Archdorf Route 2.2 - Die Katze nicht streicheln

        Du spielst kurz mit dem Gedanken die Samtpfote zu streicheln, lässt es aber bleiben, da du nicht weißt, welche Krankheiten das Tier mit sich schleppt. Du denkst, dass seine Gesundheit bestimmt darunter leidet, wenn es sich häufiger in dieser Gegend aufhält und willst nichts riskieren. Du magst Katzen und so gerne du auch ihr weiches Fell spüren und ihr Schnurren hören würdest, so musst du dieses Mal darauf verzichten. Du redest dir ein, dass du ohnehin mittlerweile eher eine Hunde-Person geworden bist seit deine Familie einen dieser Vierbeiner bei sich einziehen hat lassen und du bist jeden Tag froh darüber. Dein Hund Shador ist wohlerzogen, gutmütig und ein tapferer Beschützer deines Hauses und deiner Lieben. Einmal hat er sogar einen Einbrecher in die Flucht geschlagen. Du schätzt dich glücklich ihn als Familienmitglied zu haben und seitdem du ihn hast kannst du eines ruhigeren Gewissens auf Reisen gehen.  Leider mag Shador keine Katzen und vertreibt auch regelmäßig alle Nachbarskatzen, worunter du ein wenig leidest.

Du starrst die orangene Katze etwas wehleidig an als diese plötzlich zu fauchen beginnt und die Ohren anlegt. Sie erhebt sich und stellt die Nackenhaare auf. Dann geht sie langsam seitwärts einige Schritte zurück, ehe sie schließlich blitzschnell im Gebüsch verschwindet. Verwirrt runzelst du die Stirn über diese unerwartete Reaktion und fragst dich, was sie wohl ausgelöst hat. Nervös bemerkst du, dass du so in Gedanken warst, dass du deine Umgebung komplett ausgeblendet hast. Das wird dir bewusst als du aus heiterem Himmel Schritte hinter dir hörst. Bevor du dich jedoch umdrehen kannst, um dich umzusehen spürst du einen stechenden Schmerz als ein harter Gegenstand mit einem dumpfen Geräusch auf deinen Kopf prallt. Du fällst zu Boden und deine Sicht wird verschwommen, bevor du dich in einer Ohnmacht verlierst.

Langsam kommst du wieder zu dir. Benommen öffnest du die Augen, aber deine Sicht ist zu verschwommen, um etwas zu erkennen. Dann fühlst du wie ein pochendes Stechen an deinem Kopf beginnt in den Vordergrund zu treten und du presst deine Augen unter dem fiesen Schmerz fest zu. Ein sehr hohes Geräusch klingt in deinen Ohren, du vernimmst einen beißenden Geruch, der dich Eisen schmecken lässt. Zudem bemerkst du, dass du frierst. Aber alles, was du tun kannst ist einen Moment zu warten und zu hoffen, dass sich dein Zustand bessert. Was ist passiert? Gerade als du dir an den Kopf fassen möchtest, bemerkst du, dass du deine Hände nicht bewegen kannst. Irgendetwas hält sie zurück. Du bewegst deine Schultern und versuchst sie loszumachen, aber als das nicht funktioniert, kommst du beunruhigt zu einer Schlussfolgerung. Bin ich… etwa gefesselt? Du blinzelst etwas, bis du langsam wieder klar sehen kannst und stellst fest, dass du in einem dunklen Raum bist, der nur von einer sehr schwach leuchtenden Chromalampe über dir erhellt wird. Der Schein ist so blass, dass er es nicht vermag, dich viel erkennen zu lassen. Du siehst an dir herab und bemerkst, dass du nur mit einem zerfetzten, olivgrünen Lumpen, der bis an deine Knie reicht, bekleidet bist. Das ist eindeutig nicht deine Kleidung, erklärt aber warum dir kalt ist. Du siehst einen dunklen Fleck auf dem Lumpen und da du auch einige klebrige Stellen in deinem Gesicht fühlst, schließt du darauf, dass es Blut von deiner Kopfwunde sein muss. Was dich allerdings mehr irritiert ist das Seil, das um deinen Körper gewickelt ist und dich an einem Stuhl festbindet, Hände nach hinten gebunden. Als du realisierst, dass du scheinbar gefangen gehalten wirst, fühlst du kalten Schweiß in dir aufsteigen und du bekommst ein sehr schlechtes Gefühl. Du erinnerst dich nur noch vage, bist dir aber sicher, dass du bis eben noch in der dunklen Gasse standest. Der Rest deiner Erinnerung an die letzten Stunden ist sehr verschwommen. Dir fällt wieder ein, dass du einen dumpfen Schlag auf den Kopf gefühlt hast, bevor du scheinbar ohnmächtig geworden bist. Du spürst die Angst in dir hochkriechen, zwingst dich aber ruhig zu bleiben. Kurz überlegst du nach Hilfe zu schreien, aber verwirfst den Gedanken direkt, da es auch deinen Entführer herbeirufen könnte. Du musst dich irgendwie befreien und hier raus.

Du siehst dich so gut es geht um. Vor dir siehst du nur eine kleine Treppe mit einer Holztür am Ende – hoffentlich dein Ausgang. Rechts von dir erkennst du einen Tisch auf dem sämtliche Werkzeuge bereitgestellt sind, würdest aber in deiner misslichen Lage keines davon erreichen können. Also wendest du dich nach links und den Anblick, der sich dir erbietet wirst du dein Leben lang nicht vergessen. Auf dem Boden liegen in Blut getränkte Körperteile und ein großes Stück Fleisch hängt von der Decke des dunklen Raumes. Du kneifst deine Augen zu einem Schlitz zusammen und schaust genauer hin. Erschrocken weichst du zurück und bringst deinen Stuhl ins Wanken, als du erkennst, dass es sich um Körperteile von Menschen handelt. Hände, Arme, Beine, abgetrennte Finger, sogar Ohren und eine Zunge kannst du ausmachen. Du blickst an dem aufgehängten Stück Fleisch hoch und stellst eine erstaunliche Ähnlichkeit zu einem menschlichen Torso fest. Allerdings fehlt der Kopf. Du reißt deine Augen weit auf und willst schreien, aber kein Laut kommt aus deinem Munde. Der Schock verursacht bei dir Übelkeit und für einen kurzen Moment denkst du, du müsstest dich übergeben. Das war es also, was du die ganze Zeit über geschmeckt hast – Blut. Menschenblut.

Du wendest dich ab, aber ein leises Stöhnen bringt dich dazu deinen Blick wieder in die Richtung der grausamen Szene zu richten. Hinter dem ausblutenden Menschenkörper erkennst du die Silhouette einer Person, die zusammengekauert an der Wand lehnt und zittert. Du zwingst dich erneut genauer hinzusehen und kannst neben einem weiteren, scheinbar leblosen Körper ein Mädchen in einem rosafarbenen Nachthemd erkennen, dessen Mund und Augen verbunden sind. Hin und wieder entkommt ihr ein Schluchzen, was dir sagt, dass sie weint. Du erkennst frische, tiefe Wunden an ihren Oberschenkeln und Armen und einige Platzwunden in ihrem Gesicht lassen darauf schließen, dass sie geschlagen wurde. Das arme Mädchen… Wer weiß, was sie bereits durchgemacht hat… Du empfindest Mitleid, aber bald schon rückt deine eigene Situation wieder in den Vordergrund. Du musst unbedingt hier weg, bevor der Mörder zurückkommt. Dass du noch lebst, die vielen abgetrennten Körperteile und die Werkzeuge am Tisch, die dich an Folterinstrumente erinnern, lassen auf nichts Gutes schließen. Warum hat dich der Mörder entführt und nicht direkt getötet? Du fragst dich das, während du aber eigentlich froh bist noch am Leben zu sein, auch wenn die Situation alles andere als rosig ist.Wenn ich nicht zusehe, dass ich hier rauskomme, ende ich vielleicht so wie dieser aufgehängte Fleischbrocken… Ein kalter Schauer läuft dir den Rücken herunter und du versuchst deine Angst zu unterdrücken, um klar denken zu können. Dann fällt dir ein Gegenstand auf, der im Kopf des toten Körper neben dem Mädchen steckt. Bei genauerem Betrachten erkennst du eine Axt. Sie könnte vielleicht deine einzige Chance sein dich zu befreien. Nur musst du erst mal an sie herankommen. Entschlossen kippst du mit dem Stuhl vor und zurück. Deine Beine sind zwar ebenfalls an dessen Beinen festgemacht, aber du denkst, dass du dich trotzdem irgendwie fortbewegen kannst, wenn du es schaffst aufzustehen. Du holst einmal viel Schwung nach vorne und schaffst es auf die Füße zu kommen. Beinahe hättest du dein Gleichgewicht in deiner geknickten Haltung verloren und wärst nach vorne hin umgefallen, schaffst es aber noch rechtzeitig dich auszubalancieren. Kleine Schritte machend und mit deiner Balance kämpfend tapst du auf Zehenspitzen auf den toten Körper zu. Auf dem Weg schwankst du hin und her und kommst gegen den hängenden, bluttriefenden Menschenkörper und spürst danach eine kalte, klebrige Flüssigkeit an deinem Arm den Lumpen durchtränken. Du schauderst, aber bemühst dich es zu ignorieren und gehst weiter. An der Leiche angekommen überlegst du wie du nun am besten an die Axt in Bodennähe kommen sollst und beschließt, wenn auch nur widerwillig, dich seitlich auf den Rücken des toten Körpers fallen zu lassen, sodass du mit deinen Händen das Werkzeug aus dem Kopf ziehen kannst. Du stellst dich also neben die Leiche, wendest dich dessen Beinen zu und lässt dich auf sie fallen. Dein Fall passiert lautlos und wurde durch den Verstorbenen abgefedert. Du hast wirklich Glück im Unglück – nicht nur, dass du hier eine scharfe Axt gefunden hast, sondern du bist auch noch genau so gefallen, wie geplant und kannst das Werkzeug ergreifen. Die Waffe, die zum Tod dieses Menschen geführt hat, könnte dich also befreien. Du rüttelst am Holzgriff und schaffst es nach einer Weile die Klinge aus dem Schädel zu puhlen. Mit viel Fingerspitzengefühl drehst du die Axt in deinen Händen um, sodass die scharfe Seite auf dich zeigt und du beginnst damit sie so gut es dir möglich ist auf und ab zu bewegen, um das Seil zu zerschneiden. Einige Male schneidest du dich aus Versehen daran und zuckst jedes Mal unter dem stechenden Schmerz zusammen.

Einige Minuten später hast du es tatsächlich geschafft und dein Oberkörper ist befreit. Sowie das Seil fällt richtest du deine Arme nach vorne und reibst dir deine blutigen Hände. Doch für Schmerzempfinden ist jetzt keine Zeit und so machst du dich daran, diesmal geschickter, deine Beine loszuschneiden. Etwas erleichtert, dass du nun frei bist, stehst du auf und dir fällt wieder das weinende Mädchen ein. Jede Sekunde, die du länger hier bist, erhöht die Chancen, dass dein Entführer zurückkommt und wer weiß, was er dann mit dir macht. Du möchtest nicht sterben. Das Mädchen zu befreien würde einige Zeit in Anspruch nehmen. Aber auf der anderen Seite empfindest du Mitleid und würdest sie ungerne hier ihrem Schicksal überlassen.

de_DEDeutsch