Kapitel 6

geschrieben von Darknezz

Notiz:

Der Inhalt dieses Kapitels wurde vor 10 Jahren verfasst und seither nicht verändert. Der Schreibstil könnte sich im weiteren Verlauf der Geschichte verändern.

Cheyennes Gedanken sind kursiv.

Heimliche Vermutung

Hoffnung auf eine Zukunft
Saraley, Südliches Tiefland von Luminastrelle

         "Oh, sie wacht auf!“ „Baby, das seh ich auch selber, kein Grund mein armes Ohr dieser Tonlautstärke auszusetzen.“ „Ach, halt die Klappe!“ Cheyenne blinzelte bis ihre Augen offen waren und sie drehte ihren Kopf zur Seite. Sie lag offenbar in einem Bett, in einem kleinen Zimmer mit einem Fenster. Die Stimmen, die sie gerade gehört hatte, kamen definitiv von Sasha und Glaczio, welche sich beide neben dem Mädchen befanden. Der Heiler hockte neben ihr und die junge Frau stand hinter ihm, mit besorgtem Blick und erwartungsvoller Haltung. Noch ehe Cheyenne etwas sagen konnte, fühlte sie die kalte Hand Glaczios an ihrer Stirn. Er lächelte sie an und sprach dann zu ihr. „Hey, hübscher Engel… Schön, dass du endlich wieder unter den Lebenden weilst. Du scheinst kein Fieber mehr zu haben und Schmerzen solltest du auch keine mehr spüren. Hingegen unserer Erwartungen hat sich dein Körper doch ziemlich schnell von den ganzen Strapazen erholt. Ich hab zwar ein klein wenig nachgeholfen, aber trotzdem bin ich erstaunt über deinen guten Heilungsprozess. Adocaz hab ich mir auch vorgenommen, ihm geht es wieder blendend. Was allerdings mit Falconheart passiert ist, tut mir aufrichtig leid.“ 

Cheyenne drehte ihren Kopf so, dass sie zur anderen Seite des Bettes sehen konnte, wo Adocaz lag. Es schien ihm tatsächlich sehr gut zu gehen, denn er wedelte mit seinem Schweif und seine Augen strahlten Lebensfreude aus. Das Mädchen umarmte den Feenwolf und war froh, dass er wieder in Ordnung war. Allerdings spukten ihr viele Gedanken im Kopf herum. Ich kann mich noch genau an alles erinnern, bevor ich zusammengebrochen bin… Das ist gut. Aber Falconheart… Ich werde ihn nie vergessen, aber ich darf einfach nicht schon wieder in Trauer versinken… für Adocaz… Zum Glück hat Sasha uns gefunden, aber wie kann ich ihr für ihre Hilfe je danken? Sie und Glaczio scheinen sich ja zu kennen… Ich frage mich, woher? Oh nein, Glaczio! Ich… muss mich bei ihm entschuldigen… und ihm danken und… Was für ein Glück, dass er aufgetaucht ist… Wie kam er denn so schnell zu dem Wasserfall?

Cheyenne spürte keinen Schmerz mehr, der Heiler hatte wahre Wunder vollbracht und nachdem sie sich nun auch ausgeruht hatte, konnte sie genug Kraft aufbringen, um zu reden. „Glaczio… Ich… Es tut mir alles so leid, alles, was passiert ist. Wenn ich nicht gewesen wäre, würde dein Pony noch leben und du wärst nicht den Abhang hinabgestürzt und anstatt mir meine Fehler einzugestehen, bin ich einfach weggelaufen… Und jetzt ist auch noch Falconheart wegen mir tot. Warum nur bringe ich immer jeden in Lebensgefahr? Ich danke dir so sehr, dass du mir und Adocaz trotz allem, was passiert ist noch geholfen hast. Ich habe zwar nicht das Recht jetzt neugierig zu sein, aber wie hast du es geschafft, so schnell in die Nähe des Wasserfalls zu gelangen? Und… wo ich schon Fragen stelle… Wo sind wir hier und wie lange hab ich geschlafen?“ Glaczios Blick wurde weich und einfühlsam, als er dem Mädchen antwortete. „Süße… Es war nicht deine Schuld, hör doch bitte auf dir ständig die Schuld zu geben, du machst dich damit nur selber fertig. Es war nicht dein Fehler. Gar nichts war dein Fehler. Du kannst nichts dafür, dass die Ritter dich jagen und du konntest auch nicht wissen, dass der Steinweg einbrechen würde. Und selbstverständlich helfe ich dir, auch wenn du mich da einfach hast stehen lassen, wie den letzten Vollidioten. Hehe. Aber, naja, ich gehe schwer davon aus, dass du einfach mit allem überfordert warst und da ist es verständlich, dass du das Weite gesucht hast. Um dir eine Antwort auf deine Fragen zu geben: Ich bin euch erst einmal nachgelaufen und als ich an einen Fluss kam, bin ich ihm auf linker Seite gefolgt. Ich wusste aber, dass du auf der anderen Seite warst, weil der Boden dort am Flussufer ziemlich nass war und Huf- und Pfotenabdrücke zu sehen waren. Ich bin weitergelaufen, bis ich den Wasserfall sah und ein paar Mutanten aus dem Forschungslabor der Ritter, aber sie haben mich wohl nicht bemerkt und sind in die Tiefen des Waldes verschwunden. Sasha-Mäuschen hier hat mir erzählt, die hätten dich gejagt, was ich mir nur zu gut vorstellen kann, und du hast dir sicher auch schon gedacht, dass die Ritter sie auf dich gehetzt haben... Ich kam nach kurzer Zeit an den Wasserfall und habe nach einer Stelle gesucht, wo ich hinuntergelangen konnte. Als ich endlich unten ankam, war es schon sehr spät und ich hab mich auf den Weg ins Dorf gemacht, in der Hoffnung, du wärst auch da. Aber drei Mal darfst du raten, wen ich dann getroffen hab, Engelchen. Hehe, natürlich euch zwei Hübschen. Ich, der starke und heldenhafte Retter in der Not, hab dich dann bis hierher getragen und wir sind nun genau da, wo du schon die ganze Zeit über hin wolltest. Im Dörfchen Saraley, in der gemütlichsten und besten Gaststätte, die es hier gibt. Du hast von gestern Abend, bis jetzt, also heute Mittag geschlafen. Ach, ich freu mich so, dich wiederzusehen, ich hab dich richtig vermisst, Püppchen.“ Cheyenne seufzte, aber irgendwie fand sie es auch schön ihn wieder getroffen zu haben. Er hatte ja Recht, mit dem, was er sagte, und sie trug nicht die ganze Schuld, aber sie hatte schon seit sie denken konnte immer die Fehler bei sich selber gesucht. Sie tat das schon automatisch, auch, wenn ihre Großeltern ihr ständig gesagt hatten, dass sie sich nicht für alles, was schiefging und in das sie verwickelt war, verantwortlich fühlen sollte. Das Mädchen würde versuchen auf Glaczios Worte zu hören und dieses Verhalten zu verbessern. Aber immerhin war sie nun in Saraley und konnte Xaver suchen. Endlich kann ich ihn wiedersehen! Also… das heißt, wenn er den Rittern entkommen konnte und es ihm gut geht… Ich will ihn unbedingt sofort suchen gehen. Dazu müsste ich doch mittlerweile schon leicht im Stande sein und ich will nicht noch länger hier liegen bleiben und wertvolle Zeit vergeuden. Je schneller ich ihn finde, desto besser. Aber… was machen wir danach? Und… hat Glaczio nicht gesagt, wir sind hier in einer Gaststätte? Woher kommt denn das Geld dafür? Am Ende hat Sasha für mich bezahlt und ich kann ihr das Geld nicht zurückgeben…  Cheyenne setzte sich im Bett auf, weil sie nicht mehr liegen wollte. Sie würde auf jeden Fall noch fragen, wie sie hier hineingekommen sind, bevor sie sich auf die Suche nach Xaver begab. „Ähm, Glaczio, Sasha, wenn wir hier in einer Gaststätte sind, muss doch jemand für mich dieses Zimmer hier bezahlt haben, nicht wahr? Das ist mir jetzt sehr unangenehm, aber ich habe überhaupt kein Geld, um meine Schulden zu begleichen und Glaczio weiß das eigentlich.“ Der Heiler grinste verschmitzt, schloss die Augen und senkte den Kopf und ließ nun auch Sasha zu Wort kommen. „Oh, wow, der werte Herr lässt mich nun endlich auch mal was sagen. Also, erst mal bin ich echt froh, dass du wieder in Ordnung bist. Ich habe mir ja solche Sorgen, um dich gemacht, das glaubst du nie. Und, ähm, naja. Niemand hat dieses Zimmer bezahlt. Glaczio hat da… seine ganz eigenen Methoden, um etwas ohne Geld zu bekommen… Auch, wenn mir Diese überhaupt nicht gefallen, muss ich leider zugeben, dass sie manchmal sehr praktisch sind. Aber verstehen kann ich es trotzdem nicht und das werd ich auch nie. Und… Glaub mir, du willst nicht wissen, warum er meistens alles gratis bekommt… Ich glaub aber, dass du es ohnehin bald mal herausfindest. Naja, wie auch immer… Also, er hat mir zwar alles über dich erzählt und auch, was für ein großer, toller Held er doch war, als er deine Kratzer in Mediasilva geheilt hat. Aber eine Frage brennt mir auf der Zunge… Wie um alles in der Welt konntest du es so lange mit diesem Idioten aushalten?!“ Glaczio schien sich mächtig zu amüsieren und bevor Cheyenne Sasha antworten konnte, fing er an zu sprechen. „Hehe, Hey, Sasha-Mäuschen, ganz ruhig. Wie wär’s wenn du mal lernst, dein Temperament zu beherrschen und mir zu verzeihen? Hör einfach nicht auf diese böse Frau, Engelchen, die dreht manchmal ziemlich am Rad. Hehe. Und hey, ich hab ja gesagt, dass ich auch ganz ohne Geld bestens zurechtkomme, erinnerst du dich?“ Sasha war sichtlich empört über die Aussage des Heilers, so hatte er sie doch ‚böse Frau‘ genannt. Cheyenne konnte nicht anders, sie musste einfach grinsen. Diese Beiden verhielten sich, wie ein altes Ehepaar, das ständig am Zanken war. Nun interessierte es das Mädchen, umso mehr, woher sich sie die zwei kannten, und sie setzte das Gespräch fort. „Also, Sasha, ich weiß auch nicht, wie ich es mit ihm aushalten konnte, ohne Adocaz und Falconheart wäre ich vermutlich verzweifelt. Hihi. Aber so schlimm war es nun auch wieder nicht. Und, ja, Glaczio, ich erinnere mich an deine Worte, aber nun finde ich sie noch seltsamer als zuvor. Ach, und… würdet ihr mich vielleicht verraten, woher ihr euch kennt? Ich weiß, ich bin viel zu neugierig und so, aber… es interessiert mich brennend.“ Der Heiler und die junge Frau sahen einander an und Sasha wandte den Blick ab. Glaczio ergriff anstatt ihrer wieder das Wort. „Die süße Maus hier kennt den gutaussehenden, bezaubernden Glaczio schon von Kindesbeinen an. Sie hatte nämlich schon sehr früh ihre Eltern verloren und hatte keine Familie mehr, also ist sie damals, als fünf-jähriges Mädchen, in der Gegend, um mein Zuhause herumgeirrt und hat Leute angebettelt, bis wir uns trafen. Ich und meine Eltern haben beschlossen ihr zu helfen und daher kennen wir uns. Aber den Rest… muss sie dir irgendwann selber erzählen. Ich habe nicht das Recht, darüber zu sprechen, denn ihre Geschichte ist nicht gerade die Schönste.“

Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Keiner der drei sagte etwas. Sasha schien etwas zu bedrücken und sie war vertieft in Gedanken. Glaczio starrte aus dem Fenster und dachte vermutlich ebenfalls nach. Cheyenne sah abwechselnd beide an und bereute es, dass sie diese Frage gestellt hatte. Aber sie konnte ja nicht wissen, dass es solch ein schwieriges Thema war. Sie entschuldigte sich, um das Schweigen zu beenden. „Verzeiht, ich wusste nicht, dass es euch so traurig macht, darüber zu sprechen. Ich frage auch nicht mehr nach, versprochen. Ich hätte nicht so neugierig sein sollen. Es tut mir leid.“ Das Mädchen senkte den Blick, aber Sasha schüttelte den Kopf und setzte sich neben sie ans Bett. Die junge Frau legte die Hand auf Cheyennes Schulter, sah dieser tief in die Augen und sagte dann etwas. „Ach, Mädchen, du kannst ja nicht wissen, dass ich keine guten Erinnerungen an meine Kindheit habe. Ich erzähle dir vielleicht auch irgendwann, was damals passiert ist, wenn ich mich dazu in der Lage fühle. Ich habe es bisher immer verdrängt und wollte zwar nie mehr darüber nachdenken, aber… wenn ich mit jemandem nochmal darüber rede, kann ich damit vielleicht abschließen? Hm… Ach, egal. Cheyenne, ich hab gehört, du suchst jemanden, nicht wahr? Deinen besten Freund, soweit ich weiß? Glaczio hat gesagt, er müsste sich in Saraley aufhalten. Dann suchst du also vermutlich als Nächstes das ganze Dorf nach ihm ab, hm?“ Cheyenne nickte, denn genau das hatte sie vor. Sie wollte Xaver so schnell, wie möglich finden. Sashas Traurigkeit war verschwunden und sie war nun wieder fröhlich. Voller Begeisterung sprach sie weiter. „Schön! Dann komm ich mit dir. Es müsste dir zwar eigentlich wieder gut gehen, aber man weiß ja nie und wenn dir dann auf einmal schwindelig wird oder etwas in der Art, ist es vorteilhaft, wenn ich dabei bin und dir helfen kann. Außerdem gibt’s hier auch Ritter und somit ist es besser, wenn du nicht allein bist. Ja und ich hab eigentlich noch einen Grund, warum ich mitkommen will. Ich möchte mit dir über etwas reden, wegen der Blechbüchsen. Ich hab vielleicht eine Idee, die dir weiterhelfen kann, damit sie aufhören dich zu verfolgen oder damit du zumindest in Sicherheit bist. Wir können jederzeit losgehen, ich richte mich nach dir.“ Meint sie mit Blechbüchsen etwa die Ritter? Wegen ihrer metallenen Rüstungen? Hihi.  Cheyenne wollte zwar eigentlich niemanden mehr in Gefahr bringen, aber sie hatte das Gefühl, dass Sasha sich ohnehin nicht abschütteln ließ. Außerdem passierten sowieso immer nur furchtbare Dinge, wenn das Mädchen allein war. Auf der einen Seite war ihr nicht ganz wohl dabei, schon wieder jemanden bei sich zu haben, denn diesen Leuten schien immer irgendwie etwas zuzustoßen, aber andererseits freute sich Cheyenne, Zeit mit Sasha zu verbringen, denn sie mochte sie wirklich gern. Außerdem hatte die junge Frau ja gesagt, sie könnte ihr vermutlich helfen. Jetzt nehm ich schon wieder die Hilfe von anderen in Anspruch… Ich muss mir wirklich etwas einfallen lassen, wie ich mich jemals bedanken kann. Glaczio und Sasha tun so viel für mich und ich mache nichts weiter, als sie in Gefahr zu bringen und ihnen Sorgen zu bereiten.

Cheyenne erinnerte sich an die Worte des jungen Heilers. Er hatte gesagt, dass sie nicht an ihrer Situation schuld war. Das Mädchen versuchte, das zu glauben, damit sie ein besseres Gewissen hatte und Sashas Hilfe annehmen konnte. „Vielen Dank, Sasha. Meinetwegen können wir gleich losgehen. Ich kann es kaum erwarten Xaver zu sehen. Ich hoffe nur, dass er wirklich hier ist… Naja, wir werden es herausfinden.“ Die junge Frau nickte und stand auf. Glaczio tat es ihr gleich und ging dann zur Zimmertür. Er zwinkerte Cheyenne zu und legte den Kopf schief, ehe er sich verabschiedete. „Also schön, dann geht ihr zwei Hübschen mal durchs Dorf und ich erledige in der Zwischenzeit ein paar Dinge. Wir treffen uns dann später wieder hier an der Gaststätte.“ Sasha verdrehte genervt die Augen und giftete den Heiler an. „Warum nur musstest ausgerechnet du Vollidiot Cheyenne begegnen? Argh… Aber ich habe zurzeit ja gar keine andere Wahl, als mich nach dir zu richten, denn ich bleibe auf jeden Fall bei Cheyenne. Und wenn sie mein Angebot annehmen sollte, sind wir dich schneller los, als du denkst. Glaub mir, das wird der beste Tag in meinem Leben und ich hoffe, dass ich dich danach nie mehr wieder sehen muss!“ Sasha schien Glaczio nicht leiden zu können. Sie war immer so fröhlich und unglaublich freundlich zu Cheyenne. Aber wenn sie über oder mit dem Heiler redete, war sie aufgebracht und wütend. Ich würde nur zu gern wissen, warum sie ihn so sehr hasst… Aber irgendwie verdient er das auch, hihi. Glaczio schien absolut unbeeindruckt zu sein und rechtfertigte sich. „Hey, du kennst den Grund, weswegen ich hier bin, Sasha-Mäuschen… Ich will bei meinem Engelchen bleiben. Dass du zufällig auch hier bist, dafür kann ich doch nichts. Ich weiß, dass du mich abgrundtief hasst und mir nicht vergibst, auch wenn schon so viel Zeit vergangen ist, seit damals. Aber fürs erste wirst du es wohl oder übel mit mir aushalten müssen. Außerdem hättet ihr ohne mich hier nicht mal ein Zimmer bekommen und mein Engelchen hätte immer noch Schmerzen. Vielleicht überdenkst du deine Meinung nochmal, süße Maus.“ Nun wandte er sich an Cheyenne. „Wir sehen uns später, Püppchen. Viel Glück bei der Suche.“ Dann verließ er grinsend den Raum.

Sasha ärgerte sich maßlos über den Heiler. Sie war ganz rot im Gesicht geworden und hatte die Zähne zusammengebissen. Dann atmete sie einmal tief ein und aus und beruhigte sich wieder.

Cheyenne stand auf, wankte erst etwas, fand aber relativ schnell wieder ihr Gleichgewicht. Adocaz sprang vom Bett hinunter und tapste zur Tür. Seine Beine machten ihm keinerlei Probleme mehr. Das Mädchen und die junge Frau begaben sich zu dem Feenwolf und dann verließen alle drei das Zimmer. Sie kamen in einen großen, aus Holz gebauten, Raum und befanden sich im ersten Stockwerk. Über eine Treppe konnte man ins Erdgeschoss gelangen, wo der Empfangstresen, eine Sitzecke und noch ein paar andere Räume waren. Alles war schön dekoriert. Insgesamt wirkte die gesamte Gaststätte einladend und freundlich. 

Gerade als Cheyenne die Treppe hinuntergehen wollte, hielt Sasha sie am Arm fest und starrte gebannt auf den Empfang. Sie folgte ihrem Blick und sah Glaczio mit den schulterlangen, rosa Haaren eines Mädchens hinter dem Tresen spielen. Sie lächelte ihn an und kicherte von Zeit zu Zeit. Er schien definitiv mit ihr zu flirten. Sasha seufzte und sprach dann leise zu Cheyenne. „Schon wieder dieses Mädchen mit den rosa Haaren. Die war gestern Abend auch schon da. Sie hat uns das Zimmer gegeben – kostenlos, wie du ja weißt. Und da siehst du nun den Grund dafür. Die Welt ist doch verrückt. Er flirtet kurz mit einem Mädchen und macht ihr nette Komplimente und schon haben wir ein Zimmer in der besten Gaststätte dieses Dorfes. Er braucht Frauen nur anzuzwinkern und schon haben sie sich in ihn verliebt. Ich meine, das ist doch nicht zu fassen, oder? Wie kann man sich denn nur in so einen Volltrottel verlieben? Vor allem, riskiert dieses Mädchen da ihren Job für ihn, wenn der Leiter der Gaststätte mitkriegt, dass ihm Geld fehlt und für ein Zimmer nicht bezahlt wurde, wird er sicher jemanden zur Rechenschaft ziehen. Aber das ist ja noch nicht alles. Er macht das bei jeder Frau und jedem Mädchen, das er für alt genug hält, wenn er was haben will. Das geht gar nicht, er nutzt sie aus, macht ihnen schöne Augen und verschwindet dann, meistens ohne auch nur ein Wort zu sagen. Früher hat er sowas nie gemacht, er war immer freundlich zu allen und hat mehr gegeben, als genommen. Aber seit einem Jahr… hat sich einfach alles verändert. Ich hab ihn seither nur ein einziges Mal gesehen, er mich aber nicht. Zwei Tage hab ich ihn beobachtet und habe überlegt, ob ich mich ihm zeige und ihn anspreche, aber er hatte ständig irgendwelche Weiber um sich herum. Dann bin ich gegangen und mir wurde erneut bewusst, dass ich mich sehr in ihm getäuscht habe, damals… Ach, ich rede zu viel. Ich mache dich sicher gerade total neugierig, aber ich kann dir einfach noch nicht erzählen, was passiert ist. Es hängt ja auch sehr viel mit ihm zusammen und naja… Hat Glaczio dir eigentlich mal seine Geschichte erzählt?“ Cheyenne hatte, während Sasha sprach, oftmals den Kopf über den Heiler geschüttelt. Was er mit den Mädchen machte, fand sie einfach nur unfair und nicht in Ordnung. Sie dachte nach und antwortete. „Er hat nur gesagt, dass die Ritter vor ungefähr einem Jahr seine Familie getötet haben, sein Haus abgebrannt und ihn aus der Stadt gejagt haben. Ich weiß zwar nicht hundertprozentig aus welcher Stadt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er irgendwo in Luminastrelle gelebt hat. Ich schätze mal er hat in Excidoma Magna gelebt… Mehr hat er aber nicht über sich gesagt.“ Sasha nickte und sagte etwas kaum Hörbares. „Dann hat er ihr also nur die halbe Wahrheit erzählt… Hm, aber anders geht’s ja eigentlich eh nicht…“ Cheyenne hatte die Worte zwar verstanden, denn sie konnte ziemlich gut hören, fragte aber trotzdem nach, in der Hoffnung, die junge Frau könnte ihr mehr erzählen. „Was hast du gesagt?“ Aber das Gegenteil war der Fall, denn Sasha gab dem Mädchen keine weitere Auskunft. „Ach, nichts, gar nichts. Komm, lass und jetzt endlich gehen und deinen Freund suchen, ich will den beiden da unten nicht länger zusehen, sonst werd ich wahnsinnig.“ Damit ging sie die Treppe hinab und ließ Cheyenne stehen. Das Mädchen lief ihr nach, gefolgt von Adocaz, aber Sashas Verhalten war komisch. Was ist denn eigentlich los? Sie verheimlicht mir doch etwas. Was meinte sie denn nun mit ‚halbe Wahrheit‘? Ist denn das zu glauben, warum hat jeder Geheimnisse vor mir? Erst Glaczio, dann Sasha und wenn ich genauer darüber nachdenke müssen auch meine Großeltern mehr gewusst haben, so wie sie auf den Ritter reagiert haben, es ist mir nur noch nie aufgefallen… Dieser Atropax weiß doch garantiert auch mehr über mich, sonst würde er mich ja nicht verfolgen lassen und Xaver? Sein Verhalten, als wir geflüchtet sind… Wir hätten die Ritter doch auch gemeinsam abhängen können… Er hätte meinen Kristall gar nicht nehmen müssen… Aber es gibt doch nichts über mich zu wissen, was ich selber nicht weiß. Das ist doch unlogisch… Ich muss ja wohl alles über mich wissen, oder nicht? Immerhin ist das mein Leben. Ich will jetzt endlich mal wissen, was mir jeder verheimlicht! Als Cheyenne Sasha eingeholt hatte, stand die schon draußen vor der Gaststätte und schaute sich um. Das Mädchen sprach sie direkt an. „Sasha, du verheimlichst mir etwas, nicht wahr? Glaczio tut das auch, aber er ist so stur und sagt es nicht und glaubt ich bin zu blöd, zu kapieren, dass er mir Dinge verschweigt. Er weicht mir immer aus, wenn ich ihn darauf anspreche… Bitte, sei du nicht auch so.“ Die junge Frau blickte betroffen zu Boden und sagte nichts darauf. Dann sah sie Cheyenne mitfühlend an und gab ihr eine Antwort. „Was sollte ich dir denn verheimlichen? Ich kenne dich doch erst seit ein paar Stunden. Warum soll ich etwas über dich wissen, das bildest du dir ein. Ich weiß, dass der Idiot manchmal in Rätseln spricht und so, aber… da ist nichts, ok? Ähm… also gut, nun, da wir hier sind, wie sieht dein Freund aus?“ Cheyenne seufzte tief. Sie würde auch von Sasha nicht erfahren, was vor sich ging. Sie gab sich geschlagen und beschrieb Xaver. „Er hat blonde kurze Haare, ist einen halben Kopf größer als ich, hat grüne Augen und eine schlanke Statur. Und ähm… Solltest du ein Pferd sehen, das wie die speziellen Pferde der Ritter aussieht, aber mit langer Mähne und rosa Strähnen darin, die ähnlich wie Adocaz‘ Fühler sind, befinden wir uns garantiert in der Nähe von Xaver. Das wäre dann nämlich seine Stute Shiva.“ Sasha nickte und bestätigte, dass sie verstanden hatte. „Alles klar. Dann gehen wir mal los.“

 

Saraley war ein Dorf, wie aus einem Bilderbuch. Es war ziemlich groß und fast schon eine Stadt. Der Boden aus Steinplatten war sandig und man konnte das Meer riechen. Über den in blassen Farben gestrichenen Häusern mit roten Dächern kreisten einige Möwen und ganz Saraley war geschmückt mit vielen bunten Blumen und grünen Bäumen. Hinter dem Dorf war ein Strand, den die Einwohner ‚Sandstrand des Lichts‘ nannten und dahinter wiederum, befand sich das Meer. Die Bewohner von Saraley schienen mit dem Wort ‚Licht‘ keinerlei Probleme zu haben, nicht einmal Hemmungen es auszusprechen hatten sie und einige hörte man sogar, im Vorbeigehen, begeistert darüber reden.

Eine Weile herrschte Stille. Cheyenne suchte in jeder Gasse und in jedem Winkel des Dorfes nach Xaver, aber sie fand ihn nicht. Sie wollte fast schon aufgeben und ließ den Kopf hängen. Mittlerweile war ihr egal, was Sasha oder sonst wer ihr verheimlichte, sie wollte einfach nur ihren besten Freund finden und ihn in Sicherheit wissen. Aber ihr Wunsch schien sich nicht erfüllen zu wollen und sie teilte ihrer neuen Bekanntschaft ihre Zweifel mit. „Was ist, wenn sie ihn doch geschnappt und getötet haben… Wenn ich ihn nie mehr wieder sehe… Er ist nicht hier… Wir haben doch schon fast überall gesucht…“ Sasha sprach ihr Mut zu. „Jetzt gib doch noch nicht auf, Liebes. Wir werden ihn schon irgendwie finden. Schon mal was von ‚Die Hoffnung stirbt zuletzt‘ gehört? Wir haben ja noch nicht mal das ganze Dorf durchsucht. Komm, wir geben jetzt nicht auf, ok?“ Sie ist ja wirklich eine Optimistin… Aber zumindest hilft sie mir bei der Suche und sie hat ja auch Recht. Aufgeben ist jetzt das Letzte, was ich machen werde.

Gerade, als sie den Kopf wieder hob, um nach vorne zu sehen, stieß Cheyenne mit jemandem zusammen. Sie wich erschrocken einen Schritt zurück und entschuldigte sich. „Oh, Verzeihung, das tut mir sehr leid, ich wollte nicht… Es war keine Absicht. Entschuldigung.“ Vor dem Mädchen stand ein Mann, der circa einen Kopf größer war als sie selbst, er hatte eine Brille, mit blau-gefärbten Gläsern auf, meerblaue, komisch nach hinten gekämmte Haare mit orangenen Strähnen, die von der Mitte seines Kopfes auszugehen schienen und seitlich, hinter den Ohren herabhingen. Die Strähnen sahen allerdings sehr seltsam aus, so als wären sie gar kein Haar, sondern etwas anderes, das nur sehr danach aussah. Fast ein wenig, wie Adocaz‘ Fühler. Aber Cheyenne vermutete, dass er seine Haare einfach zu sehr mit Haargel bearbeitet hat. Der Mann war ziemlich muskulös und das Mädchen schätzte ihn auf ungefähr dreißig Jahre. Er trug einen langen dunkelbraunen Mantel, was sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit war. Seine Ausstrahlung ließ Cheyenne aus irgendeinem Grund erschaudern, er erschien ihr fast schon gruselig und ihr Herz fing an schneller zu schlagen. Schließlich nahm er ihre Entschuldigung an und sprach mit einer mächtigen, aber nicht wütenden Stimme. „Ist schon gut, Kind. Aber in Zukunft solltest du deine Augen offenhalten und sehen, wo du hinläufst. Was für schöne Haare du doch hast. Schwarz, wie die Nacht und grün wie die Farbe der Hoffnung und deine Augen sind so rot wie die Farbe der Liebe… oder die von Blut und Tod.“ Ohne sich zu verabschieden, ging der Mann an Cheyenne vorbei und verschwand in einer Seitenstraße. Sasha fand als Erster wieder die Sprache. „Ähm, ja, ok. Was für ein komischer Kauz. Wie dich der angestarrt hat. Und von wo ist der denn eigentlich hergekommen? Aus der Straße da? Naja, und selbst wenn, hätte er dir doch genauso gut ausweichen können. Wie seltsam. War wohl ein Verrückter. Hast du seine Haare gesehen, hihi.“ Cheyenne fand die Sache nicht so witzig, wie ihre Begleitung. Der letzte Satz des Mannes gab ihr zu denken. Sie antwortete Sasha. „Ja, der Typ war seltsam, aber mich beunruhigt eher das, was er gesagt hat, als sein Aussehen. Dieser Mann war ja schon fast gruselig…“ Das Mädchen schauderte. Adocaz bellte leise, als würde er die Meinung seiner Besitzerin teilen und musste dann niesen. Cheyenne und die junge Frau mussten grinsen und schnell vergaßen sie den seltsamen Mann wieder. Dann sprach Sasha ein wichtigeres Thema an. „Also, hör mal, Cheyenne. Ich hab doch gesagt, ich muss mit dir über etwas reden, was deine Zukunft angeht… Ich wüsste vielleicht, wie wir dich vor den Rittern beschützen können. Glaczio hat mir gesagt, er hat dir schon mal etwas von den Schattendienern erzählt, nicht wahr? Sie sind ja Erzfeinde der Ritter und ich kann mir gut vorstellen, dass sie dich beschützen und bei sich aufnehmen würden, als einer von ihnen. Die Blechbüchsen wollen dich ja unbedingt haben, so wie es aussieht, also hätten die Schattendiener und du etwas davon. Wenn die Ritter dich töten wollen, sehen sie dich als Feind, aber in diesem Fall wärst du ja für die Freiheitskämpfer eigentlich das Gegenteil, also ein Verbündeter. Und wenn du dich ihnen dann auch noch anschließt, kriegen dich die Ritter nicht und du hast den Schutz der Schattendiener. Das ist für Beide ein Vorteil. Also, die Schattendiener können dir vielleicht keine Garantie auf Sicherheit geben, naja, wer kann das schon, aber besser, als gar nichts ist es allemal. Ich könnte dich zu einem ihrer Standpunkte bringen und auf diese Weise würden wir länger zusammenbleiben. Ich freu mich richtig endlich eine Freundin gefunden zu haben, also will ich bei dir sein. Ich melde mich sogar freiwillig, um dich zu beschützen.“

Cheyenne war überrascht. Sie redet ja so, als wäre sie selbst eine von den Schattendienern. Aber Recht hat sie, es wäre für mich und diese Freiheitskämpfer ein Gewinn. Diese Idee ist eigentlich richtig gut, ich hasse die Ritter, also warum stelle ich mich nicht auf die Seite ihrer Feinde? Ja, das werde ich machen. Hm, Sasha betrachtet mich schon als Freundin. Wie schön. Dann werd ich das von nun an auch tun. Das Mädchen antwortete ihrer neu gewonnenen Freundin. „Du hast Recht. Ich bin einverstanden und will mich den Schattendienern anschließen. Hat man da dann eine bestimmte Aufgabe, die man als Mitglied erledigen muss? Ähm, Sasha… Bist du eine von ihnen? Du hast dich gerade so angehört, als wüsstest du ziemlich viel über sie.“ Die junge Frau grinste und antwortete. „Hihi, ja ganz Recht, ich gehöre auf deren Seite. Die Ritter…“ Sie schaute sich um, bevor sie weitersprach, aber niemand war in der Nähe, also setzte sie fort. „… sind eine Plage. Das sind alles Schwachköpfe mit Erbsengehirnen. Wenn die so weitermachen, wird die Welt noch vor uns sterben. Es ist ja jetzt schon so schlimm. Aber ich finde es super, dass du dich so entschieden hast. Es ist wirklich besser so, glaub mir. Ah ja, genau. Was du machen musst, hast du gefragt? Also, da die Ritter dich so unbedingt haben wollen, denk ich, dass du auch einfach so aufgenommen wirst. Was du danach machst, bleibt dir überlassen, aber wenn es einen Krieg gibt, kann es sein, dass du dich daran beteiligen musst. Du hast einen Bogen, nicht wahr? Wenn du mit dem gut umgehen kannst, kämpfst du im Hintergrund bei den anderen Bogenschützen. Aber darüber musst du dir nicht so viele Gedanken machen, sie rufen nur diejenigen Mitglieder, die sich in der Nähe des Ortes, an dem der Krieg stattfindet, aufhalten. Von diesen Plätzen sind wir hier meilenweit entfernt. Aber, eigentlich bezweifle ich, dass sie dich einem solchen Kampf aussetzten, denn das Ziel der Ritter scheint ja dein Tod zu sein und im Krieg könntest du sterben. Wir müssen die Ziele der Blechbüchsen unerreichbar machen…“ Cheyenne schien die richtige Entscheidung getroffen zu haben und sie fand es erstaunlich, dass ihre Freundin eine von den Schattendienern war. Sie war neugierig und wollte wissen, was Sasha für eine Aufgabe hatte. „Das hört sich toll an. Danke, dass du mir diesen Vorschlag gemacht hast. Was machst du eigentlich für die Schattendiener?“ Sasha gab dem Mädchen stolz eine Antwort. „Ich bin Feldspionin. Das ist die beste Aufgabe, die du eigentlich zugeteilt bekommen kannst. Das Einzige, was ich tun muss, ist, durchs Land zu reisen und mich dabei umzuhören. Ich muss so viel wie möglich über die Ritter und deren Pläne herausfinden und meinem zugeteilten Clan Informationen zuspielen. Diese Infos werden dann an den Imperator, also den Boss des Schattenclans, weitergeleitet und der gibt sie dann an den Superator, das ist der Boss aller Schattenclans der fünf Kontinente, in welchem sich jeweils mindestens ein Clan befindet, weiter. Dieser bestimmt dann wiederum, wie wir weiter vorgehen und handeln. Also er ist der Boss der Imperatoren, die uns Schattendienern die Aufgaben geben. Das klingt jetzt erst mal sehr verwirrend, nicht wahr?“ Doch Cheyenne glaubte zu verstehen und gab Sasha eine Zusammenfassung von dem, was diese gerade zu erklären versucht hatte. „Nein, nein, ich finde es gar nicht so verwirrend. Also, die Schattendiener sind wir, die Mitglieder, welche alle Aufgaben haben. Ich zähle mich einfach schon mal dazu. Wir sind einem Clan zugeteilt, der sich in unserer Nähe befindet. Pro Kontinent gibt es mindestens einen Clan und sie werden geleitet von Imperatoren. Der große Anführer der Schattendiener und Befehlsgeber der Imperatoren ist der Superator. Hab ich das richtig verstanden? Ist doch gar nicht so schwer zu verstehen. Hihi.“ Sasha nickte und freute sich. „Ja, genau, Cheyenne, du hast es verstanden. Ich bin stolz auf dich, du hast kapiert, was ich erklärt hab. Die meisten finden meine Erklärungen immer sehr kompliziert. Also gut. Du, ich glaub, wir haben jetzt ganz Saraley durchsucht, dein Freund scheint noch nicht da zu sein. Lass uns zurück zur Gaststätte gehen. Ich will Glaczio unter die Nase reiben, dass ich dich überreden konnte, er hat nämlich geglaubt, dass du dagegen wärst, weil du keine Leute mehr wegen dir in Gefahr bringen wolltest. Aber keine Sorge, die Schattendiener können gut auf sich aufpassen. Komm, gehen wir zurück.“ Sasha schaffte es einfach immer wieder, dass sich Cheyenne besser fühlte, egal in welcher Hinsicht. Sie freute sich, nun eine so gute Freundin zu haben. So gingen das Mädchen, die junge Frau und Adocaz zurück zur Gaststätte.

 

Am Himmel waren viele bunte Wolken zu sehen und die Quelle des Lebens bewegte sich bereits auf den Horizont zu. Bald schon würde sie hinter dem blauen Meer verschwinden. Es war also bereits später Nachmittag.

Als Cheyenne, Sasha und Adocaz an der Gaststätte ankamen, schien Glaczio bereits auf sie zu warten, denn er stand gegen die Hauswand gelehnt da und beobachtete einen Schmetterling, der gerade an ihm vorbei flatterte. Als er die drei näherkommen sah, stieß er sich von der Wand ab und verschränkte die Arme. Der Wind spielte mit seinen langen, eisblauen Haaren, als er Cheyenne zuzwinkerte. Die seufzte und Sasha verdrehte die Augen, bevor sie den Mund öffnete, um ihm zu sagen, dass er Unrecht gehabt hatte. „Hey Eiszapfen, Cheyenne hat meinen Vorschlag angenommen. Was sagst du jetzt, hm?“ Der Heiler grinste und ließ sich von der jungen Frau nicht aus der Ruhe bringen. Gelassen gab er ihr eine Antwort. „Sehr gut, dann hat mein Engelchen zur Abwechslung einmal eine kluge Entscheidung getroffen. Ich habe übrigens auch einen Vorschlag für dich, Püppchen. Was hältst du von ein bisschen Kamptraining? Du musst langsam wirklich lernen, dich zu wehren und zu verteidigen. Die letzten paar Male bist du gut und nahezu unverletzt davongekommen, aber es wird nicht immer so glimpflich ausgehen. Hinter der Gaststätte ist ein großer Gartenbereich, da gehen wir jetzt hin und ich bringe dir einige Dinge bei, Süße.“ Er wandte sich ab und ging hinter das große Haus. Sasha schien seinen Vorschlag zur Abwechslung gut zu finden und folgte ihm. Zaghaft tapste Cheyenne hinterher, während Adocaz voller Freude hinter die Gaststätte stürmte. War das… sein Ernst? Er will mir etwas beibringen? Er will mit mir trainieren? Das heißt dann wahrscheinlich auch, dass er mit mir kämpfen wird… Ich hab doch nie im Leben eine Chance gegen Glaczio… Wenn ich mich daran zurückerinnere, was er mit den Rittern gemacht hat… Aber es stimmt schon irgendwie. Ich muss lernen, mich zumindest zu verteidigen. Dann wär ich nicht mehr so auf Hilfe angewiesen und andere müssten sich nicht mehr wegen mir in Lebensgefahr begeben. Hm… Also schön… Augen zu und durch.

Im Garten angekommen, sah das Mädchen Sasha bereits auf einer steinernen Bank sitzen und Adocaz lag neben ihr auf dem Grasboden. Glaczio stand mitten in der Wiese und wartete bereits. Der Gartenbereich war voller Obstbäume und bunter Blumen und durch ein Tor aus Rosen konnte man, über ein paar Treppen, auf eine Terrasse gelangen, von der aus ein Weg zum Strand führte. Es war ein wunderschöner Platz.

 

Der Heiler ging auf Cheyenne zu und dachte nach, ehe er mit ihr sprach. „Also gut, Engelchen. Du hast einen ausklappbaren Bogen, soweit ich das sehe, sonst noch irgendeine richtige Kampfwaffe?“ Das Mädchen schüttelte den Kopf, denn das Einzige, was sie außer dem Bogen noch hatte, war das kleine Messer, aber damit konnte sie im Kampf nicht viel anfangen. Glaczio schien das genauso zu sehen, denn er betrachtete es skeptisch und ging nicht weiter darauf ein. Dann fuhr er fort. „Nun gut, bis du ein Schwert hast, wirst du mit deinem Bogen auskommen müssen. Ich gehe davon aus, du kannst damit umgehen und deine Pfeile treffen ihr Ziel?“ Wieder nickte Cheyenne und der Heiler sprach weiter. „Wunderbar. Ich hatte vorher übrigens schon beim Schmied hier vorbeigeschaut, wegen deines Schwertes, aber das Geschäft war bedauerlicherweise geschlossen. Nun denn, klapp deinen Bogen aus, Pfeile brauchst du jetzt keine. Aber so wie ich das sehe, hast du eh gar keine dabei.“ Er ging wieder zur Mitte des Gartens und bedeutete dem Mädchen, sich ihm gegenüberzustellen. Das tat sie auch und klappte unterdessen den schwarzen Metallbogen auf. Sie drückte den seitlich daran befindenden Knopf und der Kampfgegenstand maximierte seine Größe innerhalb einer halben Sekunde. Glaczio musterte den außergewöhnlich großen Bogen und Cheyenne erzählte stolz etwas über ihre Waffe. „Beeindruckend, nicht wahr? Den hab ich schon seit ich denken kann, aber meine Großeltern haben ihn mir erst zu meinem zehnten Geburtstag gegeben, weil sie meinten es sei ja so eine gefährliche Waffe. Als ich ihn dann endlich bekam, hab ich jeden Tag damit Zielen geübt und mittlerweile kann ich das echt gut. Er braucht übrigens keine Pfeile, Glaczio. Die erscheinen einfach so, wenn ich mich konzentriere und mir Einen vorstelle. Und nun, da ich weiß, dass schwarzer Nebel oder schwarzes Feuer, Umbraurore ist, würd ich sagen, es sind Umbraurore-Pfeile. Aber Umbraurore kann doch eigentlich keine physische Form annehmen, oder? Dann müsste das ja dann Magie sein, stimmt‘s?“ Damit die Anderen ihr auch glaubten, ließ Cheyenne einen schwarzen Pfeil erscheinen und ihn wieder verschwinden. Der Heiler betrachtete weiterhin nachdenklich den Bogen und tauschte einen Blick mit Sasha, ehe er dem Mädchen antwortete. „Engelchen… Du hast diesen Bogen also schon seit du denken kannst, ja? Sehr seltsam… Ich weiß, du willst wissen, was ich denke, nicht wahr? Also, das war definitiv Umbraurore. Verwechslung ausgeschlossen. Aber es war keine normale Elementar-Magie. Das war Umbraurore in seiner reinsten und klarsten Form, die Sache ist nur… Für einen normalen Menschen ist es schlicht und einfach unmöglich pures Umbraurore, oder auch unphysisches Lumenium, so stark zu kontrollieren. Die wenigen Leute, die das machen, sind dazu nur über hochentwickelte Geräte, aus Forschungslaboren fähig, aber diese Forschung steckt noch in den Kinderschuhen und hat erst vor ein paar Jahren begonnen. Voran geht das auch nicht wirklich, weil die Ritter die meisten Labore schließen lassen, wenn sie herausfinden, dass mit Umbraurore experimentiert wird. So einen Bogen hab ich auch noch nie gesehen. Ich würde fast vermuten, er ist auf derselben Basis, wie ein Elementar-Schwert entstanden, nur eben, dass dieser Bogen kein bestimmtes Element hat… Es sei denn… Er trägt das der Finsternis in sich… Dieses ist pures Umbraurore in minimal umgewandelter Form und erzeugt schwarze Magie, welche viel stärker wirkt, als alle anderen Elementar-Zauber. Aber das ist unmöglich, niemand auf dieser Welt kann das Element Finsternis noch herstellen und so auch keine Waffe damit machen. Die Leute wissen nicht mehr, wie man eine der speziellen Umbraurore Kugeln, die Elemente annehmen, mit Finsternis in Berührung bringt. Doch selbst, wenn man dies auf wundersame Weise schaffen würde, könnte kein normaler Mensch damit umgehen… Hm… Hehe, Engelchen, du hast da eine enorm außergewöhnliche Waffe und eine besondere Gabe, Umbraurore zu kontrollieren. Du bist eine von den Leuten, die sehr viel von der Lebenskraft in ihrem Körper haben. Das heißt auch, dass du im Stande sein müsstest, Elementar-Magie zu wirken. Aber erst bring ich dir nun endlich bei, wie man kämpft. Nimm deinen Bogen, wie ein Schwert und greif mich an.“ Glaczio legte den Kopf schief und wartete. Während er zuvor gesprochen hatte, tauschten der Heiler und Sasha von Zeit zu Zeit vielsagende Blicke. Wieder schienen sie dem Mädchen etwas zu verheimlichen. Mein Bogen soll besonders sein? Und erst sagt er, kein normaler Mensch könnte Umbraurore beherrschen, dann ändert er seine Meinung und will mir erzählen, ich sei genau deswegen besonders? Also denkt er jetzt ich bin nicht normal, oder wie? Und ich soll schwarze Magie beherrschen können?! Pures Umbraurore in Finsternis-Elementform? Aber dann hat er gesagt, das wäre unmöglich… Cheyennes Gedanken wurden unterbrochen, denn Glaczio forderte sie erneut zum Angriff auf. „Hey, Engelchen. Komm schon, greif mich an. Ich weiß es ist schwer, gegen jemanden zu kämpfen, der so hübsch und stark ist, aber du schaffst das schon. Denk einfach daran, wie sehr du mich hasst, dafür, dass ich dir diese Kosenamen gebe, dir deiner Meinung nach immer so viele Sachen verheimliche und ich bin sicher, Sasha hat dir auch einige schlimme Dinge über mich erzählt, die dir nicht gefallen. Und falls das nicht der Fall sein sollte, stell dir einfach vor du wärst Sasha und ich dein Todfeind, du bist so unendlich wütend auf mich und hasst nichts mehr auf der Welt, als den armen, lieben Glaczio. Auf in den Kampf, hübscher Engel!“ Nun, da der Heiler, so vieles aufgezählt hatte, war Cheyenne wirklich richtig wütend geworden. Sie selbst fügte noch einige ärgerliche Überlegungen in Gedanken hinzu, um sicher zu gehen, ihn auch tatsächlich angreifen zu können. Warum will er mir einfach nicht erzählen, was vor sich geht? Warum ist er, um es mit Sashas Worten zu sagen, so ein Vollidiot und nutzt Mädchen so zu seinen Gunsten aus? Cheyenne fühlte sich nun bereit und lief auf den Heiler zu. Der hatte zum Glück nicht sein Schwert, sondern einen Holzstock in der Hand und wartete auf den Angriff. Sie hob ihren Bogen, holte weit aus und schlug damit zu. Ohne große Mühe, blockte Glaczio, den Stock nur in einer Hand haltend, den Angriff ab und stieß das Mädchen dabei zurück, aber Cheyenne gab nicht auf und versuchte es erneut. Keine gute Entscheidung, denn ihr Kampfpartner schien geradezu darauf gewartet zu haben. Noch bevor sie angreifen konnte, stoppte er sie mit einem ausreichend kräftigem Schlag auf den Bauch und sie musste zurückweichen, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Allerdings hatte er seinen Fuß hinter ihre Beine gestellt, so stolperte sie direkt über diesen und fiel nach hinten zu Boden. Aus halbgeschlossenen Augen sah der Heiler Cheyenne grinsend an und hielt ihr den Holzstock an den Hals. In diesem Moment hätte Cheyenne nicht sicher behaupten können, dass er kein Feind war.

Sasha hatte die ganze Zeit über zugesehen und war entsetzt. „Glaczio, bist du total bescheuert? Was sollte das eben? Du weißt doch, dass sie keine Ahnung vom Kämpfen hat und du wendest schon deine fiesesten Tricks an? Und nimm verdammt noch mal den Stock von ihrem Hals weg! Ist denn das zu fassen…“ Der Heiler seufzte und half dem Mädchen aufzustehen, dabei erkundigte er sich über ihren Zustand. „Alles in Ordnung, Engelchen? Du hast gerade alles falsch gemacht, was möglich war. Hehe. Aber nun weiß ich wenigstens, woran wir arbeiten müssen. Das wird viel Arbeit, Süße… Tut mir leid, für das gerade eben, aber deine Feinde werden auch nicht so zimperlich mit dir umgehen. Zurzeit haben wir es zwar nur mit Rittern zu tun, die einfach stur angreifen, aber man weiß ja nie, was noch kommt. Nun gut, mal sehen. Du bist klein und zierlich, also müssen wir bei dir mehr an Abwehr, Reaktion und Schnelligkeit arbeiten. Wenn dich ein richtig starker Ritter angreift, bist du kein Gegner für ihn, wenn du nicht schnell genug ausweichst. Du hättest nicht ausreichend viel Kraft, seinen Angriff abzublocken und ihm Widerstand zu leisten. Also werde ich dich dieselben Methoden lehren, die ich auch verwende. Erst mal solltest du die Ruhe in Person sein, du musst dich enorm konzentrieren, damit du schnell und klug nachdenken kannst, was du als Nächstes machst. Dann darfst du den Feind nie aus den Augen verlieren, wenn du nicht hundertprozentig sicher bist, wo er sich befindet. Klug bist du, sowie ich das beurteile und wenn du dich an den Nahkampf gewohnt hast, hast du garantiert dieselbe Reaktionsfähigkeit, Ruhe und Konzentration, als wenn du mit deinem Bogen arbeitest. Bleibt nur noch Schnelligkeit und Abwehr. Ein paar fiese Tricks können auch nicht schaden. Hehe. Wenn du das alles beherrscht, zeig ich dir, wie man richtig und bedacht angreift und wir beschäftigen uns ein wenig mit der Elementar-Magie. Du musst immer einen Schritt vorausdenken. Ich weiß, dass dies für jemanden, der nicht so eine enorm hohe Intelligenz hat, wie ich, schwer ist, aber Sasha hier kriegt das ja auch einigermaßen hin. Auch wenn sie meistens nur stur angreift, genau wie die Ritter. Aber um ehrlich zu sein, glaub ich, du wirst sehr schnell lernen, denn ich halte dich wirklich für ziemlich intelligent, Engelchen. Du hast zum Beispiel keinerlei Probleme damit, komplizierte Dinge zu verstehen. Ungewöhnlich für jemanden aus der Unterstadt, aber umso trauriger ist es, dass deine Klugheit nie gefördert wurde. Wie auch immer, fangen wir mit dem Training an.“ Cheyenne verstand, worauf sie sich beim Kampf konzentrieren musste. Es war vermutlich nur eine Sache der Übung. Er hat gesagt, er will mir sogar Elementar-Magie beibringen. Das ist ja toll! Aber werde ich wirklich je in der Lage sein, jemanden anzugreifen und zu verletzten? Vielleicht muss ich sogar mal jemanden töten… Ich weiß nicht, ob ich dazu fähig bin…  So begann das Training und Glaczio brachte dem Mädchen viele wichtige Dinge und die Grundlagen des Kampfes bei.

Ein paar Stunden später hatte Cheyenne den Großteil des Beigebrachten verinnerlicht und konnte es ausgezeichnet im Kampf anwenden. Einmal hatte sie es bereits geschafft, Glaczio im Trainingskampf zu besiegen. Auch, wenn er ganz offensichtlich das Mädchen, ohne Widerstand, nach einem langen Kampf triumphieren ließ, zählte sie es als einen Sieg. Sasha hatte sich tierisch gefreut, als der Heiler sich geschlagen gab, aber er hatte sie gar nicht beachtet und weiter sein Training durchgezogen. Lehrer und Schülerin schienen viel Spaß zu haben. Nun war es schon Abend, die Chromasterne wurden blasser und einige waren schon am Horizont verschwunden.

Glaczio warf den Stock beiseite und zog sein Schwert aus dessen Halterung. Die Kälte, die von der Klinge ausging, war deutlich zu sehen, denn die schwere eisige Luft sank als ein hellblauer Nebel auf den Boden und löste sich langsam auf. Das Eisschwert hatte einige Zeichen und Muster auf der Klinge und man sah durch das blassblaue Metall die Elementar-Kugel. Eine wirklich schöne Waffe. Cheyenne fand es fast schon traurig, dass etwas so wundervolles, als Todeswerkzeug diente. Was will er denn jetzt mit seinem Schwert… Der Heiler spielte ein wenig mit dem scharfen Gegenstand herum und zeigte dann mit dessen Spitze auf das Mädchen. Herausfordernd sah er sie an und verriet sein Vorhaben. „So, Engelchen. Der letzte Kampf für heute. Metall gegen Metall. Wenn du dich jetzt nicht verletzt, hast du das heutige Training gemeistert. Greif mich an.“ Cheyenne war geschockt. Meinte er das ernst? Sie sollte seiner Eisklinge standhalten, ohne sich zu verletzen? Aber sie glaubte, dass sie das hinbekäme und selbst wenn etwas passieren würde, er war ja Heiler.

Das Mädchen tapste langsam auf Glaczio zu. Als sie ihm bereits ziemlich nah war, schlug er blitzschnell mit dem Schwert zu, doch Cheyenne war ebenfalls schnell geworden und blockte ab. Einige Male traf seine Klinge auf ihren Bogen und der Angreifer zwang sie somit, nach hinten zu gehen. Sie schaffte es kurz ihn zurückzuschubsen und er lobte das Mädchen, bevor ein weiterer Angriff seinerseits folgte. Nach weiteren Abblockmanövern stieß Cheyenne gegen einen Baum und konnte nicht weiter zurückweichen. Der Heiler drückte das Eisschwert stark gegen den Metallbogen, wenn sie jetzt nachgäbe, würde die Klinge ihr in den Hals schneiden. Über sich sah sie, einige Äste an diesem Baum herabhängen. Sie schubste Glaczio mit aller Kraft von sich weg, sprang nach oben, um sich an den Zweigen festzuhalten und als ihr Angreifer wieder näher kam, trat sie ihn mit den Füßen. Er war nach hinten gefallen, machte jedoch eine Rückwärtsrolle und stand wieder auf den Beinen, bereit für einen weiteren Angriff. Cheyenne hatte genau das gehofft, nun konnte sie von dem Baum weg und hatte sich aus der misslichen Lage befreit. Dann ging sie seitlich auf den Heiler zu und versuchte ihn anzugreifen. Er wendete denselben Trick, wie bei ihrem allerersten Kampf an und stellte dem Mädchen einen Fuß. Sie fiel wieder zurück, diesmal jedoch geplant, landete auf den Händen und verlagerte ihr ganzes Gewicht auf diese. Dann schwang sie die Beine nach oben, schlug mit ihnen das Eisschwert aus der Hand Glaczios, befand sich für eine halbe Sekunde im Handstand und kam dann wieder mit den Beinen auf dem Boden auf, weiter von ihrem Gegner entfernt als zuvor. Der Heiler schien sehr überrascht und holte sein Schwert, das einige Meter entfernt in der Erde steckte. Währenddessen lobte er seine Schülerin. „Perfekt. Besser hätte man das nicht machen können. Engelchen, du hast mir gar nicht erzählt, dass du einen solchen Überschlag kannst und das auch noch nach hinten. Beeindruckend.“ Cheyenne freute sich und bedankte sich. „Danke, dass du mir so viel beigebracht hast, ich denke, ich habe alles verstanden. Ich konnte auch nie zuvor einen Überschlag, hab ich auch noch nie ausprobiert, aber das zu versuchen schien mir gerade die einzige Möglichkeit zu sein, nicht hinzufallen.“ Der Heiler hatte sein Schwert aufgehoben und wieder in der Halterung verstaut. Aber er blieb stehen und sagte ein paar leise Worte. „Du… lernst sehr schnell und gut, Engelchen… Es ist fast so, als hättest du das Kämpfen im Blut. Ich habe diese Art von Überschlag damals auch ziemlich schnell und ohne viel Nachdenken hinbekommen…“ Langsam drehte er sich um und sah dem Mädchen direkt in die Augen. Er wirkte wieder einmal sehr nachdenklich, aber diesmal auf eine andere Weise. Sasha und Adocaz waren auch nähergekommen. Die junge Frau ging zu dem Heiler und flüsterte ihm etwas zu. „Denkst du nicht auch, wir sollten es ihr langsam sagen? Wie viele Beweise willst du denn noch? Ein normaler Mensch könnte doch niemals so schnell diese ganzen Kampftechniken lernen und das weißt du.“ Cheyenne verstand jedes einzelne Wort, was ihre Freundin sprach. Glaczio schloss die Augen und seufzte, ehe er Sasha antwortete. „Ich wollte mir eigentlich zuerst ganz sicher sein, bevor wir ihr unnötige Sorgen bereiten. Aber auf der anderen Seite… hast du Recht. Wir verschweigen es schon viel zu lange vor ihr und da alles zurzeit dafürspricht, sollten wir ihr langsam die Wahrheit erzählen.“ Der Heiler öffnete die Augen und sah Cheyenne wieder an. Was geht denn jetzt ab? Was für eine Wahrheit und was soll ich denn wissen? Sie wurde nervös und fragte nach, in der Hoffnung nun endlich alle Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. „Was meint ihr? Würdet ihr mir nun freundlicherweise endlich sagen, was hier vor sich geht? Was für Beweise meint ihr und welche Wahrheit? Bitte sagt mir doch, was los ist…“ Sasha schien im Gegensatz zu Glaczio überrascht, dass Cheyenne schon wieder das Flüstern gehört hatte und trat einen Schritt zurück. Mitfühlend sah sie das Mädchen an und überließ dem Heiler das Sprechen. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen er außergewöhnlich ernst war. „Ich hätte mich gerne getäuscht. Aber es spricht zurzeit alles dafür. Schon als ich dich das erste Mal gesehen hab, kamst du mir irgendwie anders vor, Engelchen. Dann hast du mir deine Geschichte erzählt und mir diese Schriftrolle gezeigt. Die Ritter sehen dich, ein Mädchen von siebzehn Jahren, das noch nie irgendjemandem etwas zuleide getan hat, als Bedrohung an. Seltsam, nicht wahr? Du besitzt einen schwarzen Kristall, den sie haben wollen. Du hast eine erstaunlich gute Heilfähigkeit und lernst unglaublich schnell. Dein Bogen ist eine Waffe, die eigentlich nicht existieren kann… Wenn man dies alles bedenkt… bin ich mir beinahe sicher, dass unsere Vermutung korrekt ist. Cheyenne LeBlesse… Wir glauben, du bist… die Auserwählte der Finsternis.“

Das Mädchen stand verwirrt da. So, wie Glaczio das gerade gesagt hatte, schien diese Sache nicht gut zu sein. Aber sie verstand ohnehin nicht ganz, was das nun bedeutete. Auserwählte? Ähm… Ich? Was heißt denn das nun wieder? Also echt, wenn er mir jetzt endlich die Wahrheit sagt, könnte er es wenigstens so tun, dass ich es auch verstehe.  Cheyenne setzte einen fragenden Blick auf und der Heiler seufzte. Sasha begann nun an seiner Stelle zu reden. „Also… Erst mal ist das ja nur eine Vermutung, wir sind uns nicht ganz sicher, aber wie Glaczio bereits gesagt hat… Es spricht leider so ziemlich alles dafür. Ähm… Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, weißt du gar nicht von was wir hier gerade reden oder was das bedeutet… Nun, also ich weiß nicht… vielleicht ist es besser, wenn wir es dir doch noch nicht sagen.“ Sie wandte verlegen den Blick ab, aber Glaczio schüttelte langsam den Kopf und machte Cheyennes Freundin einen Vorwurf. „Es war deine Idee, es ihr zu sagen, Zuckerschnecke, also erklär ihr auch, was diese Situation nun bedeutet. Jetzt ist es zu spät, um zu schweigen.“ Doch Sasha schloss die Augen. Der Heiler seufzte und übernahm das Sprechen für die junge Frau. „Ich sehe schon, dass der unangenehme Teil, wieder einmal, an mir hängen bleibt… Also gut, Engelchen. Wie Sasha-Mäuschen hier schon erwähnt hat, gebe ich dir zurzeit noch keine Garantie auf unsere Vermutung, aber wenn es wirklich so wäre, hättest du ein großes Problem. Denn du würdest ständig verfolgt werden, immer in Gefahr sein und man würde weiterhin versuchen dich zu töten, du hättest eine Bestimmung, ein Schicksal, welches du erfüllen musst und somit könntest du dein Leben nicht frei gestalten, so wie du es gerne hättest und was für dich wahrscheinlich das Schlimmste an all dem wäre, ist, dass du noch viele Leute, wegen dir und für dich, wirst sterben sehen. Falls du tatsächlich die Auserwählte sein solltest, wäre es klar, warum du gejagt wirst und Atropax deinen Kristall haben will... Hm… Wo soll ich nur anfangen? Es gibt eine Legende von zwei Göttern, die im Yin-Yang-Zeitalter über diese Welt wachten und sie beschützten. Aber eines Tages, so sagt man, fingen sie an zu streiten und ihre Stimmung übertrug sich auf die Menschen, welche von ihrer Existenz wussten und sie verehrten. Die gesamte Weltbevölkerung teilte sich entzwei; Die Einen waren Anhänger der Göttin der Finsternis, die anderen standen auf der Seite des Gottes des Lichts. Schließlich kam es zu einem großen Krieg, in dem ein Großteil der Welt zerstört und die Menschheit nahezu ausgerottet wurde. Die Götter gaben einander die Schuld und es kam zu einem erbitterten Kampf zwischen ihnen. Dann kam die große Apokalypse, in der die Welt sich veränderte und allen Toten, auf wundersame Weise, wieder Leben eingehaucht wurde. Lange Zeit herrschte Frieden, bis ein paar Leute Aufzeichnungen in alten Tempeln gefunden hatten. Die Schriftstücke waren von den Menschen, die auf der Seite des Gottes gekämpft hatten und aus denen ging natürlich hervor, dass die Göttin im Unrecht war. Die Leute, welche diese alten Aufzeichnungen gefunden hatten, vermuteten dann, dass die Göttin der Finsternis im Kampf gegen den Gott des Lichts gesiegt hatte und die Welt zu ihren Gunsten verändert hat, so wie sie heute ist. Denn nirgendwo gab es noch weißes Licht, von welchem in den antiken Schriften die Rede war. Auch der Himmel schien sich verändert zu haben, denn damals, so stand es geschrieben, waren die Sterne weiß und das schwarze Noxastrum Vitae existierte nicht, stattdessen ein weiß strahlender Planet, den die Leute ‚Sonne‘ nannten. Ein Weiterer, der ‚Mond‘ genannt wurde, verschwand auch. Alles was weiß war, schien verbannt worden zu sein. Nun fiel es den Leuten nicht mehr schwer, den alten Schriften Glauben zu schenken und sie gründeten die Ritterschaft, mit dem Ziel, die alte Welt wiederherzustellen und dem Gott des Lichts zu helfen, die Göttin der Finsternis ein für alle Mal zu besiegen. Sie erhoffen sich dann seine Hilfe und Unterstützung, die Menschheit von sich und ihren Führungsqualitäten zu überzeugen, um die Welt in eine glorreiche Zukunft zu führen. Denn wenn schließlich alle auf ihrer Seite sind, müssten sie auch nicht mehr so viele Leute töten. Das hört sich nun gar nicht nach den bösen Rittern an, nicht wahr, Engelchen? Du denkst nun sicher, dass ihre Ziele eigentlich nicht verwerflich, sondern gut angesetzt sind. Ja, das dachte ich auch am Anfang. Aber dann gründeten sich die Schattendiener, denn sie hatten Aufzeichnungen gefunden, von denen, die auf der Seite der Göttin waren. In jenen stand geschrieben, dass die alte Welt zum Tode verurteilt gewesen war, wenn nicht etwas unternommen worden wäre. Das schien auch der Grund für den Streit der Götter gewesen zu sein. Die antiken Schriften auf dieser Seite besagten, dass der Gott für die Welt verantwortlich und zu nachlässig gewesen war, sodass das Land langsam abstarb. Die Göttin, die sich um alles Leben gekümmert hatte, schien also keine Wahl gehabt zu haben, als gegen ihn zu kämpfen und die Welt zu Gunsten aller ihrer Lebewesen zu verändern. Die Schattendiener halten somit das Vorhaben der Ritter, die sterbende Welt wieder zu erschaffen, für absolut wahnsinnig. Zudem vermuten Archäologen, dass es im Yin-Yang-Zeitalter kein Umbraurore und kein Lumenium gab, aber wir können heutzutage ohne diese beiden Kräfte nicht mehr leben. Wenn die alte Welt also wiederhergestellt wird, sind wir demnach alle zum Tode verurteilt. Diese Theorie ist zwar noch nicht bewiesen, aber durchaus möglich. Ich vermute, dass die Ritter auch aus diesen Gründen so viel mit Lumenium experimentieren, entweder sie wollen neben der eigentlichen Forschung noch testen, wie die Welt reagiert oder die Verschwendung der Kraft ist ihnen egal, da sie bald ohnehin alles verändern werden. Ich für meinen Teil halte nichts von den Plänen der Ritterschaft. Es ist viel zu leichtsinnig, wie sie vorgehen, sie könnten möglicherweise die ganze Welt ausrotten mit ihrem Vorhaben. Meiner Meinung nach sollen die alles so lassen, wie es jetzt ist und die vielen Experimente verringern. Es gab sicher einen guten Grund, dass die Welt sich verändert hat, ob man nun der Legende von den Göttern Glauben schenkt oder nicht…“ Cheyenne hatte die ganze Zeit aufmerksam zugehört und fand es interessant, so viel über die Welt zu erfahren. Wahnsinn, wie viel er weiß… Hm… Göttin der Finsternis… Auserwählte der Finsternis… Kann es vielleicht sein, dass das zusammenhängt? Bisher hat er ja noch nichts über diese Auserwählten-Sache erzählt, außer die Probleme und Schwierigkeiten, die das mit sich bringt…

Das Mädchen war verunsichert und sogar etwas ängstlich, nach allem, was ihr soeben erzählt wurde, versuchte aber ruhig zu bleiben und wartete, bis der Heiler weitersprach. „Nun kennst du diese alte Legende und weißt mehr über Ritter und Schattendiener. Ich wette du fragst dich gerade, warum ich dir davon erzählt habe, immerhin wolltest du eigentlich etwas über den Begriff ‚Auserwählte‘ wissen. Nun, du kannst dir vermutlich schon denken, dass dies alles zusammenhängt… Seit der Apokalypse waren die Götter nie mehr gesehen worden. Deswegen sind sie mittlerweile nach so langer Zeit nur noch Legenden. Aber vor zwanzig Jahren passierte etwas, das auf ihre Existenz hinweist, sie scheinen sich den Menschen nur nicht mehr zu zeigen. Damals wurde ein Kind geboren. Es wird erzählt, dass es in der ersten Nacht seines Lebens, von dem Gott des Lichts besucht wurde, denn es hatte am nächsten Morgen eine Schriftrolle in der Wiege liegen. Auf dem Stück vergilbtem Papier stand mit Lumenium geschrieben, dass dieses Baby der Auserwählte des Lichts sei und der Gott selbst hatte es unterschrieben. Die Ritterschaft hielt das für ein Zeichen, dass der Gott ihr Vorhaben unterstützte und ihnen deswegen den Auserwählten geschenkt hatte. Dieser Junge wurde von den besten Rittern ausgebildet, ihm wurde jeder Wunsch von den Augen abgelesen und er bekam die besten Privatlehrer, damit seine Intelligenz gefördert wurde. Man hielt ihn nämlich für ein Wunderkind, da er viel bessere und schnellere Fortschritte gemacht hat als andere Kinder. Aus diesem Grund haben sie allerdings von Zeit zu Zeit auch an ihm experimentiert… Die Ritter wollten, dass er sie eines Tages anführt, aber dann geschah etwas, das nur sie und der Auserwählte wissen. Denn dieser besondere, vom Gott gesegnete Junge, der zu jener Zeit schon erwachsen war, lief fort. Niemand weiß bis heute, ob er noch lebt, oder wo er sich aufhält. Viele Leute haben ihn bereits vergessen, aber diejenigen, die noch wissen, wer er ist, halten ihn seit damals für einen Verräter, weil er einfach so verschwunden und vor seinen Aufgaben und Pflichten weggelaufen war. Es gibt Gerüchte, dass die Ritter an ihm gezweifelt haben, seit die Auserwählte der Finsternis vor siebzehn Jahren geboren wurde. Denn ihr wurde nicht nur eine Schriftrolle gegeben, sondern auch ein schwarzer Kristall. Die Ritterschaft hat alles daran gesetzt, sie schon als Baby zu finden und zu töten, man wusste, dass sie ebenso wie der Auserwählte, der keinen Kristall erhalten hatte, in Excidoma Magna geboren wurde und dass sie eines Tages zur Gefahr werden könnte. Allerdings ist sie als Kleinkind nicht gefunden worden. Als man sie schließlich entdeckte und sah, dass sie in der Unterstadt lebte und keine Anstalten machte, zu den Schattendienern zu gehen, haben sie das Mädchen nur beobachtet und fürs Erste in Ruhe gelassen. Ich glaube, dass du die Auserwählte bist, Engelchen. Deine Geschichte stimmt perfekt mit der ihren überein. Natürlich können wir es zurzeit nicht ganz sicher sagen, ein Zufall ist noch nicht ausgeschlossen, aber… die Beweise sind ausreichend für eine fünfundneunzigprozentige Vermutung. Jedoch verstehe ich nicht ganz, warum die Ritter dich nun aus heiterem Himmel jagen. Eine große Gefahr bist du nun wirklich nicht gewesen. Sie führen sicher etwas im Schilde… Immerhin wollen die dich nicht nur töten, sondern auch deinen Kristall haben… Aber für was bräuchten die Ritter den schwarzen Kristall der Auserwählten… Es gibt so viele Fragen zu diesem Thema. Wenn die Götter tatsächlich existieren, warum kümmern sie sich nicht mehr um diese Welt? Warum gibt es die Auserwählten überhaupt und was ist ihre Aufgabe? Vielleicht verwenden die Götter euch Auserwählte auch nur, um ihren Kampf weiterzuführen? Dann wäre es vermutlich deine Aufgabe, die Pläne der Ritter zu vereiteln… Allerdings sind dies lediglich einige meiner Überlegungen und sicher können wir uns erst sein, wenn wir die Schriftrolle lesen könnten. Aber es steht ja nichts auf dem Zettel geschrieben, außer deinem Namen und ein paar Buchstaben… Du wirst es wohl selber herausfinden müssen. Aber eines weiß ich ganz sicher: Du darfst auf gar keinen Fall sterben... So, nun bist du über alles informiert, was mir über dieses Thema in der Schule beigebracht wurde.“ Glaczio beendete seinen Vortrag und wandte sich von Cheyenne ab. Er ging auf den Garteneingang zu und hob die Hand zum Abschied. Während er dies tat, begründete er sein Weggehen. „So, ihr zwei Hübschen, ich muss los. Auf mich wartet ein Date und ich bin ohnehin schon sehr spät dran. Bis später, meine Häschen.“ Sasha blickte ihm ungläubig nach und seufzte. „Warum verschwindet er denn jetzt einfach so? Argh… dieser Vollidiot… Er geht immer in den schwierigsten Situationen…“ Die junge Frau schien sich maßlos zu ärgern, aber dann sah sie Cheyenne, die nachdenklich eine Blume anstarrte. Ich soll… jemand so Besonderes sein? Aber ich bin doch nur… ein Mädchen aus der Unterstadt… Ein Niemand… Glaczio hat sich so angehört, als wäre die Auserwählte sehr wichtig und hätte viel Verantwortung zu tragen… Aber das kann ich nicht… Er hat gesagt, dass ich nicht sterben darf… Aber wenn mir nicht ständig jemand geholfen hätte, wäre ich schon lange tot. Ich kann nicht die Auserwählte sein, das darf einfach nicht wahr sein… Ich bin nicht gut genug für so etwas… Ich weiß ja noch nicht einmal, was die Aufgabe der Auserwählten wäre… Außerdem will ich doch eigentlich selbst über mein Leben bestimmen und mir meine Aufgaben selber frei aussuchen… Hm… Glaczio hat auch gesagt, dass es noch nicht sicher feststeht und es eine Verwechslung sein kann. Aber… andererseits wäre das die Antwort auf alle meine Fragen… Das war es, was mir jeder verheimlicht hat. Meine Großeltern, mein bester Freund scheint auch davon gewusst zu haben, die Ritter, Glaczio und sogar Sasha… Aber ich will das alles nicht und eine Gefahr bin ich doch auch nicht, warum wollen die mich trotzdem töten? Was ist, wenn ich mich einfach meiner Aufgabe entziehe, falls ich tatsächlich die Auserwählte sein sollte? Dann hören die Ritter sicher auf, mich zu jagen. Aber ich weiß ja noch nicht mal, was meine Aufgabe ist. Vielleicht sollte ich ihnen einfach meinen Kristall überlassen… Nein… Das wäre irgendwie nicht richtig. Dann würde ich ja meinen Feinden helfen und wahrscheinlich den Tod der Welt herbeirufen. Das will ich auch nicht… Glaczio hat vermutet, ich müsse die Pläne der Ritter durchkreuzen, aber wie zur Hölle soll ich das anstellen? Ich bin doch nur… ich.

Cheyenne war durcheinander. Sie wusste nicht, was sie nun tun sollte. Sasha versuchte sie von ihren trüben Gedanken zu befreien. „Das war jetzt sicher zu viel für dich, hm? Aber versuche einfach, dich noch nicht zu sehr damit auseinanderzusetzten, ok? Wir sind uns ja schließlich noch nicht sicher. Fürs Erste solltest du so weitermachen, wie bisher. Also, dein vorläufiges Ziel ist immer noch, zu den Schattendienern zu gehen. Dann überlegen wir uns alles andere, ja? Wenn du wirklich die Auserwählte bist, dann… musst du sowieso zu uns. Wir haben so lange auf dein Erscheinen gewartet… Als der Superator vor siebzehn Jahren mitbekommen hat, dass nun auch eine Auserwählte der Finsternis geboren wurde, hat er die Kriegsführung gewaltig verstärkt und allen neue Hoffnung gemacht. Deswegen bekamen die Clans damals viele neue Mitglieder, weil mit den guten Aussichten auf eine faire Chance gegen die Ritter die Leute sich getraut hatten, die Seite zu wechseln. Sogar einige der Unentschlossenen kamen zu uns. Und nun werden es noch mehr werden, denn wenn du zu den Schattendienern gehst, wird deren Hoffnung auf einen Sieg gegen die Ritter noch viel höher sein, als zuvor. Mit dir an unserer Seite können wir es schaffen. Ich bin mir ganz sicher. Wir werden den Blechbüchsen schon die Suppe versalzen. Hihi. Und noch ordentlich Pfeffer hinzufügen. Diese Welt hat endlich wieder eine Chance auf eine Zukunft. Danke, Cheyenne.“ Sasha schien sich wahnsinnig zu freuen, nun, da sie all die guten Dinge, die sie durch die Auserwählte erreichen könnten, aufgezählt hatte. Aber Cheyenne fühlte sich nur noch unsicherer. Ihre Freundin hatte es diesmal nicht geschafft sie aufzuheitern. Nach wie vor starrte das Mädchen auf die Blume. Adocaz stupste aufmunternd ihre Hand an, aber selbst das half nicht.

Sasha schien zu merken, dass sie es etwas mit ihrem Optimismus übertrieben hatte und fügte ernster und mit mitfühlendem Blick noch ein paar Sätze hinzu. „Es muss natürlich auch unglaublich schwer sein, das jetzt alles zu verarbeiten und diese ganze Verantwortung zu tragen… Aber… alles wird gut werden, ok?“ Doch Cheyenne schüttelte den Kopf. Ihr war das alles zu viel. „Mein ganzes Leben… ist auf einer Lüge aufgebaut… Nie hat mir jemand die Wahrheit gesagt… Wegen mir sterben Leute und wegen mir gibt es noch mehr Kriege und Tote als ohnehin schon. Und wie soll ausgerechnet ich im Stande sein, die Pläne der Ritter zu vereiteln? Warum ich? Es gibt so viele Menschen auf dieser Welt, warum ausgerechnet ich? Ich kann das alles nicht, ich bin die Falsche… Nein… Ich bin nicht die Auserwählte. Es muss eine Verwechslung sein und das wird sich herausstellen. Hoffentlich schon bald. Ich… Ich will jetzt nicht mehr reden…“ Das Mädchen ging an Sasha vorbei, Adocaz wich ihr nicht von der Seite, als sie den Ausgang des Gartens ansteuerte. Der Feenwolf schien zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war. Cheyenne wollte nicht mehr nachdenken. Warum war sie so neugierig gewesen? Sie wünschte, sie hätte nie gefragt. Ihre Freundin lief ihr nach und gemeinsam gingen sie auf ihr Zimmer in der Gaststätte.

Es war ein wunderschöner Abend. Die letzten Chromasterne am Himmel tauchten das Dorf in ruhige, blasse Farben und spiegelten sich tanzend auf dem Meer wider. Ein kühler Wind trug eine salzige Meeresbrise durch die Gassen und Straßen. Die Chromastraßenlampen wurden eingeschaltet und in den Häusern war ebenfalls bunte Beleuchtung zu sehen. Man hörte Katzen miauen, Hunde bellen, Pferde wiehern und einige Menschen, auf ihrem Weg nach Hause, über alle möglichen Dinge reden.

Cheyenne saß gegen die Wand gelehnt auf ihrem Bett in dem kleinen Zimmer der Gaststätte und sah bedrückt aus dem Fenster. Adocaz lag neben ihr und kuschelte sich an sie. Sasha saß mit angewinkelten Beinen auf dem Holzboden, ebenfalls an eine Wand gelehnt und ihr Blick wanderte zwischen dem Mädchen und dem Feenwolf hin und her. Niemand sagte etwas und so war es enorm still in dem Raum. Auf einmal hörte man von draußen nach Metall klingende Geräusche und raue Stimmen. Ein kurzes Gespräch war zu vernehmen. „Wir vermuten, dass sie hier drin ist.“ „Gut, dann wollen wir doch mal nachsehen.“ „Ja, gehen wir rein.“

Sasha stand alarmiert auf und im selben Moment betrat Glaczio den kleinen Raum, schloss die Holztür hinter sich wieder und verriegelte sie. Die junge Frau meldete sich erschrocken zu Wort. „Meine Güte, sag mal kannst du nicht anklopfen?! Du hast mich zu Tode erschreckt! Volltrottel…“ Der Heiler zeigte sich unbeeindruckt von ihren Worten. „Sasha-Mäuschen, heb dir deine Moralpredigten und Beschimpfungen für später auf. Wir haben gerade ein anderes Problem. Da draußen wimmelt es nur so von Rittern und die werden gleich mit Sicherheit jeden einzelnen Raum hier nach meinem Engelchen durchsuchen. Demnach würde ich vorschlagen, dass wir von hier verschwinden. Ich habe nämlich keine große Lust, meine zwei süßen Häschen mit denen zu teilen.“ Er zwinkerte Cheyenne zu, aber sie wandte den Blick ab und machte keine Anstalten aufzustehen. Sasha ging zu dem Fenster, öffnete es und stellte eine Fluchtmöglichkeit fest. „Hm, das ist nicht allzu tief, hier können wir runterspringen und dann abhauen.“ Sie überlegte nicht weiter und sprang hinaus. Die Aufregung übertrug sich auch auf Adocaz, er fing an unruhig zu winseln und bewegte sich ebenfalls auf das Fenster zu.

Cheyenne saß, nach wie vor, auf dem Bett, ihr war der ganze Trubel egal. Wenn die Ritter sie nun töten würden, ersparte sie vielen Leuten den Tod und die Schattendiener kämen auch ohne sie gut zurecht. Glaczio, der inzwischen nähergekommen war, nahm ihre Arme, zog sie zu sich und brachte das Mädchen zum Aufstehen. Dann nahm er mit seinen kalten Händen ihren Kopf und zwang sie so, ihn anzusehen. Der Heiler blickte Cheyenne tief in die ausdruckslosen Augen und sagte ein paar leise Worte zu ihr. „Ich weiß, woran du denkst, Engelchen. Du willst, dass sie dich hier finden und dich deines Lebens berauben, weil du mit dieser ganzen Auserwählten-Sache nicht klarkommst oder das alles nicht willst, hab ich Recht? Du möchtest vor der Verantwortung, die du tragen musst, weglaufen. Aber so einfach ist es nicht. Ich verstehe, dass du verwirrt bist und dass alles zu viel im Moment ist, aber wirf dein Leben nicht weg. Du musst deine Entscheidungen stets gut durchdenken und darfst deine Handlungen nicht überstürzen, hast du verstanden? Lass dich nicht von dieser Auserwählten-Sache kaputt machen, hörst du? Das ist ganz wichtig... Nur du allein bestimmst über dein eigenes Leben… Außerdem werde ich dich nicht einfach so sterben lassen, verstanden? Jetzt komm, Engelchen!“ Er hat Recht… Es ist mein Leben… Wenn die Leute für mich sterben wollen… kann ich doch eh nichts dagegen machen… Aber ich will und werde nicht sterben!  Cheyenne fasste neuen Mut und noch während dieser Erkenntnis zerrte der Heiler sie zum Fenster. Das Mädchen sah hinaus und schluckte.Nicht… tief hat sie gesagt… Das nennt Sasha also ‚nicht tief‘?! Das sind locker vier Meter! Ich stell mir das nicht so schön vor aus dem freien Fall da unten aufzukommen… Aber ich schätze es ist der einzige Weg, den Rittern zu entkommen.  Während sie nachdachte, half Glaczio Adocaz aus dem Fenster. Der Vierbeiner sprang hinunter und landete unverletzt auf allen Vieren. Feenwölfe hatten einen sehr robusten und beweglichen Körperbau, welcher ihnen ermöglichte, selbst nach einem Fall aus einigen Metern Höhe, sanft wie eine Katze den Aufprall abzufedern und unbeschadet auf dem Boden aufzukommen.

Plötzlich klopfte es laut an der Tür und die Ritter versuchten, sie einzutreten. Cheyenne saß bereits, leicht zitternd, auf dem Fensterbrett, zögerte aber noch zu springen. Da sie keine Zeit mehr hatten, gab ihr Glaczio einen Schubs und sie fiel in die Tiefe. Der Fall kam ihr ziemlich lang vor und sie befürchtete, dass der Aufprall schmerzhaft für sie werden würde. Sie war nun richtig aufgeregt, sodass ihr Herz schneller schlug und zu zerspringen drohte. Aber sie hatte seltsamerweise keine Angst. Das Einzige, woran sie in diesem Moment des Fallens denken konnte, war, wie dumm sie gerade eben gehandelt hatte. Beinahe hätte sie ihr Leben, durch einen unüberlegten, voreiligen Entschluss verwirkt. Wäre Xaver hier gewesen, hätte er ihr Vorwürfe gemacht und dem Mädchen gesagt, wie unvernünftig sie wäre. Glaczio hingegen war ruhig geblieben und hatte ihr lediglich den Rat gegeben, ihr eigenes Leben nicht einfach so wegzuwerfen. So viel Tiefsinnigkeit und Verstand hätte sie von ihm gar nicht erwartet. Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sie schmerzhaft auf dem Grasboden aufkam. Sie war direkt auf den Füßen gelandet, aber die knickten ein und Cheyenne fiel hin. Sie hatte gewusst, dass es nicht gut gehen würde, aus dem Fenster zu springen. Als der Heiler sie dann auch noch ohne Vorwarnung geschubst hatte, verlor sie ihr Gleichgewicht und konnte sich so nicht auf den Aufprall einstellen. Nun hatte sie stechende Schmerzen in den Füßen und im Rücken. Sasha half dem Mädchen aufzustehen, die junge Frau schien unverletzt zu sein. Unmittelbar nach Cheyenne war auch Glaczio gesprungen und kam nun auf dem Boden auf. Der Aufprall schien ihm ebenfalls zugesetzt zu haben, aber er kniff nur kurz die Augen zusammen und ließ sich sonst nichts anmerken. Jedoch war sich das Mädchen ganz sicher, dass seine Beine nun auch schmerzten. Wegen ihr mussten ihre Begleiter so viel mitmachen. Sie wusste zwar, dass diese das aus freien Stücken taten, aber sie konnte einfach nicht anders, als sich diesen Vorwurf zu machen.

Die kleine Gruppe war vom Fenster aus direkt in den Garten gesprungen, aber längst hatten ein paar Ritter mitbekommen, dass ihre Zielpersonen geflüchtet waren. Bald würden die Leute in Metall den Grünbereich stürmen und finden wonach sie suchten.

Cheyennes Füße schmerzten zwar sehr, aber sie biss die Zähne zusammen und lief hinter ihren Verbündeten her, die gerade durch ein Loch im Gartenzaun in eine schmale Gasse gelangten. Adocaz wich nicht von der Seite seiner Besitzerin und zog von Zeit zu Zeit an deren Kleid, um ihr zu bedeuten, dass sie schneller laufen sollte. Aber das Mädchen tat bereits ihr Bestes und versuchte, nicht erneut einzuknicken. Die kleine Gasse war nicht beleuchtet. Sobald die letzten Chromasterne am Horizont verschwunden waren, würden Cheyennes Begleiter hier nichts mehr sehen können. Aber sie alle hatten keine andere Wahl, als weiterzulaufen und zu versuchen, die Ritter abzuhängen.Ich vermute, die Zwei wollen aus dem Dorf raus… Aber was ist mit Xaver? Ich sollte ihn doch hier treffen! Aber andererseits… wenn ich hier bleibe, haben die Ritter ein leichtes Spiel… Im Handumdrehen würden sie mich finden. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als mich auf Sasha und Glaczio zu verlassen. 

Schließlich führte die schmale Gasse zur Hauptstraße und wenn sie dieser ein paar Meter folgten, kämen sie aus dem Dorf hinaus. Gerade als sie die dunkle, vor Blicken schützende Gasse verlassen wollten, hörte Cheyenne Hufgetrappel von zwei Pferden. Glaczio schien es auch zu vernehmen, denn er hielt Sasha zurück, die beinahe schon die große Hauptstraße betreten hatte. Verärgert blickte sie den Heiler an, aber dann hörte auch sie die näherkommenden Tiere. Aufgrund von klappernden Rüstungen und rasselnden Waffen, musste es sich bei den beiden Reitern um Ritter handeln. Kurz vor der Seitengasse, in der ihre Zielpersonen sich befanden, schienen sie ihre Pferde anzuhalten und abzusteigen. Sie begannen ein Gespräch und klangen ziemlich aufgebracht und wütend. „Argh, jetzt haben wir wieder kein Glück gehabt! Wo kann diese verfluchte Auserwählte denn sein? Ich war mir bei der Gaststätte so sicher, dass ich sie in diese Richtung hab laufen sehen. Pff, die Beförderung können wir sowas von vergessen. Verdammter Mist!“ „Reg dich ab. Das kleine Miststück wird sicher aus dem Dorf fliehen wollen, aber wenn wir hier stehen und Wache halten, kommt sie nie an uns vorbei. Haha. Vielleicht ist ja heute unser Glückstag und wir schnappen sie doch noch. Wie sagt der Boss immer so schön? Aufgeben ist was für feige Schwachköpfe!“ „Hm, ich will kein Schwachkopf sein. Gut, dann bleiben wir eben hier und bewachen den Ausgang.“

Oh nein… Cheyenne blickte besorgt von Sasha zu Glaczio. Dieser schien über etwas nachzudenken und schloss die Augen. Dann setzte er die Freundinnen flüsternd über sein Vorhaben in Kenntnis. „Also gut, ihr zwei Hübschen. Ich lenke die beiden jetzt ab und ihr läuft so schnell ihr könnt von hier weg. Sasha-Mäuschen, ich verlasse mich darauf, dass du auf meinen hübschen Engel aufpasst, ja?“

Bevor jemand etwas entgegnen konnte, hatte der Heiler bereits die Hauptstraße betreten und stellte sich auf der anderen Straßenseite hinter die beiden Ritter. Wenn sie sich ihm zuwandten, würden sie nicht sehen, wenn jemand vorbeiliefe. Was tut er denn da? Wieso greift er die Ritter denn nicht einfach an… Moment mal… Ein Kampf würde sicher Lärm machen und dann kämen mehr von denen… Er hat mir im Training gesagt, ich soll immer einen Schritt voraus denken… Meinte er damit unter anderem auch eine solche Situation und nicht nur beim Kämpfen? Manchmal ist er so klug… Muss daran liegen, dass er Heiler ist. Aber ich will nicht, dass er das macht… Er… opfert sich ja regelrecht für Sasha, Adocaz und mich… Wir können ihn doch jetzt nicht einfach so hier lassen…  „Komm schon, Cheyenne. Jetzt ist unsere Chance!“ Sasha riss das Mädchen aus den Gedanken, indem sie ihr zuflüsterte und an ihrem Arm zerrte. Aber Cheyenne schüttelte den Kopf. Diesmal würde sie nicht zulassen, dass jemandem etwas, wegen ihr, passiert.

In der Zwischenzeit hatten die Ritter den Heiler bemerkt und gingen im Kreis um ihn herum. Sie schienen ihn von irgendwoher zu kennen. Glaczio stand in ihrer Mitte, mit verschränkten Armen und geschlossenen Augen und fing an mit den Feinden zu sprechen. „Hey, was macht ihr denn hier zu so später Stunde? Falls ihr auf Brautschau seid, befürchte ich, dass dies nicht der richtige Platz dafür ist.“ Die Ritter begannen fies zu lachen und ließen sich auf das Gespräch ein. „Hmpf. Du lebst ja auch noch. Hehe. Interessant, nicht wahr, Kollege?“ Der andere Ritter stieg auch mit ein. „Und wie… Ob General Agamemnon uns für den auch befördert? Aber freuen wird er sich sicher, wenn wir ihm deinen ach so hinreißenden Kopf als Trophäe bringen. Haha.“ Cheyenne bemerkte, wie Sasha bei dem Namen ‚Agamemnon‘ zusammengezuckt war, aber sie konnte jetzt nicht nachfragen, wer das war und fokussierte sich wieder auf das Gespräch.

Glaczio grinste und schüttelte langsam den Kopf. „Also, das glaub ich nicht. Wenn ihr zwei mich tötet, würdet ihr Atropax gewaltig die Laune verderben und dann verliert eher ihr eure Schädel. Wobei dies kein großer Verlust wäre, immerhin ist da eh nur Stroh drinnen.“ „Pass bloß auf, was du sagst! Du bist eine Schande, wir würden und werden dich nun auch ganz ohne Beförderung in die ewigen Jagdgründe schicken. Das ist es uns wert, nicht wahr, Kollege? Der Kommandant muss ja nichts hiervon erfahren. Aber andererseits hat er das Vorrecht dich zu töten… Hm. Ach, das ist mir jetzt egal, ich will dich leiden und sterben sehen. Das wird vielleicht doch der beste Tag in meinem Leben. Haha!“ Beide Ritter fingen an zu lachen und kamen dem Heiler näher. Einer der beiden stellte sich direkt hinter ihn und flüsterte ihm etwas ins Ohr, aber Cheyenne verstand, was er sagte, wenn auch nur sehr leise. „Vermisst du deine Familie?“ Dann fingen beide Ritter lauthals zu lachen an. Der Eine, der vor Glaczio stand, zog sein Schwert und beendete das Gespräch. „Ha, dann ist ja gut, denn gleich wirst du sie wiedersehen! Oder auch nicht, denn im Gegensatz zu deiner Familie, wirst du nicht in dem Himmel kommen, sondern in der Hölle schmoren! Muhahaha!“ Der Ritter hinter dem Heiler schlug ihm kräftig mit der Faust auf den Rücken und Glaczio fiel auf die Knie. In diesem Moment schwang der andere Mann in Rüstung sein Schwert und traf sein Opfer mit der scharfen Klinge im Gesicht. Cheyenne stockte entsetzt der Atem und Sasha biss die Zähne zusammen. Sie schien ihren Zorn auf den Heiler in diesem Moment vergessen zu haben und fühlte mit ihm mit.

Der Schwerthieb hatte eine solche Wucht gehabt, dass Glaczio zur Seite gefallen war und nun auf dem Rücken lag. Einer der beiden Ritter legte ihm die Spitze seines weiß-silber glänzenden Schwertes auf den Hals und schien jeden Moment zuzustechen. Aber der Heiler wehrte sich nicht. Warum kennen diese Ritter ihn eigentlich? Und warum sollte Atropax ihn töten wollen? Warum lässt er das überhaupt mit sich machen, hat er immer noch nicht begriffen, dass wir ihn nicht hier lassen? Oder vielleicht hat er es gar nicht bemerkt… Er könnte sich garantiert ohne großen Aufwand aus dieser Situation befreien, warum tut er denn nichts? Dieser Vollidiot! Mir sagt er, ich solle mein Leben nicht wegschmeißen, aber was macht er? Nein, so nicht, Freundchen, du musst dich schon an die Ratschläge, die du erteilst, halten! 

Cheyenne trat wild entschlossen einen Schritt nach vorne und griff nach ihrem Bogen. Sie klappte ihn auf und feuerte einen Pfeil auf den Ritter, der den Heiler bedrohte. Das Geschoss traf den Feind direkt am Kopf und dieser stöhnte und atmete nun ruckartig mit offenen Augen. Kurz danach verstummte er, ließ das Schwert fallen und fiel regungslos nach hinten. Der andere Ritter gab einen lauten Alarmschrei von sich, welcher jedoch abbrach, denn Glaczio hatte ihm sein Eisschwert in den Rücken gerammt. Der sterbende Feind spuckte Blut, bevor er in sich zusammenfiel und ebenfalls tot war. Was hab ich getan? Ich… habe… getötet… Mehr Zeit zum Nachdenken blieb der geschockten und zitternden Cheyenne nicht, denn Sasha kam mit den beiden braunen Pferden der Ritter zu ihr und drückte ihr die Zügel von einem in die Hand. Dann stieg die junge Frau auf das andere und ritt etwas vom Ausgang weg, näher ins Innere des Dorfes, aus dem nun weitere Ritter ausschwärmten. Sie schienen die lauten Geräusche gehört zu haben. Sasha zog aus ihrem Gürtel plötzlich eine Pistole mit leuchtendem lila Blitzmuster darauf und schoss auf die näherkommenden Feinde. Jeder Schuss traf sein Ziel, aber für Cheyennes empfindliches Gehör war es ohrenbetäubend laut. Das Mädchen löste sich aus der starren, geschockten Haltung und schwang sich nun ebenfalls auf das Pferd. Sie zitterte zwar und war etwas verstört über das, was sie getan hatte, aber es war nicht der richtige Moment, um sich hier und jetzt darüber Gedanken zu machen. Wenn dies ein paar Tage zuvor passiert wäre, hätte sie vermutlich den Schock ihres Lebens bekommen und unerträgliche Gewissensbisse gehabt, aber seither hatte sie so viel gelernt und so viele Leute sterben und töten sehen, dass die ganze Sache nur mehr halb so verstörend war. Außerdem galt für sie im Bezug auf die Ritter nun offenbar nur mehr ein Prinzip: Entweder selber die Feinde töten, oder sich töten lassen. Letzteres jedoch kam für das Mädchen, nach der Rede des Heilers wenige Minuten zuvor im Gastzimmer, nicht mehr in Frage. Sie ritt zu Glaczio, der mit dem Rücken zu ihr gewandt stand. Sie stupste ihn vom Sattel aus mit dem Fuß leicht an und er drehte sich ihr zur Hälfte zu. „Engelchen, mach dass du hier weg kommst!“ Aber Cheyenne war stur. „Du elender Mistkerl, mir sagst du ich soll mein Leben nicht wegwerfen und was machst du? Halte dich gefälligst selbst an die Ratschläge, die du anderen erteilst! Außerdem wäscht eine Hand die andere, jetzt bekomme ich endlich mal die Chance mich für deine Hilfe zu revanchieren. Du hast mich nicht sterben lassen, also tu ich das auch nicht. Wir lassen dich hier auf keinen Fall zurück und jetzt sieh zu, dass du auf dieses Pferd kommst und nichts wie weg von hier!“ Wow, ich wusste nicht, dass ich so entschlossen sein kann… Muss wohl an der Situation liegen. Er käme zwar sicher auch allein gut zurecht, aber… ich hätte ein furchtbar schlechtes Gewissen, wenn ich ihn jetzt im Stich lassen würde und ich gebe es zwar wirklich nur ungern zu, aber ich schätze ich würde mir auch ein ganz klein wenig Sorgen um Glaczio machen… Außerdem kann ich mich auf diese Weise endlich ein wenig für seine Hilfe revanchieren.  Der Heiler schien genauso überrascht, wie Cheyenne selbst, über ihre wilde Entschlossenheit, dann nickte er kurz einsichtig, sagte ein leises, ehrlich gemeintes ‚Danke‘ und drehte sich dann vollständig dem Pferd zu. Das Mädchen sah nun, was die Ritter angerichtet hatten. Oh nein, der Arme… Das sieht ja furchtbar aus und muss sehr schmerzhaft sein…  Eine tiefe Schnittwunde, aus der Blut austrat, zog sich über Glaczios rechte Gesichtshälfte, seine eisblauen Haare waren auf dieser Seite mit der roten Flüssigkeit getränkt.

Cheyenne half ihm so gut es ging aufs Pferd und schließlich saß er hinter ihr auf dem Rücken des braunen Tieres. Der Heiler legte seine Arme um ihre Taille, zwar war ihr dies unangenehm, aber irgendwie musste er sich ja festhalten. Sie spürte seinen kalten Atem in ihrem Nacken und fühlte, dass ihm das, was die Ritter über ihn und seine verstorbene Familie gesagt hatten, zusetzte. Allerdings schien er zu merken, dass Cheyenne Mitleid mit ihm hatte und er schien es nicht zu wollen. „Hey, Engelchen, willst du hier übernachten? Ich dachte wir verschwinden von hier… Wenn da keine Ritter hinter uns her wären, hätte ich ja wirklich nicht das geringste Problem mit dieser Situation, im Gegenteil. Für dich würde ich sogar ewig auf diesem… Pferd… sitzen bleiben. Du musst wissen, ich mag Pferde nicht so besonders gern, aber ich würde es in Kauf nehmen, nur um mich weiter an dich kuscheln zu können… Aber ich bezweifle, dass du das toll finden würdest, Püppchen, wenn du also so freundlich wärst und dieses Tier in Bewegung setzten könntest…“ Er schmiegte sich dicht an Cheyenne, während sein Gesicht ihrem Ohr beim Flüstern immer näher kam. Er hasst es ja regelrecht bemitleidet zu werden… Hätte ich das gewusst, hätte ich mich zusammengerissen und versucht meine Gefühle zu ignorieren… Er kommt mir mit Absicht so nah, um es mir heimzuzahlen, dass er mir leid tut, weil er genau weiß, dass mir diese Situation unangenehm ist, vor allem bei ihm… Wie fies, das kam ja fast schon wie eine Drohung rüber… Warum ist es denn so schlimm für ihn, wenn jemand Mitgefühl zeigt? Vielleicht fühlen sich Männer irgendwie schwach, wenn man Mitleid mit ihnen hat? Xaver mag das ja auch nicht… Vielleicht ist es aber auch was anderes… Hm…  Das Mädchen rief Sasha zu, um sich aus der unguten Situation etwas zu befreien und beide brachten die braunen Reittiere zum Laufen. Adocaz sprintete voraus und im vollen Galopp stürmten sie aus dem Dorf.

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