Archdorf Route 4.2 - Das Mädchen opfern, um selbst zu flüchten
Der Mann in Wolfsmaske kommt dir immer näher. Du weichst zurück, bis du mit dem Rücken an der Wand stehst. Zwar bist du mit einer Axt bewaffnet und könntest versuchen ihn anzugreifen, aber die Tatsache, dass der Mann so ruhig und gelassen auf dich zu spaziert, lässt dich vermuten, dass er ein Ass im Ärmel hat und deswegen von der Waffe in deinen Händen nicht eingeschüchtert ist. Dein Instinkt sagt dir, dass du dem Mörder besser nicht zu nahe kommen solltest. Von dem Mut, den du eben noch aufgebracht hast als du dich beschützend vor das Mädchen gestellt hast, ist nichts mehr übrig und deine panische Angst lähmt dich. In deiner Schockstarre lockert sich dein Griff und die Axt rutscht dir aus den stark zitternden Händen. Als die Waffe mit einem klirrenden Geräusch auf dem Boden aufkommt, bemerkst du aus dem Augenwinkel, wie das Mädchen neben dir zusammenzuckt und sich die Arme schützend vors Gesicht haltend zusammenkauert. Du wendest deine Augen von dem Mann in Wolfsmaske ab und richtest deinen Blick hastig auf die weinende junge Frau. Komplett verstört und hysterisch schreiend wippt sie vor und zurück. In deiner Verzweiflung siehst du nur noch einen letzten Ausweg, um deinem Schicksal zu entfliehen. Du bist kein Held. Du hast panische Angst durch die Hände des Mörders zu sterben. Ganz zu schweigen von der Folter, die eventuell davor auf dich wartet. Du hast Angst vor den Schmerzen. Du hast dich immer stark gegeben, immer gesagt, dass du keine Angst vor dem Tod hast, dass es jeden irgendwann trifft, dass man damit zurechtkommen muss. Wenn du verletzt warst, hast du so getan, als hättest du keine Schmerzen, um vor deinen Kindern stark zu wirken. Damals hast du dich mutig dem Einbrecher unter Einsatz deines eigenen Lebens gegenübergestellt, um deine verängstigte Familie zu beschützen. Du hast alles andere als schwache Nerven und hast schon einige Situationen durchgestanden, die dich dein Leben hätten kosten können. Angst ist kein fremdes Gefühl für dich und bisher konntest du damit auch immer einigermaßen umgehen. Aber das hier ist etwas komplett anderes. Diese Angst ist weitaus intensiver als jedes Gefühl, das du in deinem ganzen bisherigen Leben empfunden hast. Noch nie stand dein Tod so sehr in Stein gemeißelt, wie jetzt in diesem Augenblick und noch nie hat Furcht und Verzweiflung dir so den Verstand geraubt wie in diesem Moment. Und ‚Angst‘ ist untertrieben, aber es gibt keine Worte für das, was du gerade fühlst.
Plötzlich greifst du nach dem misshandelten Mädchen. Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können verfolgst du mit deinen Augen wie du sie an ihren verwundeten Armen hochziehst und sie kraftvoll auf den Mann in Wolfsmaske schubst, der mittlerweile nur noch zwei Schritte von dir entfernt ist. Die Wucht des Aufpralls bringt den Mann ins Taumeln, das Mädchen schreit lauter als je zuvor und sie beginnt wild um sich zu schlagen, bringt sich selbst und den Mörder zu Fall. Ohne die Rangelei zu deinen Füßen zu beachten, sprintest du an ihnen vorbei, stolperst die kleine Holztreppe hoch und rennst durch die Holztür in den angrenzenden Raum. Deine Sicht ist verschwommen, dein Herz klopft wie wild und du spürst durch das extreme Zittern und den Adrenalin-Kick deinen kraftlosen Körper nicht mehr. Erst jetzt realisierst du, was gerade passiert ist. Dass du gar nicht mehr wie angewurzelt an der Wand stehst und der Mörder immer näher und näher kommt, sondern, dass das, was du gerade gesehen hast eben wirklich geschehen ist. Du hast das arme, gequälte Mädchen auf den Mann, der sie so schlimm misshandelt hat, geschubst, um dich selbst zu retten. W-was… was hab ich getan… Das… das war keine Absicht! Das wollte ich nicht! Deine Wahrnehmung kehrt zu dir zurück und du bleibst stehen. Deine Beine drohen unter deinem Gewicht nachzugeben als du deine zittrigen Hände anstarrst, welche durch die offenen Wunden an den Armen des Mädchens nun blutverschmiert sind. Was hab ich getan?! Ich hab… sie auf ihn geschubst… mit diesen Händen! Nur damit ich… nur weil ich… Ich… will nicht sterben! I-ich… hab Angst! Ich… Du stehst unter Schock und deine Gedanken sind wirr. Du verstehst, dass sich dein Körper gerade eben deiner Kontrolle entzogen hat, dem Einfluss des Überlebensinstinkts folgend. Jedoch lindert diese Erkenntnis das schmerzhafte Schuldgefühl, welches sich in dir ausbreitet, nicht im Geringsten.
Aus dem Kellerraum, aus dem du eben geflüchtet bist, dringen die markerschütternden Schreie des Mädchens und du drehst dich der Geräuschquelle zu. I-ich muss… sie retten! Doch deine wackeligen Beine bewegen sich keinen Zentimeter. Du starrst durch die geöffnete Tür am Ende des Zimmers, in dem du dich befindest, in den Raum, aus dem du eben geflüchtet bist und merkst, wie dir Tränen die Wangen herab kullern. Du kannst es nicht. Keinen einzigen Schritt kannst du in diese Richtung machen. Das hier ist keine Geschichte, in der ein tapferer Held ein in Not geratenes Mädchen rettet, es ist kein Szenario in deinem Kopf, in dem du sterben würdest, um jemand zu retten. Dies ist eine echte Situation. Wie oft hast du schon darüber nachgedacht im Falle des Falles dich selbst zu opfern, um deine Familie zu retten. Das war bevor du jemals wirklich in solch einer Situation warst. Deine Angst übermannt dich, dir fehlt jeglicher Mut, du schaffst es einfach nicht. Du kannst sie nicht retten. Weder dieses Mädchen… noch deine geliebte Familie.
Verstört über deine Machtlosigkeit und die Grenzen, die dir dein Körper und Geist soeben aufgezeigt haben, gibst du das Mädchen auf, weichst ein paar Schritte zurück, wendest dich von dem Raum des Grauens ab und lässt deinen Blick wild durch den Raum schweifen. Wenn du überleben willst, musst du fliehen solange der Mörder noch mit dem Mädchen beschäftigt ist. Neben einer kleinen Küche, einem Tisch mit einer Chromakerze darauf und Stühlen fällt dir eine robuste Tür ins Auge. Es scheint sich um die Haustür zu handeln. Ohne zu überlegen, läufst du auf sie zu und drückst die Klinke hinunter, aber die Tür bleibt verschlossen, bewegt sich kein Bisschen. V-verdammt, die ist abgeschlossen! Plötzlich hörst du ein dumpfes Rumpel-Geräusch aus dem Kellerraum und die hysterischen Schreie des Mädchens verstummen. Dir gefriert das Blut in den Adern. Dir graut es davor darüber nachzudenken, was er mit ihr gemacht haben könnte – aber du vermutest das Schlimmste. Und bestimmt kommt er gleich in diesen Raum, um sich auch um dich zu kümmern!
Panisch richtest du deinen Blick nach links, dahin wo sich die Küche und der Tisch befinden. Hinter dem Tisch siehst du ein Fenster. Ohne eine weitere Sekunde verstreichen zu lassen stürmst du auf es zu, kletterst über den Tisch und reißt am Griff des Fensters an. Zu deinem Glück öffnet es sich und du kannst hinausspringen! Doch beim Aufkommen auf dem schlammigen Boden geben deine Beine nach und du fällst hin. Beinahe wärst du beim Aufstehen wieder gestürzt. Du weißt nicht, woher du vorhin die Kraft hattest das Mädchen auf den Mann in Maske zu schubsen, wenn du dich jetzt nicht einmal mehr zuverlässig auf den Beinen halten kannst. Sowie du dich aufgerichtet hast und deine Balance wiedergefunden hast, rennst du so schnell du kannst los. Einfach weg von diesem Haus.
Es ist stockdunkel, nur schwarz so weit deine Augen reichen und eiskalter Regen fällt erbarmungslos vom Himmel. Du hast keine Ahnung, wo du bist, aber du läufst immer weiter. Ab und zu stolperst du, fällst hin, schaffst es irgendwie wieder aufzustehen und läufst weiter. In deinem Kopf herrscht pures Chaos, du bist mittlerweile völlig durchnässt und so außer Atem, dass du kaum noch Luft bekommst. Deine Lunge schmerzt durch die eisige Nachtluft und deine Beine brennen wie Feuer, aber in deiner Panik verfolgt zu werden wagst du es nicht stehen zu bleiben, selbst als dir immer schwindeliger wird und deine Sicht verschwimmt. Hin und wieder streifst du Häuserwände, biegst mal nach links, mal nach rechts ab, um den Bauten auszuweichen. Du weißt nicht wie lange du schon so um dein Leben rennst, als du etwas blass Leuchtendes in der Ferne siehst. Chromaschein. Du steuerst darauf zu und je näher du kommst, desto stärker wird das Leuchten. Direkt unter dem Schein angekommen fällst du hin, auf den nun bepflasterten Boden. Du schnappst nach Luft und starrst nach unten. Du verharrst für einen Moment in dieser Position, ehe du hinter dich siehst. Scheinbar bist du aus einer dunklen Gasse gekommen. Aber neben deinem heftigen Atmen und dem Prasseln des Regens kannst du keine weiteren Geräusche vernehmen. Nichts deutet darauf hin, dass du verfolgt würdest. Dennoch starrst du eine Weile verunsichert in die Dunkelheit, bevor du dich von der Gasse abwenden kannst und dich umsiehst. Über dir verrichtet eine Chromastraßenlaterne ihre Arbeit, die Nacht zu erleuchten und du erkennst, dass du an einem geräumigen Platz mit einem kaputten Brunnen in dessen Mitte gelandet bist. Eine Kirchenfront erstreckt sich links gegenüber von dir in die Höhe und du erkennst weitere Chromastraßenlaternen und beleuchtete Wege. Der Marktplatz von Archdorf… Etwas erleichtert, dass du zufällig an einem dir bekannten Ort gelandet bist, rappelst du dich unter großer Mühe wieder auf. Sowie du wieder auf deinen zittrigen, kraftlosen Beinen stehst, wendest du dich noch einmal verängstigt um, aber noch immer kannst du keinen Verfolger in der dunklen Gasse erkennen. Aber deine Angst sitzt tief und nichts könnte dich in diesem Moment davon überzeugen, dass du schon außer Gefahr bist.
Verunsichert weichst du ein paar Schritte zurück, wendest dich dann um und begibst dich in die Mitte des menschenleeren Marktplatzes. Vor deinem geistigen Auge spielen sich einige Szenen von dem eben erlebten Alptraum wieder. Du schauderst, schüttelst den Kopf und bedeckst mit deinen Händen deine Augen. Was nun? Du solltest wenn möglich Schutz vor dem eisigen Herbstregen finden, hast aber kein Geld bei dir, um Zuflucht bei der Gaststätte zu suchen. Angestrengt versuchst du nachzudenken, was dir allerdings in deinem Schockzustand nicht so recht gelingen will, da bemerkst du, dass sich deine Beine bereits selbstständig gemacht haben und du auf eine beleuchtete Straße zu gehst, die vom Marktplatz wegführt. Verwirrt blickst du den Weg entlang und erkennst, wo dich deine Füße hintragen. Du bist auf dem Weg zu dem Stall, in dem du deinen Wagen und dein Pferd untergestellt hast. Ha… Achso… ja klar… Ein Dach über dem Kopf… und da… hab ich schon bezahlt… In einem schnellen Laufschritt steuerst du auf dein Ziel zu während du dich immer wieder nach hinten wendest, um dich panisch umzusehen. Auf dem Weg zum Stall durchlebst du immer wieder Erinnerungen von dem Horror, den du eben durchgestanden hast. Beinahe erleidest du einen weiteren Nervenzusammenbruch bei dem Gedanken daran, was dir hätte alles passieren können und deine enormen Schuldgefühle dem zurückgelassenen Mädchen gegenüber sind unerträglich und lassen in deinen Augen erneut die Tränen aufsteigen. Du zwingst dich dazu nicht über das Schicksal der jungen, unschuldigen Frau nachzudenken. Von nun an wirst du auf ewig mit dem Schmerz leben müssen, dass du es warst, der sie ins Verderben gestürzt hat, nur um selbst überleben zu können und du könntest nichts tun, um deine furchtbare Tat wieder gutzumachen.
Völlig erschöpft und traumatisiert erreichst du den beleuchteten Stall. Du stolperst hinein, suchst mit den Augen nach deinem Wagen, findest ihn und stapfst auf ihn zu. In deinem Augenwinkel nimmst du verschwommen einen Mitarbeiter des Stalls wahr, der gerade die Boxen der Pferde ausmistet, aber er scheint dich nicht zu bemerken. An deinem Wagen angekommen kletterst du mit der letzten Kraft, die du aufbringen kannst, auf die Ladefläche, bevor dein Körper umkippt und du bewusstlos wirst.
Durch immer lauter werdendes Vogelgezwitscher kommst du nach und nach wieder zu Bewusstsein und öffnest langsam deine Augen. Dein Körper schmerzt, dein Kopf dröhnt und du fühlst dich leer und ausgelaugt. Ein Stechen in deinem Herzen macht sich bemerkbar und übertönt nach ein paar Sekunden jeglichen anderen Schmerz. Wasser sammelt sich in deinen Augen und du greifst dir auf die Brust als dich die schrecklichen Erinnerungen an das Erlebte von gestern wieder heimsuchen und du unweigerlich an das arme Mädchen denken musst. Eine Weile verharrst du in dieser Position, bis du dich wieder etwas beruhigt hast. Dein ganzer Körper zittert und dir ist unsagbar kalt, der Lumpen, den du trägst, ist nach wie vor triefend nass. Unter Schmerzen richtest du dich auf. Dein Blick fällt durch die Stalltür nach draußen und du erkennst die morgendliche Dämmerung eines anbrechenden Tages. Ich will… nach Hause… zu meiner Familie… weg von hier… Angetrieben durch den Gedanken an deine Lieben kriechst du von der Ladefläche deines Wagens und begibst dich zaghaft auf wackeligen Beinen auf dein Pferd zu, das entspannt in seinem Stellplatz steht und döst. Du wirst tatsächlich deine Familie wiedersehen. Noch vor ein paar Stunden hättest du das nicht mehr für möglich gehalten. Bei deinem vierbeinigen Partner angekommen machst du ihn los und führst ihn zurück zum Wagen. Du bemerkst den Stallburschen, der vorhin die Plätze vom Mist befreit hat, auf einem Stuhl gegen die Holzwand einer Box gelehnt. Er scheint tief und fest zu schlafen.
Du benötigst dieses Mal länger als je zuvor, um dein Pferd vor den Wagen zu spannen. Vertraute Handgriffe kommen dir plötzlich fremd vor und du empfindest deine gesamte Situation als unreal. Nach einer Weile hast du es jedoch geschafft und kletterst auf die Holzbank deines Transportmittels. Ohne eine weitere Sekunde zu warten, ergreifst du die Zügel und verlässt im Schritt den geräumigen Stall. Der Regen hat sich gelegt und die Wolken ziehen weiter. Am Horizont erscheinen die ersten Chromasterne und auf den Straßen sind bereits eine Hand voll Menschen unterwegs. Du steuerst den Ausgang des Dorfes an und die mit Pfützen versehene, matschige Landstraße führt dich immer weiter von diesem Ort weg, an dem du beinahe dein Leben verloren hättest. Du schaust nicht zurück. Eine kalte Brise zieht durch die Maisfelder neben der Straße und du frierst noch mehr. Aber es ist dir egal. Dass du die Kälte spüren kannst, zeigt dir, dass du lebst. Du hast überlebt. Und auch, wenn es deine Arbeit als Händler von dir verlangt, so weißt du nicht, ob du jemals wieder einen Fuß nach Achdorf setzen kannst.
