Kapitel 7

geschrieben von Darknezz

Notiz:

Der Inhalt dieses Kapitels wurde vor 10 Jahren verfasst und seither nicht verändert. Der Schreibstil könnte sich im weiteren Verlauf der Geschichte verändern.

Cheyennes Gedanken sind kursiv.

Zeit des Misstrauens

Freund oder Feind?
Sandstrand des Lichts, Südwestliches Tiefland von Luminastrelle

Die letzten Chromasterne verschwanden am Horizont und es wurde stockdunkel. Die einzigen Geräusche, die man noch hören konnte, waren die Ruhe der Nacht, die Wellen des Meeres, von Zeit zu Zeit das Schlaflied des Windes und das Hufgetrappel von zwei Pferden, auf sandigem Erdboden, und deren Schnauben.

Sasha verlangsamte ihr Reittier von Galopp zu Trab und Cheyenne tat es ihr gleich. Sie hatten ihre Verfolger mit Müh und Not abgehängt. Die junge Frau hatte während der Flucht immer wieder ein paar Kugeln aus ihrer Schusswaffe auf die Feinde, sowie auch auf deren Pferde gefeuert und irgendwann war es still geworden. Sie hatte mit Sicherheit nicht alle Ritter getroffen, aber es hatte offenbar ausgereicht, denn die Verfolger schienen nicht mehr hinter ihren Zielpersonen her zu sein. Nun verwendete sie die Pistole, um die schwarze Nacht zu erleuchten, indem sie magische Blitzkugeln in sämtlichen lila Tönen hin und wieder vor die kleine Gruppe schoss.

Cheyenne selbst sah genug, aber sie wusste dass ihre Begleiter vermutlich Probleme damit hatten. Adocaz freute sich über die farbigen Magiekugeln, denn er jagte ihnen ständig nach. Sashas Pistole ist wirklich nützlich. Sie sieht nach einer speziellen Waffe aus… Ob es eine Elementar-Waffe ist? Da Glaczio ja angenommen hat, mein Bogen hätte ein Element, gibt es also wahrscheinlich nicht nur Elementar-Schwerter, sondern auch andere solche Kampfwerkzeuge. Anders könnte ich mir dieses leuchtende Blitzmuster auf der Pistole nicht erklären. Es scheint sich sogar wie echte Blitze zu bewegen. Demnach wäre Sashas Element also Blitz? Wow… und diese Blitzkugeln erst… Moment. Vielleicht ist das ja auch ein Unterschied der Elementar-Waffen zu normalen Waffen? Dass sich diese besonderen Kampfwerkzeuge nicht nur in Aussehen und Kraft, sondern auch in der Handhabung abheben? Diese Blitzkugeln sehen wie Elementar-Magie aus… Vielleicht kann diese spezielle Umbraurore-Kugel mit dem Element, das in die Waffen eingefasst ist, ihnen irgendwie eine besondere Kraft oder Magie des jeweiligen Elements oder Ähnliches verleihen… Das würde es mir auch nochmal verständlicher machen, warum mein Bogen keine Pfeile braucht. Diese Theorie muss stimmen, anders kann ich mir diese Blitzkugeln nicht erklären. Aber das wäre ja genial! Jeder, der nicht genug Umbraurore im Körper hätte und somit nicht eigenständig Elementar-Zauber anwenden kann, bräuchte sich nur eine Elementar-Waffe zulegen und er könnte damit dann trotzdem Magie wirken. Zwar nur von dem ihm zugeteilten Element, aber immerhin. Fantastisch… Ich werde Sasha später nochmal darüber fragen.

Cheyenne und ihre Freundin hielten die Pferde an. Sie waren nun an dem einzigen Baum weit und breit in der Nähe des Strandes angekommen. Rechts von ihnen befand sich kilometerweit nur trockener, rissiger Erdboden und etwas weiter links war der Sandstrand des Lichts, der nach einigen Metern im Meer endete. Dieser zog sich von Saraley bis hierher und schien noch weiter zu reichen und breiter zu werden.

Sasha sprang von ihrem Pferd und band dessen Zügel an einen herabhängenden Ast des alten, teilweise verdorrten Baumes. Dann sollen wir hier wohl Pause machen, oder übernachten, nehme ich an.  Glaczio, der während der ganzen Flucht seltsamerweise kein einziges Wort gesagt hatte, kletterte ebenfalls von dem anderen großen braunen Tier und ging erst mal ein paar Schritte Richtung Strand, ehe er stehen blieb und das Meer anstarrte. Was ist denn mit dem los?  Cheyenne stieg auch vom Pferd ab und band die Zügel dieses, an einen anderen alten Ast des Baumes. Sasha schaute ihren Bekannten kurz an, dann jedoch schenkte sie ihm keine weitere Beachtung. „Cheyenne, kannst du mir kurz helfen? Wir brauchen ein paar Äste von dem alten Baum hier, damit wir ein Feuer machen können. In dieser Gegend wird es nachts immer so kalt und ich will mir nicht unbedingt den Hintern abfrieren. Du wahrscheinlich auch nicht, oder?“ Das Mädchen nickte und ging zu ihrer Freundin, um sie beim Abbrechen der Zweige zu unterstützen. „Natürlich helf ich dir. Mir macht Kälte zwar nicht so viel aus, aber gegen ein warmes kleines Feuer hab ich wirklich nichts einzuwenden. Ich find die Flammen nämlich total schön, wie sie tanzen und in ihren schönen Farben leuchten.“ Sasha lächelte und teilte Cheyennes Meinung. „Oh ja, Feuer wärmt nicht nur, sondern es ist auch richtig schön anzusehen. Immer wenn ich nachts alleine draußen bin und irgendwo übernachten muss, denk ich viel über mein Leben nach und meistens macht mich das traurig. Aber wenn ich dann eine Weile das Feuer ansehe, gibt es mir irgendwie Kraft und neue Hoffnung.“ Sie mag Feuer also auch so gern, wie ich. Schön… Oh, ich wollte sie ja wegen ihrer Waffe fragen.  Cheyenne zog mit aller Kraft an einem widerspenstigen Zweig, der aber schließlich nachgab, und warf ihn auf den Boden hinter sich. Während sie nach einem Ast suchte, der leichter abzubrechen war, stellte sie ihrer Freundin die Frage. „Ähm, Sasha? Deine Pistole, die du da hast, ist das eine Elementar-Waffe? Immerhin kann sie diese Blitzkugeln erzeugen.“ Die junge Frau warf einen abgebrochenen Zweig zu dem Anderen und schien sich über Cheyennes Aufmerksamkeit zu freuen. „Ja, stimmt genau! Gut aufgepasst. Hihi. Es ist eine Elementar-Waffe. Die ist sehr praktisch, findest du nicht auch? Drei verschiedene Geschosse kann man damit abfeuern. Mit einem Schalter kann ich einstellen, welches ich haben will. Zum Einen kann ich Normale Munition verwenden, der Nachteil daran ist nur, dass ich die ständig nachkaufen muss, sollte ich mal zufällig etwas Geld dabei haben. Dann gibt’s noch spezielle Sprengstoff-Munition, die ein paar Sekunden nach dem Abschuss eine Explosion verursacht, aber die verwende ich nicht so oft, weil die wirklich unverschämt teuer ist. Zu guter Letzt kann ich auch noch von dem Element der Waffe Gebrauch machen. Wie du vielleicht schon vermuten kannst, hat man mir das Element Blitz gegeben, deswegen kann ich mit meiner Pistole Blitzkugeln und normale Blitze abschießen. Das ist der absolute Wahnsinn, denn ich habe nicht genug Umbraurore für Elementar-Zauber, wollte aber trotzdem immer Magie anwenden können und diese Waffe macht es möglich. Ich hatte so ein Glück, dass ich sie bekommen hab. Der Imperator meines Clans mag mich sehr gern, deswegen hat er diese Elementar-Pistole anfertigen lassen und mir dann geschenkt. Er wusste, dass ich mir so eine teure Waffe nicht leisten kann und als er sie mir gegeben hat, hab ich mich richtig geehrt gefühlt, weil er normalerweise nie einem Schattendiener etwas schenkt. Aber mich mag er irgendwie besonders gern. Ich find das Blitzmuster darauf auch richtig hübsch.“ Cheyenne nickte. Sind alle Elementar-Waffen so schön, dass es schade ist, sie im Kampf zu verwenden? Vermutlich.  Sie hatte bereits einige Äste abgebrochen und war der Meinung, dass es für ein Feuer reichte. „Ich glaube, wir haben genug Zweige gesammelt. Und ähm… Ich weiß nicht, ob ich das jetzt sagen sollte, aber… Ich glaube du hast in deinem Imperator einen Verehrer gefunden. Hihi.“ Sasha fing an zu lachen und schüttelte belustigt den Kopf. Cheyenne amüsierte sich ebenfalls und gemeinsam trugen sie die gesammelten Zweige ein Stück vom Baum weg. Die Freundinnen legten die Äste zu einem Haufen zusammen, Sasha zückte ihre Pistole, hielt mit dem Finger den Auslöser gedrückt und ließ einen Blitz mit einem lauten Knall in das Feuerholz einschlagen, worauf es zu brennen begann.

Die junge Frau setzte sich ans Feuer und wärmte sich die Hände daran auf. Adocaz rollte sich neben der Wärmequelle ein und schloss die Augen. Nur Cheyenne stand noch und schaute zum Meer. Sasha folgte ihrem Blick und seufzte. „Dieser Idiot… Mach dir keine Gedanken, Cheyenne. Der kommt auch alleine gut Zurecht. Eigentlich versteh ich ja nicht mal, warum er bei dir bleiben will. Er hat nicht wirklich… einen guten Grund dafür. Ich würde dir dringend davon abraten, ihm auch nur ein kleines bisschen deines Vertrauens zu schenken. Du kennst ihn nicht… Ich weiß, er hat dir geholfen und so, aber … Sei vorsichtig mit ihm. Ich hätte ihm vor einem Jahr noch, mein Leben anvertraut… Aber heute kann ich ihm nicht mal mehr beruhigt den Rücken zudrehen… Es wäre wirklich am besten, du würdest ihn einfach ignorieren.“ Das Mädchen seufzte. Seitdem er mit den Rittern gesprochen hatte, verhielt er sich anders, als zuvor. So kannte Cheyenne Glaczio gar nicht. Was war das eigentlich mit den Rittern vorhin? Und warum sollte Atropax ihn töten wollen? Er hat zwar geleugnet, etwas mit den Rittern zu tun zu haben, aber mittlerweile glaub ich ihm das nicht mehr… Er weiß einfach so viel über sie und jetzt kennen sie ihn auch noch… Aber ich sollte ihn das selber fragen, Sasha würde mir sicher keine Antwort geben, immerhin sagt sie ich soll ihn ignorieren. Aber in einem Punkt hat sie Recht. Warum will er denn jetzt immer noch bei mir bleiben? Naja, wenn ich ihm vorher nicht aufs Pferd geholfen hätte, wäre Glaczio jetzt nicht mehr da. Aber er könnte doch jetzt genauso gut gehen, oder morgen früh… Er hat zwar vermutet, ich sei… die Auserwählte und deswegen hat er mich wahrscheinlich bisher begleitet, weil er auf mich aufpassen wollte. Soweit versteh ich das ja noch, aber nun ist Sasha bei mir und kann das übernehmen. Sie bringt mich ja auch zu den Schattendienern, also hat er keinen Grund mehr hier zu sein. Außerdem kann ich mittlerweile auch ein bisschen selber auf mich aufpassen. Hm… Wenn ich ihn das allerdings frage, gibt er mir garantiert keine Antwort, oder lügt mich wieder an, so wie bisher.

Cheyenne wollte gerade zu Glaczio gehen, als Sasha ihr etwas Wichtiges mitteilte. „Du, es gibt eine kleine Planänderung. Ich hab nochmal über alles nachgedacht und ich glaube, ich weiß, wie wir herausfinden können, wer du wirklich bist. Die Eltern des Superators sind die zwei Ältesten der Schattendiener. Als solche sind sie sehr weise und auch enorm gläubig, was die Götter betrifft. Ich bin mir sicher, sie können irgendwie herausfinden, ob du nun die Auserwählte bist, oder nicht. Und ich glaube, das sicher zu wissen ist dir jetzt erst mal am Wichtigsten. Und solltest du wirklich die Auserwählte der Finsternis sein, wäre es vorteilhaft, wenn du den Superator kennenlernst. Die Ältesten leben in Nord-Halonien, am Fuß des gigantischen Mount Nightblade. Das ist somit unser nächstes Ziel, wenn du einverstanden bist.“ Cheyenne nickte, denn sie wollte tatsächlich schnellstens herausfinden, wer sie war. Sie hoffte zwar, dass sie nicht die Auserwählte war, konnte es aber nicht beweisen. Diese weisen Leute würden ihr endlich Gewissheit geben können. Über das, was kommen würde, falls sie tatsächlich eine dieser zwei besondersten Personen der Welt sein sollte, wollte sie noch nicht nachdenken. Sie wünschte sich so sehr, nicht diese große Verantwortung übernehmen zu müssen und verdrängte die mögliche Zukunft, obwohl sie tief im Inneren wusste, dass sie sich damit beschäftigen sollte. Denn die Wahrscheinlichkeit auserwählt zu sein war sehr hoch. Es sprach nun einfach einmal alles dafür.

Das Mädchen tapste durch den feinen Sand und ging auf Glaczio zu. Sasha hatte ihr zwar davon abgeraten und eigentlich war sich Cheyenne selber nicht ganz sicher, ob sie wirklich mit ihm reden sollte und auch wollte. Immerhin verunsicherte sie sein Verhalten und sie fragte sich mittlerweile, ob sie sich nicht gewaltig in ihm getäuscht hatte. Schließlich hatte er die ganze Zeit gelogen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Nie hatte er dem Mädchen seine Vermutung mitgeteilt und ihr nur Ausreden erzählt. Manche davon hatte sie ihm sogar geglaubt. Aber darüber hätte Cheyenne noch hinweggesehen, denn Sasha hatte schließlich dasselbe getan. Aber jetzt kannten ihn auch noch die Ritter, obwohl er, in der Nacht beim Klissave-Gebirge, felsenfest behauptet hatte, nichts mit ihnen zu tun zu haben. Damals schien er sogar enttäuscht von Cheyenne zu sein, ihm so etwas zu unterstellen. War es möglich, dass dies auch nur eine sehr überzeugende Lüge war? Dann könnte er allerdings sehr gut schauspielern. Vielleicht gab es aber auch einen guten Grund für all dies und das Mädchen hätte Unrecht. Sie würde es erst erfahren, wenn sie ihn fragte.

Glaczio saß im Sand, neben ihm lag das Eisschwert. Es leuchtete eisblau und erhellte mit seinem Schein die Nacht im Umkreis von etwa einem Meter. Cheyenne vermutete, dass er es verwendete, um ein bisschen im Dunkeln sehen zu können. Sashas Blitzpistole leuchtet auch… Und wenn ich mich zurückerinnere, hatte Atropax‘ Wasserschwert auch einen blauen Schein um sich herum. Elementar-Waffen scheinen nachts also alle in der Farbe ihres Elements zu leuchten. Mein Bogen würde demnach vermutlich alles noch dunkler machen. Faszinierend…

Cheyenne wusste nicht so Recht, ob sie sich neben den Heiler setzten, oder stehen bleiben sollte. Sie entschied sich für Letzteres und da er die Augen geschlossen hatte und keine Anstalten machte sie anzusprechen, fing zur Abwechslung das Mädchen an zu reden. „Alles in Ordnung? Ich mein, wegen der Wunde in deinem Gesicht… Wird sie vollständig verheilen? …“ Die Meeresbrise spielte mit Glaczios Haaren und der von Blut verklebte Teil davon wurde von Zeit zu Zeit sichtbar. Langsam öffnete der Heiler die eisblauen Augen und blickte geradeaus aufs Meer hinaus. Der hellblaue Schein, der ihn umgab, ließ ihn fast schon mystisch wirken und noch schöner, als tagsüber. Auch wenn Cheyenne sich nicht mehr sicher war, ob sie Glaczio noch mochte und Vertrauen entgegenbringen sollte, konnte sie nicht leugnen, dass er der schönste Mensch war, den sie in ihrem Leben je gesehen hatte. Sie hoffte wirklich dass die Schnittwunde in seinem Gesicht keine Narbe hinterlassen würde, auch wenn sie mittlerweile wirklich derselben Meinung wie Sasha war und er eigentlich eine Abreibung verdient hätte. Der Heiler vermied es, Cheyenne anzusehen und blickte weiterhin aufs Meer. „Engelchen… Natürlich verheilt das vollständig, morgen Abend siehst du davon nichts mehr. Ich kann auch meine eigenen Verletzungen heilen, weißt du...“ Das Mädchen seufzte. Oh… stimmt ja… Daran hab ich jetzt gar nicht mehr gedacht… Und wenn er sagt, morgen Abend werd ich nichts mehr von der Wunde sehen, geh ich davon aus, dass er weiterhin bei uns bleibt… Sie schüttelte den Kopf und sammelte sich wieder, denn es kostete sie etwas Überwindung, Glaczio die Frage zu stellen, die ihr so auf der Seele brannte. „Glaczio, warum kannten dich die Ritter? Was hast du mit denen zu schaffen? Du hast mir gesagt, dass du nichts mit ihnen zu tun hast, aber jetzt kann ich das nicht mehr so ganz glauben. Und warum will Atropax dich eigentlich töten?“

Der Heiler blickte weiterhin, unbeeindruckt von der Frage, aufs Meer hinaus. Jetzt verhielt er sich ihr gegenüber schon genauso, wie bei Sasha. Es hatte den Anschein, als würde er Cheyenne gar nicht beachten, aber sie blieb stur neben ihm stehen, bis er schließlich antwortete. „Du würdest gut daran tun, deine Neugier zu zügeln, Schätzchen… Warum fragst du mich diese Sachen, wenn du mir ohnehin nicht glaubst, da könnte ich dir doch alles erzählen… Du würdest nicht in der Lage sein herauszufiltern, was die Wahrheit ist. Ich weiß, was dein Problem ist, mit dieser ganzen Sache. Du bist verunsichert und vertraust mir nicht, obwohl ich dich aus deiner Not befreit habe, mehrmals sogar… Aber deine Zweifel sind dir wohl Grund genug, es nun für möglich zu halten, dass ich nicht dein Verbündeter, sondern dein Feind sein könnte, nicht wahr? Du unterstellst mir schon wieder etwas mit den Rittern zu tun zu haben, nur weil sie mich kennen? Ich bitte dich… Hehe… Du musst selber entscheiden, wer ich in deinen Augen bin… Ich frage mich, was du wohl machen würdest, wenn du mich für einen der ‚Bösen‘ hältst. Würdest du mich auch mit einem Pfeil töten, Auserwählte? So wie den Ritter vorhin? Ein ganz präziser, gnadenloser Schuss in den Kopf und schon ist ein Leben ausgelöscht. Du kannst wirklich sehr gut zielen und schaffst es sogar, beim Töten noch hübsch auszusehen, mein Todesengel…“ Cheyenne zuckte zusammen. Wie konnte er nur solche Dinge sagen? Sie hatte es zuvor geschafft, ihre Gewissensbisse wegen des schlimmen Vergehens beiseitezuschieben, da erinnerte er sie wieder daran. Warum ist er so fies zu mir? Ich musste den Ritter doch töten, sonst wäre ja Glaczio gestorben. Er sollte mir eigentlich dankbar sein! Er weiß doch genau, dass ich mir Vorwürfe mache… und tut das jetzt absichtlich… Genauso, wie vorhin… Er will wohl, dass ich ihn allein lasse… und ihm nicht diese Fragen stelle… Und damit er mich aus meinem Konzept bringt, sagt er diese gemeinen Dinge, die mich in der Seele schmerzen… Nur, damit ich ihn in Ruhe lasse… Aber warum? Was hab ich denn getan, dass er jetzt auf einmal so fies zu mir ist… Wenn er sich weiterhin so verhält… soll er uns einfach auch allein lassen und gehen… Weder ich, noch Sasha, würden ihn großartig vermissen…

Aufgewühlt drehte sich Cheyenne um, es hatte keinen Sinn, weiter zu versuchen mit dem Heiler zu reden. Seine Worte hatten sie verletzt und noch mehr verunsichert und sie vertraute ihm nun kein Stück mehr. Er könnte genauso gut zu ihren Feinden gehören und würde eventuell einen unachtsamen Moment nutzen, um sie zu töten. Das war zumindest der Eindruck, den sie nun von ihm hatte. Andererseits, war Glaczio es gewesen, der Cheyenne ständig beschützt hat und ihr geholfen hat. Er hatte ihr gesagt, sie dürfte nicht sterben. Warum würde er sie also töten wollen? Dass die Ritter und Atropax ihn auch lieber tot, als lebendig sehen wollten, spräche auch dagegen. Aber Cheyenne konnte einfach nicht vorsichtig genug sein. Sie wollte nicht des Lebens beraubt werden und es schien, als würde sie in Zukunft auf jeden Instinkt, den sie besaß und jedes kleinste Gefühl Acht geben müssen. Alles in ihr schrie geradezu danach, Vorsicht walten zu lassen. Wenn Glaczio dazu fähig war, seinen Charakter von einer Sekunde auf die Andere zu ändern, wäre es möglich, dass er das mit seinen Zielen ebenso anstellen konnte. Sasha hatte ja bereits indirekt erwähnt, dass er stets zu seinen Gunsten handelt.

Das Mädchen war enorm durcheinander und wusste nicht, wie sie den Heiler einschätzen sollte. Es sprach mehr dafür, dass er ihr Verbündeter war, allerdings machte ihr sein Verhalten zu schaffen. Eine solch plötzliche Veränderung, die gegen die eigenen Kameraden wirkt, erschien einfach seltsam. Dazu kam noch, dass er ihr immer Lügen auftischte, nur um die Wahrheit um jeden Preis zu verheimlichen, oder vom Thema ablenkte, was die ganze Situation natürlich noch verdächtiger machte. Zudem hatte Glaczio während des Gesprächs gerade eben keine Miene verzogen und Cheyenne wurde langsam klar, dass er neben der freundlichen, hilfsbereiten Seite, auch eine hatte, die zwielichtig und unberechenbar war. Er machte sich seine Intelligenz zunutze, um undurchschaubar zu sein. Das Mädchen konnte nicht mehr sagen, wann er log und wann er die Wahrheit erzählte.

Einfach wortlos zu gehen, kam jedoch für Cheyenne, in diesem Moment, nicht in Frage. „Na schön… Ich versteh schon… Sasha hat Recht. Ich sollte dir einfach nicht vertrauen und dich besser ignorieren. Meiner Meinung nach wäre es besser, wir würden ab morgen getrennte Wege gehen…“ Ohne ihm eine gute Nacht zu wünschen, ging sie zu ihrer Freundin zurück. Das Mädchen war froh, dass Sasha nicht nachfragte, wie das Gespräch gelaufen war. Cheyenne setzte sich neben Adocaz auf den Boden ans Feuer und stützte sich mit einer Hand ab, mit der Anderen streichelte sich den Feenwolf. Sie starrte nachdenklich in die glühenden Flammen. Die junge Frau bemerkte ihre bedrückte Stimmung und schien zu verstehen. „Wie gesagt… Sei vorsichtig bei ihm. Du solltest jetzt versuchen etwas zu schlafen, wir haben eine lange Reise vor uns. Ich werde Nachtwache halten und versuch nicht, mich davon abzubringen, ja? Hihi. Du hast ja sicher schon bemerkt, dass ich stur, wie ein Esel sein kann. Und mach dir nicht so viele Gedanken, morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Also, zumindest bis du nach dem Aufwachen richtig munter bist, danach holt dich die Realität wieder ein. Aber zumindest ist es dann wieder hell und wir können was sehen. Schlaf gut.“ Cheyenne kuschelte sich an Adocaz. Sasha hatte es wieder einmal geschafft, dass sie auf andere Gedanken kam und sogar etwas schmunzeln musste. Naja, zumindest sagt sie wenigstens auf direktem Wege die Wahrheit… Wenn ich wach werde, kehren die Sorgen zurück, das stimmt… Hm, es ist wirklich lustig. Sie sucht immer und überall den optimistischen Teil heraus.  „Gute Nacht, Sasha… Danke.“ Das Mädchen war allerdings überhaupt nicht müde und fand es dementsprechend unfair, dass sie nun schlafen sollte und die Freundin ihretwegen wach bliebe. Aber es stimmte, dass Sasha stur, wie ein Esel war und wahrscheinlich auch lieber selber Wache hielt. Zum Teil vielleicht auch, damit sie Glaczio im Auge behalten konnte. Cheyenne schloss die Augen und versuchte auf dem harten, sandigen Erdboden zur Ruhe zu kommen. Nach einer Weile schlief sie ein.

 

Die Flammen des Feuers tanzten beruhigend und knisternd vor sich hin. Glaczio stand etwa zwei Meter von der Wärmequelle entfernt und schien nicht vorzuhaben, näher an sie heranzutreten. Er betrachtete die Auserwählte der Finsternis in ihrem unruhigen Schlaf und ohne sich von ihr abzuwenden, sprach er zu Sasha. „Hey, Sasha-Mäuschen, dir fallen ja schon die Augen zu. Ich biete mich freundlicherweise freiwillig an, die Nachtschicht für dich zu übernehmen. Du kannst mir später danken.“ Die junge Frau lehnte sein Angebot ab. „Und wovon träumst du nachts? Als würd ich dir einfach so Cheyennes Leben anvertrauen. Wer weiß, was dir wieder einfällt… Ich hoffe wirklich sehr, dass die Ritter dich bald mal zu fassen kriegen, denn wenn nicht, werd ich dich eigenhändig umbringen, das schwör ich dir... Übrigens hast du das ja vorhin ganz toll hinbekommen, du weißt, dass sie dir vertraut hat.“ Glaczio schloss die Augen und verschränkte die Arme. „Hey, Baby, krieg dich mal wieder ein. Sollte es nicht eigentlich in deinem Interesse sein, dass sie mich nicht mehr als vertrauenswürdig ansieht? Nun hast du ja, was du wolltest… Außerdem wird sie nun vorsichtiger werden, was für uns alle sehr vorteilhaft ist. Ach ja, beinahe hätte ich das eigentliche Thema aus den Augen verloren. Im Grunde genommen hab ich kein besonderes Interesse daran, ob du mir die Nachtwache überlässt oder nicht. Du bist so müde, dass du ohnehin gleich einschlafen wirst. Aber mach dir keine Sorgen… Ich pass schon auf…“ Sasha kniff die Augen zusammen und sprach eine Drohung aus. „Merk dir diese Worte, Vollidiot, denn du wirst sie in nächster Zeit so oft zu hören bekommen, bis die Bedeutung davon in deinen, ach so hübschen, Kopf reingeht. Wenn du Cheyenne auf irgendeine Art und Weise Leid zufügen solltest, hast du dein Leben verwirkt. Das schwöre ich dir. Ich werde unter keinen Umständen zulassen, dass du sie verletzt. Ist das klar?“ Glaczio schwieg und seufzte. Sasha wusste, dass sie ihrer Müdigkeit nicht mehr lange Stand halten würde können, denn letzte Nacht hatte sie kein Auge zugetan und über das Mädchen und ihren gesundheitlichen Zustand gewacht. Alleine. Glaczio war weg gewesen und erst am Morgen wieder aufgetaucht. Die junge Frau war sich sicher, dass er die Zeit seiner Abwesenheit mit dem rosahaarigen Mädchen, von der Gaststätte, verbracht hatte. Sie gähnte und betrachtete wieder die Flammen. „Für den Fall, dass ich einschlafen sollte, was aber sicher nicht passieren wird: Untersteh dich dieses Feuer zu löschen. Du kannst auch ganz gut von da vorne aus Nachtwache halten.“ Der Heiler setzte sich hin und nach einer Weile ging seine Theorie auf und Sasha schlief ein.

 

Am nächsten Morgen wurde Cheyenne von Adocaz geweckt. Er leckte ihr liebevoll übers Gesicht und holte sie aus ihrem unruhigen Schlaf. Es fing bereits an hell zu werden, ein blass bunter Schein der Chromasterne zog übers Land und ein neuer Tag brach an.

Das Feuer war aus und das Mädchen schaute sich um. Sasha war bei den Pferden und zog die Sattelgürte fest. Glaczio ging weiter entfernt am Strand entlang. Er ist also immer noch hier… „Oh, guten Morgen, ich hoffe du hast gut geschlafen. Obwohl es mehr danach aussah, als hättest du Alpträume, aber das ist ja auch kein Wunder, bei dem was du zurzeit alles mitmachst. Ich hab versucht den Vollidioten loszuwerden, aber er will leider unbedingt weiterhin mit uns mitkommen… Ich hoffe wir schaffen es, bis heute Abend in Wacoralis zu sein. Das ist ein kleines Stranddorf ganz im Westen Luminastrelles. Von dort geht eine Sandpassage aus und wenn wir die überqueren, kommen wir nach Nord-Halonien. Im Trabtempo ist es ungefähr einen Tagesritt von hier entfernt, das heißt, wir werden den Großteil der Strecke im Galopp reiten, je schneller wir dort sind, desto besser. Es ist wirklich ein Glück, dass wir diese Pferde bekommen, oder eher geklaut, haben, denn zu Fuß würden wir ja hier draußen vermutlich noch verdursten, bevor wir in Wacoralis ankommen. Bedauerlicherweise haben wir weder was zu trinken noch zu essen… Ok, ich bin jetzt gleich hier fertig. Also… ich frag es zwar wirklich nur ungern, aber könntest du Glaczio holen gehen? Wir sollten langsam los.“ Cheyenne nickte, offenbar hatte Sasha auf ihr Erwachen gewartet und in der Zwischenzeit schon Pläne für den Tag geschmiedet. Es war dem Mädchen nun etwas peinlich, so lange geschlafen zu haben. Sie machte sich mit Adocaz auf den Weg zu dem Heiler. Argh… Jetzt muss ich ihn sogar noch holen gehen, weil er unfähig ist einfach hierzubleiben und Sasha zu helfen. Hm… Vielleicht hat sie ihn aber auch weggeschickt. Sie hat ja gesagt, sie wollte ihn loswerden, also gab es vermutlich einen Streit… Naja, eigentlich ist es mir egal, was vorgefallen ist.

Cheyenne stapfte durch den feinen Sand und der Feenwolf lief ein Stück weit vor ihr. Glaczio war nun nur noch einige Meter von ihr entfernt, als sie plötzlich nach hinten gerissen wurde, das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Der Sand federte ihren Sturz jedoch ab und sie landete einigermaßen sanft. Vor ihr stand ein großer Mann mit dunkelblauen kürzeren Haaren und kobaltblauen Augen. Er schien um die vierzig Jahre alt zu sein und hatte eine Wasser-Elementar-Waffe. Es war jedoch kein einfaches Schwert, sondern etwas, das das Mädchen noch nie zuvor gesehen hatte; Zwei gigantische Wasserklingen waren durch einen Griff in der Mitte verbunden. Der Mann war sehr muskulös und strahlte eine eigenartige Ruhe aus. Mit solcher sprach er auch zu Cheyenne. „Seid so gut und lasst Euch ohne Gegenwehr töten, Auserwählte. Das macht es für uns beide leichter.“ Der große Mann hatte in der höflichsten Form mit ihr gesprochen und schien sogar Respekt vor seinem Opfer zu haben. In seinen Augen konnte Cheyenne sehen, dass er seltsamerweise Mitleid mit ihr zu haben schien. Zudem machte er den Eindruck, als zweifle er selbst an seinem Vorhaben, sie zu töten. Dann hob er die Doppelklinge an und ließ sie auf sein Opfer niederschmettern, Cheyenne konnte sich im letzten Moment noch wegdrehen und dem Tod entkommen. Ihr Herz raste, aber sie versuchte ruhig zu bleiben und klar zu denken. Sie hatte gelernt, dass alles andere ihr in so einer Situation nicht weiterhelfen würde. Der Mann hob seine Waffe wieder ein wenig und kniff die Augen zusammen, aber nicht, weil er wütend war. Er hatte Mitgefühl und es schien ihm leid zu tun, dass er das Mädchen töten wollte. In diesem Moment sprang Adocaz den blauhaarigen Feind an und grub seine Zähne in dessen muskulösen Arm. Der große Mann stöhnte kurz vor Schmerz, dann jedoch schleuderte er den Feenwolf von sich weg und der Vierbeiner landete winselnd auf dem Rücken, einige Meter der Kampfstelle entfernt. Cheyenne nutzte die Ablenkung und nahm etwas Sand in die Hand und als der Feind sich wieder ihr zuwandte, warf sie ihm die feinen blass-gelben Körner ins Gesicht. Er schien einige davon in die Augen bekommen zu haben, hob jedoch erneut die Doppelklinge an. Obwohl er nicht sah, wo sich sein Opfer befand, war es garantiert, dass der Hieb nicht ins Leere gehen würde. Cheyenne schloss ängstlich die Augen. Doch anstatt Schmerzen zu fühlen, hörte sie nur, wie etwas auf die Klinge des Feindes traf und daran zersprang, jedoch genug Kraft gehabt hatte, um den Angriff zu stoppen. Das Mädchen öffnete die Augen und sah um sich herum Eissplitter liegen. Was auch immer die schwere Waffe des Mannes getroffen hatte, war stark genug gewesen, um ihn ins Wanken zu Bringen und er hätte beinahe die Doppelklinge fallen lassen. Der Sand schien ihn nicht mehr zu stören, denn er hatte die Augen weit offen und holte erneut zum Angriff aus. Der Feind schien Cheyenne um jeden Preis töten zu wollen, auch wenn es ihm leid tat. Sie schloss wieder die Augen und machte sich klein, nochmal hätte sie sicher kein solches Glück. Das Mädchen bereitete sich schon darauf vor, dass gleich alles aus wäre und sah einen Teil ihres Lebens an ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Hatte sie nicht eigentlich vorgehabt, nicht wegen dieser Auserwählten-Sache zu sterben? Also konnte sie am Ende doch nicht ihrem Schicksal entkommen.

Dann spürte sie eine gewaltige Kälte in ihrer Nähe, aber keinen Schmerz. Fühlte sich so der Tod an? Aber dann hörte sie wieder etwas auf die Klinge des Feindes treffen, diesmal jedoch zersprang es nicht. Cheyenne öffnete die Augen und sah woher die Kälte kam. Glaczio stand schützend vor ihr und blockte mit aller Kraft den Angriff des großen Mannes ab. Die eisige Luft seiner Elementar-Waffe war es gewesen, die sie gespürt hatte. Das Eisschwert war um einiges kleiner als die riesige Wasserdoppelklinge und der Heiler bei Weitem nicht so stark, wie der muskelbepackte Feind. Die Elemente in den Waffen fingen ebenfalls einen Kampf an, denn Glaczios Eisklinge fror das Wasserwerkzeug an der Stelle, wo sie aufeinandertrafen immer wieder ein, aber das Wasser in der Doppelklinge bewegte sich in wilden Wellen und befreite sich stetig von dem Frost. Cheyenne war sich sicher, dass die Verteidigung des Heilers dem Angriff des großen Mannes gleich nicht mehr Stand halten konnte und wenn er sich nicht schnell etwas Kluges einfallen ließ, würde der Feind ihn niederschmettern, noch bevor das Mädchen aufstehen konnte, um ihrem Beschützer zu helfen. Glaczio verteidigt mich schon wieder… Ich durchschaue ihn einfach nicht… Ist er nun Freund oder Feind?

Plötzlich ließ die Stärke des Angriffs nach und der große Mann riss die zusammengekniffenen blauen Augen weit auf. Er schien zu realisieren, dass jemand seine Attacke gestoppt hatte und es sah so aus, als würde er sein Gegenüber kennen. Diese Reaktion war des Heilers Glück, denn er hätte keine Sekunde länger seine Verteidigung aufrechterhalten können. Cheyenne hatte bereits bemerkt, dass seine Beine unter der Last des Doppelklingenhiebs nachgaben und wenn das passiert wäre, hätte der Feind ein leichtes Spiel gehabt. Dieser würde dann sie und womöglich auch ihren Beschützer töten. Aber soweit kam es zum Glück ja nicht. Glaczio nutzte seine einzige Chance zu seinem Vorteil. Sein Eisschwert fing ganz plötzlich an enorm stark hellblau zu leuchten und war nochmal um einiges kälter geworden, da mehr kühle Luft zu Boden sank, als zuvor. Die Klinge schien nun mächtiger zu sein und der Heiler schaffte es, den Angriff des blauhaarigen, scheinbar verdutzten Mannes nun vollends zurückzuschlagen. Dann ging das Schwert wieder in seinen Normalzustand über. Hat er etwas von seiner Kraft auf sein Schwert übertragen, oder warum ist es auf einmal so stark? War das eine Elementar-Attacke der Eiswaffe, ausgelöst durch geistige Stärkeübertragung? Hm… Das ist gut möglich, denn im Gegensatz zu Sashas Pistole hat das Schwert keinen Regler, mit dem man zwischen den Angriffen wechseln kann. Wenn ich irgendwann ein Elementar-Schwert habe, wird man es mir vermutlich erklären. Ich würde es zwar gerne früher schon wissen, aber ich will Glaczio zurzeit wirklich nicht fragen, ob meine Vermutungen stimmen. Er mag mich jetzt zwar aus irgendeinem Grund verteidigt haben, aber ich bin mir sicher, dass er immer noch so drauf ist, wie gestern…

Cheyenne beeilte sich aufzustehen, griff sich dann ihren Bogen und klappte ihn kampfbereit auf. Während sie das tat erklang wieder die Stimme des Feindes, diesmal aber nicht ruhig, sondern wütend. „Du… Elender Verräter!“ Er stand ungefähr zwei Meter von ihr entfernt und das Mädchen sah, dass er Glaczio voller Zorn anstarrte. Der Körper des Feindes strahlte pure Wut aus, aber in seinen Augen konnte das Mädchen auch Trauer erkennen. Dieser Mann… was ist mit ihm? Widersprechen sich nicht eigentlich Wut und Trauer? Und warum hatte er Mitleid mit mir, wenn er mich doch eigentlich töten wollte? Entweder dieser Typ ist einfach nur seltsam, oder er hat ein echt schweres Leben…  Glaczio legte den Kopf schief, musterte den Feind und stellte ihm in seiner gewohnt unbeeindruckten und arroganten Art eine Frage. „Hm. Sollte ich Euch von irgendwoher kennen?“ Der Mann ballte seine freie Hand zu einer Faust und biss wutentbrannt die Zähne zusammen. Cheyenne befürchtete, dass der Heiler es übertrieben hatte und diese Aussage verhängnisvolle Auswirkungen haben könnte. Der Feind hob nämlich bereits wieder die Doppelklinge, deren ruhiges Wasser mittlerweile zu stürmischen Wellen geworden war, und würde gleich mit seiner ganzen Kraft, die noch dazu nun auch von seiner Wut verstärkt war, angreifen. Ich weiß ja, dass Glaczio wirklich gut kämpfen kann, aber vielleicht unterschätzt er diesen Gegner… Die Ritter, gegen die er mich bisher verteidigt hat, waren gar nichts im Vergleich zu diesem Mann… Mit der Stärke käme er vielleicht noch klar, immerhin kann er wirklich schnell, gut und sogar noch elegant ausweichen, aber ich weiß nicht so recht, ob diese Strategie bei dem Typen da aufgehen kann. Die Doppelklinge ist riesig, ihr auszuweichen ist sicher richtig schwer… Warum hat dieser Vollidiot den Mann auch provoziert?! Und warum kennt ihn denn schon wieder einer von unseren Feinden?  

Cheyenne ärgerte sich über den Heiler, der aber stand nur ruhig da, bereitete sich nicht auf einen Angriff vor und schien abzuwarten. Sie verstand nicht, was er vorhatte. Doch dann hörte sie Fußstapfen im Sand, die schnell näher kamen. Das Mädchen schaute sich nach dem Geräusch um und entdeckte Sasha, die zu ihr gelaufen kam und sich neben sie stellte. Glaczio steckte das Eisschwert weg, schloss die Augen und verschränkte die Arme. Ein paar Sekunden verharrte er in dieser unbeeindruckten, uninteressierten und abweisenden Haltung. Cheyenne fragte sich, was er vorhatte. Doch dann dämmerte es ihr langsam, als auch Adocaz, der sich aufgerappelt hatte und unverletzt zu sein schien, zu ihr kam und bedrohlich knurrte. Der Feind wich einen Schritt zurück, denn nun stand es Vier gegen Einen. Das war es also, was Glaczio vorgehabt hat… Es ist sein Plan gewesen, auf Sasha und Adocaz zu warten, weil er genau gewusst hat, dass dieser Mann sich dann zweimal überlegt, ob er uns nochmal angreift oder nicht, da wir definitiv in der Überzahl sind… Die Intelligenz des Heilers machte Cheyenne immer noch sprachlos.

Der große Mann wich inzwischen stetig weiter zurück und würde gleich die Flucht ergreifen. „Wir werden uns wiedersehen, Auserwählte… Und dann werde ich dafür sorgen, dass Euch niemand mehr beschützt.“ Dann floh der Feind in Richtung Saraley, allerdings schien er Probleme beim Laufen zu haben, denn er war nicht sonderlich schnell unterwegs und humpelte von Zeit zu Zeit. Dennoch krochen seine letzten Worte dem Mädchen kalt den Rücken hinunter und jagten ihr ein wenig Angst ein.

Sasha wollte die Flucht des Angreifers nicht akzeptieren und zielte mit der Pistole auf ihn. „Nein, du entkommst mir nicht! Tote Feinde sind mir lieber als lebendige. Vor allem, wenn sie so aussehen, als gehören sie zu den Herrschern unter den Rittern.“ Trotz alldem, was der Feind gesagt und getan hatte, war Cheyenne nicht mit dem Vorhaben ihrer Freundin einverstanden. Immerhin hatte der Mann Mitleid mit ihr gehabt und schien sehr an seinem Vorhaben gezweifelt zu haben. Aus diesem Grund war sie sich nicht einmal so sicher, ob er tatsächlich einer der Ritter war. Der Feind hatte ihr auch ein Wiedersehen versprochen. Wenn sich ihre Wege wieder kreuzten, würde sie versuchen ihre Angst zu überwinden, dabei nicht zu sterben und darauf hoffen, mehr über ihn herauszufinden. Der blauhaarige Mann war ein sehr starker Gegner und wenn er tatsächlich so an sich und seinen Taten zweifelte, wäre es möglich, dass das Mädchen ihn überzeugen könnte, die Seiten zu wechseln, denn sie würde ihn lieber bei den Schattendiener sehen, um nicht erneut gegen ihn kämpfen zu müssen. Seine Stärke war atemberaubend und er war ein richtig ernstzunehmender und gefährlicher Gegner. Sie hätten einen gewaltigen Vorteil gegenüber den Rittern, wenn er sich einem der Clans anschließen würde und ihr Verbündeter wäre. Cheyenne müsste nur überzeugend genug sein und solange überleben, bis sie ihn überredet hätte. Hm… das ist doch ganz leicht… das werd ich schon schaffen… Ach, ich bin sowas von tot, wenn ich das versuche… Aber ich muss es einfach probieren, wenn die Schattendiener ihn auf ihrer Seite hätten, könnten sie sich besser gegen die Ritterschaft behaupten. Aber wenn er ein Ritter ist, wird es sicher richtig schwer ihn davon zu überzeugen… Hm… er hat mich Auserwählte genannt… Naja, ob ich das jetzt wirklich bin, weiß ich zwar noch nicht ganz sicher, aber auch wenn ich es sein sollte, vielleicht kann ich mich dann auf diese Weise meinen Aufgaben entziehen? Indem ich einfach nur starke Leute für die Schattendiener finde und somit gewinnen sie sicher den Krieg und alles wird gut. Dass die Ritter besiegt werden, ist doch auch in meinem Interesse, also wäre dies doch eine Möglichkeit. Aber andererseits… könnten die Clans das doch auch alleine bewerkstelligen. Um neue Mitglieder zu bekommen, braucht man doch nicht unbedingt die Hilfe von jemandem, der scheinbar von irgendeiner Göttin gesegnet wurde… Das würde mit der Zeit sowieso automatisch gehen, wenn die Ritter so weitermachen… Ich versteh es einfach nicht… Was ist der Sinn von Auserwählten? 

Cheyenne seufzte und schüttelte den Kopf, um ihren Gedankengängen ein Ende zu bereiten, denn Sasha würde gleich auf den weglaufenden Mann schießen. Das Mädchen wandte sich an ihre Freundin, doch noch bevor sie etwas sagen konnte, wurde die Schusswaffe bereits gesenkt. Glaczio war neben Sasha getreten und hielt deren Hand mit der Pistole gen Boden. Er sah dem Flüchtenden nach und begründete seine Handlung. „Hey, Sasha-Mäuschen, bleib mal locker. Obwohl du immer so verdammt sexy aussiehst, wenn du tötest, denke ich, dass ich in diesem Fall zur Ausnahme einmal auf diesen atemberaubenden Anblick verzichten könnte. Wenn du zur Abwechslung mal deinen Verstand anstelle deines Instinktes einsetzen würdest, wäre es dir vielleicht möglich, zu sehen, dass dieser Kerl kein Herrscher ist. Er trug weder einen Umhang, noch irgendeine spezielle Rüstung und hat keine Truppe mit sich geführt. Zu den Rittern kann er auch nicht gehören. Die dürfen nämlich keine Elementar-Waffen besitzen, damit sich die Herrscher von ihnen in Kraft und Stärke erkenntlich abheben können. Eine ausgesprochen nutzlose Forderung. Was ich mir hingegen als sehr wahrscheinlich vorstellen kann, ist, dass er ein Außenstehender ist, der jedoch trotzdem auf der Seite der Ritter steht. Er könnte auch ein Söldner sein, denn wer auch immer die Auserwählte der Finsternis zuerst tötet, bekommt eine riesige Belohnung von der Lichtritterschaft. Außerdem hat dieser Typ gar nicht gewusst, was er eigentlich macht und war scheinbar ziemlich verzweifelt. Baby, du solltest Mitleid mit dem alten Mann haben und ihn nicht einfach so abknallen. Hehe. Sieh ihn dir doch einmal genauer an. Er humpelt ja sogar. Ich denke, er hat seine Strafe schon erhalten, genug, für viele weitere Sünden, die er noch begehen wird. Da dich diese ganzen Gründe garantiert nicht zufriedenstellen werden, will ich dir einen weiteren nennen. Du hast ja… unglaublich gute Instinkte, demnach solltest du spüren, dass es irgendwie nicht klug erscheint ihn zu töten. Er könnte sich noch als nützlich herausstellen, denkst du nicht auch? Wie auch immer. Ach ja. Was dich angeht, mein Todesengel... Das nächste Mal, wenn dich wer angreift, spielst du nicht mehr den Angsthasen und tust gefälligst was. Ich habe keine Lust mehr dich ständig zu beschützen, verhalte dich doch einmal wie die Auserwählte und kämpfe. Gestern warst du doch auch nicht so zimperlich. Was also ist dein Problem? Wer Angst hat ist schwach, weißt du das? Vor allem, wenn man auserwählt ist. Du bist eine Schande. Die Götter müssen verrückt oder enorm dumm sein, wenn sie ausgerechnet dich ausgewählt haben. Du wirst diese Welt nie vor den unheilvollen Plänen der Lichtritterschaft bewahren können. Es ist wirklich traurig, dass sie dich gewählt haben. Ich wünschte, wir wären uns nie über den Weg gelaufen, dann würde mir dieses Elend wenigstens erspart bleiben…“ Cheyenne senkte den Kopf. Sie war geschockt über seine Worte. Sie versuchte mit aller Kraft gegen die Tränen anzukämpfen, aber sie schaffte es nicht und so kullerten ein paar über ihre Wangen zu Boden und waren im Sand deutlich zu erkennen. Das Mädchen hatte nicht erwartet, dass er sie so fertig machen würde, im Gegenteil. Sie hatte gehofft, dass sein Verhalten heute etwas besser wäre, so, wie auch die Wunde in seinem Gesicht fast geheilt und verschwunden war. Aber offenbar hatte sie sich gewaltig getäuscht. Adocaz stupste seine Besitzerin an, aber als er merkte, dass es nichts brachte, bleckte er die Zähne und knurrte Glaczio an. Dieser würdigte den Feenwolf keines Blickes und sah dem Mann nach. Sasha stand da und schien geschockt und ungläubig über das, was ihr alter Bekannter soeben zu ihrer Freundin gesagt hatte. Sie befreite ihre Hand mit der Pistole aus dem Griff des Heilers und gab ihm eine kräftige Ohrfeige. Dann trat sie einen Schritt zurück hielt ihm ihre Schusswaffe ins Gesicht. Die junge Frau zitterte vor Wut und würde nicht lange überlegen, bevor sie etwas tat, das man nicht rückgängig machen konnte. Beinahe hätte sie keine Worte gefunden, so entsetzt, wütend und sprachlos war sie. Aber dann sprach sie eine Drohung aus, die schon mehr ein Todesurteil war. „Wie kannst du nur… Wie kannst es wagen, sie zum Weinen zu bringen, warum sagst du solche Sachen? Du bist so ein elender Mistkerl! Ich finde gar keine Worte mehr dafür! Ich habe dich gewarnt… Solltest du Cheyenne jemals in irgendeiner Form verletzen, hast du dein Leben verwirkt und jetzt ist es soweit! Ich seh mir das nicht mehr länger mit an! Nicht Cheyenne, sondern du bist doch hier die Schande! Mein Leben wird gleich um so vieles bereichert werden, wenn du nicht mehr lebst! Sag ‚Auf Wiedersehen‘…“ Sasha lud ihre Waffe und war bereit, jederzeit den Todesschuss auszulösen. Glaczio jedoch stand vor ihr und bewegte sich keinen Zentimeter, lediglich seine schönen, hellblauen Haare spielten im Wind. Aus halb geöffneten Augen sah er die junge Frau an und zeigte keine Emotionen. Es schien ihm egal zu sein, dass sie ihn gleich töten würde.

Der Wind wurde stärker und man hörte große Wellen im Meer brechen. Die Luft schmeckte salzig und der Schein der Chromasterne wurde immer kräftiger. Möwen krächzten in weiter Ferne und die zwei Pferde schnaubten nervös.

Cheyenne stand da und musste zusehen, wie Sasha gleich, ohne alles nochmal zu überdenken, Glaczios Leben rauben würde. Über ihre Wangen suchten sich stetig ein paar Tränen einen Weg zum Boden, aber sie schluchzte nicht und atmete normal. Das Mädchen wusste gar nicht, was sie mehr verletzt hatte. Die Tatsache, dass jemand, mit dem sie schon viel gereist war, der ihr so geholfen hatte und immer so freundlich zu ihr war und dem sie einst ihr Vertrauen geschenkt hatte, ihr sagte, sie sei eine Schande, oder war der Grund weswegen sie weinte, dass in ihren Augen sogar tatsächlich alles stimmte, was er ihr vorgeworfen hatte? Cheyenne hasste den Heiler nun abgrundtief. Auch wenn er zur Abwechslung die Wahrheit gesagt hatte, konnte sie fühlen, dass er sie absichtlich verletzen wollte. Aber das Mädchen verstand es einfach nicht. Warum war er so gemein geworden? Jetzt hatte sie nicht einmal versucht mit ihm zu sprechen und er spielt ihr so übel mit. Wie konnte sie sich nur so in Glaczio getäuscht haben? Sie hätte wissen müssen, dass er ihr nur Freundlichkeit vorspielt. Aber auch wenn Cheyenne es nicht mehr stören würde, dass Sasha sein Leben auslöschte, so wollte sie nicht schon wieder jemanden sterben sehen. Sie hatte vor, ihn noch bis nach Wacoralis mitzunehmen, denn hier draußen waren die Überlebenschancen ziemlich gering, aber sobald sie das Dorf erreicht hätten, würden sich ihre Wege für immer trennen. Das Mädchen hoffte, sie müsste Glaczio danach nie wieder sehen.

Cheyenne stellte sich vor den Heiler und sah Sasha traurig an. Ihre Freundin schien nicht zu verstehen, also gab sie ihr eine Erklärung. „Bitte töte ihn nicht Sasha… Ich will nicht schon wieder Blut sehen… Wir nehmen ihn mit nach Wacoralis und dann schicken wir ihn weg, ja? Er hat mir zu oft das Leben gerettet, als dass ich zulassen kann, dass du ihn meinetwegen umbringst… Tut mir Leid…“ Die junge Frau seufzte, ließ langsam die Waffe sinken und steckte sie weg, zurück in die Halterung. Dann drehte sie sich um und ging zu den Pferden.

 

Cheyenne wandte sich an Glaczio, der es nicht mehr wagte, sie anzusehen. „Ich denke… jetzt sind wir quitt… Ich wünsche deine Begleitung und Hilfe nicht mehr… Es… tut mir leid, dass alles so gekommen ist… Verzeih mir… Ich weiß, ich bin keine gute Auserwählte…“ Mehr brachte sie nicht über ihre Lippen und lief mit Adocaz zu Sasha. Bei ihrer Freundin angekommen, schloss diese Cheyenne fest in die Arme und wischte ihr einige Tränen von den Wangen. Dann half sie dem Mädchen aufs Pferd und gab dem großen Tier einen Klaps, sodass es sich langsam in Bewegung setzte. Das hieß wohl, dass die junge Frau sich ihr Pferd mit dem Heiler teilte. Cheyenne fiel ein Stein vom Herzen, als es tatsächlich so war. Sie hätte es nicht ausgehalten, ihn jetzt so nah bei sich zu haben. Adocaz lief vorweg und die kleine Gruppe steuerte im Galopp das Stranddorf Wacoralis an. 

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