wissen, wie du besser mit deinem Mitleid für Feinde umgehst, nicht mehr jedem blind vertrauen und auch einmal jemanden hinterfragen, dein Denkvermögen wurde auch gefördert, so wie ich das beobachtet habe und der Abschied fällt uns auf diese Weise nun leichter. Ich wünsche dir wirklich alles Glück dieser Welt und wenn der Tag gekommen ist, an dem Lichtritter und Schattendiener gegeneinander in einer letzten Schlacht auf Leben und Tod kämpfen, werde ich auf deiner Seite stehen, mein Schicksal endgültig bezwingen und so meine Freiheit besiegeln... Verzeih mir, dass ich deine Zeit mit unnötigem Gerede verschwende. Du hast deine Antwort bereits erhalten. Meine Gründe mögen in deinen Augen nicht sinnvoll genug für das Verhalten meinerseits erscheinen, aber mir reichen sie dafür aus. Trotz alldem war das Reisen mit dir schön, wenn man davon absieht, wer du bist. Es tut mir leid, dass sich alles nun so ergeben hat, aber es ist nur zu deinem Besten.“ Glaczio beendete seine Rede und wollte aufstehen, doch Cheyenne hielt ihn zurück. Sie hatte eine Vermutung und wollte wissen, ob sie Recht behielt. Geburtsbedingte Todfeinde… Könnte es wirklich sein? „Warte bitte noch kurz. Danke, dass du mir das alles erzählt hast, aber was du sagst, ergibt für mich keinen richtigen Sinn, es sei denn… Glaczio… Du bist der… Auserwählte des Lichts, nicht wahr?“
Der Heiler senkte den Kopf und seufzte, dann sah er dem Mädchen mit seinen eisblauen Augen tief in deren blutrote. Er wandte sich wieder ab und sprach zu ihr, mit leiser Stimme. „Ich… war es einmal. Mittlerweile ist es nur noch ein Titel, der mich wohl mein Leben lang verfolgen wird, aber ich erfülle schon lange nicht mehr meinen… Sinn und Zweck als Auserwählter. Als ich herausfand, was die Ritter vorhaben, fing ich an mein Schicksal nicht mehr zu akzeptieren und habe mich immer mehr gegen die Lichtritterschaft gestellt. Aber erst vor einem Jahr konnte ich mich endgültig von ihnen losreißen. Aber der Preis dafür war hoch… Hehe, ich habe dich schon genug mit meinen Geschichten gelangweilt, da muss ich dir nicht auch noch meine ewig lange Lebensgeschichte erzählen, Püppchen.“ Cheyenne konnte kaum glauben, was sie soeben erfahren hatte. Die ganze Zeit war sie mit dem Auserwählten des Lichts unterwegs gewesen und hatte es nicht gemerkt. Deswegen kannten ihn unsere Feinde alle, weil er früher auf ihrer Seite war… Da er ihnen nicht mehr helfen wollte, die Welt zu zerstören und scheinbar irgendwie von ihnen weggegangen ist, halten sie ihn nun für einen Verräter und wollen ihn töten. Es fällt mir zwar wirklich schwer zu glauben, dass ausgerechnet jemand wie er der Auserwählte sein soll, aber andererseits bin ich ja auch nicht gerade ein Musterbeispiel. Im Gegensatz zu mir, kann er wenigstens kämpfen und sich behaupten, aber das mit dem Flirten und manch andere Verhaltensweisen passen irgendwie nicht ganz zu diesem göttlichen Erscheinungsbild. Aber vielleicht tut er das ja genau deswegen, weil er nicht der Auserwählte sein will, vielleicht hat er sich deswegen so verändert seit einem Jahr, wie Sasha mir ja erzählt hat. Ihn hat es viel schlimmer erwischt als mich, wenn es seine Aufgabe war, die Welt, in der wir alle leben, zu zerstören… Und nun seh ich auch ein, warum er sich mir gegenüber so gemein verhalten hat… Aber im Grunde genommen teilen wir dasselbe Schicksal, denn wir laufen beide vor unserer Verantwortung weg. Nur, dass es bei ihm gerechtfertigt ist, im Gegensatz zu mir… Das Mädchen wusste gar nicht, worüber sie zuerst nachdenken sollte. Aber sie wollte ohnehin erst einmal seine Geschichte hören, vielleicht erklärten sich einige Fragen dann von selber. Ihre Wut und ihr Hass auf ihn lösten sich langsam auf, aber sie würde ihm nach allem, was er getan hatte, nicht einfach so wieder ihr Vertrauen schenken können. Trotzdem hoffte sie, dass er ihr seinen Lebenslauf erzählen würde, wenn sie ihn ganz lieb darum bat. „Du langweilst mich nicht, im Gegenteil. Ich würde gerne deine Lebensgeschichte hören… Bitte erzähl sie mir... Warum hast du mir eigentlich nicht früher gesagt, wer du wirklich bist?“ Glaczio seufzte und fing an, Cheyenne alles über sich zu erzählen, was sie wissen wollte, so wie das Mädchen es einst bei dem Heiler getan hatte, als sie sich zum ersten Mal in Mediasilva begegnet waren. „Hättest du mir denn geglaubt, wenn ich gesagt hätte ich sei der Auserwählte des Lichts? Oder hättest du es für eine weitere Lüge gehalten? Selbst wenn du es für wahr empfunden hättest, wärst du davon eingeschüchtert gewesen, hättest mich sofort für einen Feind gehalten und mich weggeschickt, sobald Sasha und ich dir unsere Vermutung und die Bedeutung davon erzählt hatten. Ich konnte es dir nicht sagen... Nun gut, wenn du wirklich wissen willst, was so in meinem verfluchten Leben bisher passiert ist, warne ich dich gleich vorab; Es ist keine schöne Geschichte, genauso wenig, wie die deine. Also… Ich wurde drei Jahre vor dir geboren, wie du ja weißt. Auch wenn ich mich nicht mehr so gut an diese Zeit erinnern kann, war es vermutlich doch die schönste in meinem ganzen Leben. Ich komme aus einer wohlhabenden Arztfamilie, die die beste Apotheke mit Heilpraxis hatte, welche es in Excidoma Magna bis vor einem Jahr gab. Die gesamte Lichtritterschaft hatte sich auf meine Eltern verlassen. In diesen drei Jahren wurde ich als Auserwählter nahezu vergöttert und verehrt, man hat mir jeden Wunsch erfüllt, soweit ich das noch weiß und ich war lange Zeit glücklich. Aber ich war damals schon viel weiter in meiner Entwicklung als alle anderen Kinder diesen Alters, also hielt man mich für ein Wunderkind, was ja bei einem Auserwählten nicht wirklich so sonderbar erscheint. Kurz vor meinem dritten Geburtstag haben sie mich deswegen Experimenten ausgesetzt… Tja, die Forscher hatten diese aber nicht gut durchdacht und haben zu wenig aufgepasst, als mein Körper anders reagiert hatte als vorausgeplant. Dieser Unaufmerksamkeitsfehler führte dazu, dass ich seit jenem Tag eine enorme Untertemperatur habe, wie du ja bereits in Mediasilva festgestellt hast. Glücklicherweise wäre mein Element auch ohne diese Tatsache Eis, hehe… Da ich der Auserwählte des ‚Lichts‘ bin und ich deswegen auf der Seite der Ritter des ‚Lichts‘ war, haben sie natürlich vorwiegend an meiner Reaktion gegenüber Licht experimentiert. Damals war dieses weiße Leuchten noch komplett neu und unbekannt, denn seit dem Yin-Yang-Zeitalter hatte die Forschung der Ritter keine brauchbaren Ergebnisse dazu geliefert, aber vor circa achtzehn Jahren kam dann der Durchbruch. Ich weiß leider noch ganz genau, was sie damals mit mir gemacht haben... Ein paar Forscher haben mich in eine dunkle Kammer geführt und mich dann einer enormen Lichtbestrahlung ausgesetzt. Das weiße, kalte Licht hat meine Lumenium-Struktur angegriffen und so verändert, dass mein Körper keine Wärme mehr speichert, ich aber irgendwie trotzdem noch weiterleben kann. Ich schätze, so etwas nennt man Glück… Aber es hat auch eine gute Seite; Durch dieses Experiment hat sich meine Heilfähigkeit verbessert und ich kann seither Lumenium viel leichter umwandeln und kontrollieren. Ich kann es in seiner unphysichen Form sogar als minimal veränderte Magie heraufbeschwören und Feinde mit Lichtzaubern angreifen, als wäre es normale Elementar-Magie. Das ist ungefähr so, wie bei deiner leicht veränderten schwarzen Umbraurore Magie, mit der du scheinbar Finsterniszauber wirken kannst. Wir machen unseren Titeln ja alle Ehre, hehe. Licht und Finsternis… Als dieses furchtbare Experiment dann geendet hatte, bin ich weggelaufen und eine ganze Nacht lang verstört durch die Stadt gewandert. Mein Körper hat nach diesem Experiment noch acht Stunden weißes Licht abgegeben… Ich dachte damals, ich müsse sterben... Kleine Kinder und ihre Fantasien, hm? Aber in dieser Nacht… ich kann mich an noch etwas erinnern, zwar nur noch verschwommen, aber doch. Ich glaube, ich habe damals dich als Baby im Arm deiner Mutter gesehen. Deine Augen, dein Haaransatz… Nicht jeder sieht so aus wie du, weißt du? Ich habe deiner Mutter geholfen, vor den Rittern zu fliehen, wenn ich mich korrekt erinnere. Aber es hat nur dir etwas gebracht, denn ich sah mit eigenen Augen, wie sie deine Mutter enthauptet haben.“ Cheyenne stockte der Atem. Glaczios Leben war bereits enorm schwer, als er noch so jung gewesen war, was würde erst noch kommen? Da war ihres im Gegensatz zu seinem ja bisher leicht gewesen. Aber eine Sache verwirrte sie. „Warte mal, du… hast meine Mutter gesehen, als sie enthauptet wurde? Aber sie ist bei meiner Geburt gestorben und nicht getötet worden.“ Doch der Heiler hatte eine Erklärung. „Das hat man dir vielleicht nur so gesagt, weil die Wahrheit damals für dich, als kleines Kind, zu grausam gewesen wäre… Deine Großeltern wollten dich wahrscheinlich nur schützen…“ Cheyenne nickte, denn die Begründung klang einleuchtend und Glaczio erzählte weiter. „Jedenfalls änderte sich mein Leben von diesem Tag an enorm. Als die Rede von einer Auserwählten war, fing jeder, bis auf meine Familie, an, an mir zu zweifeln. Du hattest Gerüchten zu Folge einen Kristall, im Gegensatz zu mir… Findest du nicht auch, dass dies ein extrem niederer Beweggrund ist? Immerhin sind die Götter, wenn es sie gibt, ja auch unterschiedlich. Vielleicht hat die Göttin dir deinen Kristall nur als Schmuckstück gegeben, weil du ein Mädchen bist, oder damit du dich deutlich von mir abhebst. Zu dieser Zeit hatten mich die Ritter zwar angezweifelt, aber noch nicht verstoßen oder dergleichen, weil Atropax immer meinte ‚Die Zeit der Notwendigkeit Glaczios wird noch kommen und dann werdet ihr alle froh sein, dass wir ihn auf unserer Seite haben. Vergesst nicht, er wurde uns geschenkt und wir können ihn sicher noch gut gebrauchen‘. Achja, daher kenne ich ihn übrigens. Er ist ja quasi der Anführer unter den Herrschern und hat es deswegen zu seiner Spezialaufgabe gemacht, mich auszubilden. Er war wie ein zweiter Vater für mich damals. Auch die anderen Herrscher haben mich gelehrt, was sie wissen, aber mittlerweile sind einige von ihnen tot und durch neue ersetzt worden. Ausgebildet haben mich danach nur noch Kommandant Atropax und General Agamemnon. Als ich sechs Jahre war, hab ich Sasha kennengelernt und meine Eltern haben ihr auf meine Bitte hin geholfen. Wir waren die besten Freunde damals. Aber die Ritter haben sich eingemischt und ihr ein ‚Zuhause‘ versprochen, wenn sie Experimente mit sich machen lässt. Sie war jung und naiv und hat angenommen, weil ihr meine Eltern auf Drohung der Ritter dazu geraten haben. Aber ich erzähle dir nichts über sie, das muss sie selbst tun, wie ich dir ja bereits einmal gesagt habe, verzeih... Nun gut, zurück zum Thema. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich gelernt und eines Tages, als ich Forschungsberichte in der Bibliothek gelesen habe, fand ich heraus, dass der Weg der Ritter vermutlich die Welt zerstören wird und ich habe mich gegen sie aufgelehnt. Aber weil ich damals schon alle ihre Geheimnisse kannte, war es zu riskant, mich weggehen zu lassen. Ich hätte mich ja an die Schattendiener wenden und denen alle Pläne erzählen können, also haben sie mir ein bisschen gedroht und hier und da mit Sashas Leben gespielt, um mich in Zaum zu halten. Ich wollte nicht, dass sie noch mehr verletzt wurde und habe mich gefügt... Mit achtzehn habe ich dann ein Mädchen kennengelernt… Wir haben uns verliebt, auf Drängen der Ritter verlobt und kurze Zeit später unsere Hochzeit gefeiert, was wir früher oder später sowieso getan hätten, auch ohne deren Forderung. Es kam mir zwar schon seltsam vor, dass sie uns bereits schon in diesem jungen Alter und nach so kurzer Zeit des Kennenlernens verheirateten, aber es war in ihrem und meinem Interesse, also ließen wir es geschehen. Wenn ich gewusst hätte… was ich ihr damit angetan habe… hätte ich nicht zugelassen, dass ich mich in sie verliebe… Denn eines Tages, vor einem Jahr, wollte der König, dass ich meine Heilkräfte wegen eines klitzekleinen Kratzers an seiner Hand einsetze, den man gar nicht richtig sah. Ich habe mich geweigert und gesagt, ich spare mir meine Kräfte lieber für die Leute auf, denen es wirklich schlecht geht, aber den Rittern gefiel das nicht. Es gab eine heftige Diskussion und der König sagte mir, dass ich meine damalige Frau nur hätte, weil er ihren Vater bezahlt hat. Es wäre reiner Zufall gewesen, dass sie sich in mich verliebt hatte und sie wäre mir nur vorbehalten, um meine ‚göttlichen Gene‘ weiterzugeben, damit sie nicht verloren gehen, für den Fall, dass mir etwas zustieße und ich sterben würde. Das hat mir dann gereicht, ich wurde wütend und ich habe dem König ordentlich meine Meinung gesagt, aber das war ein großer Fehler. Gleichzeitig leider auch das Befreiendste, was ich je getan habe... Die Ritter griffen mich an und wir haben lange gekämpft, bevor ich mit schweren Verletzungen flüchten konnte. Sie haben mich nur hingehalten, wie ich feststellen musste, denn als ich nach Hause rannte, um meinen Eltern zu berichten, was ich getan habe… stand das ganze Haus in Flammen und es roch nach verbranntem Menschenfleisch. Vor der Haustür habe ich noch zwei Ritter gesehen, wie sie meine geliebte Frau verletzt und dann in die Flammen geworfen haben. Ihren Schrei, als sie elendig lebend verbrannt ist, werde ich nie in meinem ganzen Leben vergessen. Meine Mutter, mein Vater, meine Schwester und meine Frau… Meine ganze Familie wurde wegen einer einzigen unüberlegten Handlung meinerseits getötet. Und das auf grausamste Weise. Ich konnte ihnen nicht mehr helfen, nichts mehr tun, um meinen Fehler ungeschehen zu machen… Ich wusste gar nicht mehr, was ich tun sollte, oder wohin ich gehen sollte. Dann fiel mir Sasha ein und ich wollte sehen, ob es wenigstens ihr gut geht. Aber auch dieser hatten die Ritter übel mitgespielt und ich hielt die Situation nicht mehr aus und bin aus der Hauptstadt geflohen… Den Rest kennst du ja schon, ich bin durchs Land gestreift und hab Mädchen nachgejagt, teilweise auch um mich abzulenken, bis wir uns getroffen haben und ich mit dir herumgereist bin.“
Cheyenne war sprachlos und überwältigt. Was sie erlebt hatte, war nur halb so schlimm gewesen, wie Glaczios Vergangenheit. Er schien alles gehabt zu haben, was er sich je gewünscht hätte, und wegen eines einzigen Fehlers war sein ganzes Leben ruiniert worden. Meine Güte… Was er durchgemacht hat, ist schrecklich… Was wäre gewesen wenn er nicht der Auserwählte wäre? Dann hätte er sicher nicht so ein erfülltes Leben gehabt, aber andererseits wäre auch nicht so viel Grauenvolles geschehen. Er hatte sogar eine Frau… Ich kann mir das bei ihm irgendwie nicht vorstellen… Er ist doch eigentlich der total untreue Typ. Hm… Vielleicht ist er erst nach diesem furchtbaren Ereignis so geworden, das würde auch mit Sashas Aussage übereinstimmen. Naja, nach so einem traumatischen Erlebnis verändert man sich vermutlich einfach… Es muss furchtbar für ihn sein, zu wissen, dass seine ganze Familie wegen ihm qualvoll getötet wurde… Aber er hat sich danach gefangen, will weiterleben, hat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht aufgegeben und will sich sicher an den Rittern rächen… Glaczio und auch Sasha sind so stark… Warum kann ich nicht ebenfalls so sein, wie die beiden? Cheyenne bemerkte, dass die Augen des Heilers etwas wässrig wurden, aber sich keine Träne löste. Er starrte nur mit leerem Blick auf das weite Meer hinaus. Glaczios Geschichte hatte das Mädchen so traurig gemacht, dass auch ihre Augen tränten. Sie erinnerte sich an etwas, das er zuvor gesagt hatte und machte sich Vorwürfe. Dann sprach sie aus, was sie dachte. „Das… tut mir alles so unendlich leid… Wenn ich nicht gewesen wäre, würde deine Familie noch leben… Du hast schon Recht… Jetzt versteh ich noch viel besser, warum du so gemein zu mir warst… Du musst mich hassen, für das was ich dir angetan habe… Aber… ich wollte das nicht und…“ Der Heiler unterbrach Cheyenne und sah sie an. Sein Blick war nun stark und tapfer. „Engelchen, hör sofort auf, dir Vorwürfe zu machen, klar? Ich bereue, was ich zuvor gesagt habe. Du kannst nichts dafür, dass du als Auserwählte geboren wurdest und die Ritter davon Wind bekommen haben. Außerdem war es mein Fehler, weswegen meine Familie nun nicht mehr unter uns weilt. Hätte ich besser nachgedacht, nicht so egoistisch gehandelt und mehr Rücksicht auf sie genommen, wäre das alles nicht passiert... Aber dennoch habe ich immer versucht, dir die Schuld daran zu geben, weil es für mich dann einfacher zu verkraften und zu verdrängen war. Du warst nur mein Sündenbock, verzeih mir dafür… Und nun habe ich erneut einen Fehler begangen… Ich hatte die Möglichkeit dich auf deiner Reise zu begleiten, dich zu beschützen, dass du heil ankommst, dich zu beobachten, sodass du nicht dieselben Fehler machst, wie ich und mich an der verdammten Lichtritterschaft zu rächen… Die Chance habe ich ja durch eigenes Verschulden verspielt... Ich hoffe wirklich sehr, dass dir nichts passiert und du nicht so viele Dummheiten machst, wie ich…“ Glaczio seufzte und wandte sich ab. Er sprang von der kleinen Mauer und seine Beine landeten sanft im feinen Sand. Der Heiler ging auf das Meer zu, das war wohl der Abschied.
Aber nach allem, was Cheyenne nun erfahren hatte, konnte sie es nicht auf diese Weise zu Ende gehen lassen. Er bereut all seine Fehler, das merkt man… Er will einfach nur eine Chance auf Rache und eine Zukunft… Es macht ihm gerade richtig zu schaffen, dass er mich so fies behandelt hat, das spüre ich… Aber… auch wenn er mir leid tut, kann ich nicht vergessen, was passiert ist… Würde er wirklich einer Seite treu sein? Ich kann ihm einfach noch nicht vertrauen, er ist zu wandelbar… Seine Geschichte glaub ich ihm ja, aber was ist, wenn alles nur eine große Falle ist? Wenn die Ritter und er mir nur etwas vormachen, um mich reinzulegen… Glaczio kann so gut lügen, dass ich ihm das auch zutrauen würde… Andererseits glaube ich, dass alles, was er eben gesagt hatte, echt war… Ach, ich schätze, ich sollte ihm… nur noch eine einzige, winzig kleine zweite Chance geben… Das ist das Mindeste, was ich für ihn tun kann…
Cheyenne sprang ebenfalls von der Steinmauer und lief dem Heiler hinterher, dicht gefolgt von Adocaz. Hinter Glaczio blieb sie stehen und versuchte ihr Zittern zu unterdrücken. Das Mädchen dachte kurz über ihre Wortwahl nach, dann machte sie ihm mit entschlossener Stimme ein Angebot. „Glaczio, hör mal. Ich kann nicht vergessen, was du getan hast, aber ich würde mich richtig schlecht fühlen, wenn ich dir nicht noch eine letzte Chance geben würde. Du willst dich rächen und für eine Zukunft kämpfen, wenn ich das richtig verstanden hab. Außerdem, um es jetzt mit deinen Worten zu sagen, bist zu ziemlich nützlich, wenn es darum geht, mich zu beschützen und zu verteidigen. Ich mache dir den Vorschlag, mich weiterhin zu begleiten, wenn du möchtest. Unter einer Bedienung: Solltest du mich je wieder anlügen, oder so fies zu mir sein, wie gestern und heute und so weiter… musst du endgültig gehen. Das ist jetzt… mein voller Ernst. Also, was sagst du?“ Der Heiler drehte sich zu Cheyenne um und sah sie ungläubig, aber dennoch streng an. Dann seufzte er und wandte den Blick ab. „Nein, Engelchen… Deine Gutmütigkeit ist ein Segen, aber nur, wenn du sie richtig einsetzt. Was du gerade machst, ist sehr dumm… Schon vergessen? Wir sind geburtsbedingte, natürliche Todfeinde… Hehe… Ich würde nur mit dir weiterreisen, wenn du nicht wüsstest, wer ich bin… Aber ich habe es dir bereits erzählt. Hm. Außerdem, wenn du bei den Schattendienern mit mir aufkreuzt, wirst du sofort angezweifelt werden, das garantiere ich dir. Es schmerzt mich zwar, dein Angebot abzulehnen, das kannst du mir glauben, aber es ist zu unser aller Besten. Es ist schon schlimm genug, dass wir bereits so viel Zeit miteinander verbracht haben, Püppchen…“ Der Heiler drehte sich wieder um und der Wind fuhr durch seine langen, schönen Haare. Da fiel Cheyenne wieder ein, was er zuvor gesagt hatte. „Wir dürfen also nur wegen unserer Schicksale nicht mehr gemeinsam weiterreisen? Ich dachte du wolltest deiner Bestimmung entfliehen und deine Freiheit haben. Du willst doch deine eigenen Entscheidungen treffen und dich nicht mehr von der Vergangenheit einholen lassen, wenn ich das richtig verstanden hab. Du wolltest dein Schicksal nicht akzeptieren und deinen eigenen Weg bestreiten. Dann kannst du doch auch sicher darüber hinwegsehen, dass wir durch unser vorbestimmtes Schicksal von Geburt an Feinde sind und dich durch eine eigene Entscheidung davon lösen… Die Freiheit… selbst über dein eigenes Leben zu bestimmen und deinen eigenen Weg zu gehen… Aber… wenn du nicht willst, ist das deine Sache, also… Ich habe dir dieses Angebot ja nur gemacht, damit ich mich später nicht schlecht fühle. Na gut… Dann trennen sich hier also unsere Wege. Vielen Dank für alles. Leb wohl.“ Das Mädchen wollte sich gerade umdrehen und gehen, als Glaczio sich wieder ihr zuwandte. Cheyenne blieb stehen und wartete, was er sagen wollte. Sein Blick sprach Bände und sie wusste, dass sie genau die richtigen Worte gewählt hatte. Offenbarung und Erkenntnis waren in seinen Augen zu lesen, als hätte man sie dort aufgeschrieben. Der Heiler fand seine Stimme wieder und äußerte seinen Dank. „Cheyenne LeBlesse, Auserwählte der Finsternis, du bist nicht nur mein Engelchen, sondern wirklich ein Geschenk des Himmels. Ich danke dir. Beinahe hätte ich mich auf den alten Weg der Verdammnis zurückleiten lassen, aber du hast mir soeben geholfen, auf dem Pfad der Freiheit zu bleiben. Ich werde nie verstehen, wie man so gütig sein kann, aber ich schätze es sehr. Du bist die Erste, die mir seit damals wieder eine Chance gibt... Ich schwöre hiermit, dass ich sie gut nutzen und dich beschützen werde, Engelchen. Selbst, wenn ich dafür mein Leben geben muss. Es ist mir eine ausgesprochene Ehre an deiner Seite zu kämpfen und ich nehme dein Angebot mit großer Freude an.“ Bei dem letzten Satz hatte Glaczio angefangen zu grinsen und sich verbeugt. Cheyenne musste lächeln, so eine förmliche Rede hatte sie nicht erwartet. Der Heiler schien sich sehr zu freuen, dass ihm diese Gelegenheit ermöglicht wurde und sie selbst war auch froh, denn das Mädchen fühlte sich nun viel besser als zuvor. Sie hoffte nur, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte und sie später nicht bereuen würde. Jetzt muss ich das nur noch Sasha beibringen… Wann kommt sie eigentlich? Hoffentlich ist nichts passiert…
Cheyenne und Glaczio gingen zurück zur Mauer und setzten sich wieder hin, um gemeinsam auf Sasha zu warten. Adocaz traute dem Heiler ganz und gar nicht mehr und knurrte ihn stetig an. Nicht einmal der Befehl seiner Besitzerin brachte ihn zum Schweigen. Aber der Auserwählte des Lichts ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen und blickte zufrieden auf das Meer.
Nach ein paar Minuten wohltuender Stille hörte Cheyenne leichte Fußstapfen auf dem Steinplattenboden näher kommen. Sasha! Sie freute sich und stand auf, Glaczio tat es ihr gleich und grinste die junge Frau wie ein Honigkuchenpferd an. Die setzte daraufhin einen entgeisterten Blick auf, beachtete ihn jedoch nicht weiter und wandte sich an ihre Freundin. „Ich habe tatsächlich jemanden gefunden, der die Pferde gekauft hat, aber es war hier wirklich der einzige Interessent, also musste ich sie ihm für einen viel zu billigen Preis geben. Ich habe versucht zu verhandeln, aber der sture Esel wollte einfach nicht mehr bezahlen. Und bevor wir die Pferde weiterhin am Hals haben und kein Geld, hab ich lieber angenommen. Ähm, du, Cheyenne, was macht denn eigentlich der Vollidiot hier? Wenn er dir auch nur ein Haar gekrümmt hat, dann fessle ich ihn an einen großen Stein und versenke ihn im Meer…“ Das Mädchen schüttelte wild den Kopf und klärte die Situation auf, während der Heiler weiter grinste und den Kopf schief legte. „Nein, Sasha, mir geht’s gut, er hat nichts getan. Also… es wird dir vielleicht nicht gefallen, aber Glaczio wird uns weiterhin begleiten. Ich habe mit ihm gesprochen und die Gründe für sein Verhalten erfahren und wollte ihm eine zweite Chance geben. Jeder verdient doch eine zweite Chance, nicht wahr?“ Sasha sah Cheyenne ungläubig an, seufzte und fand die Sprache wieder. „Du hast bitteschön was gemacht? Ist das dein Ernst? Er hat dir erzählt, wer er ist, hab ich Recht? Das reicht dir schon als Grund aus, um dem Eiszapfen alles zu vergeben? Ist dir das Gehirn jetzt auch eingefroren? Ach, Cheyenne! Du lernst aber auch wirklich gar nichts dazu, was? Argh… Zweite Chance, pff. Also gut, na schön… Aber ich gebe dir keine Garantie, dass er die folgenden Nächte überlebt…“ Cheyenne wollte nicht, dass ihre Freundin so redete, obwohl sie deren Reaktion nur zu gut verstand. „Sasha! Hör auf, so etwas zu sagen. Er gehört jetzt wieder zu uns, ja? Ich habe eine Abmachung mit ihm getroffen und er weiß, was passiert, wenn er sich nicht daran hält. Ich verstehe ja, dass du ihn loswerden willst, aber sieh es doch einfach mal so: Er kann gut kämpfen, ist klug, falls ich mich mal wieder nicht vernünftig wehren kann, hilft er dir mich zu beschützen und… ähm… wenn er bei uns ist, brauchen wir nicht so viel Geld.“ Cheyenne tat ihr Bestes, um die Freundin zu überzeugen und es gelang ihr, denn diese beruhigte sich und nickte kurz, ehe sie noch eine Bitte an das Mädchen äußerte. „Also gut, wie du willst. Du hast mich überzeugt, aber ich werde ihn um jeden Preis gut im Auge behalten. Und versprich mir bitte eines: Vertrau ihm bloß nicht wieder, verstanden? Er ist nur noch hier, um uns schneller ans Ziel zu bringen, merk dir das…“ Cheyenne nickte, denn sie hatte in der Tat nicht vor, dem Heiler erneut ihr vollstes Vertrauen zu schenken. Er würde es sich mit der Zeit erneut erarbeiten müssen und nicht einmal dann war es gewiss, dass wieder alles, wie zuvor war. Aber das Mädchen hatte das Gefühl, richtig gehandelt zu haben. Sasha wurde wieder fröhlich und hielt Cheyenne die Geldscheine vor die Nase. Sie wedelte damit und nahm dann die Hand ihrer Freundin, führte diese in Richtung der kleinen Gaststätte und verriet, was sie vorhatte. „Hast du Hunger? Mit diesen wunderbaren Geldscheinchen hier können wir was Essen gehen, ich lade dich selbstverständlich ein. Hihi. Ich verhungere gleich, also hopp, hopp! Danach überlegen wir, wie wir über diese Sandpassage kommen…“ Cheyenne musste grinsen und versuchte mit ihrer Freundin Schritt zu halten. Auch sie war hungrig und freute sich, dass die ganze Situation sich entspannt hatte. Adocaz lief neben den Beiden her und Glaczio ging, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, hinter bei und folgte den dreien. Gut gelaunt machte er eine Ankündigung. „Hey, Sasha-Mäuschen, das ist die beste Idee, die du heute gehabt hast, hehe. Ach und lasst die Sandpassage nur meine Sorge sein, ich habe da schon einen Plan…“
