Kapitel 9

geschrieben von Darknezz

Notiz:

Der Inhalt dieses Kapitels wurde vor 10 Jahren verfasst und seither nicht verändert. Der Schreibstil könnte sich im weiteren Verlauf der Geschichte verändern.

Cheyennes Gedanken sind kursiv.

Sehnsüchtige Beobachtung

Ein seltsames Wiedersehen

Sandpassage, Übergang von Luminastrelle nach Nord-Halonien

"Cheyenne, lass mich nicht vergessen, wenn wir das nächste Mal hierher kommen, muss ich dem Koch in dieser Gaststätte eine Auszeichnung überreichen und ihm persönlich die Hand schütteln. Das war mit Abstand das Beste, was ich je gegessen hab.“ Sasha ging neben Cheyenne her und schwärmte nur so von den Kochkünsten in der kleinen Strand-Gaststätte. Das Mädchen musste lachen und nickte dann. Hihi, ja sie hat Recht, der Koch hier ist wirklich begabt in seiner Berufung.

In wenigen Minuten würde die Nacht vollends über das Land hereinbrechen und es wieder einmal enorm dunkel werden. Am Himmel sah man nur noch ungefähr zehn Chromasterne, die nur schwach leuchteten.

Cheyenne und ihre Begleiter waren soeben gestärkt aus der Gaststätte gekommen und steuerten die kleine Steinmauer an. Glaczio hatte bisher noch nichts von seinem ‚genialen Plan‘ erzählt, aber nun schien er sein Vorhaben mit den anderen teilen zu wollen. Die zwei Freundinnen setzten sich auf die Mauer und Adocaz legte sich seufzend neben seiner Besitzerin auf den Boden.

Der Heiler sah erst in alle Richtungen, um sicher zu gehen, dass niemand in der Nähe war, dann betrachtete er den Eingang der Sandpassage. Diese lag etwas weiter hinter der Gaststätte, am Ende des Strandes und man konnte sie von der Steinmauer aus sehen. Cheyenne folgte Glaczios Blick und stellte fest, dass fünf Ritter dort Wache hielten. Wie sollen wir denn an denen unbemerkt vorbeikommen? Diese Wächter sehen ziemlich stark aus… Wenn wir außerdem einen Kampf anzetteln, wird einer von ihnen sicher Alarm geben und im Handumdrehen wüsste die ganze Ritterschaft, dass wir tatsächlich nach Halonien wollen und bereits hier sind. Es wird richtig schwer werden, an denen vorbeizukommen… Das Mädchen machte sich noch Gedanken, aber Glaczio schien schon lange Zeit zuvor eine Lösung entwickelt zu haben. Er schloss die Augen und lächelte ein wenig. Sasha wurde ungeduldig und forderte ihn auf, sie in seinen Plan einzuweihen. „Ach, du Spinner hast doch sicher schon einen tausendmal durchdachten Plan, der garantiert funktionieren und nicht fehlschlagen wird, so wie ich dich kenne. Wenigstens bist du manchmal doch ganz nützlich. Aber spann uns nicht so auf die Folter und leg die Karten auf den Tisch. Und hör mal auf, ständig so angeberisch zu tun, das hält man ja nicht aus!“ Der Heiler rollte genervt mit den Augen und wandte sich über die Schulter nach hinten, bis er seine ehemalige Freundin erblickte. Er seufzte und verschränkte die Arme. „Hey, bleib locker, Baby. Ich hatte ja vorhin schon einen Plan, aber da mir niemand Beachtung geschenkt hat, als wir zur Gaststätte gegangen sind, habe ich gedacht, ihr seid nicht interessiert und behielt meine Idee für mich, hehe. Aber dir wird wohl ohnehin nichts Vernünftiges einfallen, also wird der liebe Glaczio seinen zwei hübschen Häschen auf die Sprünge helfen und sie aus ihrer trostlosen Situation befreien. Dieser geniale Heiler hier hat nämlich den Plan des Jahrhunderts entwickelt und ja, er wird perfekt funktionieren. Leider benötige ich deine Hilfe, Sasha-Mäuschen. Ich hoffe das ist nicht zu viel verlangt, Schnuckelchen. Hehe…“ Cheyenne sah von Glaczio zu Sasha und bemerkte, wie ihre Freundin ganz rot im Gesicht wurde. Dass er es immer mit ihr übertreiben muss… Jetzt hat er gerade noch eine Chance bekommen, nun führt er sich schon wieder so auf… Ich schätze, das war bei den beiden immer schon so. Er neckt sie doch nur, aber sie lässt es viel zu sehr an sich heran. Ach, ich kann mir nicht helfen, auch wenn ich mich ein wenig dafür schäme, find ich die Beiden manchmal echt lustig.  Das Mädchen stand zwar voll und ganz hinter Sasha, aber ein Schmunzeln konnte sie sich in diesem Moment nicht verkneifen. Der Heiler bemerkte dies und zwinkerte Cheyenne zu. Sie wandte sich jedoch von ihm ab und blickte zu Boden. Damit hatte er offenbar gerechnet und ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Er wurde ernster und blickte nachdenklich auf die Sandpassage, dann erzählte er von seinem Plan. „Also gut, Mädels. Es wird euch jetzt vielleicht nicht so gut gefallen, genauso wenig, wie mir, aber es ist taktisch die klügste Möglichkeit. Es ist zwar leider schon zu spät, um noch irgendwelche Dinge zu kaufen, denn die Geschäfte haben bereits geschlossen, aber darauf können wir nun keine Rücksicht nehmen… Immerhin ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Ritter unseren genauen Standpunkt herausfinden, vor allem, wenn Atropax in diese Pläne verwickelt ist. Mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit kann ich garantieren, dass morgen früh hier bereits das Dorf umzingelt ist, denn wenn man logisch denkt, ist es leicht herauszufinden, wohin wir wollen. Wenn wir dann von dreißig Rittern umstellt sind, haben wir keine Chance. Folglich wäre es ein beträchtlicher Vorteil, würden wir uns noch diese Nacht auf den Weg machen. Im Grunde genommen haben wir gar keine andere Wahl. Die Nacht wird uns Schutz gewähren, sodass uns die Wachen bei der Passage nicht so leicht entdecken und wir unbemerkt den Kontinent verlassen könnten. Dann suchen die hier morgen vergeblich alles ab und wir gewinnen Zeit. Wobei ich mir sicher bin, dass Atropax nicht nur die normalen Ritter auf uns angesetzt hat, sondern sich auch Leute gesucht hat, die uns verfolgen und ihm unsere Aufenthaltspositionen zuspielen. Demnach wird es nicht lange dauern, bis die Lichtritterschaft weiß, dass wir in Halonien sind und uns auch dort suchen lassen. Atropax‘ Kontinent… Hm. Wie dem auch sein, zurück zum Plan. Sasha-Mäuschen, ich hoffe du hast das Gestaltwandeln noch nicht verlernt, hehe. Du lenkst die Ritter dort unten, nach Einbruch vollständiger Dunkelheit, in Form einer Meeresschlange ab und mein Engelchen, Feenwölfchen Adocaz und meine bescheidene Wenigkeit schleichen uns hinter den abgelenkten Wächtern vorbei, auf die Passage. Wenn wir außer Sichtweite sind, verschwindest du ins Meer und kommst unauffällig zu uns. Dann versuchen wir die Sandpassage unbeschadet zu überqueren. Wir müssen miteinkalkulieren, dass es stockdunkel ist, sich dort höchstwahrscheinlich Umbraurore-Dämonen tummeln, uns die Wellen jederzeit den Boden unter den Füßen wegreißen können, vor allem zu dieser Zeit und Windstärke und es ein irrsinnig weiter Weg ist. Ich würde vorschlagen, wir verwenden unsere Waffen, nachdem wir außer Sichtweite der Ritter sind, um wenigstens ein bisschen etwas zu sehen, wobei ihr auf mich nicht wirklich zählen könnt. Ohne mein Schwert würde ich nachts verloren sein, denn ich bin, ungelogen dieses Mal, blind wie ein Maulwurf, wenn es dunkel ist. Engelchen, in Mediasilva hast du mir erzählt, dass du nachts keinerlei Probleme mit deiner Sicht hast. Du solltest demnach fast so gut sehen können, wie tagsüber, nicht wahr? Das bedeutet, dass wir uns später auf dich verlassen werden. Du musst uns sagen, wenn du irgendetwas in der Ferne siehst, das wir nicht wahrnehmen können. Denn Sasha-Mäuschen und ich können nur Dinge erkennen, die im Umkreis unserer Waffenbeleuchtung sind. Natürlich würden wir hören, wenn etwas auf uns zukommt, wir haben gute Instinkte entwickelt, aber trotzdem vertrauen wir uns dir an. Du musst sowieso auch lernen mit Verantwortung umzugehen und ein Erfolg käme deinem Ego zugute. Wenn alles nach Plan läuft, alle möglichen Probleme, die auftreten können, miteinkalkuliert, sollten wir morgen früh in Nord-Halonien ankommen. Wenn jeder soweit mit meiner herausragenden, genialen Idee einverstanden ist, schlage ich vor, dass wir unverzüglich zur Tat schreiten.“

Cheyenne gefiel Glaczios Vorhaben nicht ganz, aber es war wirklich das Vernünftigste, das sie zurzeit machen konnten. Eines muss man ihm wirklich lassen, da kann nicht mal Sasha was dagegen sagen… Er ist wirklich ein Genie. Müsste ich, falls ich tatsächlich die Auserwählte sein sollte, nicht auch so intelligent sein? Wieso mach ich mir eigentlich immer noch vor, dass diese ganze Sache nur ein Missverständnis ist… Jeder ist so überzeugt, außerdem… muss es Glaczio doch eigentlich wissen… Und wie war das? Sasha kann ihre Gestalt verändern? Wow…

Cheyennes Freundin hatte es die Sprache verschlagen, was wirklich eine extreme Ausnahmesituation bei ihr war. Sie nickte, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. Scheinbar war dieser Plan auch für sie die beste Lösung der Situation und die junge Frau erkannte Glaczios Genialität neidlos an. Dann jedoch senkte sie schnell den Kopf. Irgendetwas an dem Vorschlag des Heilers gefiel ihr offenbar doch nicht so gut. Geknickt wandte sie sich an ihren Kindheitsfreund. „Du verlangst etwas von mir, wovon du weißt, dass ich es hasse? Und woran du Schuld bist… Mein ganzes Leben hat sich deswegen verändert und du willst jetzt einfach so, dass ich mich wieder damit auseinandersetze… Du bist wirklich ein Mistkerl erster Klasse…“ Cheyenne spürte, dass Sasha wütend und traurig zugleich war und sie fragte sich, warum. Wenn die junge Frau ihre Gestalt verändern konnte, war das doch gut. Nicht jeder wäre in der Lage, dies zu tun. Aber es gäbe sicher einen guten Grund, weswegen sie ihre Gabe nicht schätzte.

Glaczio blickte voll innerer Ruhe auf seine alte Bekannte herab. Er schien genau zu wissen, wie Sasha sich fühlte, versuchte jedoch trotzdem, sie von der ihr zugeteilten Aufgabe zu überzeugen. „Hey, Baby, es tut mir ja wirklich leid, wenn ich dir diese Erinnerungen wieder ins Gedächtnis rufe, aber sieh es doch ein einziges Mal als Gabe an… Ein Geschenk, von dem wir Gebrauch machen können und das uns weiterhilft auf unserem Weg. Du kannst es nicht mehr ändern, also ziehe doch einfach deinen Vorteil daraus. Du musst es deswegen ja nicht akzeptieren oder mögen, einfach nur ausnutzen, ja? Ach und ganz nebenbei... Wie oft soll ich dir noch sagen, dass es nicht meine Schuld war… Tu es wenigstens für die Auserwählte.“ Sasha seufzte und schaute Cheyenne an. Diese war verdutzt, sie hatte eigentlich keine Ahnung, wovon ihre beiden Begleiter gerade redeten. Es ging definitiv um die Gabe des Gestaltwandelns, aber mehr Zusammenhänge verstand sie nicht. Warum konnte ihre Freundin so etwas überhaupt? Sasha bemerkte, dass das Mädchen nicht folgen konnte und klärte sie auf. „Du verstehst gerade wahrscheinlich nicht wirklich was, hm? Also… Erst mal, Glaczio, du bist ein elender Lügner und ich glaub dir kein Wort. Deine Forschungsdaten waren schuld daran… Nun zu dir, Cheyenne. Du hast vielleicht gerade soweit mitbekommen, dass ich meine Gestalt verändern kann… Als ich jünger war und noch in dem Labor in der Hauptstadt festgehalten wurde, hat man mit mir unzählige Experimente gemacht. Das Labor war direkt beim Schloss des Königs, ist aber ein paar Monate vor Glaczios Verschwinden geschlossen worden. Sie haben mich aber danach immer noch dort festgehalten, damit sie für den Idioten hier ein Druckmittel haben. Es war ihm zwar verboten mich zu besuchen, aber er kam trotzdem, wenn er mal rein zufällig Zeit hatte. Pff… So gut wie fast nie… Frau und Beruf waren ihm wichtiger als ich… Aber… wenn er nicht doch manchmal bei mir vorbeigeschaut hätte, wäre ich sicher vollends verzweifelt… Ah, was ich eigentlich erzählen wollte war ja das mit dem Gestaltwandeln. Also, es war ein Experiment zur Lumenium-Umwandlung, aber es schlug fehl, mit dem Effekt, dass ich für mehrere Monate komplett die Kontrolle über meinen Körper verlor und enorme Schmerzen hatte… Meine Lumenium-Struktur veränderte sich ständig in alle möglichen Tierformen… Ich glaub, ich war fünfzehn, als das alles passierte und damals… war Glaczio noch fast jeden Tag bei mir. Er hat mir in dieser Zeit sehr geholfen und irgendwann hab ich meinen Zustand in den Griff bekommen und kontrollieren gelernt, auch die Schmerzen haben dann aufgehört. Es mag ja sein, dass es eine vorteilhafte Sache ist… Aber die Erinnerungen daran sind furchtbar und ich fühle mich wie ein… Monster deswegen… Das ist so abnormal und widerlich… Ich wollte eigentlich, dass du es nie erfährst, aber der Eiszapfen konnte ja wieder seine Klappe nicht halten… Aber das Schlimmste ist… dass seine Idee wirklich gut ist und ich auch keinen anderen Weg sehe, wie wir an den Wachen vorbeikommen…“ Cheyenne tat ihre Freundin leid. Offenbar hatte nicht nur Glaczio ein gewaltig schweres Leben gehabt. Das Mädchen konnte nicht mitansehen, wie sich Sasha selbst so fertig machte und legte ihre Hand auf deren Schulter. Die junge Frau hob den Kopf und sah Cheyenne an, in ihren mintgrünen Augen sammelten sich langsam Tränen. Glaczio und Sasha haben so viel mitgemacht in ihrem Leben… Wenn sie es nur erzählen, klingt es ja schon schlimm genug, aber beide haben Tränen in den Augen, wenn sie über die Vergangenheit reden… Ich schätze, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie grausam es damals für die zwei sein musste, wenn sie nach all dieser Zeit immer noch zu weinen anfangen könnten, sie sind doch normalerweise immer so stark… Anhand ihrer sichtbaren Gefühle wird einem erst das Ausmaß so richtig bewusst… Ich hasse die Ritter…

Cheyenne zeigte sich einfühlsam und sagte der Freundin ihre Meinung zu der ganzen Sache. „Du bist nicht abnormal oder seltsam. Du bist besonders. Sasha, du hast eine Gabe, die nicht jeder beherrschen kann und du hast sogar die Stärke sie zu kontrollieren. Ich finde das ehrlich gesagt nicht widerlich, sondern bemerkenswert. Du hast dich aus einer scheinbar ausweglosen Situation befreit und das zeigt doch, wie stark deine Seele ist. Du solltest viel eher stolz auf dich sein, dass du so einzigartig bist. Mach das Beste daraus und zeig den Rittern, dass sie dich nie klein kriegen werden. Ich versteh, dass es für dich nicht besonders schön ist, so anders zu sein, aber das ändert doch nichts daran, wer du bist. Du bist Sasha, meine tapfere, starke Freundin, die meistens gut gelaunt ist und mich immer zum Lachen bringen kann. Du bist so ein besonderer Mensch und ich bin wirklich ausgesprochen froh, dich kennengelernt zu haben. Mir ist egal, wie du aussiehst, das Wichtigste ist doch, dass du du selbst bist. Ich mag dich genau so, wie du bist und daran wird sich nie in meinem ganzen Leben was ändern.“ Nun hielt Sasha ihre Tränen nicht mehr zurück und umarmte das Mädchen stürmisch. Sie schien unglaublich glücklich über die Worte ihrer Freundin zu sein. Glaczio blickte stolz und ebenfalls etwas gerührt auf Cheyenne herab und bestätigte seiner ehemaligen Kindheitsfreundin, was sie soeben gesagt hatte. „Dasselbe gilt für mich. Danke, Engelchen, du hast mir den schwierigen, einfühlsamen Teil abgenommen, hehe. Sasha-Mäuschen, wenn es von mir kommt, hilft es dir wahrscheinlich nicht das Geringste, aber ich mag dich auch so, wie du bist. Du bist eines der attraktivsten Mädchen, die ich je kennenlernen durfte, wunderschön, stark und temperamentvoll, manchmal mangelt es dir zwar gewaltig an Höflichkeit und Intelligenz, aber genau das macht dich eben aus und das gefällt mir auch so an dir.“ Sasha machte keine Anstalten, sich dieses Mal über Glaczio zu beschweren, obwohl Cheyenne einen guten Grund für sie gefunden hätte. Aber die junge Frau schien nun neuen Mut geschöpft zu haben und sprang auf. Dabei wäre sie beinahe auf Adocaz‘ Schweif getreten. Sie wischte sich mit der Hand einige Tränen aus dem Gesicht und machte freudig eine Ankündigung. „Also gut, wenn ihr beide so sehr auf mich baut, werd ich euch nicht hängen lassen. Danke, Cheyenne, das war das Schönste, was man jemals zu mir gesagt hat. Ich bin so unendlich dankbar, dass ich dich gefunden habe. Du bist wirklich die beste Freundin, die man sich nur wünschen kann. Ich danke dir. Mein Dank gebührt, zwar nur ein klein wenig, aber immerhin, auch dir, du Eiszapfen… Glaczio. Also dann, immer her mit den Rittern, ich bin für alles bereit und wenn sie mich angreifen, fliegen hier die Fetzen, das kann ich euch sagen! Ihr werdet gleich die schönste Meereschlange zu Gesicht bekommen, die ihr je gesehen habt und je sehen werdet. Lasst uns diesen genialen Plan in die Tat umsetzen!“

Nachdem nun alles geklärt war und der Plan feststand, teilte sich die kleine Gruppe auf. Sasha ging schnellen Schrittes an den geschlossenen Ständen vorbei und über die Steintreppen, bei der Mauer, zum Strand. Dort würde sie unauffällig warten, bis auch die letzten Chromasterne am Himmel verschwunden waren und dann die Gestalt einer Meeresschlange annehmen.

Diese Wasserwesen waren enorm selten, schön und ihr wasserabweisendes Fell war unheimlich viel Geld wert. Deswegen wurden diese Nachfolger der antiken Wasserdrachen oft gejagt und waren bereits nahezu, wie ihre Vorfahren, ausgestorben. Die Ritter würden ohne jeden Zweifel genügend Ablenkung erhalten, womöglich auch versuchen, Sasha zu töten und ihren Wachtposten komplett verlassen. Aber die junge Frau könnte sich garantiert gut genug wehren. 

Auch die anderen drei setzten sich in Bewegung. Glaczio führte Cheyenne und Adocaz hinter der Gaststätte an einem großen Wohnhaus vorbei und ein paar Steintreppen zum Strand hinab. Sie befanden sich nun am Ende des Sandstrands des Lichts, denn ein paar Meter rechts, von dem Mädchen entfernt, war bereits wieder ein grasbewachsener Hügel. Es waren mittlerweile nur noch drei Chromasterne am Himmel erkennbar, dementsprechend dunkel war die Umgebung bereits. Der Heiler stand, die Augen zusammengekniffen, neben Cheyenne und tat sich offenbar schon gewaltig schwer, etwas zu sehen. Er schien fast schon etwas verloren zu sein. Dann seufzte Glaczio und bat um die Hilfe seines Schützlings. „Ach, nicht doch… Engelchen, mein Schicksal holt mich einmal mehr ein, ich sehe nur noch schwarz. Gerade ging es noch einigermaßen… Kannst du hier in der Nähe irgendwo eine Stelle ausmachen, wo es möglich ist, uns vor feindlichen Blicken zu verstecken?“ Cheyenne suchte die Umgebung mit ihren Augen ab und erblickte einen großen Felsen im Sand. Sie antwortete ihrem Begleiter. „Ähm… ah ja, da vorne ist ein großer Felsen, dahinter könnten wir uns verstecken, aber wozu? Die Ritter sehen uns doch gar nicht, wenn es so dunkel ist und wenn du jetzt schon nichts mehr erkennen kannst, sind die dazu auch nicht mehr in der Lage und würden uns daher nicht entdecken.“ Glaczio schüttelte den Kopf und erklärte die Situation. „Süße, ich dachte eigentlich das wäre logisch, aber entweder du hast daran noch keinen Gedanken verschwendet, oder du kommst wirklich nicht dahinter… Wie dem auch sei, ich will es dir erklären. Du kannst nachts hervorragend sehen, Auserwählte der Finsternis. Klingt logisch in diesem Zusammenhang, nicht wahr? Aber ich sehe nicht einmal meine eigene Hand vor Augen, oder etwas weißes, wenn es dunkel ist, als Auserwählter des Lichts. Feuer und Chromastraßenlampen sehe ich in der Finsternis auch nur blass… Es muss atemberaubend sein, die nächtliche Welt mit deinen Augen zu betrachten… Du kannst sicher jedes kleinste Detail sehen… Ich würde alles dafür geben, nur einmal den wunderschönen Himmel der Nacht mit all seinen Besonderheiten aus deiner Sicht erblicken zu dürfen… Oh, verzeih, ich bin schon wieder vom eigentlichen Thema abgeschweift. Da unsere Wahrnehmung der Dunkelheit so besonders ist, können wir nicht wissen, wie normale Menschen sehen. Damit will ich sagen, es könnte sein, dass die Ritter dort noch fähig sind uns zu erspähen, würden sie in diese Richtung sehen, oder auch nicht. Zudem haben sie eine sehr wichtige Aufgabe und daher wäre es gut möglich, dass man ihnen die beste Ausstattung mit modernster Technik direkt aus Mechatropolis überreicht hat – Nachtsichtgeräte. Aber wenn ich mir diese beiden Chromastraßenlaternen am Eingang der Passage dort ansehe, benötigen sie eigentlich keinen solchen Aufwand, sie sollten genug sehen. Zumindest in ihrer Umgebung und letztlich ist es ja ohnehin nur der Zugang, den sie bewachen müssen. Fast schon seltsam, dass sie keine Lichtlaternen aufgestellt haben, diese sind doch quasi so etwas, wie deren Erkennungszeichen, hehe. Aber ich gehe schwer davon aus, dass die Wächter nicht frieren wollen in der Nacht. Da ja weißes Licht keinerlei Wärme abgibt, müssen sie auf die guten alten Chromalaternen zurückgreifen. Zudem bräuchten sie schon ein Flutlicht, um gleich viel der Umgebung zu erhellen, wie jetzt der Chromaschein dort vorne. Aber diese Lampen sind riesig, du müsstest sie eh schon einmal gesehen haben, als du bei der Forschungsstation warst, wo deine Großeltern festgehalten wurden. Diese Flutlichter würden im Sand garantiert nicht stehen bleiben können. Nun gut, ich hoffe, meine Erklärung reicht dir als Grund aus und du bist einverstanden, wenn wir uns verstecken? Hehe. Du läufst zu dem Felsen und ich folge deinen Schritten. Hören kann ich nämlich selbst nachts ausgezeichnet, so wie du auch, meinen Beobachtungen zu urteilen. Ich denke, dein Gehör ist sogar noch um eine Spur besser, als meines… Zudem musst du auf diese Weise nicht meine Hand halten und mich zu dem Felsen führen, Püppchen, hehe. Eigentlich schade, findest du nicht auch?“ Der Heiler grinste, aber Cheyenne seufzte nur genervt und lief los zu dem Felsen. Adocaz erreichte als Erster das Ziel und kauerte sich auf den Boden. Dann kam auch das Mädchen an und hockte sich neben den Feenwolf. Glaczio schaffte es auch zu den Beiden zu stoßen und gemeinsam warteten sie auf Sashas Ablenkungsmanöver.

Cheyenne hatte einen guten Ausblick auf den Zugang zur Sandpassage, der ein ganzes Stück weit von ihrer jetzigen Position entfernt war. Sie und ihre beiden Gefährten müssten sehr schnell laufen, sobald Sasha erschien und durften nicht zu lange brauchen. Zum Wohle der Freundin und zu ihrem eigenen, denn die Ritter würden nicht ewig abgelenkt sein.

Während sie warteten, seufzte Glaczio und fing zu flüstern an. „Weißt du… Sasha-Mäuschen hat wirklich sehr viel durchgemacht… Es erfüllt meine Seele mit Freude, dass ihr beide so gute Freunde geworden seid. Außer mir hatte sie nie jemanden. Ich habe immer gehofft, dass meine Schwester sich mit ihr anfreunden würde, aber die beiden konnten sich seit dem ersten Moment, an dem sie einander gesehen hatten, schon nicht leiden. Dann war mein Schwesterherz oft eifersüchtig auf das Schnuckelchen, weil ich viel mehr Zeit mit dieser verbracht habe als mit ihr. Allerdings war sie es gewohnt, immer alles gemeinsam mit mir zu machen, somit hat sie sich entschlossen, Sasha zu hassen. Außerdem mochte sie ihre Herkunft und ihre Art nicht. Meine Schwester sagte immer, dass dieses Mädel unter unserem Niveau wäre… Sasha-Mäuschen kommt übrigens auch aus der Unterstadt. Naja und so hat es sich ergeben, dass sie nur einen Freund hatte… mich. Ich weiß auch nicht, warum ich mich mit ihr angefreundet habe damals, ich glaube, sie tat mir einfach leid und ich fand sie irgendwie sympathisch, als wir uns das erste Mal gesehen haben. Wir waren unzertrennlich, selbst, als man sie in das verfluchte Labor gebracht hatte. Jeden Tag war ich bei ihr und habe versucht, sie bei Laune zu halten… Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie oft sie nur knapp dem Tod entrinnen konnte… Eines Tages kam dann dieses Experiment, das sie nun die Gestalt verändern lässt. Das war eine schreckliche Zeit. Ich weiß, Sasha hat vorhin gesagt, es wäre meine Schuld gewesen, aber das stimmt nicht. Sie glaubt mir nur die Wahrheit nicht mehr… Die Daten für jenes Experiment entsprangen meiner Forschung, bis hierher ist ihre Aussage korrekt. Ich habe damals nach einer Lösung für den weltweiten Lumenium-Mangel gesucht und an einem Lumenium-Strukturumwandler geforscht. Aber die von mir entwickelten Formeln hatten einen kleinen Fehler und ich habe für einige Zeit aufgehört daran zu arbeiten und in der Bibliothek in Physikbüchern nach einer Problemlösung gesucht. Meine Unterlagen ließ ich im Labor zurück, aber die Forscher entwendeten sie während der Zeit meiner Abwesenheit und bauten die Maschine, die ich zum Strukturumwandeln entworfen habe. Warum sie allerdings ein Experiment mit dem fertigen Gerät an Sasha versucht haben, verstehe ich bis heute nicht ganz. Immerhin wussten die Forscher, dass meine berechneten Daten einen kleinen Fehler aufwiesen… Unter diesen Umständen könnte ich mir noch vorstellen, dass sie ihrer Dummheit und Neugier unterlegen waren und testen wollten, ob trotz des Fehlers ein Erfolg erzielt werden kann. Aber das widerspräche sich mit der Tatsche, dass sie mit etwas Lebendigem experimentiert haben, also Sasha. Denn diese Maschine war nur für Leichen und überflüssige Objekte gedacht, damit man sie schneller und ohne Defizite in die Erdeigene Lumenium-Struktur umwandeln kann, sodass keine Dämonen entstehen. Vielleicht wollten sie mir wieder bewusst machen, dass ich besser voll und ganz auf der Seite der Lichtritterschaft stehen soll und wollten mir mit dieser hirnrissigen Aktion drohen, ich weiß es nicht… Wäre die Maschine nicht fehlerhaft gewesen, hätte sie mit Lebenden gar nicht erst funktioniert, da diesen noch Umbraurore innewohnt. Die Folge der Tat dieser hohlköpfigen Forscher war dann, dass das erbaute Gerät fast explodiert wäre, es einen Brand gab, ich nicht einmal weiß, ob meine Forschungsdaten noch existieren und die Forscher sie irgendwo verstaut haben, oder verbrannt wurden und dass Sasha beinahe ums Leben gekommen wäre. Ihre Lumenium-Struktur veränderte sich ständig nach diesem Experiment, als sie aus der Bewusstlosigkeit erwacht war. Dazu kam noch, dass sie einige Brandverletzungen hatte, die ihren Körper zusätzlich geschwächt hatten. Das Schlimmste an der Sache war, dass ich ihr mit meinen Heilzaubern nicht helfen konnte, ihre Struktur war zu instabil… Ich musste sie leiden lassen und das war für uns beide grausam… Das Umformen kostete sie, ungewollt natürlich, enorm viel Kraft und sie brach oft zusammen. Ich dachte schon, sie würde nicht überleben. Aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, war jeden verdammten Tag bei ihr und gab mein Bestes, ihr irgendwie zu helfen. Nachts habe ich geträumt, wie sie leidet und ihre Schmerzensschreie gehört. Das war nicht sonderlich schön, kann ich dir sagen… Aber irgendwie hat sie es überstanden und konnte es irgendwann auch kontrollieren. Und nun hasst sie mich, zwar erst seit einem Jahr so richtig und das für etwas, wo sie mir nicht wirklich die Schuld geben kann, aber trotzdem. Ein bisschen dankbar könnte sie mir schon sein, immerhin hab ich wirklich alles Mögliche für sie getan… Nun… Wenn das der einzige Grund wäre, warum sie mich nicht mehr leiden kann, wäre ich froh, aber das Schnuckelchen ist verdammt nachtragend, zumindest mir gegenüber. Denn da wäre noch eine andere Sache und jetzt wo ich so darüber nachdenke… gibt es in ihren Augen wohl noch viele Gründe mehr, mich zu hassen. Sie wird dir sicher einmal alles erzählen, wenn sie es für die richtige Zeit hält… Zumindest an dieser Gestaltenwandlungsgeschichte bin ich nur zum Teil schuld, ich hätte die Daten besser verstecken sollen. Aber das ist nun Vergangenheit und lässt sich nicht mehr ändern.“ Cheyenne wollte Glaczio glauben, was er sagte. Wenn er früher anders war, als heute und Sasha noch dazu seine beste Freundin gewesen war, ist es schwer vorstellbar, dass er sie freiwillig solch einem Experiment ausgesetzt hätte. Sie sagt, dass sie ihm das nicht mehr glaubt… Ich will mich aber eigentlich wirklich nicht einmischen… Wenn das der einzige Grund wäre, warum sie ihn hasst, dann würde ich ihr erzählen, was er gesagt hat, obwohl sie das vermutlich eh schon weiß… Ach, ich halte mich lieber da raus… Das müssen die beiden schon selber klären, denke ich zumindest.

Adocaz winselte und unterbrach die Gedanken seiner Besitzerin. Gerade erhob sich eine gigantische, wunderschöne, meerblaue Schlange vor den fünf Wächtern, deren Kopf so groß, wie ein ganzer Ritter war. Das ist sicher Sasha… Wow, man merkt gar nicht, dass sie kein echtes Wasserwesen ist. Das ist ja wirklich faszinierend… Die Meeresschlange hatte auf jeder Seite des spitzen Mauls jeweils ein langes Barthaar. Das blaue Fell, von dem Wasser abperlte, glänzte im Schein der Chromastraßenlaternen in den Farben eines Regenbogens. Ebenso bunt schillerten die kurzen Flossen, an denen man gut erkennen konnte, dass dieses Wesen ein Nachfolger der Drachen war, denn die, welche am Rücken wuchsen, sahen aus, wie kleine Flügel.

Glaczio tippte Cheyenne auf die Schulter. „Jetzt oder nie, Engelchen.“ Dann stand das Mädchen auf und gemeinsam liefen sie alle auf den Eingang zur Sandpassage zu. Adocaz folgte seiner Besitzerin und deren Begleiter diesmal lieber, als voranzulaufen. Hoffentlich schaffen wir das jetzt…

Der Sand unter Cheyennes abgenutzten Schuhen rutschte stetig davon, sodass ihr das Laufen beträchtlich schwerer fiel als gewöhnlich. Normalerweise war sie eine sehr schnelle Sprinterin und selbst in Wettrennen gegen Xaver, hatte sie früher andauernd gewonnen. Jedoch war sie noch nie auf einem solch schwierigen Terrain gelaufen. Das Mädchen war allerdings nicht die Einzige, die Probleme hatte; Glaczio lief direkt an ihrer Seite, bemühte sich mitzuhalten und auch unter seinen Füßen rutschte der sandige Boden weg. Cheyenne warf einen kurzen Blick nach hinten und sah, dass Adocaz, der sich nahezu springend fortbewegte, ebenfalls Schwierigkeiten hatte. Manchmal strauchelte er sogar.

Der feine Sand staubte zwar enorm hinter ihnen auf, machte aber fast keine Geräusche, wenn man sich darauf fortbewegte. Eine Tatsache, die sich als großer Vorteil für die drei erwies.

Der kalte Wind der Nacht fuhr durch die seidigen Haare des Mädchens und sang ihr ein angespanntes, nahezu drohend unheilvolles Lied vor. Das Meer rauschte und die Wellen wurden immer wilder und mächtiger. Das wird es gewaltig erschweren, sicher auf die andere Seite zu kommen… Vielleicht hätten wir uns doch erst etwas anderes überlegen sollen und nicht einfach so mit dem erstbesten Plan die Sachen überstürzen. Aber Glaczios Idee schien die beste und klügste zu sein. Ach, wir werden es schon schaffen. Hoffe ich zumindest…  Vor sich hörte Cheyenne nun bereits das Knurren und Fauchen der Meeresschlange und stellte fest, dass Sasha die Wächter nicht mehr lange ablenken können würde. Die Ritter griffen diese nämlich schon zaghaft, aber gestärkt von Angst, an und sie hatte Mühe, den Waffen und Pfeilen auszuweichen, um nicht von ihnen getroffen zu werden. Sasha wird sich das nicht mehr lange gefallen lassen… Wir müssen schneller laufen!  Obwohl Cheyennes Ausdauer bereits langsam nachließ und ihre Beine mittlerweile schmerzten, als würden sie brennen, schaffte sie es noch einmal Tempo zuzulegen und der Zugang zur Passage kam stetig näher. Auch der Heiler und der Feenwolf taten weiterhin ihr Bestes und sie konnten ebenfalls noch etwas schneller werden.

Das Mädchen war die Erste, die den Chromaschein betrat, nun würden die Ritter sie ohne Probleme entdecken können, sollten sie in ihre Richtung sehen. Aber genau in diesem Moment fauchte die Meeresschlange und biss drohend ins Leere, direkt vor den Köpfen der Wächter. Sie bleckte die Zähne und knurrte dann wieder. Auch der lange Schweif kam zum Einsatz und warf gerade einen Ritter um. Danke Sasha… Cheyenne versuchte ihr heftiges Atmen einzustellen und hielt die Luft an, um möglichst leise zu sein, denn die Wachen standen schließlich nur ungefähr zehn Meter von ihr entfernt. Glaczio schien dieselbe Idee gehabt zu haben. Adocaz lief einfach am Wasser entlang und überholte das Mädchen, um schneller aus der Gefahrenzone zu sein.

Nun hatten sie tatsächlich den Zugang zur Passage erreicht und die Wachen hinter sich gelassen. Cheyenne fing wieder an zu atmen, was dringend notwendig war, denn beinahe war ihr schwindelig geworden. Aber sie wusste, dass es noch nicht vorbei war und musste weiterlaufen. 

Der Sand hatte ihre Beine so erschöpft, dass jeder weitere Schritt eine Qual war und sie manchmal stolperte, zum Glück aber nicht hinfiel. Ich muss durchhalten! Nur noch ein kleines Stück, da vorne sieht man schon gar keinen Chromaschein mehr. Tatsächlich wurde das bunte Leuchten schwächer und es wurde wieder dunkel. Schwarz, in allen verschiedenen Tönen und Intensitäten, die nur Cheyenne, als Einzige unter ihren Gefährten, wahrnehmen konnte. Das Herz des Mädchens raste, als sie zum Stehen kam. Ihre Atmung war so schnell wie nie zuvor, ihre Beine schmerzten höllisch und sie hatte Unmengen an Sand in ihren alten Schuhen, aber sie hatte es geschafft. Adocaz war bereits aus der Gefahrenzone heraus gewesen und lag erschöpft auf den feinen Boden. Glaczio schaffte es kurze Zeit später auch und stützte seine Hände auf den Knien ab. Es schien ihm nicht sehr viel besser zu gehen als Cheyenne. Diese fiel auf die Knie und setzte sich dann in den Sand. Ihre und des Auserwählten Genesung nahm jedoch nicht viel Zeit in Anspruch, bald waren sie wieder einigermaßen von der Tortur erholt und betrachteten Adocaz, der die lange rosa Zunge herausgestreckte und vollkommen fertig auf der Seite lag. Glaczio schmunzelte. „Hehe, na, du Höllenhund, jetzt knurrst du mich nicht mehr an, was? Hey, ich würde es jetzt sogar wagen dich zu streicheln, in deinem Zustand wäre vermutlich sogar eine Fliege gefährlicher. Engelchen, alles in Ordnung? Das war ganz schön heftig… Ich, für meine Verhältnisse, bin es zwar eigentlich gewohnt, solche gewagten Aktionen mitzumachen und an Ausdauer mangelt es mir normalerweise auch nicht, immerhin wäre das doch ziemlich unvorteilhaft beim… Kämpfen, hehe… Aber dieser Sand ist so fein, dass man zwangsweise ständig wegrutscht beim Laufen. In Anbetracht der Tatsachen, muss ich schon zugeben, dass ich sehr beeindruckt von dir bin, Süße. Du läufst ja fast so schnell, wie das Feenwölfchen hier. Wahrlich erstaunlich. Ich würde wirklich gerne deine Geschwindigkeit auf normalen Boden erleben. Nun, auch wenn wir nicht unser gewöhnliches Tempo anwenden durften, haben wir es trotzdem geschafft ohne aufzufallen. Jetzt darf es Sasha-Mäuschen nur nicht noch vergeigen. Hm… Der Wellengang gefällt mir gar nicht… Wir werden enorm aufpassen müssen.“

Cheyenne sah, wie Sasha sich nun vor den Rittern aufbaute, umwandte, mit dem Schweif jeden einzelnen von ihnen traf, umwarf und schließlich ins Meer verschwand. Hoffentlich ist sie nicht verletzt. Aber den Wächtern hat sie es ganz schön gezeigt, hihi. Geschieht ihnen recht…

Nach einer Weile bewegte sich das Wasser in der Nähe der Stelle, wo Adocaz lag. Dann plätscherte es und Sasha kroch auf allen Vieren aus dem Meer. Das Mädchen konnte keine Verletzungen oder Blut an ihrer Freundin erkennen und stand auf, um ihr zu helfen. Auch Glaczio trat näher an seine Kindheitsfreundin heran und reichte ihr seine Hand, aber die Gestaltwandlerin nahm sie nicht. Der Heiler grinste und schüttelte amüsiert den Kopf, während Cheyenne Sasha aufhalf. Das erste, was diese tat, war, ihrem Ärger über die Ritter freien Lauf zu lassen. „Danke, Cheyenne. Argh! Die Blechbüchsen mit ihren Erbsengehirnen, die nur in ihrer Fantasie existieren, sind solche Volltrottel, dass sie dem Eiszapfen hier ja fast schon Konkurrenz machen. Ich wette, die schaffen es nicht mal eins plus eins zu rechnen! Und wie die mich angeglotzt haben mit ihren Glubschaugen, als hätten sie noch nie eine Meereschlange gesehen, diese feigen Versager! Obwohl diese Hohlbirnen Helme aufhatten, die eh nur Metallverschwendung sind, denn wo kein Hirn ist, kann man es auch nicht schützen, konnte ich ihre riesigen Augen sehen, wie sie mich angestarrt haben, als wär ich eine Weltberühmtheit. Und wie sie sich angestellt haben, die sind ja einer nach dem anderen hingefallen, als ich ihnen gedroht hab, so richtig lächerlich. Ich kann es nicht glauben, dass Atropax ihnen wirklich diese wichtige Aufgabe erteilt hat, die haben ja wirklich rein gar nichts kapiert. Keiner von den Metalltrotteln hat sich auch nur nach euch umgedreht, so verängstigt waren die von mir. Diese Leute nennen sich Ritter, sind ja angeblich so stark und tapfer, aber die Realität hat uns wieder mal bewiesen, dass sie nur ein lächerlicher, feiger, idiotischer Haufen Angsthasen sind. Wenn Dummheit Schmerzen verursachen würde, lägen sie alle gekrümmt vor Leid auf dem Boden, für immer und ewig. Aber gut für uns und solange dies so bleibt, dürfen sie meinetwegen, so dumm wie Stroh sein, das ist mir echt egal. Argh, da bekommt man ja Kopfschmerzen von den Blechbüchsen, so viel Inkompetenz auf einmal hält doch kein Mensch aus. Wie kann man nur so bescheuert sein, das begreife ich nicht, sie könnten einem fast schon leidtun, aber das wäre das Letzte, was ich machen würde. Den Feinden Mitleid schenken, soweit kommt’s noch. Nie und nimmer, die tun das ja auch nicht. Da ist mir Schadenfreude doch wesentlich lieber, wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir ein Gehirn besitzen, im Gegensatz zu denen. Oh, ich kann es gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich diese Idioten verabscheue, am liebsten hätte ich sie alle getötet, wäre mir ein Leichtes gewesen mit diesem gigantischen Gebiss, aber es wäre doch etwas zu seltsam gewesen. Meeresschlangen sind hier sehr selten und für gewöhnlich friedliche Tiere, außer man reizt sie zu sehr, was hier nicht wirklich der Fall war… Leider. Sonst hätt ich einen guten Grund gehabt, die Leben der Blechbüchsen auszulöschen. Außerdem, wenn ich zu viel Aufmerksamkeit auf mich gelenkt hätte, würde ein Teil von denen mich jetzt vielleicht verfolgen und euch hier entdecken. Nun, die Hauptsache ist doch, dass ihr genug Zeit hattet, um unbemerkt an ihnen vorbeizukommen. Ich muss schon sagen, ich bin ziemlich überrascht, dass der Plan funktioniert hat. Ähm… also, ich geb’s so ungern zu… Glaczio, du Vollidiot, das war ein… genial durchdachter Plan und du hast das wirklich… gut gemacht… Ich kann nicht glauben, dass ich das jetzt gesagt habe. Argh… Ach, egal. Also, wie sieht unser nächster Schritt aus? Einfach so weitergehen? Naja, recht viel mehr Auswahl haben wir nicht, aber eines kann ich euch schon sagen, Unterwasser lauern viele Dämonen, soweit ich das gesehen hab. Und die Wellen sind sehr kräftig.“ Wow, das war mal wirklich eine Ansage… Wer hätte gedacht, dass ihr so viele Beschimpfungen für die verhassten Ritter einfallen, hihi. Nun gut, ich versteh sie und wenn es ihr jetzt besser geht, nach diesem ‚Sasha-typischen Wutanfall‘, ist es doch in Ordnung. Ich bin mir zwar sicher, dass Glaczio und ich es anders formuliert hätten, aber eigentlich spricht sie uns aus der Seele, mit dem was sie so über die Ritter loslässt, nur eben auf ihre… besondere Art und Weise, hihi. Jetzt geht’s also weiter über die Sandpassage… nach Halonien. Adocaz und ich verlassen unseren Heimatkontinent… Und vermutlich können wir nicht so schnell wieder zurückkehren… Was wird denn nun aus Xaver… Cheyenne senkte den Blick und seufzte. Sie hatte ein enorm schlechtes Gewissen, denn nun würde sie ihren besten Freund einfach so im Stich lassen, obwohl er doch nur wegen ihr in diese Sache hineingezogen wurde. Das Mädchen hoffte sehr, dass es ihm gut ging.

Glaczio stand die Augen geschlossen und grinsend da und schien sich ebenso, wie sein Schützling über Sashas Worte amüsiert zu haben. Die junge Frau jedoch wartete nun ungeduldig auf eine Antwort. Der Heiler zog sein Eisschwert und erleuchtete den Boden zu seinen Füßen in einem Meter Umkreis. Während Sasha auch ihre Pistole zückte, erklärte er seinen weiteren Plan. „Hey, ich bin stolz auf dich, Sasha-Mäuschen, mir war überhaupt nicht bewusst, dass du soweit denken kannst, hehe. Du hast doch tatsächlich genau die richtige Vermutung gehegt, wir werden einfach weitergehen und hoffen, dass keine Zwischenfälle eintreten. Wobei diese Wahrscheinlichkeit sehr gering ist. Hm… nun ja, zumindest seh ich den Boden unter meinen Füßen. Engelchen, wie sieht es weiter vorne aus? Ach übrigens wirst du jetzt, ohne Widerrede, dicht an meiner Seite gehen und eine Hand stets auf deinem Bogen ruhen lassen. Wenn Dämonen aufkreuzen, kann ich dich auf diese Weise besser beschützen und du mit deinen Pfeilen angreifen. Erwarte jedoch keine Wunderwirkung, Umbraurore gegen Umbraurore ist nun mal nicht wirklich effektiv. Aber der Rückstoß eines Treffers wird Sasha und mir beim Kämpfen helfen. Ach ja, Adocaz könnte sich auch beteiligen, ich weiß, dass Feenwölfe Magie wirken, kräftig zubeißen und kämpfen können. Wir lassen uns von jetzt an alle von dir führen… Ich bin mir sicher, du wirst die Verantwortung für unsere Leben ernst nehmen, hehe. Lasst uns gehen, sonst kommen wir diese Nacht nicht mehr auf der anderen Seite an.“ Das Mädchen nickte und gab ihrem Vierbeiner ein Zeichen. Er verstand und stellte kampfbereit sein Nackenfell auf, wurde vorsichtiger, ließ die Ohren in alle Richtungen hören und hob die Fühler an.

Auf Glaczios Bitte hin sah sich Cheyenne um. Die Passage war sehr schmal, uneben und teilweise von Meerwasser überflutet. Die Breite der Sandbank schwankte zwischen vier und fünf Metern, an manchen Stellen verengte sich der Weg sogar auf ungefähr zwei Meter und ein Ende war noch nicht in Sicht. Es schien eine sehr lange Nacht zu Fuß zu werden, bis sie Halonien erreichten.

Gerade als sie losgehen wollte, sah sie auf dem Boden Hufabdrücke. Aber keine gewöhnlichen. Es waren Abdrücke speziell angefertigter Hufeisen aus dem Forschungslabor von Luminastrelle, in die einige Herzchen eingeritzt waren und ein Name daneben stand. Das sind Shivas Hufabdrücke, ganz sicher! Auf dem vorderen linken Hufeisen, haben Xaver und ich den Pferdenamen eingeritzt und auf dem rechten steht sein eigener Name. Genauso haben wir das auch bei Falconhearts Hufen gemacht. Das heißt, Shiva lebt noch und somit hoffentlich auch Xaver! Aber was macht er denn hier? Wollte er nicht eigentlich in Saraley auf mich warten? Oh nein, vielleicht haben sie ihn auch durch ganz Luminastrelle gejagt… und er sah keine andere Möglichkeit mehr, als den Kontinent zu verlassen und hoffen, dass ich dasselbe mache. Also ging es ihm vermutlich so, wie mir. Cheyennes Gedanken wurden unterbrochen, denn sie glaubte, etwas weiter weg ein leises, nervöses Schnauben gehört zu haben. Sie sah auf und meinte in der Ferne, ein Pferd erkennen zu können. Es war weiß und hatte rosafarbene Strähnchen, die wie Fühler aussahen. Das Haar des Reiters war sehr hell, also vermutlich blond und es war nicht sehr lang. Xaver und Shiva!  Das Mädchen meinte zu erkennen, dass ihr bester Freund in ihre Richtung gesehen hat, aber sie war sich nicht ganz sicher, denn er war sehr weit entfernt und sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, dass sie tatsächlich sein Gesicht gesehen hatte. Xaver brachte Shiva zum Laufen und stürmte davon, bevor Cheyenne auch nur den Hauch einer Chance hatte, zu ihm zu laufen, oder ihm zu deuten. Aber das hätte er ohnehin nicht gesehen, denn er konnte nachts ja nicht so viel erkennen, wie sie und nach ihm rufen durfte sie nicht, denn die Wächter hinter ihnen würden dies ohne Zweifel hören. Xaver lebt! Ein Glück. Ich bilde mir sicher nur ein, sein Gesicht gesehen zu haben, wie soll er mich denn anschauen, wenn er nachts so gut wie blind ist. Vielleicht hat er etwas in dieser Richtung gehört, einen Dämon im Wasser oder so, wollte kein Risiko eingehen und ist dann mit Shiva so schnell, wie möglich abgehauen. Aber er lebt, das ist doch die Hauptsache und er ist sogar auf dem Weg nach Halonien, das heißt, dass wir mit viel Glück dort aufeinandertreffen werden. Aber wenn ich mich nicht täusche, hat irgendetwas seine Augen verdeckt… Allerdings war er einfach zu weit weg, um genau zu sehen, was es war. Hoffentlich ist alles in Ordnung und ihm passiert hier nichts. Immerhin ist seine Sicht stark eingeschränkt und die Sandpassage ist nun wirklich kein Spielplatz… Wenn Shiva danebentritt, oder ein Dämon angreift, oder eine Welle sie mitreißt… Ach, ich darf nicht so denken… Xaver, komm ja sicher auf die andere Seite… Nun hält mich zumindest nichts mehr hier in Luminastrelle und ich kann mich auf den Weg vor mir konzentrieren. Allein bin ich ja auch nicht und sogar Xaver ist den Rittern entkommen. Ich hoffe sehr, dass wir uns schon bald wiedersehen werden.

Cheyenne starrte gebannt in die Richtung, in welche ihr bester Freund verschwunden war. Im hellblauen Schein des Eisschwertes sahen ihre roten Augen etwas lila aus, die schwarzen Haare bläulich und die grünen Strähnen darin wandelten sich in ein Türkis. Sogar ihr Kleid schimmerte in Blautönen. Das Leuchten stach sich etwas mit ihren eigentlichen Farben, hingegen harmonierten die Elementar-Waffen perfekt mit dem Aussehen ihrer Besitzer. Sasha bemerkte den Blick ihrer Freundin und auch der Heiler war auf das Verhalten seines Schützlings aufmerksam geworden. Die junge Frau sprach zuerst. „Cheyenne? Alles in Ordnung? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen, hihi. Falles da wirklich einer ist, musst du uns das sagen, ja? Die soll es immerhin geben und Dämonen nehmen ja auch wirklich manchmal seltsame Gestalten an...“ Glaczio lachte leise und kassierte dafür einen leichten Schlag auf den Oberarm von Sasha. Aber es schien ihn nicht zu stören. „Hehe, oh, Baby, du kannst dich ja hinter dem furchtlosen Geisterbezwinger Glaczio verstecken. Ich werde dich schon vor den Gefahren in deiner Fantasie beschützen. Aber, wenn du nichts dagegen hast, widmen sich mein Engelchen und ich den realen Sachen, denn wir wollen die Sandpassage so schnell, wie möglich hinter uns lassen. Ich gebe dir jedoch gerne die Erlaubnis hierzubleiben und deinen Illusionen nachzugehen. Vielleicht werdet ihr ja Freunde, du und der ‚Geist‘, hehe. Aber überstürze bitte nichts und sei vorsichtig, denn meine Ohren haben einst vernommen, dass diese Fantasiewesen trickreich und hinterlistig seien. Jemand, der tatsächlich an Geister glaubt, so wie du, wohl angemerkt, ist gefährdet auf ihre Spielchen hereinzufallen. Hehe, Schnuckelchen, ehrlich, überlege dir einmal ganz in Ruhe, ob du vielleicht ein klitzekleines psychisches Problem hast. Rein wissenschaftlich ist es unmöglich, dass so etwas wie Geister existieren. Nichts weiter, als eine Legende aus dem Yin-Yang Zeitalter, die kleinen Kindern als Gruselgeschichte erzählt wird. Demnach zufolge ist es unmöglich, dass du jemals schon einen gesehen hast, folglich kannst du auch nicht wissen, wie sie aussehen und würdest es nicht merken, wenn ein Dämon diese Gestalt verkörpert. Also bitte… hehe… wie alt bist du denn?“ Der Heiler genoss es sichtlich, Sasha zu ärgern, aber diese wollte seine Kommentare nicht auf sich sitzen lassen. „Argh, du Vollidiot! Wenigstens bin ich nicht so eingebildet und arrogant, wie du und nur zu deiner Information, falls du Trottel es vergessen haben solltest: Ich bin neunzehn, also ein Jahr jünger als du, aber auf geistiger Basis bin ich dir weit voraus. Im Gegensatz zu dir hab ich diese kindliche Phase schon vor vielen Jahren überstanden und bin nun wenigstens vernünftig, was man von dir nun wirklich nicht behaupten kann. Außerdem hab ich das gerade gar nicht so gemeint!“ Sasha wurde rot im Gesicht und ärgerte sich wieder einmal maßlos über den Heiler. Dieser hatte die Augen geschlossen, ein breites Grinsen aufgesetzt und ließ seine Kindheitsfreundin reden. Ohne auf ihre Worte einzugehen, wandte er sich dann jedoch an Cheyenne und fragte ernster nach. „Hey, Engelchen, mir kam es gerade eben so vor, als hätte ich etwas gehört, eine beinahe schon vertraute Frauenstimme, aber ich schätze, das war Einbildung. Hehe. Findest du nicht auch? Aber zuvor konnte ich das weit entfernte Schnauben eines Pferdes vernehmen… Was hast du gesehen?“

Die junge Frau verengte die mintgrünen Augen zu Schlitzen und starrte den Heiler wütend an. Wenn Blicke töten könnten, wäre dies Glaczios letzter Atemzug gewesen. Cheyenne musste das Lachen unterdrücken und dann erzählte sie, was sie gesehen hatte. „Seht ihr diese Hufabdrücke? Falconheart hatte dieselben, allerdings mit seinem eigenen und meinem Namen... Das hier sind garantiert die unverwechselbaren Abdrücke von Shiva, Xavers Pferd. Ich glaube ich habe ihn weiter vorne gesehen, aber er hat mich wohl nicht bemerkt und war zu weit weg, denn er ist weitergeritten. Ich bin so froh, dass er lebt und es ihm gut zu gehen scheint. Er ist vermutlich auch auf dem Weg nach Halonien, vielleicht treffen wir ihn dort.“ Freudig schaute sie wieder auf den vor ihr liegenden Teil der Sandpassage und Adocaz bellte leise glücklich. Sasha vergaß ihre Wut auf den Heiler und freute sich mit. „Oh, das ist ja wunderbar, dann musst du dir nun keine Sorgen mehr um deinen Freund machen. Wir werden ihn ganz bestimmt bald treffen, ich glaub da ganz fest dran.“ Glaczio war der Einzige, der nicht so begeistert zu sein schien. „Hm… Dieser Xaver ist ein Mensch. Folglich sieht er nachts nicht unbedingt gut. Das wirft doch wohl einige Fragen auf, nicht wahr? Was macht er um diese Zeit auf der gefährlichen Sandpassage? Nun gut, es kann sein, dass er genauso, wie wir auf der Flucht vor den Rittern ist. Aber du hast gesagt, er wäre schnell davongeritten. Wie kann es sein, dass er im Galopp über die Sandpassage stürmt, wenn er den Weg vor sich nur erahnen und vermuten kann. Sollte er sich in diesem Fall nicht eigentlich langsamer und vorsichtiger fortbewegen? Auch wenn es Gefahren gibt, erhöht sein Verhalten die Chance auf ein Unglück. Aber ich schätze, das könnte man auch noch erklären, denn wenn er wirklich etwas gehört hat, das ihn beunruhigte, könnte er ohne nachzudenken gehandelt haben, vielleicht auch aus Angst. Was ich aber nun wirklich nicht verstehe… Wie kommt es, dass er mit einem Pferd auf der Sandpassage herumreitet, wo dies doch für normale Leute verboten ist? Wie kam er mit dem Tier ins Dorf, beziehungsweise durch den bewachten Zugang zur Passage? Schließlich ist es nur den Rittern vorbehalten… Und vorbeischleichen kann er sich an denen nicht, ohne vernünftiges Ablenkmanöver. Seltsam, findet ihr nicht auch?“ Doch Sasha schüttelte verärgert den Kopf und Cheyenne rechtfertigte ihren besten Freund. „Glaczio, behauptest du etwa, dass Xaver mit den Rittern unter einer Decke steckt? Was ist nur in dich gefahren, bist du verrückt? Xaver würde mich niemals verraten! Bevor er das täte, stirbt er lieber, das hat er mir als Kind geschworen. Genauso, wie ich ihm auch... Shiva ist ein sehr schnelles Pferd, das heißt, dass er vielleicht einen günstigen Zeitpunkt abgewartet hat und dann geschwind an den Wächtern vorbeigaloppiert ist. Und vielleicht ist er außen am Strand entlanggeritten, sodass ihn die beiden Wachen vor Wacoralis nicht entdecken konnten. Sag nie wieder solche Sachen über Xaver… Du kennst unsere Abmachung… Lasst uns endlich gehen.“ Sasha nickte und blickte Glaczio vorwurfsvoll an. Dieser hatte sich nach dem letzten Satz seines Schützlings abgewandt und starrte seitlich zu Boden. Er schien widersprechen zu wollen, wagte es aber nicht und gab Cheyennes Worten nach. Dann setzten sich alle vier in Bewegung. Adocaz schmiegte sich an die Beine seiner Besitzerin, sodass diese kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnte, aber sie ließ ihn gewähren. Er wollte sie immerhin nur beschützen.

Nach einer Weile der Stille wandte sich Cheyenne an Sasha. „Du, ähm… also, wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dich gerne etwas zu deinem Gestaltwandeln fragen…“ Sasha blieb kurz stehen, dann schüttelte sie den Kopf und holte wieder auf. Sie bemühte sich um einen freundlichen Blick und antwortete ihrer Freundin. „Klar doch, wenn es nicht zu… naja, du weißt schon, was ich meine, oder? Also, ich versuche immer noch, die Erinnerungen zu verdrängen, das verstehst du sicher…“ Das Mädchen nickte und zeigte sich verständlich. „Natürlich. Ich werde nichts zu Persönliches oder über deine Vergangenheit fragen, ja? Wenn du übrigens nicht antworten willst, musst du das selbstverständlich auch nicht. Also, ich wollte wissen, wie du das mit dem Gestaltwandeln machst. Wie schaffst du es, dich in ein Tier zu verwandeln? Das geht doch nur, wenn du deine Lumenium-Struktur änderst, oder? Wie fühlt es sich an, eine Meeresschlange zu sein? Und warum hast du dich Unterwasser zurückverwandelt? Tut mir Leid, das waren jetzt viele Fragen auf einmal…“ Sasha schien erleichtert zu sein und gab freudig Auskunft. „Also, wenn alles auf eine andere Art passiert wäre und ich es mir hätte aussuchen können, dann würde ich das Gestaltwandeln sicher gerne mögen, denn es gibt einem wirklich einzigartige Perspektiven. Ich verwandle mich, indem ich mich stark konzentriere und an ein bestimmtes Tier denke. Glaczio hat mir erklärt, dass wenn ich das mache, mein Gehirn, welches ja auch durch das Experiment etwas beeinflusst wurde, ein Signal an meinen Körper gibt und sich meine Lumenium-Struktur dementsprechend verändert. Die Genetik des Tieres wird wegen dem Laborversuch automatisch von meinem Gehirn erkannt und sendet eine Geninformation aus. Sobald dies geschieht, wird es vervielfältigt und mein Lumenium ändert die Struktur. Es fühlt sich schon toll an, wenn man das Leben mal aus einer anderen Sichtweise sehen kann. Eine Meeresschlange ist sehr erhaben und groß. Das Fell ist zwar etwas unbequem, aber Unterwasser kann ich mich enorm schnell fortbewegen und viel besser sehen, als wenn ich mit meinem menschlichen Körper tauchen würde. Außerdem kann ich im Wasser atmen und das Gebiss ist einfach großartig. Und es ist echt genial, den Blechbüchsen Angst einzujagen, hihi. Ach ja, ich habe mich Unterwasser verwandelt, weil das Strukturändern mein Lumenium kurz in unphysisches verwandelt. Somit wird es grell weiß und das wäre zu sehr aufgefallen. Vor allem jetzt nachts. Wenn du es wirklich sehen willst, müssen wir das an einem gut gewählten Platz machen, wenn es hell ist. Ich hoffe, ich konnte deine Fragen gut genug beantworten. Wenn du mehr über die verschiedenen Strukturen wissen willst, musst du leider den Eiszapfen fragen, ich kenne mich da wirklich nicht aus.“ Cheyenne verstand, was Sasha erklärt hatte, und sie fand es faszinierend. Sie würde Glaczio vielleicht wirklich einmal etwas über die Lumenium-Strukturen fragen. Das Mädchen bedankte sich bei ihrer Freundin und ging gut gelaunt weiter.

Der Wind wurde immer stärker, je mehr sie sich fortbewegten. Auch der Wellengang wurde heftiger. Die kleine Gruppe war nun schon eine ganze Weile unterwegs und Cheyenne vermutete, dass sie bald die Hälfte der Sandpassage hinter sich hätten. Bisher gab es keinerlei Zwischenfälle mit Dämonen, oder Andersartigem. Das Mädchen hoffte, dass es auch so bleiben würde.

Ihre Beine waren müde, der Sand raubte ihnen die ganze Kraft. An manchen Stellen mussten die Gefährten durch seichtes Wasser gehen und das kühle Nass umspülte ihre Füße. Vor allem Cheyennes abgenutzte Schuhe waren durchnässt, wurden beim Heraustreten aus dem Blau des Meeres schwerer und bekamen noch einmal eine zusätzliche Last. Dann blieben Mengen an Sand daran kleben, außen ebenso wie innen. Das Mädchen fühlte bei jedem Auftreten leichte Schmerzen, die mit der Zeit stetig schlimmer wurden. Der feine Sand rieb an ihren etwas erweichten Fersen und Fußflächen, aber sie versuchte es zu ignorieren und stapfte tapfer weiter.

Langsam spürte Cheyenne ihre Erschöpfung und sie merkte, dass es Glaczio und Sasha nicht anders ging. Auch Adocaz ließ den Kopf hängen und schleifte seinen Schweif hinter sich her, die Fühler durch den Sand ziehend. Letzte Nacht hatten sie alle nicht viel Schlaf abbekommen und die Aktion vorhin, um auf die Sandpassage zu kommen, hatte ihnen einen großen Kraftanteil geraubt.

Das Mädchen musste sich enorm anstrengen, um einen Fuß vor den anderen setzen zu können und die Augen offen zu halten. Dies erforderte nahezu all ihre Aufmerksamkeit, sodass sie ihre Instinkte nicht mehr voll wahrnehmen konnte. Auf diese Weise hätte Cheyenne beinahe das leise Plätschern von Wasser in ihrer Nähe nicht vernommen. Erst als Glaczio stehen blieb, ihr sein Schwert vorhielt, sodass sie ebenfalls zum Stand kam und Sasha am Arm zurückhielt, wurde sie wieder wach und hörte das Geräusch. Hm? Was ist das? Woher kommt dieses Plätschern und… Knurren… Adocaz ist es jedenfalls nicht und es kommt auch eher von weiter vorne. Cheyenne suchte mit den Augen die Richtung ab, aus der das Geräusch kam, denn ihre Gefährten hatten sich ihr anvertraut und so hatte sie die Verantwortung zu tragen, diese vor möglichen Gefahren zu warnen.

Das Knurren war definitiv eine von diesen mit höchster Aufmerksamkeit zu beachtenden Situationen und wirkte bedrohlich. Was zur Hölle ist denn das?  Das Mädchen sah ein Augenpaar im Wasser schwarz aufblitzen und der bis zur Schnauze von Wellen umspülte Schädel eines dunklen schattenartigen Tieres war genau auf die kleine Gruppe ausgerichtet. Es sieht aus, wie Umbraurore und hat eine Gestalt angenommen… Oh, nein, das ist garantiert ein Umbraurore-Dämon!

Gerade als Cheyenne den anderen ihre Beobachtung mitteilen wollte, ergriff Sasha die Initiative und zielte mit ihrer Pistole in die Richtung aus der das Geräusch kam. „Dieses Knurren klingt nicht gerade sehr freundlich, eher beunruhigend bedrohlich. Ich werd mal mit einer Blitzkugel den Weg etwas erleuchten, dann sehen wir womit wir es zu tun haben.“ Doch Glaczio nahm die waffenhaltende Hand der jungen Frau und senkte sie gen Boden. Vorwurfsvoll warf er ihr einen Blick aus den Augenwinkeln zu. „Das würde ich an deiner Stelle nicht machen. Dieses Knurren hört sich in meinen Ohren, wie eine Warnung an und scheint von einem Dämon zu kommen, aber du solltest es eigentlich besser wissen. Immerhin bin ich darüber informiert, dass du, auch wenn du es leugnest, seit damals, mit einem Anteil von bis zu sechsundvierzig Prozent, das Verhalten, die Instinkte und Laute von Tieren verstehen und deuten kannst. Dämonen verkörpern diese Wesen, sie sind also in allem zu neunzig Prozent gleich. Einziger Unterschied, abgesehen von ihrer Erscheinung ist, dass sie viel aggressiver, blutdürstiger und angriffsfreudiger sind. Hör endlich auf, diese Gabe zu ignorieren und mach sie dir zunutze, zumindest auf dieser Reise und in solchen Situationen. Ich weiß, du hast verstanden, dass du genau das, was du gerade vorhattest, nicht ausführen solltest. Das hätte sogar ein Kleinkind deuten können, so offensichtlich war das. Wenn du dich in deiner Freizeit um jeden Preis mit Dämonen anlegen willst, ist es für mich nicht von Interesse, momentan jedoch haben wir eine Verantwortung zu tragen. Behalte dir in Erinnerung, dass du hier nicht die Einzige bist. Wenn du das Wesen dort vorne provozierst, wird es uns anfallen, noch bevor du dich in eine kampfbereite Position bringen kannst. Ich gehe davon aus, dass es ein Umbraurore-Dämon ist und du weißt, wie schnell die sind. Aber auch wenn es ein Wesen der nicht so mit Geschwindigkeit versehenen Lumenium-Art wäre, würdest du deine Freundin hier in Gefahr bringen, wenn du es auf uns hetzt. Obwohl du über all das in Kenntnis gesetzt bist, bleibst du stur und willst gegen jede Vernunft handeln, nur, weil du nicht mit deiner Vergangenheit abschließen kannst. Ich verstehe, dass es schwer für dich ist und du kannst meinetwegen, wenn du keine so enorm große Verantwortung mehr zu tragen hast, auf ewig gegen die Tatsachen ankämpfen. Aber jetzt ist dafür nicht der richtige Zeitpunkt und ich erwarte von dir, dass du dich zusammenreißt und mein Engelchen nicht durch deine Unvernunft und persönlichen Belangen in Schwierigkeiten verwickelst. Falls du es nicht lassen kannst, bring uns wenigstens untertags in Gefahr, wenn jeder von uns genug sehen kann… Vorhin sagtest du noch, du wärst vernünftiger und geistig reifer als ich, aber was ich jetzt mitbekomme entkräftet deine Aussagen. Also reiß dich zusammen und denke nach, bevor du handelst, zum Wohle deiner Freundin.“ Glaczio sprach leise und ruhig, stand bewegungslos da, den Blick in die Richtung des unheilvollen Knurrens gerichtet. Adocaz hatte die Ohren zurückgelegt und seine Haltung glich der des Heilers. Sasha nickte nur ohne Widerworte, sie schien nun zur Abwechslung einmal einer Meinung mit ihrem Kindheitsfreund zu sein. Wow… ich dachte immer, Glaczio würde an Sashas Intelligenz zweifeln, aber nachdem was er nun gesagt hat, merkt man richtig, dass er genau weiß, wie klug sie eigentlich ist. Er kennt sie immerhin sehr gut… Also neckt er sie wirklich immer nur, wenn er ihr unterstellt, sie sei nicht unbedingt intelligent. Sasha ist ja auch klug, sie übertreibt nur manchmal alles ein bisschen, und überstürzt immer alles ein wenig, aber das liegt an ihrem Temperament… So ist sie eben. Mich stört das nicht, ich mag sie wie sie ist, obwohl Sasha manchmal wirklich ein ganz kleines bisschen mehr nachdenken sollte, bevor sie handelt… Glaczio ist genau derselben Meinung, wie ich, das hat man richtig herausgehört aus dem was er soeben gesagt hat. Klar musste er ruhig sprechen, aber auf diese Weise hat er noch nie mit ihr geredet. Zumindest nicht, wenn ich dabei war und es mitbekommen hätte. Er hat jetzt ganz ehrlich die Wahrheit gesprochen und Sasha einfach nur um ein wenig Vernunft gebeten, ohne sie in irgendeiner Form zu ärgern oder dergleichen… Und er scheint sie erfolgreich überzeugt zu haben. Genau auf diese Weise hat er mich in Saraley auch zur Vernunft gebracht… Glaczio weiß immer genau, welche Worte er wählen muss, um etwas zu erreichen. Fast schon erstaunlich, aber auch gruselig…. Oh, der Dämon kommt aus dem Wasser, ich muss den Beiden sagen, was ich sehe.

Glaczio stellte sich vor Cheyenne und richtete sein Schwert in eine für ihn günstige und passende Haltung, bereit zum Angriff. Das Mädchen schnappte sich ihren Bogen und erzählte bemüht ruhig, was sich vor der kleinen Gruppe abspielte. „Glaczio, du hast Recht, es ist ein Umbraurore-Dämon. Er sieht aus, wie eine große Katze, hat zwei riesige Reißzähne, lange, mächtige Klauen, die durch Schwimmhäute verbunden sind, einen Schweif, an dessen Ende eine Art Stachelball ist, kleine Flossen an Beinen und seitlich des Brustbereichs und eine lange schleierartige Mähne, die sich wie Wasser bewegt… Noch steht es nur da und schaut knurrend in unsere Richtung… Jetzt senkt es den Kopf und bleckt die Zähne… Das Gebiss ist gigantisch.“

 

Cheyennes Stimme fing an zu zittern und sie wurde nervös. Der Dämon war viel größer als der, den sie in den Wäldern von Luminastrelle gesehen hatte. Sie schätzte, dass dieser hier ungefähr ihre Körpergröße besaß. Das schwarze Wesen müsste nur einmal zubeißen, um jemandes Kopf vom Körper zu trennen. Das Mädchen hatte Angst. Allerdings nicht um ihr eigenes Leben, sondern um das ihrer drei Gefährten. Sie wäre nicht einmal in der Lage ihnen im Kampf zur Seite zu stehen und müsste zusehen, wie andere erneut alles für ihren Schutz riskierten. Diese Tatsache war genug Anlass für ein erneut schlechtes Gewissen ihrerseits, welches ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen, ihr Herz bis zum Hals schlagen und sie zu zittern anfangen ließ. Doch der Heiler vor ihr entspannte seine Haltung etwas, nun da er zu wissen schien, womit sie es zu tun hatten und drehte den Kopf seitlich über die Schulter, um seinen Schützling aus den Augenwinkeln ansehen zu können. Er ließ das Mädchen an seiner Vermutung teilhaben. „Danke, Engelchen. Deiner Beschreibung nach, steht uns ein Aquatigeris-Dämon gegenüber. Als Tiere schmücken Blau- und Türkistöne ihr Fell, aber Vorsicht ist geboten, denn ihr Stachelschweif vergiftet jeden tödlich, der in Berührung damit kommt. Sie leben sowohl an Land, als auch Unterwasser, müssen aber stetig auftauchen, um Luft zu holen. Eine seltene Tiger-Unterart, die Aufzeichnungen zufolge einige Zeit nach der Apokalypse erschienen sein soll. Durch die Veränderung von Welt, Leben und Körpern soll sich ihre Lumenium-Struktur in Zusammenhang mit ihrer ursprünglichen Herkunft, eine abgelegene Insel südlich Haloniens, in Richtung Wasserwesen verändert haben. Damals gab es zu viele Tiger an dieser Stelle der Welt und sie sind über das Meer an andere Orte gelangt, um dem Platzmangel zu entkommen. Heute leben nur noch wenige der originalen Tiere auf der Insel, ebenso wie in der ganzen restlichen Welt und auch die Aquatigeris sind nahezu ausgestorben. Schade, wenn du mich fragst, es sind sehr schöne, intelligente Wesen und ihre Erforschung ist noch nicht abgeschlossen... Wie dem auch sei, das da vor uns ist unter der Tatsache, dass Aquatigeris friedliche Wesen sind und nicht ohne Grund angreifen, definitiv ein Dämon. Verwechslung ausgeschlossen. Mit dem werden wir schon fertig, mach dir keine Sorgen. Aber interessant ist das hier schon, denn Dämonen verwandeln sich meistens in eine Gestalt, welche sich in der Nähe befindet, was bedeutet, hier lebt irgendwo ein Aquatigeris-Schwarm. Bleib einfach zurück, Engelchen und lass uns die Sache hier in die Hand nehmen. Wir schicken diesen Unruhestifter dahin zurück, wo er hergekommen ist. Dein wunderschöner, mutiger, genialer und atemberaubender Held Glaczio wird dich, das engelhafte Prinzesschen, in Schutz nehmen und mit seinem Leben verteidigen. Als Dank und Belohnung für seine unbezahlbaren Dienste schenkt ihm ihre Majestät ein Küsschen und schwärmt davon, wie stark und wundervoll ihr Held ist… Die Prinzessin verliebt sich dann in ihren tapferen Beschützer, er schwört ihr lebenslange Treue und sie heiratet ihn. Was für eine wundervolle Liebesgeschichte, nicht wahr? Hehe… Nun sieh zu und staune, wie dein heldenhafter Prinz dich beschützt, Engelchen, hehe.“ Glaczios Stimme hatte einen beruhigenden Klang und nahm Cheyenne einen Teil ihrer Angst, der sich langsam in Zuversicht und Hoffnung auf einen guten Ausgang dieser Situation wandelte. Andererseits hatte er ihre Lage etwas ins Lächerliche gezogen, aber sie glaubte, dass er das nur zu ihrer Beruhigung getan hat. Denn sie musste tatsächlich grinsen und wurde entspannter als zuvor, sogar das Zittern hörte auf. So ein Spinner… Heldenhafter Prinz, hm? Ach ja, tatsächlich? Wo soll der den sein, ich seh hier keinen so würdevollen Mann, hihi. Und als würde ich ihm ein ‚Küsschen‘ geben. Pff. Nie im Leben. Aber hey, er hat mich Prinzessin genannt, zur Abwechslung mal was Neues. Und verlieben würde ich mich auch nie in ihn, wie kommt er bloß immer auf solche Sachen, der träumt wohl… Naja, Glaczio eben. Hoffentlich lässt sich der Dämon wirklich so leicht besiegen, wie er gesagt hat.

Sasha schien von den Worten des Heilers überhaupt nicht begeistert zu sein und Cheyenne merkte, dass sie ihm am liebsten die Meinung geigen würde, aber sie hatte den Ernst der Lage erkannt und versuchte scheinbar vernünftig zu bleiben. Aber einen Kommentar konnte sie sich nicht verkneifen. „Es gibt so viele Vollidioten auf der Welt und ausgerechnet dich haben wir hier. Ich bin wirklich gestraft. Ach ja, wenn du die Tiere, von denen du die ganze Zeit redest, einfach mit ihrem Namen in unserer Sprache nennen würdest, hätte sich jeder hier von Anfang an ausgekannt. Ohne Geschichtsstunde und ewigem Gerede, das uns Zeit stiehlt und mir persönlich Nerven raubt. Kannst du nicht einfach ‚Wassertiger‘ sagen, anstatt irgendeinem veralteten Namen in der Yin-Yang Sprache, die hier ohnehin keiner versteht, außer dir? Und hör gefälligst auf, so mit Cheyenne zu reden, das hält man ja nicht aus, konzentrier dich lieber auf den Kampf, ich glaube nämlich der Dämon kommt näher.“ Glaczio zwinkerte seinem Schützling zu und richtete den Blick nach vorne, orientiert am Geräusch des Gegners. Er strahlte eine enorme Ruhe aus und nahm sich die Zeit, Sasha eine neckische Antwort zu geben. „Hehe, na wenigstens hast du den Zusammenhang erkannt, obwohl es in dieser dir gänzlich unbekannten Sprache gesagt wurde, Sasha-Mäuschen. Wäre das Kätzchen nicht hier und hätte mein Engelchen es nicht so hervorragend beschrieben, wüsstest du mit dem Fachbegriff ‚Aquatigeris‘ ohnehin nichts anzufangen, hehe.“ Sasha lud ihre Waffe und giftete dem Heiler zurück. „Argh! Halt einfach deine verfluchte Klappe und konzentrier dich auf den Kampf, du arrogantes Frosthirn!“ Sowie sie zu Ende gesprochen hatte, feuerte sie eine Blitzkugel auf den Dämon ab.

Die Umgebung wurde von einem lila Schein erleuchtet, der Feind aus Umbraurore bleckte die Zähne und sprang auf die vier Gefährten zu.

Glaczio schien die gefährliche Bewegung des Dämons sofort vernommen zu haben und die Geräusche des aufwirbelnden Sandes dahinter zu hören, denn blitzschnell holte er mit seinem rechten Arm aus und schubste seinen Schützling mittels einer enormen Kraft mit einer der breiten, glatten Seitenflächen seines Eisschwertes nach hinten. Cheyenne wankte einige Schritte zurück, versuchte ihr Gleichgewicht zu finden, aber der stetig unter ihr nachgebende Sand ließ dies nicht zu und sie fiel auf den Rücken. Ein paar Meter weiter vor sich sah sie nun den Heiler einen Schritt vorwärts machen. Er holte erneut mit seinem Schwert aus und schwang es kräftig, mit beiden Händen haltend, nach oben, wo es auf die Zähne und Klauen des angreifenden Dämons traf. Glaczios Füße gaben unter dem Gewicht nach, aber er schaffte es stehen zu bleiben und nahm seine ganze Kraft zusammen, um den sich noch in der Luft über ihm befindenden Feind mit dem Schwert etwas weiter nach oben zu stoßen. Die Last des Gegners wurde somit aufgehoben, der Heiler konnte eine halbe Drehung ausführen und seine Waffe ebenfalls ein Stück wenden. Er stand dem Dämon jetzt nicht mehr gegenüber, sondern direkt unter ihm. Nun nutzte Glaczio das wiederkehrende Gewicht des Feindes, um diesen mit voller Wucht über seine Schulter zu Boden zu werfen. Der Gegner aus Umbraurore prallte mit dem katzenartigen Rücken auf und wirbelte Unmengen an staubigem Sand auf. Dann riss der Heiler dem Monster sein Eisschwert mit einer Seitwärtsbewegung aus dem Maul. Die scharfe Klinge schnitt dem Dämon in den Rachen und schwarze Partikel wurden freigesetzt, welche himmelwärts aufstiegen. Dämonen bluten also nicht, sondern der beschädigte Teil des Körpers löst sich stattdessen vermutlich auf? In diesem Fall trennen sich also Umbraurore-Teilchen ab und Glaczio hat gesagt, dass jeder einzelne Partikel der Lebenskraft ihren Ursprung in der Quelle des Lebens hat und auch dorthin zurückkehrt. Das heißt, diese Umbraurore-Teilchen machen sich auf den Weg zum Noxastrum Vitae, deswegen steigen sie in die Luft auf. Interessant… Wäre das ein echtes Tier gewesen, würde es jetzt tot sein und sein Kiefer wäre abgetrennt zur Seite geschleudert worden… Cheyenne musste bei dem grauenvollen Gedanken daran schlucken und war froh, dass es sich bei ihrem Feind nicht um ein echtes Tier handelte.

Der Dämon lag nur zwei Meter vor dem Mädchen und schüttelte seinen mächtigen Kopf. Dann stand er auf und verdeckte ihr die Sicht auf Glaczio. Das Monster ließ einen erzürnten Kampfschrei los und knurrte. Es wandte sich scheinbar wieder dem Heiler zu, denn es stand mit dem Rücken zu Cheyenne. Sie nutzte die Unaufmerksamkeit des Feindes, um etwas weiter nach hinten zu krabbeln und dann langsam aufzustehen. Ihr Sturz hatte keine Schmerzen verursacht, der Sand ermöglichte ihr einen sanften Fall. Das Mädchen richtete den Blick wieder auf den Dämon und sah, dass er sich sprungbereit auf den Boden kauerte. In diesem Moment traf ein Blitz auf seine Schulter und er zuckte zusammen. Sasha stand ein Stück weiter neben dem Monster und richtete die Elementar-Pistole in dessen Richtung. Dann feuerte sie erneut einen Blitz ab, diesmal dauerte er an und Adocaz, der auf der anderen Seite des Gegners stand, wirkte seine Feen-Magie, fokussierte, wie damals bei dem Laboratorium in Luminastrelle, seine Energie auf einen Punkt vor seinem Maul und entfesselte einen türkisen Leuchtstrahl, der den Dämon ebenfalls mit voller Wucht traf. Bei dem Angriff fingen seine Fühler ebenfalls an, Türkis zu leuchten. Das ist Adocaz‘ Feenstrahl, eine Attacke der Feen-Magie, welche nur Feenwölfe und andere Wesen dieser Art beherrschen. Dafür kann er jedoch keine andere Art von Magie verwenden, sondern nur noch seinen Körper als zusätzliche Waffe einsetzen.

Die zwei mächtigen Angriffe ließen den Dämon aufschreien und enorme Mengen an Umbraurore-Partikeln wurden freigesetzt und stiegen gen Himmel auf. Doch dann machte er eine ruckartige Bewegung und beide Attacken brachen ab. Adocaz schnaufte heftig, sein Angriff wäre ohnehin nicht länger gewesen, aber Sasha ärgerte sich sichtlich und lud erneut die Pistole. Bevor sie einen weiteren elektrisierenden Blitz losschicken konnte, sammelte Adocaz seine Feen-Magie im Schweif und dieser fing an, Türkis zu leuchten, ebenso, wie erneut seine Fühler, die bei jedem Einsatz von Feen-Magie automatisch genau dasselbe taten. Der Feenwolf lief los und sprang unmittelbar vor dem Gegner ab, vollführte einen Salto, bei dem er den langen, magiegeladenen Schweif auf den Rücken des Feindes prallen ließ. Der Dämon verlor immer mehr Umbraurore und wurde sichtlich schwächer, dünner und verschwommener.

Adocaz kam wieder auf dem Boden auf und konzentrierte seine Magie nun vom Schweif auf die Zähne. Sie begannen in der Farbe Türkis zu leuchten und er sprang auf den Kopf des Monsters zu. Der Feenwolf biss dem Feind ein Ohr ab, welches sich in Umbraurore-Partikel aufspaltete und aufstieg. Der Dämon schüttelte Adocaz ab und holte mit seiner klauenbesetzten Pranke zum Angriff aus. Cheyennes vierbeiniger Gefährte war erschöpft und nicht darauf vorbereitet, auszuweichen. So traf ihn die mächtige Pfote des Aquatigeris-Dämons und schleuderte ihn mit voller Wucht in Sashas Richtung. Der Feenwolf prallte auf die junge Frau und warf sie zu Boden. Der Sturz der Beiden wirbelte viel Sand auf und brachte sie zum Husten. Womöglich hatten sie auch etwas von dem feinen Staub in die Augen bekommen, jedenfalls waren sie erst mal außer Gefecht gesetzt. Cheyenne beobachtete die Situation angespannt und fühlte mit ihren Gefährten mit. Oh nein, hoffentlich hat das Aufeinandertreffen der Beiden keine allzu großen Schmerzen verursacht… Wo ist eigentlich Glaczio? Drückt der sich vor dem Kämpfen und lässt die zwei alles machen, oder wie? So ein Vollidiot! 

Aber die Gedanken des Mädchens wurden unterbrochen, als sich der Dämon bedrohlich knurrend und in einer angriffslustigen Kauerhaltung auf Adocaz und Sasha zubewegte. Cheyennes Freundin würde sich nicht einmal wehren können, denn ihre Pistole wurde bei dem Sturz aus ihrer Hand ein paar Meter weggeschleudert und lag nun im weichen Sand.

Der Feind bleckte die mittlerweile abgebrochenen und lückenhaften Zähne und hob eine Pfote an, der ebenfalls bereits einige Krallen fehlten. Der Dämon wird sie gleich in Stücke reißen! Ich muss was machen, um ihnen zu helfen… vielleicht kann ich seine Aufmerksamkeit auf mich lenken? Ja!  Cheyenne hob ihren Bogen an und nahm den Kopf des Dämons ins Visier. Ein schwarzer Pfeil erschien und sie spannte den Bogen so gut, sie konnte. Dann feuerte sie die schwarze Magie ab und diese traf den Feind mit voller Wucht ins Auge. Das Mädchen wollte ihn um jeden Preis von ihren Gefährten wegbekommen. „Hey, du, Dämon! Hier bin ich! Jetzt hab ich dich angegriffen, also solltest du dir erst mich vorknöpfen. Lass die beiden in Ruhe!“

Der Dämon wankte, wäre beinahe umgefallen, blieb aber stehen und wandte sich Cheyenne direkt zu. Er schien nun tatsächlich mehr Interesse an ihr zu haben, einem noch stehenden, nicht erschöpften Ziel, das ihn noch dazu verärgert hatte. Aber der Pfeil in seinem Kopf steckte noch und löste sich nicht auf, wie sonst immer. Auch kamen keine Umbraurore-Partikel aus der betroffenen Stelle. Im Gegenteil. Die schwarze Magie verschmolz mit dem Dämon.

Was?! Ach, stimmt ja… Glaczio hat mir doch in Saraley erzählt, dass diese Pfeile aus schwarzer Magie seien, er hat es auch Finsternis-Elementar-Magie genannt… Er hat gesagt, sie bestünde zum Großteil aus Umbraurore und nur zu einem ganz kleinen Teil aus dem Element, weil es ja fast reines Umbraurore ist, wenn man sein ganzes Gerede darüber zusammenfasst… Und dieser Dämon besteht doch aus der schwarzen Lebenskraft… Also nimmt er das Umbraurore meines Pfeils auf. Aber warum schaden ihm denn dann andere Elementar-Attacken, sogar mehr als normale Angriffe mit Kampfwerkzeugen? Jede Magie besteht doch aus Umbraurore, das jeweilige Element, welches ja auch aus bereits umgestalteter Lebenskraft besteht, wandelt es nur um und verleiht ihm somit eine abgeänderte Form… Im Gegensatz zu Lumenium kann Umbraurore ja beliebig verändert werden, auch wenn Glaczio es nicht so nennen würde. Er hat gesagt, dass nur die physische Kraft eine Struktur hat und die Lebenskraft nicht. Vielleicht meint er das ja lediglich im Bezug auf die Genetik. Lumenium hat nämlich im Gegensatz zu Umbraurore eine, wenn man logisch denkt. Aber sie sind doch beide wandelbar… Naja, im Grunde genommen bleibt Umbraurore immer gleich, verändert sich nicht wirklich, sondern verkörpert einfach nur etwas, das mit ‚Leben‘ in Verbindung gebracht wird. Diese Umgestaltung scheint, wenn die Lebenskraft als Magie oder Element verwendet wird, eine Stärke und Kraft auszustrahlen und diese ist es, die dem Dämon zu schaffen macht. Da seine eigene Stärke ja fast gleich ist, wie die meiner schwarzen Magie-Pfeile, kann er sie sich offenbar einfach aneignen und zu seinem Vorteil nutzen. Die normale Elementar-Magie, wie zum Beispiel Sashas Blitze scheint eine für ihn nicht wertvolle Stärkefrequenz und kompliziertere Verkörperung zu haben, der Angriff war vermutlich etwas zu kurz und die Verletzung zu groß, um die Frequenz schnell umzuwandeln und für den Dämon nutzbar zu machen. Kurzum: Er hatte vielleicht nicht genug Zeit, oder es war ihm zu anstrengend… Es scheint ihm echt egal zu sein, ob er besiegt wird oder nicht, vermutlich weil er weiß, dass er weiterlebt und irgendwann wieder hierher zurückkehrt… Naja, zumindest ist diese Gleichgültigkeit ein Vorteil für uns und zudem hab ich einen weiteren Unterschied zwischen den Kräften herausgefunden. Umbraurore, die Lebenskraft, hat verschiedene Frequenzen, die es verkörpert und die man leicht umwandeln kann, durch starke Willenskontrolle, Berührung von anderen, bereits Elementverkörpernden Frequenzen, oder es kann sich auch ganz von alleine ändern. Lumenium, die Kraft der Formen, hat eine Struktur, oder auch Genetik, die alle Gegenstände und Körper der Welt darstellt, alles was greifbar und berührbar ist und man kann sie nur sehr schwer, meistens nur durch Hilfe von Forschung, welche zurzeit scheinbar noch nicht genug fortgeschritten dafür ist, umwandeln, außer sie ändert sich von alleine, dafür braucht es aber sehr viel Zeit. Ich glaube nun hab ich soweit alles darüber verstanden. Es ist doch immer besser, wenn man sich Dinge selber erklären kann. Ich meine, Glaczio hat es schon gut erklärt, aber erst jetzt hab ich es so richtig kapiert. Das ist aber wirklich kompliziert… Wenn es wirklich Götter gibt und sie unsere Welt und die Kräfte erschaffen haben, müssen sie Genies sein… Umbraurore ist auch viel komplizierter als Lumenium, also müsste die Göttin der Finsternis klüger sein? Nein, Moment, Glaczio zufolge hat die Göttin die neue Welt allein erschaffen, aber… das widerspricht sich doch dann… Warum sollte die sie Lumenium in weiß erscheinen lassen? Seltsam… Vielleicht sind die Götter wirklich nur ein Aberglaube. Der Dämon knurrte und riss Cheyenne aus ihren immer mehr abschweifenden Gedanken. Der Feind scharrte mit der Pfote wütend auf dem Sandboden und fauchte kräftig. Das Mädchen zuckte zusammen, sie war so versunken gewesen in ihre Überlegungen, dass sie beinahe vergessen hätte, in welch einer unheilvollen Situation sie sich befand. Allerdings schien die Zeit ihr Verbündeter zu sein, denn ihr kam es vor, als hätte sie ziemlich lange nachgedacht, der Dämon hätte demnach genügend Möglichkeiten zum Angriff gehabt, befand sich aber noch immer an derselben Stelle, wie zuvor. Cheyenne war zwar froh, dass sie nun mehr über die Kräfte verstanden hatte, aber sie ärgerte sich etwas. Nun war es schon öfters passiert, dass sie in den gefährlichsten Situationen in Gedanken versank und nützliche Sachen dabei herausfand, eigenständig. Wenn sie nachdachte, schien die Zeit fast stillzustehen.

Der Dämon gab einen kräftigen Brüller von sich und würde nicht mehr lange stillstehen. Das Herz des Mädchens machte erschrocken einen Sprung, setzte kurz aus und fing dann an zu rasen. Sie gab es nicht gern zu, aber nun hatte sie tatsächlich etwas Angst.  Ah! Warum muss ich immer in solchen Situationen nachdenken, ich versteh das nicht. Ich sollte mich doch eigentlich konzentrieren… Wieso fällt mir immer nur dann so viel ein? Es ist fast so, als würde die Gefahr mein Denkvermögen beflügeln. Wenn ich über den Kampf nachdenken könnte, anstatt irgendwelche anderen Dinge, würde mir das wirklich zugutekommen… Und entweder ich denke enorm schnell, oder die Zeit verlangsamt… nein, das ist doch unmöglich. Argh! Ich muss an das denken, was vor mir steht, der Dämon. Also… Ich hab seine Aufmerksamkeit scheinbar auf mich lenken können. Gut. Naja… zumindest für Adocaz und Sasha… Oh, nein, jetzt kommt er auf mich zu… Meine Pfeile sind ja wirkungslos, ausweichen wird sehr schwierig werden, bei dieser Größe und andersartig wehren kann ich mich nicht. Ah… Das… war irgendwie eine dumme Idee… So viel zum Thema Sasha solle mehr nachdenken, bevor sie handelt… Aber ich musste das tun, jetzt sind sie wenigstens in Sicherheit, das ist das Wichtigste. Und ich… Was mach ich jetzt? Ich muss mir ganz schnell was einfallen lassen… Jetzt müsste mir doch wieder so etwas kluges einfallen, wie vorhin. Aber nun, da ich wirklich schnell nachdenken muss, fällt mir nichts ein? Es muss doch etwas geben, das ich tun kann!

Doch Cheyenne machte sich zu viel Druck und wurde zu nervös, um vernünftig nachzudenken und eine mögliche Lösung ihres Problems zu finden. Der Dämon ließ ihr dazu auch keine Zeit mehr, denn er kauerte sich nieder und sprang dann direkt auf das Mädchen zu. Sie verfolgte starr die Bewegung des Monsters und es gab nicht einmal eine Möglichkeit auszuweichen. Die Pranken des Feindes waren zu groß und umgreifend, auch kam der Dämon zu schnell näher, als dass sie weglaufen könnte. Angesichts dieser Tatsachen war es egal, was sie tat. Cheyenne wich lediglich einen Schritt zurück, verengte die Augen, biss die Zähne zusammen und nahm all ihren Mut zusammen, um dann stehen zu bleiben und ihren Gegner direkt anzusehen. Das Einzige, was sie noch versuchen könnte, war, irgendwie dem Kopf so nahe zu kommen, dass die Klauen sie nicht erwischten und dann schnell wegzuspringen, damit das Maul sie nicht fangen konnte. Ah… Ich muss es versuchen, aber es wird nie im Leben gut gehen… Warum kann ich nicht einfach durch ihn durchspringen, wenn er aus Umbraurore ist? Aber wenn das ginge, hätte der Dämon Adocaz vorhin nicht treffen und wegschleudern können. Es sah ja fast so aus, als hätten die Beiden sich gar nicht so direkt berührt oder nur kurz… Vielleicht funktioniert das genauso, wie beim Magnetismus und das Umbraurore in uns stößt irgendwie äußeres ab, ebenso womöglich die Frequenzen… Ach, ich schätze, ich komm aus dieser Situation nicht mehr raus… Jetzt hab ich selber auch wirklich Angst… Aber die anderen fürchten sich fast nie… Jedenfalls zeigen sie es nicht und Glaczio schon gar nicht… Ich will auch so mutig und tapfer sein, aber ich schaffe das einfach nicht… Vielleicht kommt das erst mit der Zeit… Aber die ist für mich wahrscheinlich gleich vorbei.

Der Wind spielte mit Cheyennes Haaren und der Sprung des Dämons kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Eine Träne huschte ihr übers Gesicht. Vielleicht, weil sie Adocaz und Xaver nun auf ewig verlassen würde, oder weil sie nicht den Erwartungen ihrer Gefährten Sasha und Glaczio entsprach, mit allem, was dazu gehörte.

Der Feind war nur mehr knapp einen Meter entfernt und befand sich noch in der Luft. Doch dann, kurz bevor er auf Cheyenne traf, zersprang er komplett in unzählige Umbraurore-Partikel und es wurden drei dünne, enorm spitze Eiszapfen sichtbar, die vor dem Mädchen in der Luft schwebten. Sie hatten den Dämon zerstört und nun offenbar angehalten. Hinter ihnen, etwas weiter entfernt, stand Glaczio und hielt die Hand, die, in der sich nicht sein Schwert befand, parallel zum Boden. In der Handfläche leuchtete fokussierte Magie in einem hellblauen Farbton. Ebenso gefärbt war ein magischer Zirkel zu den Füßen des Heilers und seine Augen schienen ebenfalls in dieser Farbe. Er verwendet Eis-Elementar-Magie… Seine Augen leuchten hellblau… Normalerweise sind sie nicht so, das heißt, wenn man zaubert, fangen die Augen an zu scheinen. Wow… Und er hat mich wieder einmal gerettet… Jetzt weiß ich auch, was mich am Sandstrand des Lichts vor diesem Mann mit der Doppelklinge gerettet hat. Glaczios Eismagie… Ich… fasse es nicht… Schon wieder ist mir nichts passiert, obwohl es so schlecht ausgesehen hat… Mittlerweile muss ich wirklich von einem Wunder sprechen… Aber ich hasse diese Situationen, in denen ich auf andere angewiesen bin… Ich muss wirklich lernen, selbst zu kämpfen, irgendwie wird das ja wohl gehen, auch ohne Schwert… Aber erst mal bin ich einfach nur froh, noch zu leben…  Der Heiler schloss die Augen und unmittelbar darauf verschwand der Zirkel, das Leuchten in seiner Hand und die drei Eiszapfen vor Cheyenne zersprangen in Millionen Eissplitter. Es sah wunderschön aus.

Glaczio senkte seine Hand und öffnete die nun wieder normal aussehenden Augen. Dann grinste er seinen Schützling verschmitzt an. Sasha und Adocaz waren wieder auf die Beine gekommen und die junge Frau klopfte den Sand von sich. „Hey, Frosthirn… Das war wieder mal ganz schön knapp, in letzter Sekunde hast du diese Eiszapfen fertig beschworen. Da hast du aber gewaltig was verlernt… Das muss wieder schneller gehen, so wie damals, das ist dir klar, oder? Aber ich weiß, wie sehr du diese Auftritte liebst. So eine ‚Rettung-in-letzter-Sekunde‘-Aktion macht einfach mehr her, vor allem beim Beeindrucken von Mädchen, stimmt’s? Vollidiot… Das hier ist aber Cheyenne und du hast die Aufgabe sie zu beschützen und nicht sie zu beeindrucken! Naja, wenigstens hast du es überhaupt hinbekommen.“ Cheyenne fiel ein Stein vom Herzen, es schien allen gut zu gehen und die Gefahr war fürs Erste gebannt.

Glaczio beachtete Sasha nicht weiter und sah nur das Mädchen an. Er will bestimmt ein ‚Danke‘ hören… hoff ich zumindest… Ich will ihm nämlich kein Küsschen geben, so wie er vorhin gesagt hat… Aber das würde Sasha ohnehin nicht zulassen, hihi. Cheyenne ging zu Glaczio und blieb, genug Abstand haltend, vor ihm stehen. „Danke, Glaczio, du hast mich schon wieder gerettet.“ Der Heiler legte den Kopf schief und kam seinem Schützling näher. „Hehe, nichts zu danken, Engelchen… Wobei… Dein tapferer Held hat sich eigentlich schon eine Belohnung verdient, wenn du ehrlich bist… Was ist mit einem kleinen Küsschen auf die Wange, hm? Hehe.“ Cheyenne wurde rot und wäre am liebsten weggelaufen. Niemals würde sie ihm ein ‚Küsschen‘ geben. Sasha hatte sie ja schließlich auch beschützt und sie wollte nichts dafür haben.

Der Heiler war nun so nah, dass Cheyenne seinen kühlen Atem fühlen konnte und sie dachte schon, er würde ihr gleich einen Wangenkuss geben, anstatt umgekehrt. Er strich ihr sogar eine Haarsträhne aus dem Gesicht, aber berührte sie nur kurz mit der Nasenspitze und flüsterte die erleichterndsten Worte, die Cheyenne seit langem gehört hatte. „Hehe, das habe ich doch wieder einmal schön vorgetäuscht, nicht wahr? Dein Gesichtsausdruck war es allemal wert. Hehe, Engelchen, Sasha würde mich töten, wenn ich allen Ernstes ein Küsschen von dir verlangen würde. Ich habe dich lediglich ausgetrickst.“ Dann stellte er sich an ihre Seite und legte seine Arme um ihre Schultern. Glaczio drückte Cheyenne an sich und sie vernahm seinen nach Winter duftenden Geruch und seine kalte Körpertemperatur. Die Kombination hatte auf sie eine beruhigende Wirkung, obwohl bis vor einer Sekunde ihr Herz noch bis zum Hals geschlagen hatte.

 Der Heiler lachte amüsiert und Sasha kam mit entgeistertem Blick auf ihn zu und packte ihn am Ohrläppchen. Dann zog sie Glaczio von ihrer besten Freundin weg und wandte sich an diese. „Ich lass schon nicht zu, dass er dich nervt und bedrängt. Der Vollidiot ist so unglaublich anstrengend… Naja, also ich schätze du bist in Ordnung und der Dämon hat dich nicht erwischt? Gut. Ach und wenn der Eiszapfen hier nochmal so was macht, wie gerade eben, sagst du es mir, ja? Dann kriegt er einen Kuss. Und zwar von meiner Pistole.“ Cheyenne musste grinsen. Sie war belustigt über Sashas Aussage, erleichtert, dass es allen gut ging und enorm froh, dass Glaczio nur Spaß gemacht hatte, obwohl sie sich da im Grunde nicht ganz sicher war. Vielleicht hatte er es ja nur versucht und als er merkte, dass sein Plan nicht aufgehen würde und Cheyenne sich zierte, änderte er seine Taktik. Das Mädchen würde vermutlich nie herausfinden, was im Kopf des Heilers vorging, aber bei genauerem Bedenken wollte sie das auch nicht. Es war komisch. Manchmal dachte sie, ihn zu kennen, in anderen Situationen jedoch, fand Cheyenne ihn sehr befremdlich.

Die Gefährten gingen weiter, aber es war allen klar, dass der Dämon von eben nicht der einzige und letzte war, gegen den sie würden kämpfen müssen. Auch gab es immer wildere Wellen. Cheyenne wagte sich wieder an Glaczio heran und befragte ihn zu seiner Elementar-Magie. Auch machte sie ihm ein ernst gemeintes Kompliment, denn sie fand seine schnellen Reaktionen und Instinkte atemberaubend. „Glaczio, danke nochmal. Wenn du erlaubst, würde ich dich gern etwas fragen. Du hast doch vorhin Eis-Elementar-Magie verwendet, nicht wahr? Wie machst du das? Ist es schwierig zu zaubern? Und wie konntest du fühlen, dass der Dämon auf uns zugesprungen kam, als du mich nach hinten geschubst hast? Obwohl du zurzeit nicht in der Lage bist etwas zu sehen, wusstest du genau, wo er aufkommen würde und hast ihn mit deinem Schwert abgefangen… Das war wirklich beeindruckend… Sind diese schnellen Reaktionen erlernbar, oder braucht man dafür nur gute Instinkte? Ich weiß schon, du magst es nicht, wenn ich so neugierig bin, aber… es würde mich wirklich interessieren…“ Cheyenne wandte den Blick verlegen ab, aber sie konnte spüren, dass der Heiler sie kurz ansah, ehe er mit dem Haltegriff seines Schwertes in der Hand spielte und es so gekonnt elegant rotieren ließ. Er richtete seinen Blick wieder nach vorne und das Mädchen tat es ihm kurz darauf gleich. Mit ruhiger und gelassener Stimme beantwortete Glaczio all ihre Fragen. „Hehe, Engelchen… Das mit deiner Neugier habe ich doch nicht so gemeint. Ich habe gesagt, du sollst sie zügeln… wenn sie nicht angebracht ist. Diese kleine Lektion diente dazu, dich zu lehren, besser über deine Verhaltensweise nachzudenken und einen passenden Moment für deine Fragen auszusuchen. Das war alles, was ich dir vermitteln wollte, aber natürlich musste ich das etwas verletzender ausdrücken, wie du ja nun weißt. Im Grunde genommen ist die Neugier an sich keine schlechte Eigenschaft, wenn man sie kontrollieren kann. Kontrolle, Püppchen, das ist es, woran es dir noch mangelt. Du musst daran arbeiten und es gibt sicher viele Leute, die dir dabei helfen werden. Zuallererst verstehe ich deine Neugier und deine Aussage als Kompliment und Lob, demnach gebührt dir mein Dank. Ich will versuchen, dir alle Fragen zu deiner Zufriedenheit zu beantworten. Die erste belief sich auf die Zauberei mit Eis, wenn meine Erinnerung korrekt ist? Nun… Es wäre einfacher zu erklären, anhand eines… ‚normalen‘ Beispiels… Ich bin Heiler, als solcher, kann man eigentlich außer Heilzaubern keine Magie wirken, denn wir haben zu wenig Umbraurore in unseren Körpern, als dass dies möglich wäre, deshalb können wir auch nur körperliche Schäden beheben und keine seelischen. Unser hoher Lumenium-Anteil beschränkt die Lebenskraft auf die Grundfunktionen, also Instinkte, die Seele, die Gefühle und Intelligenz, welche jedoch von beiden Kräften erzeugt werden kann. Da bleibt kein Platz mehr für überschüssiges Umbraurore, das für Zauberei verwendet werden kann. Wenn ich damals nicht dieses Kindheitsexperiment mitgemacht hätte, wäre ich nicht in der Lage Magie zu beschwören und auch funktioniert diese bei mir anders als gewöhnlich. Während normale Elementar-Magie durch Umbraurore gewirkt wird, wovon du ja bereits in Kenntnis gesetzt bist, greife ich auf Lumenium zurück. Zumindest, wenn ich selber zaubere, mein Schwert bedient sich an Umbraurore, wie jede andere Elementar-Waffe ebenfalls. Nun willst du sicher wissen, wie es möglich ist, mit Lumenium, der Kraft der Formen und Körper, Magie zu beschwören, habe ich Recht? Bei genauerer Betrachtung fällt meine Art der Zauberei nicht unter die genannte Kategorie. Es ist viel eher eine durch, mehr oder weniger, Glück und Zufall kombinierte Gabe, anstatt richtiger Magie. Da wäre zuerst einmal, dass mein Körper ja seit dem Experiment keine Wärme mehr speichern kann, wie du weißt. Dann ist mein Element auch noch Eis, das bedeutet, ich kann mit Kälte von Geburt an gut umgehen. Zudem bin ich Heiler und es ist mir möglich, Lumenium erstaunlich gut zu beherrschen. Zu guter Letzt bin ich auch noch unglaublich intelligent. Wenn ich nun ‚Eis-Magie‘ heraufbeschwöre, geschieht dies lediglich aus einer Kettenreaktion dieser Dinge heraus. Ich beziehe Lumenium durch einen Heilzauber, dessen Stärke ich so wähle, dass mehr oder weniger Eis, mächtiger oder schwächer, am Ende das Ergebnis erzielen soll. Ich konzentriere mich und fokussiere das beschworene Lumenium der unphysischen Form, wie gewohnt auf eine Stelle in meiner Hand, bei Bedarf an Stärke auch in beiden. Dann denke ich an die Lumenium-Struktur von Eis und die Form, die ich gern hätte, mein Gehirn sendet die Informationen aus und schickt sie zu dem fokussierten Lumenium-Punkt in meinen Händen. Die weiße Kraft bleibt durch meinen wärmeabweisenden Körper kalt und in Zusammenspiel mit meinem Element und der Information ist es möglich, das Ganze noch kälter zu machen und eine Form aus Eis entsteht, wie zum Beispiel ein Eiszapfen, das einfachste Ergebnis. Ich kann jedoch nur richtige Formen und keine Hagel- oder Schneestürme, oder dergleichen beschwören. Letzteres ermöglicht einem nur die Elementar-Magie mit Umbraurore. Zudem funktioniert meine Zauberei nur, wenn ich niemanden berühre, bei Eintreten eines solchen Falls würde es ein Heilzauber bleiben, insofern ich leider nur mit den Händen Magie wirken kann, im Gegensatz zu den ‚echten Zauberern‘. Nun zu deiner nächsten Frage. Ich schätze, jede Magie ist einfach nur reine Übungssache und für manche ist es schwieriger sie zu beschwören, für andere wiederum leichter. Ich hatte sehr viele Probleme mit dem Zaubern, als ich angefangen habe und es dauerte wirklich Jahre, bis ich das Eis so beherrschen konnte, wie heute. Als Kind wollte ich immer außer Heilzaubern noch andere Magie wirken können, also haben sich Atropax, meine Eltern und ich eine mögliche Technik einfallen lassen und sie hat funktioniert. Demnach fällt mir ein Urteil über den Normalzustand schwer. Aber das Heilen ist ja auch eine Form der Magie und diese habe ich schneller beherrschen gelernt. Ich würde sagen, das Zaubern erfordert vollste Konzentration, auch Talent, enorm viel Übung und Geduld. In gewisser Weise kannst du dir die Frage auch selbst beantworten, wenn du dir in Erinnerung rufst, dass deine Pfeile zu einem Teil aus deiner Magie hervorgehen, auch wenn die Waffe dies beinahe vollständig übernimmt, musst du mitwirken. Du sagtest, es habe lange gedauert, bis du es beherrschen konntest. Somit hast du deine Antwort im Grunde genommen ja bereits erhalten. Deine letzte Wissbegierde handelt von Instinkten und Reaktionen. Hm. Es ist eigentlich genauso kompliziert, wie mit der Magie. Unmengen an Übung sind dein treuer Freund und Begleiter und es ist ebenso zum Teil geburtsbedingt. Wie du aufgewachsen bist, spielt hierbei auch eine Rolle. Allerdings kann man Instinkte trainieren, jedoch es ist ein schwieriger Prozess, da du in gewisser Weise gegen deine eigene Natur kämpfst, wenn du dir zum Beispiel ein wenig Angst abtrainieren willst. Es ist aber möglich. Dasselbe gilt für Reaktionen. Ebenso, wie bei der Magie ist eine Grundbegabung nicht ausgeschlossen. Ich will damit jetzt selbstverständlich nicht sagen, dass ich so jemand Talentiertes bin, unter gar keinen Umständen, hehe… Aber ich muss zugeben, dein Kompliment hat mir sehr geschmeichelt und um ehrlich zu sein, denke ich doch, dass wir, als Auserwählte, einen grundlegenden Vorteil gegenüber anderen haben. Bedeutet, auch du könntest deine Instinkte und Reaktionen schulen. Es wird zwar viel Zeit in Anspruch nehmen, ich spreche aus Erfahrung, aber du bist dem gewachsen. Obwohl… deine in manchen Situationen nicht vorhandene Konzentration dir sehr im Weg stehen könnte. Bei mir war es einfach, all dies zu lernen, ich hatte die Besten der Besten als Lehrmeister seit ich klein war... Es wäre mir eine Ehre, dir beizubringen, was sie mich unterrichtet haben, wenn du erlaubst und es dir kein Dorn im Auge ist, dass sie zu der anderen Seite gehören. Solange es gute Techniken sind, solltest du davon Gebrauch machen, sie ausnutzen und die Lichtritterschaft irgendwann mit ihren eigenen Waffen schlagen… Hm. Der Dämon war leicht zu durchschauen unter deinen ausführlichen Beschreibungen. Ich musste mich bloß konzentrieren und konnte erahnen, was bevorstand. Du musst noch so viel lernen, Engelchen… Aber du hast ja mich, ich unterweise dich gerne, immerhin bin ich doch dein heldenhafter Traumprinz, nicht wahr? Und Sasha-Mäuschen ist deine treue Dienerin, hehe. Wir machen schon noch eine würdige Kriegerin aus dir, sei unbesorgt.“ Glaczio grinste Cheyenne an und sie lächelte etwas zaghaft zurück. Sasha, die hinter den Beiden ging, kam an Glaczios linke Seite und gab ihm einen Klaps auf den Arm. „Dienstmädchen, pff…“ Der Heiler zwinkerte seinem Schützling zu und setzte einen ungewohnt freundlichen Blick auf, was zur Folge hatte, dass Adocaz, der neben Cheyenne her trabte, ihn böse anknurrte. Ach, Adocaz… Er ist doch mittlerweile gar nicht so schlimm, wie du immer tust… Ich glaube, er steht jetzt wirklich hinter uns. Wenn nicht, ist er wirklich der beste Schauspieler, den es gibt… Hm… Ich würde ihm so gerne wieder vertrauen, aber es geht einfach noch nicht… Vielleicht ist das ja auch gut? Ich weiß es nicht… Ich denke jetzt zwar, dass ich ihn mittlerweile gut kenne, aber ist dem wirklich so? In manchen Situationen ist Glaczio immer noch so undurchschaubar und mir ziemlich fremd. Ich schätze, er bleibt auch ewig unberechenbar… Was erwarte ich denn? Dass wir beste Freunde werden? Pff. Er ist der Auserwählte des Lichts, das vergesse ich immer, ich muss doch angesichts dieser Tatsache noch viel vorsichtiger sein… zumindest, wenn ich wirklich die Auserwählte sein sollte… Jeder ist sich so sicher, aber ich weigere mich einfach zu glauben, dass es wahr ist… Hoffentlich erreichen wir bald diesen Mount Nightblade, damit ich endlich Gewissheit habe… Ich hasse es, wenn ich nicht weiß, woran ich bin… Vermutlich hat Adocaz Recht und ich sollte trotz allem, oder vielleicht gerade deswegen, vorsichtiger sein.

Cheyenne wandte sich wieder von Glaczio ab und flüsterte Worte des Dankes. „Es wäre sehr nett und hilfsbereit, wenn du mich in die tiefsten Geheimnisse der Kampfkunst einweihen würdest, soweit es möglich ist. Es ist mir egal, von woher sie kommen, Hauptsache sie funktionieren und sind nützlich. Vielen Dank.“ Die Worte des Mädchens waren nun mit einem Unterton versehen, der einen Hauch von Misstrauen mit sich brachte, aber sie hoffte, der Heiler bemerkte dies nicht. Allerdings schien es ihm doch nicht zu entgehen. Er seufzte, wandte sich ebenfalls wieder dem sandigen Weg vor sich zu und nickte nur. Dann gingen die vier ohne ein Wort zu wechseln weiter.

Die Ruhe war bedrückend, aber zur selben Zeit auch wohltuend. Das Rauschen des Meeres klang wie eine wundervolle Melodie in Cheyennes Ohren und erinnerte sie an die vergangen, alten, schönen Zeiten, als sie täglich auf dem Rücken ihres geliebten Pferdes Falconheart gesessen hatte und mit ihrem treuen Feenwolf Adocaz an ihrer Seite zu ihrem Lieblingsplatz geritten war. Der einzelne Baum auf dem abgelegenen Hügel hinter dem kleinen, gemütlichen Dorf Lasepia. Die ansteigende Ebene fiel ein paar Meter neben den mit grünen Blättern versehenen Ästen des großen Baumes steil nach unten, an einer natürlichen Mauer aus buntem Stein, gemischt mit Mineralien und farbigen Kristallen, entlang. Die wilden, blauen Wellen des gigantischen, schönen Meeres peitschten dagegen und waren an einsamen Nachmittagen, gemeinsam mit der leisen, wunderbaren Musik des Windes, ein Gesang, welcher die Botschaft von Ruhe verbreitete und zum Träumen einlud. Oft hatte Cheyenne das weite Blau betrachtet und sich gefragt, wie groß die Welt sei. Sie hatte sich gewünscht, eines Tages auf eine Reise loszuziehen, wenn sie älter wäre und die Hauptstadt zu verlassen. Lediglich in ihrer Erinnerung wollte sie dorthin zurückkehren. Xaver wäre mit ihr gemeinsam fortgegangen, um die Welt zu erkunden. Sie hätten irgendwie kleinere Arbeiten erledigt und das erhaltene Geld ihren Familien zukommen lassen, damit auch diese aus Excidoma Magna fliehen konnten. Cheyennes Großeltern wären vermutlich nach Lasepia umgezogen und außer Gefahr gewesen. Das Mädchen wollte bereits an ihrem sechzehnten Geburtstag die Reise beginnen, aber ihre Großmutter hatte sich deswegen zu viele Sorgen gemacht und klargemacht, dass ihre Enkelin erst mit achtzehn von Zuhause weggehen dürfen würde. Hätte sich die alte Dame anders entschieden, könnte sie vermutlich noch am Leben sein. Aber Cheyenne wäre auch dazu im Stande gewesen, einfach wegzulaufen, dann würde ihre Zukunft, die nun bereits Gegenwart ist, sicherlich anders aussehen. Wahrscheinlich wäre ihr Leben noch in Ordnung. Aber sie wollte ihren Großeltern keinen unnötigen Kummer zufügen.

Das Mädchen hatte versucht, ihre Erinnerungen und Schmerzen der Trauer zu verdrängen, aber die Wellen des Meeres rissen alte Wunden wieder auf. Vielleicht war nicht nur das die Tatsache, sondern womöglich auch, dass sich mit jedem weiteren Schritt ihr Leben mehr veränderte. Sie verließ den Kontinent, auf dem sie aufgewachsen war. Alles, was sie in der kurzen Zeit, seit sie ein paar Tage zuvor vor den Rittern fliehen musste, verloren hatte, jede einzelne Erinnerung daran war in der Erde dieses Weltteils verankert und Cheyenne hatte Angst, eines Morgens aufzuwachen und ihre Vergangenheit zu vergessen. Diese war zwar sehr schmerzvoll und es würde viel Kraft und Tränen kosten, sie sich jeden Tag erneut ins Gedächtnis zu rufen, aber alles andere wäre entwürdigend für die Toten. Sie würde die schrecklichen Ereignisse so gerne vergessen, wusste aber, dass sie das nicht durfte und es niemals wagen würde. Als sie auf Reisen gehen wollte, konnte sie es nicht erwarten, dass es endlich losging. Nun, da sie es musste und sich bereits auf dem Weg in unbekanntes Terrain befand, täte sie nichts lieber, als sich umzudrehen und mit jedem Schritt, den sie zurückging, die Zeit ebenfalls zurückzudrehen. Sie wollte ihre Vergangenheit ändern und die Zukunft somit auch.

Aber Cheyenne wusste, dass dies unmöglich war.

            Es gab keinen Weg zurück, zumindest keinen, der für sie in Frage käme und von dem sie Gebrauch machen könnte.

Nur der Pfad, auf dem sie wanderte, der nach vorne zeigte, in eine ungewisse Zukunft voller Gefahren und Leid, blieb für sie zur Wahl übrig.

Es war vorbei.

Ich habe eigentlich kein Problem damit, Luminastrelle zu verlassen, wenn da nur nicht diese ganzen aufwühlenden Erinnerungen wären… Ich will ja auch weg, aber ich kann es einfach nicht, ohne traurig zu sein. Manchmal wünschte ich, ich könnte meine Gefühle besser deuten und verstehen… Ich gäbe so viel dafür, noch einmal mit meiner Großmutter am Küchentisch zu sitzen und Kartoffeln zu schälen, auch wenn ich das gehasst habe, weil ich mich immer geschnitten habe, als ich kleiner war… Nur noch einmal mit meinem Großvater im Wohnzimmer sitzen und wenn es regnet mit ihm Karten spielen und nebenbei einen heißen Kakao trinken… Und abends, vor dem Einschlafen… nur noch ein einziges Mal eine Gute-Nacht-Geschichte hören… und mir dann einen Kuss auf die Stirn geben lassen… Ich würde mich sogar in die Wange zwicken lassen, meinetwegen… Aber das ist alles vorbei… Auf immer und ewig… Nie wieder werd ich die Wärme in den Augen meiner Großmutter sehen, wenn sie mich morgens weckt und mir voller Freude die Bettdecke wegnimmt, dabei lacht, weil ich nicht aufstehen will… Nie wieder werd ich die Geborgenheit fühlen, die mich durchströmt, wenn mein Großvater mich umarmt, falls ich traurig bin… Nie wieder werd ich Falconhearts seidiges Fell streicheln können, oder mich auf seinem Rücken in den Schlaf wiegen lassen… Alles, was ich hatte und bei dem ich geglaubt habe, man kann es mir nicht nehmen… ist nun weg… Unwiderruflich… Ich würde so gern die Zeit zurückdrehen… Aber wenn ich es könnte… wäre ich wirklich in der Lage es zu tun? Was, wenn es mir nicht möglich sein würde etwas zu verändern? Dann bliebe doch alles gleich und dasselbe Leid fällt erneut auf uns alle herab. Und wenn ich etwas anders machen könnte, hätte ich Sasha nie kennengelernt… Aber… sie ist nur eine Person… meine Großeltern, Falconheart und auch zum Teil Xaver sind doch drei Leben mehr… Ich schätze, ich werde nie wissen, was passieren würde… Aber ich sollte mir nun Sasha als Vorbild nehmen… Sie hat auch so viel durchgemacht, genauso wie ich, nur dass sie daraus stärker geworden ist… Ich muss auch so sein, wie sie… Vor allem, wenn ich wirklich die Auserwählte bin. Dann wäre es egoistisch, in meiner Vergangenheit zu versinken und die Zukunft der Welt damit zu ruinieren… Aber ich habe ja gesagt, dass ich nicht stark genug dafür bin… Warum sieht das denn keiner? Was erwarten und verlangen eigentlich alle von mir? Ich bin doch nur ich… Ein schwaches, ängstliches, siebzehnjähriges Mädchen aus einem Armenviertel, ohne jede Ahnung von der Welt… Ich muss stärker werden… und furchtloser… so, wie Glaczio… Er muss mir helfen, tapferer und mutiger zu werden, er muss einfach… und Sasha auch… Ich… ich bin erbärmlich, pff… immer auf Hilfe angewiesen… aber es geht zurzeit vermutlich nicht anders, leider… Ach, wenn Xaver doch nur hier wäre… Ja… Xaver… Wenn ich mich schon nicht von alleine aufraffen kann, dann muss ich es wenigstens für ihn tun. Ich werde ihn finden, egal, ob ich die Auserwählte bin, oder nicht, er hat oberste Priorität. Glaczio hat auch gesagt, ich solle mich nicht so mitreißen lassen von dieser ganzen Sache, also wird mein Ziel einfach sein, Xaver zu finden. Ja… Wenn ich ein genaues Ziel vor Augen habe, auf das ich hinarbeiten kann, geht es mir gleich besser… Zumindest ein wenig.

Cheyenne beendete ihren Gedankengang, wusste aber nicht, ob es ihr nun tatsächlich besser, oder schlechter ging. Sie fühlte erst jetzt, dass sie geweint hatte, denn Tränen kullerten über ihre Wangen und waren warm in der kalten Nacht. Adocaz drückte sich fest gegen seine Besitzerin und stupste deren Hand ständig winselnd an. Er schien zu spüren, dass das Mädchen traurig war.

Cheyenne wusste nicht, ob Sasha und Glaczio bemerkt hatten, dass sie weinte, denn sie hatte nicht geschluchzt. Sie drehte ihr Gesicht weg, um sich die Tränen von den Wangen zu wischen. Auch wenn ihre Gefährten noch unwissend waren, der eisblaue Schein des Elementar-Schwertes hätte die Wahrheit sichtbar gemacht. Das Mädchen richtete den Blick wieder nach vorne, neigte ihren Kopf aber zu Boden, damit ihre langen, seidigen Haare ihr Gesicht verdecken konnten.

Die seichten Wellen fluteten die Sandpassage an der Stelle, auf der sich die Gefährten gerade befanden. Cheyenne fühlte, wie ihre Füße wieder nass wurden und die Schmerzen zurückkehrten. Das Rauschen des Meeres wurde immer lauter und auf einmal zog sich das Wasser, das die Passage überschwemmte vollends zurück. Der Wind wurde stärker und für kurze Zeit verstummten die Geräusche der Wellen fast gänzlich. Auf der rechten Seite des Weges war bereits doppelt so viel Sand zu sehen, als zuvor und das Mädchen hatte eine böse Vorahnung. Wenn sich das Wasser so enorm zurückzieht… heißt das meistens, dass…

Cheyenne richtete den Blick in die Ferne und musste feststellen, dass sich richtig lag. Eine gigantische Welle kam direkt auf die vier Gefährten zu und würde sie allesamt verschlingen und in die Tiefen des weiten Meeres entführen. Das Mädchen blieb stehen und packte Glaczio am Arm, sodass er ebenfalls zum Stand kam. Er drehte sich zu ihr um und wunderte sich über das Verhalten seines Schützlings. „Hey, Engelchen, hast du es dir mit dem Küsschen doch noch anders überlegt, oder warum willst du hier Wurzeln schlagen?“ Cheyenne sah ihn kurz entgeistert und verständnislos an, blickte dann wieder in die Ferne und sah, dass die Welle schneller näherkam, als sie gedacht hatte. Glaczio folgte ihrem Blick, wandte sich dann aber wieder an das Mädchen. „Püppchen, du weißt, dass ich nicht das Geringste sehe, also wie wäre es, wenn du mir verraten würdest, was deine Aufmerksamkeit so magisch anzieht, hm?“ Cheyenne seufzte, das hatte sie ganz vergessen in ihrer Aufregung. Sasha war mittlerweile an ihre Seite getreten und sah sie beunruhigt an. Das Mädchen wurde nervös, fing an etwas schneller zu atmen und versuchte die Situation schnellstmöglich und verständlich zu erklären. „Wenn du es nicht siehst, müsstest du es doch hören! Da kommt eine riesige Welle direkt auf uns zu, sie ist sehr schnell und wird uns gleich mitreißen!“

Der Heiler grinste kurz und neigte den Kopf, während er sich umdrehte. Er stellte sich vor seine Kindheitsfreundin, seinen Schützling und dessen Feenwolf und steckte sein Schwert in den Sand. „Ach so, das meinst du, Engelchen, hehe... Natürlich habe ich das gehört, aber es klingt so, als hätten wir noch ein paar Sekunden Zeit, also ganz ruhig bleiben und dem heldenhaften Retter die Sache in die Hand legen. Stellt euch hinter mich und rührt euch nicht von der Stelle… Jetzt seht ihr das Handwerk eines legendären Meisters, hehe…“ Ach… Wenn er schon so etwas sagt, wird das doch nie im Leben gut gehen… Wie kann er denn nur so ruhig bleiben bei so einer Riesenwelle?! Er hat es ja sogar gehört… So ganz zuversichtlich kommt er mir aber gerade doch nicht wirklich vor…  Während Sasha besorgt nach vorne blickte, ließ sich Cheyenne auf die Knie fallen und drückte den winselnden, zitternden Adocaz an sich, hielt ihn fest, sodass, falls die Welle sie erwischen sollte, er nicht von seiner Besitzerin weggespült wurde.

Der Wind fuhr durch Glaczios Haare, als er seine Hände nach vorne richtete, parallel zum sandigen Boden. Nun schien er wieder die Ruhe in Person zu sein und ein magischer Zirkel erschien zu seinen Füßen. Dieser war erst weiß, ebenso, wie die Magie, die er in seinen Handflächen fokussierte. Ein Heilzauber. Doch dann wandelte sich das Farblose in ein Hellblau. Die Energieansammlung wurde größer und plötzlich schwärmte sie aus und bildete eine rechteckige Form, die doppelt so hoch und breit war, wie der Heiler groß war. Das Gebilde wandelte sich langsam zu Eis und verkörperte so eine Art Schutzwand.

Keine Sekunde zu früh, war der Zauber vollendet, denn sobald alles gefroren war, prallte die gigantische Welle gegen die Eiswand. Unmengen an Wasser strömten seitlich an Cheyenne und ihren Gefährten vorbei, aber berührten sie nicht. Das Mädchen wagte es, die bereits zuvor geschlossenen Augen zu öffnen und die Situation zu beobachten. Wenn man von der Gefahr absah, war es ein wunderschönes Bild. Nicht nur zu ihren Seiten floss das kühle Nass vorbei, sondern auch über ihnen. Die kleine Gruppe war gehüllt in eine längliche Kuppel aus Wasser, an dessen Anfang eine Eiswand stand. Bunte Fische und Meerespflanzen zogen an Cheyenne vorbei und gaben ihr einen Teil der geheimnisvollen Schönheit des Meeres preis.

Plötzlich erklang ein knackendes Geräusch und das Mädchen sah, dass das Eis einen tiefen, langen Sprung bekommen hatte und Glaczios Hände zitterten. Das Gewicht der Wassermengen drängte ihn zurück und durch den feinen Sand war ihm kein Halt gegeben. Er rutschte immer weiter nach hinten.

Doch dann gab die Natur nach und die Welle des Meeres führte immer weniger Wasser, bis sie vollkommen verstummt war. Die Eiswand zersprang in tausende spitze Splitter und Glaczio atmete schwer. Die Gefahr war gebannt.

Der Heiler zog sein Eisschwert aus dem Sand und drehte sich um, ehe er sich nach den Anderen erkundigte. „Geht es… allen… soweit gut? Hehe… Diese Welle… war ziemlich… widerspenstig… aber euer… mächtiger Held konnte… sie bezwingen und euch retten…“ Er war sichtlich erschöpft und die Worte erklangen nur leise und kraftlos. Cheyenne und Sasha nickten, auch Adocaz hatte glücklicherweise keinen Schaden davongetragen. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass Magie so kraftraubend ist… Vielleicht liegt das bei ihm daran, dass es kein richtiger Zauber ist und er eigentlich nicht dafür bestimmt ist, diesen zu wirken… Naja, aber abgesehen davon konnte wohl auch jeder sehen, dass die Welle eine enorme Kraft hatte… Glaczio hat uns gerettet, das ist doch die Hauptsache.

Der Heiler schien langsam wieder zu Atem zu kommen und Cheyenne sprach ihren Dank aus, denn Sasha machte nicht die geringsten Anstalten dazu. „Vielen Dank, du hast uns schon wieder gerettet. Das war wirklich erstaunlich…“ Die junge Frau schloss sich ihrer Freundin nur mit einem Nicken an, denn Cheyenne wusste, dass Sasha Glaczio niemals freiwillig ein Kompliment machen würde. Das Mädchen aber war der Meinung, dass er nun eines verdiente. Auch wenn sie ihm nicht trauen konnte, war es doch kein Fehler die Fassade aufrechtzuerhalten und freundlich zu sein.

Der Heiler zwinkerte seinem Schützling lächelnd zu, schien sich sogar etwas über das Kompliment zu freuen. „Hehe, hat sich der Held nun ein Küsschen verdient? Ach, Engelchen, mache dir keine Sorgen, ich scherze doch nur… Ganz schön praktisch, solche Schutzwände, hm? Auch wenn meine nicht wirklich ‚echt‘ ist, bringt sie viel mehr, als ein Schutzschild der Elementar-Magie. Die können nämlich nur andere Elementar-Angriffe, durch Magie oder Elementar-Waffen abwehren, aber nur, wenn sie nicht dasselbe Element haben. Meine Eiswände können alles abwehren und halten sogar besser und länger, weil sie aus Lumenium sind. Bevor du jetzt fragst: Ja, ich habe diese Schutzwand genau auf dieselbe Weise, wie meine Eiszapfen vorhin erstellt, hehe. Mein kluges Engelchen…“ Hm, hier kommen auch wieder die Frequenzen zum Einsatz. Interessant…

Sasha schien der Vorfall mit dem Wasser überhaupt nicht behagt zu haben und sie drängte zur Weiterreise. „Leute, ich weiß, wir haben schon die Hälfte hinter uns, aber wie wär’s wenn ihr euer Getratsche für später aufhebt, wenn wir endlich von dieser verfluchten Sandpassage weg sind? Bitte, danke. Wenn wir uns nicht beeilen, kommt noch so eine Welle und ich wette, dass der Eiszapfen nicht noch einmal so einen starken Schutzwall aufbauen kann, ohne ausreichende Erholungspause… Für meinen Geschmack war das übrigens wieder ein wenig zu knapp, du ach so großer, mächtiger Held! Und jetzt schwing die Hufe und sieh zu, dass du in Bewegung kommst! Cheyenne, du gehst jetzt bei mir, okay? Solange bis der Vollidiot lernt, sich anständig zu verhalten und nicht mehr die ganze Zeit nach ‚Küsschen‘ von fragt. Du tust mir ja schon richtig leid, wie hältst du das bloß aus, ohne verrückt zu werden?“ Cheyenne konnte nicht anders, schon wieder musste sie bei einer Aussage von Sasha grinsen. Ihre Freundin schaffte es einfach in jeder Situation, dass sie sich besser fühlte und konnte sogar ein wenig Traurigkeit verschwinden lassen. Auch kam ein wenig Schadenfreude auf, denn die junge Frau redete immer so freundlich und nett mit dem Mädchen, wenn sie aber mit Glaczio sprach, war sie herrisch, ungestüm und gemein. Dem Heiler schien es nach außen hin nichts auszumachen, aber er hatte selbst zugegeben, dass die herzlose Art seiner Kindheitsfreundin ihm ab und an schon zusetzte. Er hatte sich vermutlich einfach nur daran gewöhnt. Auf der einen Seite fand Cheyenne das Verhalten ihrer Freundin etwas unfair, auf der anderen konnte diese Glaczio wenigstens gut in Zaum halten und eigentlich, wenn sie ehrlich war, verdiente er es auch.

Die kleine Gruppe ging weiter, Sasha und Cheyenne mit Adocaz an der Spitze, Glaczio folgte hinter bei. Eine Zeit lang war alles ruhig und sie kamen gut voran. Dann begegneten sie einem Robben-Dämon aus Umbraurore, der aber um Einiges leichter zu besiegen war, als der Aquatigeris-Dämon, den sie vernichtet hatten, wenn man Sasha und Glaczio Glauben schenkte. Kurz darauf trafen sie erneut auf einen Dämon, ein aus Lebenskraft bestehender Riesenkrebs, aber auch dieser war keine Herausforderung für die Gefährten des Mädchens. Cheyenne war froh, dass ihre Freundin und der Heiler bei ihr waren, denn alleine mit Adocaz hätte sie diese Situationen nicht unter Kontrolle bekommen. Sie beobachtete die Kämpfe auch ganz genau, um sich Tricks abzusehen, die sie eines Tages verwenden könnte.

Das Mädchen wog sich in Sicherheit und war enorm froh, als sie in nicht allzu weiter Entfernung das Ende der Sandpassage sehen konnte. Der Pfad wurde dort breiter und wandelte sich in eine grasbewachsene Ebene. Einzelne Bäume und Blumen waren erkennbar und in der Ferne ragte ein gigantischer Berg gen Himmel. Endlich würden sie alle Halonien erreichen und die Gefahren des Meeres hinter sich lassen. Nur noch wenige Meter trennten die kleine Gruppe von dem angestrebten Kontinent. Ja! Endlich haben wir es geschafft. Nichts wie weg von der Sandpassage… Und es sind noch nicht mal Chromasterne am Himmel, also waren wir ziemlich schnell unterwegs. Ich hoffe wir machen dann eine kurze Pause, ich bin völlig erschöpft… Aber hey. Wir haben es geschafft, das ist das Wichtigste. Cheyenne seufzte lang und tief. Sie war erleichtert, denn gleich würde sie wieder normalen Boden betreten können und berichtete den Gefährten, was sie sah. „Da vorne endet die Sandpassage endlich. Ich sehe einen Berg, Grasland und ein paar Bäume. Wir haben es also gleich nach Halonien geschafft… Ein Glück.“ Das Mädchen konnte ihre Begeisterung gar nicht richtig zum Ausdruck bringen, denn sie hatte fast keine Kraft mehr zum Sprechen. Ihre Worte klangen heiser und leise, ihr ganzer Körper zitterte vor Erschöpfung und ihre Füße schmerzten gewaltig. Sasha wirkte ebenfalls sehr erleichtert, aber auch ihr merkte man an, dass sie am Ende ihrer Kräfte war. „Sag mal, träum ich oder hast du gerade wirklich gesagt, wir haben es geschafft? Oh, Mann, ich dachte schon, wir müssen ewig hier herumlaufen. Meine Beine bringen mich um und ich könnte im Gehen einschlafen. Sobald wir wieder festen Boden unter Füßen haben, machen wir eine Pause, da hat sicher niemand was dagegen und wenn doch, verpass ich demjenigen einen kleinen Elektroschock… Bewusstlose können einen ja kaum etwas gegen eine Erholungspause haben, nicht wahr? Aber ich glaube, jeder hier ist meiner Meinung… Es ist sogar noch dunkel, da würde es ohnehin nichts bringen weiterzugehen, wenn wir nichts sehen und immerhin haben wir ja keinen Zeitdruck mehr. Ich glaube, ich war noch nie so froh, Land zu sehen, wie jetzt. Ich könnte gerade sogar den Eiszapfen umarmen, so sehr freu ich mich. Und das will was heißen…“ 

Cheyenne schmunzelte und sah ihrer Freundin beim Strecken und Gähnen zu. Doch dann bemerkte sie, dass der hellblaue Schein des Eisschwertes hinter ihr immer schwächer wurde und Glaczio gar keine spitze Antwort auf Sashas Aussage gegeben hatte. Entweder er war zu müde und fiel zurück, oder er war mit Absicht stehen geblieben. Cheyenne wandte sich gerade nach ihm um, als seine Stimme erklang. „Hey, meine Häschen, freut euch nicht zu früh… Noch sind wir nicht in Nord-Halonien angekommen… Dreht euch lieber einmal um und begrüßt unseren netten Freund hier. Ich glaube, er ist allerdings heute nicht in Stimmung für ein Teekränzchen. Hehe, ich schätze, er würde Blut bevorzugen.“ Vor dem Heiler stand eine gigantische Meeresspinne mit jeweils acht weißen Beinen und Augen aus Lumenium und einem dicken, ovalen Körper aus Umbraurore. Die zwei ersten vorderen Beine der Spinne, rechts und links, waren mit klingenartigen Scheren versehen, die scharf wie eine Guillotine zu sein schienen. Unter den Augen befand sie eine kleine mundförmige Öffnung, die ebenfalls mit scherenähnlichen Griffen aus Weiß geschmückt war. An den Beinen sah man Haare, von denen Wasserperlen tropften und als die Meeresspinne eines davon anhob, sah man, wie spitz das Ende war. Ohne viel Mühe könnte das riesige, widerliche Wesen jemandes Herz damit durchbohren. An den hintersten Beinen hatte es viele kleine Stacheln, die unter Umständen bei Berührung zum Gifttod führen konnten. Der Geruch, den das Spinnentier umgab, stank nach Verwesung, Algen und abgestandenem Wasser, aus dem Maul trat dickflüssiger Speichel hervor. Es war ein widerlicher, ekelerregender Anblick, den man sogar seinen Feinden ersparen wollen würde.

Die Meeresspinne grummelte und fauchte leise und bedrohlich. Cheyenne war nun hellwach, sie hatte ihre Erschöpfung vergessen und ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinab. Sie bekam eine Gänsehaut und der schreckliche Gestank verursachte eine leichte Übelkeit. So etwas Furchterregendes und absolut Ekelhaftes hatte sie noch nie gesehen. Mit normalen Spinnen hatte sie kein Problem, an die war sie gewöhnt, denn in der Unterstadt fand man sie in jeder Ecke und auch in den Häusern. Aber diese Meeresspinne brachte sie an ihre Grenzen und sie glaubte, von nun an ein echtes Problem mit den Achtbeinern zu haben. Das Mädchen fing an zu zittern und spürte ihren Herzschlag bis zum Hals, als das Wesen langsam aber gewiss näherkam. Es war nicht mehr allzu weit von dem Heiler entfernt und ungefähr dreimal so groß, wie dieser.

Adocaz presste sich ängstlich winselnd und den Schweif einziehend gegen seine Besitzerin und versteckte sich etwas hinter deren Beinen. So verstört hatte er sich noch nie verhalten, aber Cheyenne konnte es voll und ganz nachvollziehen. Auch sie war geschockt und wie gelähmt. Sie wusste nicht, ob es richtig wäre, sich zu bewegen, oder ob es verheerende Folgen haben würde. Das Mädchen schluckte und sammelte sich, sie musste jetzt ruhig bleiben, so wie Glaczio und durfte nicht in Panik geraten, auch wenn sie nicht die geringste Ahnung hatte, womit sie und ihre Gefährten es zu tun hatten. Was zur Hölle ist das denn? Es sieht aus, wie ein Dämon, aber… aus beiden Kräften?! Das geht nicht… oder doch? Glaczio hat immer nur Lumenium- und Umbraurore-Dämonen erwähnt, wenn er über sie gesprochen hat, aber nie eine Mischung daraus… Es ist jedenfalls das Widerlichste, was ich je gesehen habe… Warum passieren eigentlich immer uns solche Sachen? Wie sollen wir das Ding denn bitteschön besiegen? Es ist nicht nur ekelhaft und stinkt gewaltig, es ist auch noch dazu ein gigantischer Riese… Und das, obwohl wir schon so gut wie in Halonien sind… Und Glaczio? Der steht da vor dem Ding und rührt keinen Finger, so als ob es das normalste der Welt wäre, dem Tod gegenüberzustehen… Wie kann er eigentlich immer so ruhig bleiben, das ist wirklich wahnsinnig beneidenswert… Da sieht man mal wieder, wie nahe Verrücktheit und Mut doch beieinander liegen… Und er sieht es nicht mal, er fühlt wahrscheinlich nur den Atem dieses Monsters, die Anspannung und die Präsenz… Ach, ich will einfach nur hier weg! Was machen wir denn jetzt? 

Aus den Augenwinkeln heraus sah Cheyenne, wie starr und erschrocken Sasha war. Achtbeinige Wesen zählten wohl nicht ganz zu den Stärken der taffen Frau. Das Mädchen konnte jedoch nicht genau sagen, ob ihre Freundin wirklich Angst hatte, oder einfach nur überwältigt und von dem grauenvollen Gestank übermannt war. Ein zusätzlicher Faktor der Unsicherheit war auch garantiert, dass Sasha den außergewöhnlichen Feind nicht vollständig sehen konnte. Vermutlich erkannte sie mit viel Mühe gerade noch so die weißen Beine und Augen in der schwarzen Dunkelheit.

Cheyenne hoffte, dass das dämonähnliche Wesen gleich wieder im Meer verschwinden würde und sie zufrieden ließe, wenn sich jeder ruhig genug verhielt. Aber ihre Hoffnung war vergebens und das Grummeln der Spinne verstummte. Dann ganz plötzlich und ohne jede Vorwarnung ließ sie das angehobene Bein blitzschnell auf Glaczio niederschmettern, aber im letzten Moment konnte er es offenbar wahrnehmen, reagierte und sprang zurück, hinaus aus der Reichweite des spitzen Fußes. Cheyenne stockte der Atem, das war etwas zu knapp gewesen und sie war sich sicher, dass das Wesen die Haare des Heilers gestreift und ihn nur um paar Zentimeter verfehlt hatte. Ohne dem jungen Mann eine Pause zu gönnen, zielte die Meeresspinne mit seinen Klingenscheren auf den Hals ihres Opfers und wollte Kopf von Körper trennen, aber Glaczio war wieder genauso schnell, wie der Achtbeiner und wich erneut aus. Diesmal war es noch um eine Spur knapper, als zuvor und er konnte sich nur durch einen rückwärtsgerichteten Überschlag mit Handstandphase aus der Situation retten. Wäre der Heiler auf dieselbe Weise, wie zuvor ausgewichen, hätte es ihm das Leben gekostet. Das Aufprallen der spitzen Beine auf dem Sand wirbelte diesen auf und kam den Gefährten zugute, denn die feinen Körner gelangten in die acht Augen des Monsters und es wich einige Schritte zurück.

Glaczio kam vor Cheyenne zum Stand und schien angestrengt nachzudenken. Es war eine dieser Situationen, in denen er außergewöhnlich ernst war und nicht auf die Idee käme, irgendeine blöde oder witzige Bemerkung zu machen. Das Mädchen wollte ihm eigentlich die wenige eingespielte Zeit zum Nachdenken lassen, aber die Meeresspinne hatte sich offenbar aus dem Sandschleier befreien können und hob auf jeder Seite jeweils ein Bein und die Scheren an. Das Monster grummelte wieder bedrohlich und die Zangen am Maul bewegten sich auf und zu. Es schien noch wütender zu sein als vorher. Cheyenne wurde unruhig und versuchte keine Panik in sich aufkommen zu lassen. Dennoch drängte sie den Heiler zu einem Plan. „Glaczio! Es kommt wieder auf uns zu, was sollen wir machen? Wir können es doch niemals besiegen!“ Glaczio schien sich für einen Bruchteil einer Sekunde von der Nervosität seines Schützlings anstecken zu lassen, kehrte aber dann wieder in seinen Zustand der Ruhe zurück. „Doch, wir werden es besiegen, wir haben keine andere Wahl. Immer mit der Ruhe, Panik bringt uns nicht weiter. Sasha, ich weiß, dass dir das hier überhaupt nicht behagt, aber du musst dich zusammenreißen, dich deiner Angst stellen und sie überwinden. Wir müssen jetzt alle zusammenarbeiten, sonst haben wir keine Chance. Folgender Plan: Zuerst umzingeln wir den Dämon, jeder stellt sich an eine Seite von ihm. Sasha, Cheyenne, ihr geht jeweils an die Seiten, sodass ihr die Beine im Blick habt, Adocaz bewegt sich zur Rückseite und ich stelle mich dem Dämon direkt gegenüber. Das wird ihn schon einmal verunsichern und ihn langsamer machen, weil mehr Gefahr lauert und er mehr aufpassen muss.“ Das ist… ein erstaunlich guter Plan… wenn man bedenkt, dass er so wenig Zeit zum Nachdenken hatte… Wenn wir alle als Team zusammenarbeiten, können wir es vielleicht wirklich schaffen und dieses widerliche Etwas in die Knie zwingen. Sasha schüttelte den Kopf und löste sich aus ihrer Starre. Der Heiler wartete nicht auf ein Einverständnis und lief direkt los. Das Eisschwert fing an stärker hellblau zu leuchten und zog nun auch ein Glühen hinter sich her, aus dem winzige Schneeflocken kamen. Dies musste ein Elementar-Angriff sein, eine Art Eishieb.

Doch gerade als sich Cheyenne und ihre anderen beiden Gefährten ebenfalls auf den Weg machen wollten, blieb der Heiler stehen und schwang sein Schwert in einer halben Drehung um die eigene Achse, obwohl er noch etwas von dem Feind entfernt war und sein Ziel nicht treffen würde. Seine gute Wahrnehmung und die erstaunlich entwickelten Instinkte schienen ihn offenbar verlassen zu haben und er schien nicht zu spüren, dass sein Gegner weiter weg war, als er dachte. Aus irgendeinem Grund jedoch, verharrte er in der nun eingenommenen Position, den Rücken zum Feind stehend. Der Frontalangriff bewirkte, auch wenn er ins Leere ging, dass das Monster sich enorm bedroht fühlte und unmittelbar nach dem Angriff in die Luft sprang. Es landete nun wieder direkt vor Glaczio und stand nun mit dem Rücken zu den anderen dreien. Was? Hat er das etwa geplant? Woher wusste er, dass es springen würde? Naja… es ist eine Spinne, also vielleicht ist dessen Wahrnehmung etwas verschwommen und Glaczio hat den Angriff nur vorgetäuscht, um genau das zu bewirken? Er hat es jetzt außerdem so abgelenkt und gedreht, dass Sasha und ich ohne Schwierigkeiten an die Seiten des Monsters kommen können… Ich bin sprachlos… Diese Intelligenz ist so beneidenswert… aber egal jetzt! Keine Zeit für … einen Hauch von… Eifersucht, vielleicht. Glaczios Klugheit kommt uns zugute, das ist es was zählt und wir müssen jetzt alle höchst konzentriert sein, um aus dieser Situation lebend herauszukommen.

Ohne weiter zu zögern, lief Cheyenne an die linke Seite des Monsters, Sasha tat es ihr kurz darauf gleich und begab sich zur rechten Seite. Adocaz hatte seine Furcht ebenfalls abgeschüttelt und stand tapfer hinter der Spinne. Diese bewegte nun kein Glied mehr und schien erstarrt zu sein. Glaczio nutzte die Verwirrtheit des Feindes, um weitere Kommandos zu geben. „Also gut, eines gleich vorne weg, lasst euch unter gar keinen Umständen von den letzten beiden Beinen berühren! Das hier ist kein normaler Dämon, deswegen kann er euch im Gegensatz zu den anderen wirklich vergiften, also passt auf. Das zweite wäre, dass er vermutlich nicht nur mit seinem Körper und Umbraurore angreifen kann, sondern sich durch diese Kombination auch das Element eines Meerestieres, also Wasser, als Magie zunutze machen könnte. Soweit die Information. Unser Plan lautet wie folgt: Cheyenne, Sasha, ihr übernehmt die Beine und Augen, also den Lumenium-Teil. Sasha, du versuchst es mit Blitzen zu lähmen, solange die Wirkung anhält, schieß auf die Beine, dein Ziel ist es, diese vom Rest des Körpers zu trennen und den Dämon unbeweglich zu machen. Cheyenne, nimm deinen Bogen, dein Ziel ist es, die acht Augen zu treffen und den Feind blind zu machen. Finsternis-Elementar-Magie sollte eine andere Wirkung auf Lumenium haben als normale, demnach wird sie vermutlich mehr Schaden anrichten, als die Angriffe von uns anderen, wenn nicht sogar viel mehr. Wenn reines Umbraurore und pures Lumenium im Kampf aufeinandertreffen, richten sie einander mehr Schaden an, als alles andere, wenn das jedoch bei einem Aufprall derselben Art geschieht, ist das Gegenteil der Fall. Nur wenn die Kräfte friedlich miteinander sind, können sie harmonieren, wie in unseren Körpern, zum Beispiel, dieses Prinzip gilt auch für sie untereinander. Das müsste dir genug Erklärung sein und bevor dir der Dämon hier leid tut, wenn du ihn erblinden lässt und auf diese gewisse Art quälst, denke daran, dass hier nur eine Seite lebendig herauskommt. Entweder wir oder der Dämon. Ich denke, unser Überleben müsste dir wichtiger erscheinen, du darfst nun kein Mitleid mit dem Feind haben, hast du verstanden? Adocaz greif von dort hinten mit deinem Feenstrahl an, achte darauf, nicht in Kontakt mit dem Gegner zu kommen und ziele auf die Umbraurore-Mitte. Ich kümmere mich um die Vorderseite des schwarzen Körpers. Ich hoffe jeder hat verstanden.“ Dem war nichts hinzuzufügen und Cheyenne war sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt einen besseren Plan gäbe als diesen. Nicht einmal, wenn der klügste Stratege daran arbeiten würde, denn womöglich käme dieser in so kurzer Zeit gar nicht auf Glaczios Idee und bräuchte bedeutend länger für genau denselben Plan. Ich denke, jeder hat seine Aufgabe verstanden, Glaczio hat es ja ausführlich und genau genug erklärt. Zum Glück bewegt sich das Monster gerade nicht, so hatte er genug Zeit, um uns zu verraten, was wir tun sollen. Aber ich weiß nicht, ob diese Ruhephase so gut ist, vielleicht sammelt es nur seine Kräfte… Es ist also wirklich ein Dämon, ich hab’s doch gewusst, aber Glaczio meinte, es sei kein gewöhnlicher… Ach, jetzt ist nicht die richtige Zeit für Fragen und ich muss mich konzentrieren… Auf meine Aufgabe, alle Augen zu treffen und… das Ding da blind zu machen… Wie grausam… aber Glaczio hat Recht, es gibt nur zwei mögliche Enden. Entweder wir überleben oder der Dämon.

Cheyenne griff sich ihren Bogen und nahm eines der Augen ins Visier. Diese waren alle unterschiedlich groß und da sie zitterte, wählte sie für den Anfang das größte davon auf ihrer Seite. Ich darf die Lumenium-Augen nicht verfehlen, wenn meine Pfeile den Umbraurore-Bereich daneben treffen, nutzt das Monster sie sicher zu seinen Gunsten aus, genau wie vorhin der Aquatigeris-Dämon.

Doch gerade als Cheyenne den Pfeil abfeuern wollte, riss der Gegner die vorderen Beine und Scheren in die Luft und brüllte laut. Der Schrei verursachte Schmerzen in den Ohren, so schrill klang er. Dann begann der Kampf erst richtig, denn das Monster verfiel in eine wilde Bewegung. Es hielt kein einziges Glied mehr still und stakste nach vorne, um den Heiler anzugreifen. Es gönnte ihm keine Pause und ließ die Beine ununterbrochen auf ihn niederschmettern. Glaczio wich gekonnt, aber stetig knapp aus, lange würde das nicht gut gehen, aber mehr konnte er nicht machen, denn ein Abblockmanöver würde der Stärke des Dämons nicht standhalten. Cheyenne versuchte ihr Bestes, um ihr Ziel wieder ins Visier zu nehmen, aber die Klingen-Scheren kamen ihr ständig in die Quere, das Monster ließ sie vor den Augen herumwirbeln und machte keine Anstalten, damit aufzuhören. So wird das nichts… Halt doch endlich still!  Das Mädchen wollte nicht riskieren, danebenzuschießen, dafür war die Situation zu gefährlich. Glücklicherweise war Cheyenne nicht alleine und ihre Freundin konnte den Feind erfolgreich mit einer ihrer Blitzkugeln lähmen. Dieser bewegte sich nun nicht mehr schnell, zuckte lediglich ein wenig mit den Beinen und knurrte unwahrscheinlich wütend. Die Wirkung wird nicht lange halten, so wie ich das sehe, also muss ich mich beeilen.

Cheyenne ging etwas näher an den Dämon heran und befand sich nun seitlich vor ihm. Auf diese Weise könnte sie ohne Schwierigkeiten die Augen außer Gefecht setzen. Sie spannte den Bogen mit aller Kraft und feuerte einen schwarzen Pfeil auf das größte Auge der linken Partie ab. Das schwarze Geschoss traf sein Ziel genau in der Mitte und beim Aufprall hörte man ein dumpfes, glitschiges Geräusch. Das Monster schrie auf und versuchte mit aller Kraft die Lähmung abzuschütteln und den Pfeil, der sich bereits wieder auflöste, aus seinem Auge zu entfernen. Aber es war zu spät, der runde Lumenium-Augapfel bröckelte ab und zerfiel in kleine weiße Partikel, welche kurz auf dem Sandboden liegen blieben und sich dann langsam zitternd ins Meer bewegten, wie von Geisterhand geführt. Vermutlich würden sie sich nach einiger Zeit wieder zusammenschließen und erneut einen Dämon verkörpern.

Der qualvolle Schrei war für Cheyenne kaum auszuhalten, sie hatte sich zwar vorgenommen kein Mitleid zu empfinden, nun jedoch warf sie diesen Vorsatz weit von sich weg. Aber sie wusste, dass sie nicht aufhören durfte. Sie musste das Wesen weiter verletzen, sonst würde es dasselbe mit ihr und ihren Gefährten machen. Das Monster hätte sicher kein Mitgefühl mit ihr, aber sie konnte einfach nicht anderes. Es tat Cheyenne leid, dass der Dämon solche Qualen ertragen musste, obwohl sie ihn verabscheute und sich seinen Tod wünschte, denn ihr selber würde es auch nicht gefallen, wenn sie blind wäre und sie fürchtete sich bereits vor dem wahnsinnig schlechten Gewissen, dass nach dem Kampf auf sie wartete. Es wäre viel leichter für das Mädchen, wenn der Feind in diesem Fall keine Gefühle hätte, oder sie zumindest nicht so offen zeigen würde.Ich muss mich zusammenreißen! Es wird das Monster ohnehin später nicht mehr stören, dass es nichts sieht, wenn es tot ist… Cheyenne versuchte mit aller Kraft sich selbst von der Richtigkeit ihrer Handlung zu überzeugen, aber es gelang ihr einfach nicht. Wenn sie und ihre Gefährten überleben wollten, müsste sie den Preis eines plagend schlechten Gewissens zahlen, das sich zu ihren bereits begangenen Sünden gesellte, sie auf ewig verfolgen und mit der Zeit noch wachsen wird. Mitgefühl und Gutmütigkeit standen ihr wieder einmal mehr im Weg, aber sie beschloss, in diesem Kampf nicht mehr zu zögern, auch wenn ihr die Zweifel über die Schulter schauen würden. Sie durfte ihre Gefährten nun immerhin nicht im Stich lassen.

Cheyenne feuerte erneut einen Pfeil auf das zweitgrößte Auge der linken Seite der Meeresspinne ab. Wieder wurde das Ziel getroffen, das Lumenium bröckelte zu Boden und auf das dumpfe Geräusch folgte ein schriller, gequälter Schrei. Unterdessen wurde der Achtbeiner zusätzlich noch von Adocaz‘ und Glaczios Magie geschwächt und Sashas Blitze vermochten es, ihn in dem gelähmten Zustand zu halten. Die junge Frau wechselte die Art des Angriffs in regelmäßigen Abständen und nahm sich eines der beiden hintersten, giftigen Beine vor, die zusätzlich einen Großteil des Gesamtgewichts der Spinne trugen. Gerade schoss sie eine Kugel auf das Bein, welche in einer großräumigen Explosion aufging und trennte somit das lange, dünne Glied mit dem spitzen, lanzenähnlichen Ende endgültig vom restlichen Körper. Es fiel herab und zerteilte sich in Lumenium-Partikel, welche auf dem Boden tanzten und dann ins Meer verschwanden. Die Meeresspinne verlor kurz das Gleichgewicht und wäre beinahe umgekippt. Alles schien gut zu laufen und vom Mittelkörper stiegen auch immer mehr Umbraurore-Partikel gen Himmel auf. Cheyenne zielte wieder und ein weiterer schwarzer Pfeil traf ein Auge.

Nun war es dem Dämon zu viel geworden, er brüllte lauter, als je zuvor und befreite sich mit einer ruckartigen Bewegung von den paralysierenden Blitzen, die ihn umgaben. Er wirbelte mit einer Schere und versuchte Cheyenne damit zu treffen, diese wich erschrocken zurück und so wurde das Ziel um Haaresbreite verfehlt. Das Mädchen spürte den Windhauch auf ihrer Haut, den der Angriff verursacht hatte und erzitterte kurz. Die Spinne riss nun die linke Klingenschere nach oben und fokussierte Umbraurore auf diesem Punkt, welches nach einem Bruchteil einer Sekunde zu einem großen Wasserball wurde und schleuderte diesen direkt auf ihre Angreiferin. Die blaue Ansammlung an Magie kam so schnell näher, dass Cheyenne nicht mehr ausweichen konnte, als sie realisierte, was passierte. Die Zeit reichte nur noch, um die Augen zu schließen, dann traf sie der Wasserball mit voller Wucht und schlug sie einige Meter zurück. Das Mädchen prallte diesmal so heftig auf dem Sand auf, dass dieser ihren Sturz nicht abzufedern vermochte und sie unsanft landete. Ihr Körper rutschte noch ein Stück nach hinten, bis er auf dem Rücken liegen blieb. Sie bekam im ersten Moment keine Luft, die Schmerzen waren nur schwer zu ertragen. Das Gefühl war zu vergleichen mit dem, das man hatte, wenn man von einem Balkon stürzte, auf dem Bauch landete und danach nochmal auf dem Rücken aufkäme, bei einem erneuten Fall von einer nicht so hoch gelegenen Stelle, oder man kraftvoll nach vorne gegen eine Wand geschubst wurde und jemand einen dann noch packt und mit voller Wucht zu Boden wirft.

Cheyenne war durchnässt von dem abgestandenen, salzigen und übelriechenden Wasser und rang nach Luft. Sie konnte jede einzelne Rippe fühlen, hoffte aber, dass nichts gebrochen war. Ihre Lunge schmerzte gewaltig und sie konnte kaum atmen. Der harte Aufprall ließ es nicht zu. Ihr ganzer Körper zitterte, ihr Herz fing nach einem Aussetzer zwar wieder an zu schlagen, jedoch in einem viel zu schnellen Tempo. Unter Schmerzen versuchte sie sich auf die Seite zu richten und hustete dabei Wasser aus. Langsam bekam sie wieder Luft, aber ihre Lunge blieb in dem unguten Zustand und quälte das Mädchen weiterhin.

Cheyennes Blick war verschwommen und nur leise hörte sie den Lärm des Kampfes hinter sich. Ihr war schwindelig und sie fühlte sich nicht in der Lage aufzustehen. Aber nur weil es ihr schlecht ging, konnte sie ihre Gefährten nun nicht im Stich lassen. Sie musste sich aufraffen und weiterkämpfen. Ah… Ich wusste nicht, dass Kämpfe so anstrengend sind… und dass Magie so verdammt stark sein kann… Sasha und Glaczio halten mich bestimmt für einen Schwächling, wenn ich sage, dass ich Schmerzen habe… Ich wette, sie sind schon oft von solchen Attacken getroffen worden… Ich muss versuchen aufzustehen… Ich kann sie jetzt nicht hängen lassen.  Cheyenne atmete schwer und keuchte. Willenskraft, Größte Anstrengung, Bemühung und Nächstenliebe ermöglichten es ihr letztlich sich schmerzhaft zu erheben, ihren Bogen, den sie während des Wasserangriffs nicht losgelassen hatte und in der Hand hielt, zu heben und das letzte kleine Auge auf der linken Seite anzuvisieren. Ihre Konzentration war nahezu gänzlich verschwunden und sie tat sich immer noch schwer damit, klar zu sehen.

Ihre Arme zitterten und schmerzten zu sehr, um einen Pfeil abzufeuern. Das Mädchen ließ den Bogen sinken und rang nach Luft. Wenn ich… näher rangehe, wird es einfacher sein… das Auge zu treffen. Cheyenne stapfte, einen Fuß hinter den anderen setzend, langsam auf die Meeresspinne zu. Sie wusste gar nicht, welcher Schmerz größer war: der im Rücken, der in ihren Beinen oder der in ihrem Kopf. Nach ein paar Schritten konnte sie nicht mehr weitergehen und musste erschöpft stehen bleiben. Die Grenze ihrer Kraft war erreicht. Sie hustete und zuckte dabei vor Qual zusammen. Dann vernahm sie, wenn auch nur leise und verrauscht, das Winseln ihres Feenwolfes und das Aufeinandertreffen zweier Klingen. Die Lage schien sich zuzuspitzen.

In diesem Moment erschien der erste Chromastern am Himmel. Sein hellgrünes Leuchten überzog das Gebiet mit einem blassen Schleier, der wundervoll mit dem Schwarz der sich verabschiedenden Nacht harmonierte. Der wohltuende Schein brachte die giftgrünen Strähnen in Cheyennes Haaren noch mehr zum Leuchten. Grün… Die Farbe der Hoffnung… Jetzt können Glaczio und Sasha langsam wieder sehen, also sollten wir mehr Chancen gegen den Dämon haben… Aber es ist schade und wirklich enorm unvorteilhaft, dass sie nur im wundervollen Leuchten der Chromasterne eine uneingeschränkte Sicht haben und nicht auch in der unglaublichen Schönheit der Nacht. In der Dunkelheit sind sie auf meine Hilfe angewiesen… und das ist nicht so gut… Ich habe eigentlich… wirklich Glück mit meinen Augen… eine einzige gute Seite der… Auserwählten? 

Die Wassertropfen perlten von des Mädchens Kleid, während immer mehr Chromasterne damit begannen, den Himmel zu schmücken. Die langsam aufkommende Wärme trocknete Cheyenne etwas und die grüne Farbe hatte sie inspiriert, sie erinnert, dass sie nicht aufgeben durfte und weitermachen musste, egal, wie groß ihre Schmerzen waren. All ihre körperlichen Einschränkungen unbeachtet, lief sie los. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie über ein Nagelbrett laufen, dessen spitze Nägel sich durch das Fleisch bohrten und an ihren Knochen kratzten. Die nassen Schuhe kamen ihr vor, als wären sie mit Blut getränkt, anstatt Wasser.

Das Mädchen lief an Glaczio vorbei und hielt an. Sie stand nun unmittelbar vor dem gigantischen Meeresspinnen-Dämon und schaute ihm in die verbliebenen weißen Augen. Der warme Atem der Bestie hüllte sie in eine Stinkwolke aus dem Geruch von verwestem Fisch. Cheyenne hob ihren Bogen und ließ drei Pfeile erscheinen. Obwohl ihre Sicht immer noch verschwommen war, könnte sie es schaffen und würde ihr Ziel treffen. Sie glaubte daran und verließ sich auf all ihre, wenn auch geschwächten, Instinkte und die langjährige Erfahrung im Umgang mit ihrem Bogen.

Schwerfällig atmete sie ein.

Dann wieder aus, zur selben Zeit ließ sie die Pfeile los und sie steuerten auf die drei größeren Augen der rechten Seite des Monsters zu. Cheyenne wich ein paar Schritte zurück und befand sich nun etwas seitlich neben dem Heiler. Der Dämon hatte mittlerweile nur noch vier Beine, eines rechts, drei links, denn die vordere rechte Schere war abgetrennt worden. Er zuckte zusammen und schrie voll Qual, während die Augen abbröckelten und immer mehr von dem geschwächten, kleineren Körper aus Umbraurore preisgaben, welcher stetig und unaufhörlich schwarze Partikel in den Himmel entließ. Voller Zorn fokussierte die Meeresspinne erneut einen Wasserball in ihrer verbliebenen Schere und schleuderte ihn wieder auf Cheyenne. Die Erschöpfung holte diese gerade wieder ein und sie war wieder nicht fähig auszuweichen. Das Mädchen schloss die Augen.

Sie spürte, wie sie in den Sand fiel und ihr Rücken kurz wieder enorm schmerzte. Aber das war die einzige Stelle, wo der Schmerz größer wurde. Cheyenne lag auf dem Rücken und spürte eine Last auf ihrer linken Seite. Sie öffnete die Augen wieder und sah Glaczio halb auf ihr liegen, der sie besorgt betrachtete. Er hatte sie vor einem erneuten Treffer der Attacke bewahrt, indem er sie zu Seite geschubst hatte. Nun war sie wirklich kurz davor, ohnmächtig zu werden.

Der Heiler sah Cheyenne tief in die Augen und sein Ausdruck verriet, dass er genau erkannte, in welch einem kritischen und erschöpften Zustand sein Schützling war, gleichzeitig schien er entspannter zu sein, als zuvor, nun, da er wieder sehen konnte. „Hey, Engelchen… halte durch, ja? Nur noch ein kleines bisschen.“ Wäre Cheyenne bei Kräften gewesen, hätte sie ihn von sich weggeschubst, denn auch wenn er sie gerettet hatte, behagte es ihr nicht sonderlich, dass er halb auf ihr lag und nun so nahe war. Natürlich würde sie ihm trotzdem dankbar sein, die Situation ließ schließlich keine andere Position zu.

Glaczios Worte ließen sie ihre allerletzte Kraft schöpfen. Er klang zuversichtlich und schien an Cheyenne zu glauben. Die Ruhe, die er ausstrahlte, übertrug sich einmal mehr auf das Mädchen und ihre Konzentration kehrte ein wenig zurück. Der Heiler schenkte seinem Schützling nun einen gutherzigen, mitfühlenden Blick, der gleichzeitig verdeutlichte, wie sehr er Respekt vor ihrem Durchhaltevermögen hatte und ihre Tapferkeit ehrte. Dann wandte er sich ab und schaute über seine Schulter nach oben. Glaczio gab dem Mädchen erneut einen Schubs und ihr Körper wirbelte im Sand einmal um die eigene Achse. Der Heiler drehte sich auf die Seite, keine Sekunde zu früh, denn plötzlich prallte zwischen den beiden Gefährten das spitze Bein der Meeresspinne auf dem Sandboden auf. Der Dämon hob es wieder an und die entstandene Staubwolke verschwand. Cheyenne konnte sehen, dass Glaczio bereits aufgestanden war und sein Schwert zum Angriff bereithielt. Die verbliebene Klingenschere des Monsters kam auf den Heiler zu und traf seine Elementar-Waffe. Was macht er da? So einen starken Angriff kann er doch nie im Leben abblocken… Aber Cheyenne vergaß, dass Glaczios Intelligenz diesem immer eine gute Taktik und Handlung ermöglichte, so auch diesmal. Anstatt abzublocken, hielt der Heiler die Klinge seines Eisschwertes in einem stumpfen Winkel zu der auftreffenden Guillotinenschere der Meeresspinne, sodass diese daran abrutschte und der fehlgeschlagene Angriff eine Gleichgewichtsstörung bei dem Achtbeiner verursachte. Der Gegner fiel nach vorne, raffte sich wieder auf und brüllte wütend.

Cheyenne versuchte aufzustehen, sie musste sich um die restlichen zwei Augen kümmern und dann Sasha helfen, die Beine außer Gefecht zu setzen. Als sie sich aufgerafft hatte, verließ sie sich wieder auf ihre Intuition und zerschmetterte mit einem schwarzen Pfeil das letzte linke Auge.

Dem Mädchen wurde kurz schwarz vor den Augen und sie wankte, ihr Gleichgewicht suchend, zurück. Die verschwommene Sicht kehrte wieder, aber ihr war immer noch schwindelig und sie musste husten. Dabei spuckte sie auch etwas Blut aus. Die Lunge schmerzte bei jedem Einatmen mehr und Cheyenne bekam nur schwerfällig Luft. Der ungewohnte und verstimmte Zustand gab ihr ein schreckliches Gefühl und ihre Augen füllten sich unfreiwillig mit Tränen. Sie keuchte und versuchte den gesenkten Kopf aufzurichten, um ihren Feind anzusehen. Nur… noch… ein einziges… Auge… Plötzlich knickten ihre Beine ein und ihr Körper fing aufgrund der enormen Erschöpfung an, stärker zu zittern, als jemals zuvor. Das Mädchen war auf den Knien gelandet, aber sie wollte ihre Schwäche nicht hinnehmen und raffte sich wieder auf. Sie wusste, dass sie am Limit war, aber es ging ihr dennoch gewaltig gegen den Strich, ständig die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren. Sie war zu stur, als dass sie diesen Zustand akzeptieren konnte, es ging einfach nicht. Dort vorne standen immerhin ihre Gefährten dem Tod gegenüber, sie wollte, könnte und würde nicht aufgeben und ebenso nicht dabei zusehen, wie sie scheiterten.

Als sie wieder stand und sich gerade umdrehen wollte, hörte sie die Stimme von Sasha. „Cheyenne, pass auf!“

Cheyenne sah gerade noch ein weißes Bein auf sich zukommen, jedoch nicht die Spitze davon, sondern die flache Seite des kegelförmigen Spinnenfußes, ehe sie damit, von dem sich in einer Drehung befindenden Dämon, getroffen wurde. Das Mädchen schwebte hoch in der Luft und wurde hinaus aufs Meer geschleudert. Der kühle Wind machte sie schläfrig und sie schloss die Augen, als sie das Blau und die Wellen unter sich vorbeiziehen sah. Falls ihr der Schlag Schmerzen verursacht hatte, so spürte sie diese nicht mehr. Sie fühlte gar nichts mehr und alle Geräusche um das Mädchen herum verstummten. Nur noch ein sehr heller Ton war in ihrem Kopf zu hören, ihr wurde abwechselnd kalt und warm und sie vernahm das Klopfen ihres Herzes als einziges verbliebenes Lebenszeichen. Cheyenne war wie in Trance.

Das Wasser war hart, wie Betonboden, als sie aufkam und der Zustand der verschwundenen Empfindungsfähigkeit war vorüber. Das Mädchen konnte sich nicht daran erinnern, jemals solche körperlichen Schmerzen gehabt zu haben. Aber das Leid, dass sie in ihrer Seele verspürt hatte, als ihre Lieben gestorben sind, und immer noch vernahm, war dennoch etwas stärker.

Das Meerwasser schmeckte zwar enorm salzig, aber zumindest würde es den Gestank der Verwesung abwaschen können. Cheyenne versuchte ihr Möglichstes, um nicht unterzugehen, aber es fiel ihr sehr schwer. Ihr Körper ließ sich fast nicht mehr bewegen und in ihrem linken Unterarm hatte sie kein Gefühl mehr. Ihre Lunge hielt dem Druck des Wassers nicht stand und die dadurch zusätzlich verstärkten Schmerzen waren zu machtvoll, als dass sie auch nur versuchen könnte, zu atmen. Das blaue Nass umgab sie immer mehr, bis sie vollends untergetaucht war. Der Salzgehalt darin ließ die Sicht des Mädchens noch verschwommener werden, als zuvor und sie blinzelte auch nicht, um den Zustand zu bessern. Sie sah keinen Sinn mehr darin.

Das Wasser war kalt und warm gleichzeitig und hüllte Cheyenne in einen wohligen Schleier aus Geborgenheit, der sie einlud, ihrer Müdigkeit und Erschöpfung endlich nachzugeben und sich in den Schlaf wiegen zu lassen. Der Gesang des rauschenden Meeres klang in ihren Ohren und versprach ihr, dass sie einen Traum erleben würde, der ihr gefiel. Sie könnte in diesem auf ewig andauernden Abenteuer ihre Gefährten vor dem Tod bewahren und müsste nicht noch einmal aufgeben. Das Leuchten von Chromasternen und der Schein der Nachtfinsternis tauchten das Meer in eine wundervolle Aura und Cheyenne fühlte sich nun wohl.

Ihr Leid war vergessen, ihre Gedanken frei, ihre Seele von den Qualen der Vergangenheit erlöst, ihr Gewissen gereinigt und ihr Leben schon so gut, wie verwirkt.

 

Unterwasser. Die Auserwählte der Finsternis, gehüllt in einen Schleier aus unbändiger Hoffnung, überbracht von grünem Leuchten des außergewöhnlichen Chromasterns, ein Kämpfer am Himmel und ein Bote von Stärke, und grenzüberschreitendem Mut, umgeben von der schwarzen Aura der einzigartigen Nacht, ein Wegweiser des Lebens und ein Liebhaber der Willenskraft. Die Tiefe des Meeres zog sie hinab, öffnete das Tor zum Tod. Nichts regte sich um den verkümmerten Körper dieses Mädchens. Kein Lebewesen war in der Nähe. Die Gesegnete war allein. Ihre Haare schwärmten langsam aus, weg von ihrem Körper in einem Zustand der Zeitlosigkeit. Sie bildeten eine engelsflügelgleiche Form aus schwarz und grün. Der letzte Hauch eines Lebenszeichens stieg als Luftblase im Wasser auf, sobald er aus dem leicht geöffneten Mund der Auserwählten trat. Der finale Atemzug wurde durch eine sanfte Welle nach unten gedrückt und verharrte über dem Kopf des blassen Mädchens. Er schien die Form eines Heiligenscheins anzunehmen, ebenfalls getaucht in Hoffnung und Mut. Aus dem geschundenen Körper trat ein roter Schleier hervor, der ihn umgab und trotz der regungslosen Starre würdevoll und ehrfürchtig wirken ließ. Der blutrote Umhang verbreitete sich unter den Flügeln der Unschuld und verharrte dort durch den Druck der Strömung. Das Blut, das gemeinsam mit dem letzten Atemzug aus dem Mund getreten war, stoppte seine Bewegung und ließ die Augen, die in derselben würdigen, kraftvollen Farbe leuchteten, die Grenzen von Leben und Tod verschmelzen. Langsam verblasste das Rot jedoch und die vorher noch dagewesenen Emotionen darin lagen gemeinsam mit der Auserwählten im Sterben. Ein wunderschöner Engel auf dem Weg zu den zeitlosen Ebenen der Endlichkeit.

 

Die Stille wurde zerbrochen durch den letzten Herzschlag der Auserwählten der Finsternis. Die Einsamkeit wurde zerstört, durch eine heilige Stimme, die noch lange in der leidgeprüften Seele der Gesegneten nachhallen wird. Vertraut und doch fremd sprach sie zu ihr.

 

Du darfst nicht sterben. Ich werde es nicht zulassen. Habe keine Angst, meine liebe Cheyenne. Noch nicht.“

 

Eine vollkommen schwarze Meeresschlange erschien aus dem Nichts, Eleganz und Würde begleiteten sie. Sie berührte die Auserwählte der Finsternis und die Lebensgeister kehrten in den sterbenden Körper zurück. Ein Teil des Schmerzes wurde von ihm genommen und ließ Cheyenne aus ihrem Schlaf erwachen.

Die nachtschwarze Meeresschlange hatte große Flügel, die das Mädchen sehen konnte, als sie zu sich kam und die Situation zu verstehen suchte. In ihren Ohren hallten die Worte wider, die sie in ihrem soeben erlebten Traum vernommen hatte. Die Augen des Wesens, das neben Cheyenne schwamm und sie durch irgendeine Kraft oder Magie, ohne Berührung, immer näher an die Oberfläche brachte, waren reinschwarz. Aber als es sie direkt mit beiden Augen anschaute, sah sie, dass um die Pupille herum in dem einen ein grüner strahlenartiger Schimmer, der etwas leuchtete, zu sehen war, in dem anderen Auge dasselbe, nur mit einem roten Glühen.

Cheyenne wusste nicht, ob sie einfach nur durcheinander war und sich das hier nur einbildete, oder ob sich hinter Fantasie und Wahnvorstellung die Realität versteckte und tatsächlich ein echter Wasserdrache neben ihr schwamm, der sie vor dem Tod bewahrt hatte. Eine Meeresschlange hätte keine so schönen, großen Flügel, dafür, im Gegensatz zu diesem antiken Wesen, Flossen und an jeder Maulseite jeweils ein langes Barthaar. Das Mädchen wurde das Gefühl nicht los, dass ihr die Ausstrahlung dieses Drachen bekannt vorkam. Plötzlich zuckte das schwarze Wesen zusammen und flüchtete blitzschnell zurück in die Tiefen. Die Worte hallten noch immer in den Ohren Cheyennes nach.

 

Du darfst nicht sterben. Ich werde es nicht zulassen. Habe keine Angst, meine liebe Cheyenne.

Noch nicht.

 

Das Mädchen war zu kraftlos, um nun genauer darüber nachzudenken und glaubte zu träumen, als sie ihren Feenwolf entdeckte. Adocaz kam direkt auf sie zugetaucht, dann hielt sich seine Besitzerin an ihm fest und ließ sich an die Wasseroberfläche bringen. Tausend Dank, mein Adocaz…

Endlich war sie wieder an der frischen Luft aufgetaucht und konnte atmen. Zwar schmerzte ihre Lunge immer noch, aber weniger intensiv, als zuvor. Auch die anderen Leiden hatten etwas nachgelassen, ihren Unterarm jedoch konnte sie noch immer nicht bewegen und die Erschöpfung drohte sie erneut zu übermannen.

Adocaz schwamm mit seiner Besitzerin zurück zur Sandpassage, wo ihre Gefährten noch immer gegen den Dämon kämpften. Das Monster war nur noch ein elender Anblick und würde bald das Zeitliche segnen. Unmengen an Umbraurore-Partikeln stiegen gen Himmel auf und viel Lumenium-Anteil war am Körper der Spinne nicht mehr zu sehen. Drei Beine waren noch daran befestigt, die zweite Schere zerstört.

Cheyenne sah, wie Sasha zu Boden fiel und die Meeresspinne gerade eines ihrer verbliebenen Beine auf die Freundin niederschmettern ließ. Nein, Sasha! 

Doch plötzlich stoppte das Wesen den Angriff und erstarrte. Die Spitze des Spinnenfußes war nur noch wenige Zentimeter von dem Gesicht der jungen Frau entfernt, so viel konnte Cheyenne erkennen, als sie und der Feenwolf näher kamen, trotz verschwommener Sicht. Dann sah sie den Grund dafür.

Glaczio stand direkt unter dem Dämon und hatte ihm sein Eisschwert in die Mitte des Umbraurore-Körpers gerammt. Von der kalten Klinge ging ein Elementar-Angriff aus, der aussah, wie ein riesiger Baum aus Eis, der das Monster an vielen Stellen durchbohrte. Auf einmal zuckte der Dämon zusammen und ließ den ohrenbetäubendsten, schrillsten Schrei der Qual los, den Cheyenne je gehört hatte, ehe es vollständig in Partikel aus Umbraurore und Lumenium zersprang, die sich jeweils auf ihren Weg machten. Der Heiler sank auf die Knie und schien heftig zu atmen. Sasha blieb auf dem Boden liegen und tat es ihm gleich. Doch sowie Cheyenne und Adocaz das Ufer erreichten, kamen beide zu dem Mädchen und dem tapferen Feenwolf geeilt. Der vierbeinige Gefährte zog seine Besitzerin aus dem Wasser und schüttelte sich. Nun sah man, wie sehr auch er vor Erschöpfung zitterte. Sasha ließ sich neben ihrer besten Freundin auf die Knie fallen, da sich diese nicht wirklich zu bewegen vermochte und war so besorgt, dass sie nur leise und heiser den Namen des Mädchens nennen konnte. „Cheyenne… Cheyenne? Cheyenne!“

 

Glaczio kam auf die andere Seite seines durchnässten Schützlings und musterte die Lage prüfend. Cheyenne lag auf dem Rücken, ihr Blick wurde immer verschwommener, ihre Ohren vernahmen nur noch ein Rauschen und ihr Körper war zu kraftlos, um sich zu bewegen. Wieder klangen die Worte der heiligen Stimme in ihrem Kopf nach, bevor dieser ihr solche Schmerzen verursachte, dass sie einschlief. Das letzte, was sie fühlte, war, dass Glaczio sie hochhob und auf Händen trug, weg von der Sandpassage über die Grenze nach Halonien. „Ganz ruhig, Engelchen. Alles wird gut, schlaf jetzt… Wir kümmern uns um dich, keine Sorge… Ruhig…“

de_DEDeutsch